Mühlen

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Zahlreiche Mühlen begünstigten den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt.

Mühlen, die „am rauschenden Bach klappern“, erinnern uns an alte Volkslieder und Märchen aus vergangenen Zeiten. Schnee von gestern – die Gebrüder Grimm lassen grüßen. Ja, vielleicht ist da etwas Wahres dran, aber die zahlreichen Mühlen, die es schon seit dem Mittelalter in Döbeln gab, legten auch den Grundstein für den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, den die Stadt um 1900 nahm. Das klingt wie eine steile These, aber ich bin ganz optimistisch, dass ich diese Behauptung untermauern kann.

Die Lage Döbelns an der Freiberger Mulde, die hier teilweise ein Gefälle von 5-6 Metern überwindet, und das Umland mit seinen fruchtbare Lößlehmböden zwischen Döbeln, Mügeln und Lommatzsch bot blendende Voraussetzungen, um Wasserräder in Bewegung zu setzen und Getreide zu mahlen.

Schon in der Schenkungsurkunde von Kaiser Otto II. aus dem Jahre 981, in der das Burgwardum Doblin erstmals erwähnt wird, ist von Mühlen die Rede. Über die Döbelner Frühzeit der Mühlen wissen wir wenig. Nur einige Urkunden blieben erhalten. Diese erwähnen die Großbauchlitzer Mühle schon 1315, die Staupitzmühle 1420, die Sörmitzer Mühle, Nieder- und Obermühle 1450. 1554 wurde auf dem Oberwerder noch eine Walkmühle gebaut und 1729 entstand die Niederwalkmühle am heutigen Steigerhausplatz.

Schematische Darstellung einer Wassermühle

Die ersten Mühlen an der Freiberger Mulde waren robust und einfach konstruiert. Über einem festen Bodenstein kreiste ein sich drehender Läuferstein, der über ein Stockgetriebe von einem Wasserrad angetrieben wurde. Das Getreide konnte anfangs nur zu Vollkornschrot zerrieben werden. Später trennte man mit Handsieben das Mehl von der Kleie und verbesserte so die Qualität des Brotes.

Trotz der schlichten Technik in der Mühle waren die Investitionskosten für eine Wassermühle hoch. Die Anlage von Wehren und Mühlgräben kosteten viel Geld. Aus diesem Grund waren Mühlen anfangs selten in Privatbesitz, sondern gehörten dem Landesherren, begüterten Adligen, Klöstern oder der Stadt. Da die wohlhabenden Besitzer natürlich keine Ambitionen hatten, selbst Hand anzulegen, verpachteten sie die Mühlen für viel Geld an gelernte Müller, die fleißig arbeiten mussten, um ihren eigenen Lebensunterhalt und die teure Pacht zu erwirtschaften. Da hier jeder Sack Mehl zählte, gab es oft Streitigkeiten zwischen den Müllern. Am 22.11.1566 erließ der hohe Rat der Stadt Döbeln eigens eine Mühlenverordnung, in der minutiös zum Beispiel die Wasserrechte geregelt sind.

Viele Jahrhunderte änderte sich technisch bei den Mühlen nicht allzu viel. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde das Mehlsieben mechanisiert. Immer interessanter wurde es jedoch auch für andere Gewerke, fließendes Wasser mit seiner Strömung zu nutzen, um mit Wasserrädern Energie für den Antrieb von Maschinen zu gewinnen. Da das Grundprinzip der Mühlen adaptiert wurde, nannte man diese neuen Produktionsstätten auch Mühlen. So mahlten die Mühlen schon bald nicht mehr nur Getreide zu Mehl, man presste Öl aus Ölfrüchten, sägte Baumstämme zu Brettern, schrotete Malz für die Brauerei, pumpte Wasser aus der Mulde, damit die Feuerwehr in der Stadt Löschwasser hatte und trieb Spinnereimaschinen an. Für diese zahllosen Nutzungsprofile reichte natürlich schon bald ein Wasserrad nicht mehr aus. Anfangs kamen noch andere Räder hinzu, später wurden diese durch Turbinen ersetzt und die Mahlgänge mit ihren Mühlsteinen durch Stahlwalzen. Da die Energiequelle die räumliche Nähe der anderen Gewerke voraussetzte, wurden die alten Getreidemühlen bald zu kleinen Hotspots der Mechanisierung. Neudeutsch könnte man von kleinen Gewerbegebieten sprechen, die sich hier etablierten und die später die Keimzelle für die eigentliche Industrialisierung Döbelns bilden.

Rechnung der Sörmitzer Mühle aus dem Jahr 1899

Sehen wir uns die Döbelner Mühlen etwas genauer an. Die Sörmitzer Mühle flussaufwärts am Lauf der Freiberger Mulde gelegen, gehörte zur Döbelner Burg. Kurfürst August verkaufte sie 1554 für 2100 Gulden an die Stadt, die sie verpachtete, später ganz verkaufte. Anfangs nur als Getreidemühle betrieben, erhielt sie später noch die Erlaubnis eine Öl- und Walkmühle einzurichten.

Eine Ölmühle stellte Pflanzenöle aus Ölsaaten und -früchten (z.B. Lein, Hanf, Mohn, Ölrübe, Sonnenblumen, Raps) her. Die Walkmühle ist eine Maschine zur Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben bei der Herstellung von Walkstoffen, die früher als Tuch bezeichnet wurden. Sie ersetzte das Walken mit den Füßen, mit dem frisch gewebte Tücher durch Stoßen, Strecken und Pressen gereinigt und an der Oberfläche verfilzt wurden, damit sie dichter und geschmeidiger wurden. Eine Walkmühle ersetzte bis zu 40 Fußwalker. Sie wurden teilweise auch von Weißgerbern für die Bearbeitung von feinem und dünnem Leder genutzt. Für die Mühlenbesitzer stellten diese neuen Anwendungsbereiche einen Zugewinn dar, weil man fortan wirtschaftlich mehrere Standbeine hatte.
Neben den genannten Spezialisierungen betrieb man später noch eine Sägemühle und richtete eine Schafwollspinnerei ein. Auch kleine Fremdunternehmungen durften sich ansiedeln. 1886 startete August Marder in der Sörmitzer Mühle mit einer Senfproduktion. Der schmackhafte Marder-Speisesenf mit Meerrettichgeschmack war über viele Generationen hinweg ein Verkaufsschlager. Den Senf gibt es noch heute. Mittlerweile wird er in Hartha hergestellt. Sein Rezept ist nach wie vor ein gut behütetes Geheimnis.

Marder-Speisesenf wurde von 1886 bis 1997 in der Sörmitzer Mühle hergestellt.

Das Mühlengeschäft war durchaus gefährlich. Immer wieder kam es vor, dass Transmissionsriemen heiß liefen und so Brände verursacht wurden. In der Sörmitzer Mühle gab es 1900, 1902, 1919 und 1927 kleinere und größere Brände. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Nutzungsprofil der Mühle relativ gleich. Erst um 1960 stieg durch eine Modernisierung der Landwirtschaft der Bedarf an Futtergemischen. Aus der Mühle wurde ein Betriebsteil des VEB Kraftfuttermischwerk Leipzig.

Anfang der 1990er Jahre kollabierten viele Döbelner Betriebe, waren über Nacht in der Markwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig oder wurden als unbequeme Konkurrenz aufgekauft und abgewickelt. Auch das Mischfutterwerk in Sörmitz wurde 1991 stillgelegt. Das Jahrhunderthochwasser 2002 gab der alten Mühle dann den Rest. Die Gebäude wurden 2005 abgerissen. Fast nichts erinnert heute mehr an die Sörmitzer Mühle. Übrig blieb nur der Mühlgraben und ein kleines Wasserkraftwerk, das, wenn beide Turbinen in Betrieb sind, 80 Kilowattstunden produziert. Diese Leistung reicht, um ca. 200 Haushalte mit „grüner Energie“ zu versorgen. In Zeiten, da wir ökologische Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität bei der Energiegewinnung dringend brauchen, ist das ein wertvoller Schatz.

Sörmitzer Mühle um 1900
Durch einen Stollen am Schlossberg, unterhalb des Plateaus gut zu sehen, floss das Wasser zur Niedermühle. Er wurde im Volksmund "Nixloch" genannt. (www.döbeln.de)

Sörmitz liegt vor den Toren Döbelns und gehört erst seit 1922 zur Stadt. Die Mühlen, die direkt im Stadtgebiet lagen, standen schon eher in einer Art Konkurrenz. Es war eine Konkurrenz um das Wasser der Freiberger Mulde. Die teilt sich am Schlossberg und umschlingt die Innenstadt mit zwei Muldearmen. Der Zufluss zum südlichen Arm wird durch ein Wehr reguliert. Aus ihm wurde keine Mühle gespeist. Im nördlichen Muldearm jedoch staute man das Wasser durch ein weiteres Wehr an. Insgesamt drei Mühlen wurden von hier aus mit Wasser versorgt, was regelmäßig zu Streitigkeiten führte. Alle Müller beriefen sich auf angestammte Wasserrechte. Am Fuße des Schloßbergs hatte man einen Stollen in den Fels getrieben, durch den, erst unterirdisch und dann in einem teils offenen Graben, Wasser zur Niedermühle floss. Der Mühlgraben war Teil der Stadtbefestigungsanlage und diente zusätzlich zur Stadtmauer als Schutz vor ungebetenen Gästen. Genau war festgelegt, dass der Stolleneinlauf unterhalb des Schloßbergs nur ein Viertel des Muldewasser ableiten durfte. Für die Walkmühle auf dem Oberwerder war auch ein Viertel vorgesehen und der Obermühle stand die Hälfte des Muldewassers zu. Die Verteilung des Wassers wurde durch die Breite der Einlaufschützen geregelt.

Stadtplan Döbelns um 1780 nach Emil Reinhold. Gut zu sehen ist der Mühlgraben, der im südlichen Teil der Muldeinsel parallel zur Stadtmauer vom Schloßberg zur Niedermühle floss.

Die Niedermühle stand in der Nähe des Niedertores außerhalb der Stadtmauer. Anfangs im Besitz des Landesherren, wurde sie 1551 der Stadt überlassen und von dieser verpachtet. Die Niedermühle war eine Getreidemühle und versorgte die Bewohner des Viertels mit Mehl. Die kauften auf dem Kornmarkt, der im östlichen Bereich des heutigen Obermarktes angesiedelt war, von Bauern der Umgebung Getreide. Als „Mahlgäste“ brachten sie das Getreide in die Mühle und ließen es hier zu Mehl mahlen. Von jedem Scheffel (altes Raummaß zur Messung von Schüttgütern, regional sehr unterschiedlich, in Sachsen meist ca. 100 Liter) durfte der Müller eine Metze (in Sachsen meist der 14. Teil eines Scheffels) Getreide als Lohn behalten. Beliebtheit erlangt man so nicht, was Spottverse aus alter Zeit deutlich werden lassen: „Müller, Müller, Metzendieb / hat die jungen Mädchen lieb. / Eine Junge kriegt er nicht / und `ne Alte mag er nicht.“

1841 wurde für die Niedermühle ein neues Gebäude errichtet. Niedermühle heute – das Gebäude steht z.T. leer und wartet auf eine neue Nutzung.

Die Niedermühle besaß 1716 drei Mahlgänge und wurde 1768 privatisiert. In der Folge ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie junge innovative Firmen in vorindustrieller Zeit die Wasserkraft für den Antrieb ihrer Maschinen nutzten. 1841 wurde das Mühlengebäude in seiner heutigen Gestalt fertiggestellt. Der Mühlenbesitzer betrieb zusätzlich zum Kerngeschäft noch eine Textilproduktion. Zeitweise hatte sich hier die Firma Julius Müller eingemietet, die sich wenig später an einem neuen Standort zu einem bedeutenden Unternehmen für Feuerlöschtechnik entwickelt. 1890, die Textilproduktion hatte man eingestellt, startete Gustav Bühnert in der Niedermühle mit der Produktion von Metallwaren und Möbelbeschlägen. Auch Albert Polenz begann hier mit zwei Mitarbeitern Schnitt- und Prägewerkzeuge herzustellen. Das Geschäft florierte schon bald und Polenz zog 1907 aus der Niedermühle in Gebäude, die er an der Sörmitzer Straße hatte errichten lassen. Auch die Firma Rudolph Neider hat ihre Wurzeln in der Niedermühle. Der Maschinenbauer bekam Räumlichkeiten preiswert vermietet. Kein Wunder – seinem Vater Hermann Neider jun. gehörte die Mühle. Auch diese Firma expandierte später, zog nach dem Ersten Weltkrieg nach Großbauchlitz, betrieb hier erfolgreich eine Gelbgießerei, in der kleine Gegenstände aus Messing hergestellt wurden, und baute Armaturen.

Würde man mit unserem heutigen Vokabular die Rolle der Niedermühle im 19. Jahrhundert beschreiben, spräche man wahrscheinlich von einem Gründerzentrum, in dem hoffnungsvolle Start-up-Unternehmen eine erste Chance bekamen. Schnell wuchs deren Absatz und es entstanden an unterschiedlichen Standorten in Döbeln große Betriebe, die teilweise bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts den Ruf Döbelns als Zentrum der metallverarbeitenden Industrie prägten. Spätestens hier wird deutlich, dass das romantische Bild von der am rauschenden Bach klappernden Mühle spätestens im 19. Jahrhundert ausgedient hatte. Die Mühlen waren kleine Kraftwerke, die der frühen Industrialisierung in Döbeln einen ersten wichtigen Schub versetzten.

Walkmühle am Oberwerder mit einer Welle vom Wasserrad. (www.döbeln.de)

Die Wasserversorgung der Obermühle war nicht ansatzweise so aufwendig wie die der Niedermühle. Kurz vor dem Wehr zweigt der Mühlgraben ab und vereint sich kurz vor der Oberbrücke wieder mit der Mulde. So entstand der Oberwerder, eine kleine Insel, die vom Mühlgraben und der Mulde gesäumt wird. Auch die Obermühle war 1450 noch in landesherrschaftlichem Besitz. Die Stadt Döbeln kaufte sie 1511 und natürlich spielte auch sie eine wichtige Rolle als Getreidemühle. Schon sehr zeitig wurde in der Obermühle auch eine Walkmühle betrieben. In der Zeit von 1550 bis 1650 war Döbeln die sächsische Hutmacherhauptstadt und auch bekannt für seine Tuche, die bis in den Orient exportiert wurden. Das Geschäft boomte. Die kleine Walkmühle in der Obermühle reichte nicht mehr. 1554 erhielt die Döbelner Tuchmacherinnung von Kurfürst August das Recht neben der Obermühle eine neue Walkmühle zu bauen. Diese hatte sechs paar Hämmer und war entsprechend leistungsfähig. Das war auch nötig, denn in Döbeln gab es viele Tuchmacher. Ein Drittel aller Döbelner Meister gehörten dem Tuchmacherhandwerk an. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die kleinen Webstühle, die man beschwerlich per Hand betrieb, von größeren Spinnerei- und Webmaschinen abgelöst. Da es noch keine Dampfmaschinen gab, blieb nur die Nutzung der Wasserkraft. In der Nähe der alten Mühlen entstanden ganze Produktionsketten. Nach der Herstellung des Tuches kam in einem nächsten Arbeitsgang das Walken, nach dem Walken wurde gefärbt. Neben der Walkmühle auf dem Oberwerder besaßen die Döbelner Tuchmacher ein Waidhaus für die Zubereitung der Farben und zwei steinerne Farbhäuser mit 14 Kesseln, die unterhalb vom Schloßberg an der Mulde lagen und noch heute erhalten sind.

(1) Mühlgraben am Oberwerder mit Resten der Mühlradverankerung im Mauerwerk.
(2) Blick von der Oberbrücke Richtung Oberwerder, links die Freiberger Mulde, rechts der Mühlgraben der die Wasserräder der Obermühle antrieb.
(3) Vor dem Wehr an der Nicolaikirche zweigt der Mühlgraben von der Mulde ab. Im Gebäude der Obermühle kann man heute nah am Wasser wohnen.
(4) Liebevoll restauriert - die alten Färberhäuser unterhalb des Schloßbergs.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Döbeln noch acht Tuchfabriken. Nach und nach mussten diese geschlossen werden, weil die Konkurrenz ausländischer Anbieter zu groß war.

Aus diesem Grund wandelte sich auch das Nutzungsprofil der Mühle. 1845 ließ sich auf dem Gelände der Obermühle der Rochlitzer Emil Drechsler nieder und begann mit der Zigarrenproduktion. Er verlässt den Standort später, weil das Geschäft floriert. Die tabakverarbeitende Industrie Döbelns, bis 1990 ein wichtiges Standbein der örtlichen Industrie, nimmt hier ihren Anfang. Auch die Metallwarenproduktion von Carl Grieben startet auf dem Oberwerder. Mit seinem Geschäftspartner Franz Richter gründet er später an der Roßweiner Straße eine Landmaschinenfabrik, die bald zu den bedeutendsten in Deutschland zählte.

Im Herzen Döbelns, ganz in der Nähe des Rathauses liegt die Staupitzmühle. Sie ist die älteste Mühle Döbelns und gehörte anfangs dem Rittergeschlecht der Staupitze. 1415 überfiel Ritter von Staupitz mit seinem Gefolge die Burg Kriebstein und nahm den Burgherrn Dietrich v. Beerwalde gefangen. Friedrich der Streitbare, Markgrafen zu Meißen, ließ sich das nicht gefallen, belagerte die Burg Kriebstein, vertrieb den Ritter aus der Region, zerstörte seine Döbelner Burg und übernahm seinen Besitz. Hierzu gehörte auch die Staupitzmühle. 1462 wurde sie von der Stadt gekauft und gegen seinen hohen Zins verpachtet. Sie stand an einem strategisch wichtigen Ort, gleich neben dem Staupitztor, dem nördlichen Stadttor. Das wurde 1839 abgerissen, weil es den zunehmenden Verkehr behinderte. Lange Zeit stand noch das zu Tor und Mühle gehörende Torschreiberhäuschen. Es wird erst 1976 bei Abbrucharbeiten in der Brauhausgasse und am Salzgraben weggerissen.

(1) Aktuelle Ansicht der Staupitzmühle. Die Hochwassertafel war bis 1976 am Torschreiberhäuschen angebracht. Als das abgerissen wurde, brachte man die Tafel am alten Mühlengebäude an.
(2) Heute wird in der Staupitzmühle eine Turbine mit einer Leistung von 37 kW betrieben, die „grünen Strom“ ins Netz der Stadtwerke Döbeln einspeist.
(3) Das mehrgeschossige Mühlengebäude mit Getreidesilo ist heute noch erhalten und wartet auf eine neue Nutzung.

Das Torschreiberhäuschen bildete mit der Staupitzmühle und dem Staupitztor eine Einheit. Um den Verkehrsfluss in Döbeln zu verbessern, wurde es 1976 weggerissen. (www.döbeln.de)

Die Staupitzmühle besaß fünf Mahlwerke, von denen aber nicht immer alle in Betrieb waren, weil der Wasserdurchfluss das oft nicht hergab. Den hatte man schon nachhaltig verbessert, als mit dem nördlichen Wassergraben der Stadtbefestigung Muldewasser zur Mühle floss. Vorher wurde diese nur mit dem Wasser des Töpferbaches betrieben, den man vor der Mühle zu einem kleinen Teich angestaut hatte.

Anfang des 19. Jahrhunderts wird die Staupitzmühle als Mahl-, Säge- und Ölmühle genutzt. In ihr befand sich auch ein mechanisches Pumpwerk. Bei Feuer in der Stadt wurden die Pumpen genutzt, um genügend Löschwasser an den Ort des Brandes zu bringen. Später pumpte man das Wasser auch bis zum Römische Bad (Staupitzbad).

Nach häufigem Wechsel der Besitzer übernahm 1872 Eduard Braun die Mühle. Er ließ neben der alten Mühle ein großes Getreidesilo mit neuesten Getreidereinigungsmaschinen erbauen. Die Mehlfabrikation lief vom Einschütten des Getreides bis zum Absacken des fertigen Mehls voll automatisiert. Die Arbeit der Mühlsteine wurde durch Walzstühle mit geriffelten Hartstahlwalzen übernommen und die fünf Mühlräder durch eine Turbine ersetzt, die einen Generator zur Stromerzeugung betrieb. So war die Staupitzmühle eines der ersten Häuser in Döbeln, die elektrisch beleuchtet wurden.

Eduard Braun baute neben der alten Staupitzmühle 1892 ein neues mehrgeschossiges Mühlengebäude mit Getreidesilo.

1976 stellte die Mühle den Betrieb ein, auch die Turbine wurde abgeschaltet. Die Anlage versank in einem „Dornröschenschlaf“, wurde aber nicht demontiert. Als sich nach der Wiedervereinigung bei uns das Umweltbewusstsein stärkte, erinnerte man sich wieder alternativer Naturkräfte für die Erzeugung von Elektroenergie. Ulrich Braun, in vierter Generation der Familie stehend, ging 1992 daran, die noch vorhandene Wasserkraftanlage zu reaktivieren. Er brachte die einhundertjährige Girard-Turbine wieder zum Laufen. Seitdem speist sie „grünen Strom“ ins Netz der Stadtwerke Döbeln.

Der Boom der Tuchherstellung in Döbeln führte auch zum Bau einer weiteren Walkmühle, die als Niederwalkmühle bekannt wurde und am Zusammenfluss der beiden Muldearme im Westen der Stadt errichtet wurde. Die Brüder Carl Hugo und Carl Robert Glausnitzer erwarben die Mühle 1844 und bauten eine Schafwollspinnerei auf. Nach einer kurzen Blüte beendete 1902 die starke ausländische Konkurrenz die wirtschaftliche Unternehmung. Die Stadt kaufte das gesamte Areal samt Mühle um eine Regulierung der Mulde durchführen zu können. Als sich die verzögerte, zog Emil Gleisberg in das freie Betriebsgelände ein und begann mit der Herstellung von Gasmessern. Ihm folgte Max Starke mit seiner „Chemischen Fabrik“. Die Mulderegulierung wurde erst 1935/36 durchgeführt, 1936 wurde die Niederwalkmühle abgerissen.

Ehemalige Niederwalkmühle um 1925

In Sörmitz beginnend, haben wir uns bei der Betrachtung der Döbelner Mühlen flussabwärts bewegt. Deshalb soll als letzte Mühle nun die Großbauchlitzer beschrieben werden. 1350 noch in adligem Besitz, wird sie 1604 veräußert und wechselt nachfolgend mehrfach den Besitzer. Man betreibt sie als Mahl-, Säge- und Graupenmühle. 1802 erwarb C. Gaitzsch die Mühle und ließ den Mühlgraben in seinem heutigen Verlauf neu anlegen. In diesem Zusammenhang entstand auch das Wehr an der Eisenbahnbrücke, um die Wasserkraft der Mulde noch besser nutzen zu können. 1847 wurde gleich neben der Mühle eine Drahtnagelfabrik gebaut, in der 1855 die Gebrüder Wapler mit acht Maschinen täglich 5 Tonnen Nägel produzierten.

Zeitgenössische Lithographie der Großbauchlitzer Mühle von Moritz Gaitzsch und der Drahtnagelfabrik der Gebrüder Wapler (2. Hälfte 19. Jh.)
"Schützes elektrischer Motorlastwagen" wurde in Oggersheim hergestellt und als "Elektrischer Lastwagen mit Akkumulatorenbetrieb" beworben. So sah E-Mobilität um 1900 aus.

Die Mühle war so leistungsfähig, dass sich um 1900 neue Transportkapazitäten erforderlich machen, um die Mehlsäcke zum Bahnhof Großbauchlitz zu bringen. Erstaunlicherweise setzte man ganz auf Elektromobilität. Der elektrische Transportwagen, den man anschaffte, hatte die Größe eines Güterwagens, konnte 70 Sack Mehl transportieren und fuhr immerhin mit 8 km/h. Eine Batterieladung reichte für 38 Kilometer. Geladen wurde „Schützes elektrischer Motorlastwagen“ mit Strom, den die Mühle selbst produzierte. Die Mühle lief allerdings so gut, dass Carl Günther, der sie seit 1895 besaß, neue Transportmöglichkeiten auslotete. Von 1905 bis 1914 fuhr auf einer Strecke von 1,02 Kilometern zwischen Mühle und Großbauchlitzer Bahnhof ein gleisloser elektrischer Lastkraftwagen, der seinen Strom aus einer Oberleitung erhielt und ausschließlich im Güterverkehr betrieben wurde. Gebaut hatte ihn die "Gesellschaft für gleislose Bahnen Max Schiemann & Co." mit Sitz in Wurzen. Auch der Oberleitungslastkraftwagen-Betrieb reichte bald schon nicht mehr aus. 1915 ließ Günther ein Anschlussgleis zum Bahnhof verlegen. Zweimal musste der Mühlgraben mit stählernen Brücken gequert werden. Ein großer Aufwand für die direkte Schienenanbindung der Mühle.
Zwei Brände in den Jahren 1963 und 1968 zerstörten die Mühle so sehr, dass man die Mischfutterherstellung, für die man die Mühle mittlerweile nutzte, einstellen musste. Die Brandruinen wurden am 24. September 1968 gesprengt – ein trauriges Ende für die einst so erfolgreiche Mühle.

Das elektrisch betriebene Schleppfahrzeug des Oberleitungslastkraftwagens zog einen Planwagen mit dem Getreide zur Mühle bzw. Mehl und Kleie von der Mühle zum Bahnhof. Eine Besonderheit der Anlage war die niedrige Spannung von nur 130 Volt Gleichspannung. (Foto 1905)
Die Windmühle, nach holländischem Vorbild gebaut, gab dem Holländerturm seinen Namen. Auch die Oberschule in Döbeln-Nord trägt heute den Namen "Am Holländer". (www.döbeln.de)

Wer einen Fluss vor der Tür hat, denkt natürlich beim Bau von Mühlen zuerst an ein Wasserrad, das sich in der Strömung dreht. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Gros der Mühlen an der Freiberger Mulde zu finden ist. Aber wie so oft bestätigt die Ausnahme die Regel. Auf dem 239 Meter hohen Staupitzberg wehte oft eine steife Brise. Das motivierte Wilhelm Schuricht 1874, hier sein Wohnhaus und eine Windmühle nach holländischem Vorbild mit fünf Flügeln zu errichten. Das Mühlenhaus wurde aus Rochlitzer Porphyr gebaut und der hölzerne Dachbau mit den Flügeln konnte in alle Windrichtungen gedreht werden. Immerhin 26 Jahre wurde in der Mühle Getreide geschrotet. Als 1900 Robert Stelzig Haus und Mühle übernahm, richtete er im Wohnhaus eine Gastwirtschaft ein und ließ einen 30 Meter hohen Aussichtsturm in Ziegelbauweise bauen. Da der Betrieb der Mühle sich nicht mehr rentierte, wurden die Flügel und der hölzerne Korpus abgebaut. Auf dem verbliebenen steinernen Stumpf entstand eine kleine begehbare Plattform. Im Mühlenstumpf richtete der Gastwirt ein rustikales Kneipenzimmer ein. Auch ein Biergarten sollte Besucher anlocken. Mit seinem Aussichtsturm praktizierte Stelzig etwas was man neudeutsch als Erlebnisgastronomie bezeichnen würde. Die Döbelner dankten dem Gastwirt seinen Ideenreichtum mit gutem Zuspruch. An guten Tagen konnten die Döbelner Ausflügler vom Holländerturm aus bis ins Erzgebirge blicken, sahen im Norden den Collm und mit etwas Glück im Westen das Völkerschlachtdenkmal.

Döbeln und seine Mühlen – das ist ein spannendes Kapitel. Die Mühlen der Stadt stellen über Jahre die Ernährung der Döbelner sicher und sind im 19. Jahrhundert Impulsgeber für die vorindustrielle Wirtschaft der Stadt. Viele kleine Manufakturen, die anfangs die Wasserkraft der Mühlen nutzen, um erste Maschinen anzutreiben, expandieren und werden später Betriebe mit hunderten Arbeitern, die für den Weltmarkt produzieren. Döbelns Blüte um 1900 reift auf diesem Fundament. Heute sind die Mühlen aus Döbeln verschwunden. Die Häuser, in denen sie betrieben wurden, stehen teilweise noch. Sie und die kleinen Turbinen, die heute Ökostrom aus Wasserkraft erzeugen, sind Relikte aus einer großen Vergangenheit. Döbeln ohne seine Mühlen – über Jahrhunderte völlig undenkbar.

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
17.01.2022

Quellen:
C.W. Hingst: Chronik von Döbeln und Umgegend. Döbeln 1872
Die Internationale Motorwagenausstellung zu Berlin 1899. 1899, Band 314 (S. 145–152). URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/ar314036
C.C. Schwender: Wanderungen durch Döbeln und Umgegend. 1924
C.C. Schwender: Vom Innungswesen in Döbeln. In: C.C. Schwender (Hg.): Döbelner Heimatschatz, Band 4, 1925. S. 143-154, 170-174
Rat der Stadt Döbeln (Hg.): Döbelner Panorama 1989, Heft 1
Werner Braun: Döbeln und seine Mühlen. In: Stadt Döbeln und Döbelner Heimatfreunde (Hg.): Heimatfestschrift 1991. S. 14-16
Stadt Döbeln und Döbelner Heimatfreunde (Hg.): Döbeln 1871-1990. 1999
Werner Braun: Döbeln und seine Wasserkraft. http://www.doebeln-entdecken.de/doebeln/strom.html (01.01.2020)

Ludger Kenning Mühlenbahn Großbauchlitz URL: https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?17,3957677 (17.01.22)


























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