Mühlen

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Zahlreiche Mühlen begünstigten den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt.

Mühlen, die „am rauschenden Bach klappern“, erinnern uns an alte Volkslieder und Märchen – Schnee von gestern, möchte man sagen, und die Gebrüder Grimm lassen grüßen. Sicher steckt darin ein Körnchen Wahrheit. Doch die zahlreichen Mühlen, die seit dem Mittelalter in Döbeln existierten, legten auch den Grundstein für den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt um 1900. Eine gewagte These? Vielleicht – doch sie lässt sich gut belegen.

Die fruchtbaren Lößlehmböden zwischen Döbeln, Mügeln und Lommatzsch waren für den Getreideanbau gut geeignet. Die Lage Döbelns an der Freiberger Mulde, die hier ein Gefälle von fünf bis sechs Metern überwindet, bot ideale Voraussetzungen, um Wasserräder anzutreiben und Getreide zu mahlen.
Bereits in der Schenkungsurkunde Kaiser Ottos II. aus dem Jahr 981, in der das Burgwardum Doblin erstmals erwähnt wird, ist von Mühlen die Rede. Über die Frühzeit wissen wir nicht viel – nur wenige Urkunden sind erhalten. Sie nennen unter anderem die Großbauchlitzer Mühle (1315), die Staupitzmühle (1420), die Sörmitzer Mühle sowie die Nieder- und Obermühle (1450). 1554 entstand auf dem Oberwerder eine Walkmühle, 1729 folgte die Niederwalkmühle am heutigen Steigerhausplatz.

Schematische Darstellung einer Wassermühle

Die ersten Mühlen an der Freiberger Mulde waren robust, aber einfach konstruiert: Über einem festen Bodenstein kreiste ein sich drehender Läuferstein, angetrieben über ein Stockgetriebe vom Wasserrad. Zunächst wurde das Getreide nur zu Vollkornschrot zerrieben. Später trennte man mithilfe von Handsieben das Mehl von der Kleie und verbesserte so die Brotqualität. Trotz der simplen Technik waren Wassermühlen eine teure Investition. Wehre und Mühlgräben kosteten viel Geld, weshalb die Mühlen anfangs selten in Privatbesitz waren. Sie gehörten meist dem Landesherren, Adligen, Klöstern oder der Stadt. Diese verpachteten sie an Müller, die hart arbeiten mussten, um Pacht und Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Da jeder Sack Mehl zählte, kam es häufig zu Streitigkeiten zwischen den Müllern. Am 22. November 1566 erließ der hohe Rat von Döbeln deshalb eine Mühlenverordnung, in der unter anderem die Wasserrechte genau geregelt wurden.

Über Jahrhunderte änderte sich technisch wenig. Erst im 16. Jahrhundert wurde das Mehlsieben mechanisiert. Gleichzeitig entdeckten auch andere Gewerke die Wasserkraft für sich: Ölmühlen, Sägemühlen, Brauereien, Pumpwerke und Spinnereien entstanden. Bald reichte ein einziges Wasserrad nicht mehr aus – zusätzliche Räder und später Turbinen ersetzten die alten Antriebe, Mühlsteine wurden durch Stahlwalzen abgelöst. Die Mühlen entwickelten sich zu kleinen Zentren der Mechanisierung – „Gewerbegebiete“ würde man heute sagen – und wurden Keimzellen der Industrialisierung in Döbeln.

Rechnung der Sörmitzer Mühle aus dem Jahr 1899

Die Sörmitzer Mühle – Pflanzenöle, Walkstoffe und ein scharfer Kassenschlager

Die Sörmitzer Mühle lag flussaufwärts an der Freiberger Mulde und gehörte ursprünglich zur Döbelner Burg. Kurfürst August verkaufte sie 1554 für 2.100 Gulden an die Stadt, die sie zunächst verpachtete und später ganz veräußerte. Anfangs diente sie ausschließlich als Getreidemühle, erhielt jedoch bald auch die Erlaubnis, eine Öl- und eine Walkmühle einzurichten.

Eine Ölmühle stellte Pflanzenöle aus Ölsaaten und -früchten wie Lein, Hanf, Mohn, Ölrüben, Sonnenblumen oder Raps her. Die Walkmühle hingegen diente der Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben bei der Herstellung von Walkstoffen, die früher einfach als Tuch bezeichnet wurden. Sie ersetzte das mühsame Walken mit den Füßen: frisch gewebte Tücher wurden durch Stoßen, Strecken und Pressen gereinigt und ihre Oberfläche leicht verfilzt, um sie dichter und geschmeidiger zu machen. Eine Walkmühle ersetzte bis zu vierzig Fußwalker. Auch Weißgerber nutzten solche Anlagen für feines, dünnes Leder. Für die Mühlenbesitzer bedeuteten diese zusätzlichen Produktionszweige eine wichtige wirtschaftliche Absicherung, da sie nun mehrere Standbeine hatten. Später kamen weitere Spezialisierungen wie eine Sägemühle und eine Schafwollspinnerei hinzu. Auch kleine Fremdunternehmungen durften sich ansiedeln. So begann August Marder im Jahr 1886 in der Sörmitzer Mühle mit der Herstellung eines Meerrettich-Senfs, der über Generationen ein Verkaufsschlager blieb. Der „Marder-Speisesenf“ wird noch heute produziert – mittlerweile in Hartha –, und sein Rezept ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis.

Marder-Speisesenf wurde von 1886 bis 1997 in der Sörmitzer Mühle hergestellt.

Der Betrieb einer Mühle war nicht ungefährlich. Immer wieder verursachten überhitzte Transmissionsriemen Brände. In der Sörmitzer Mühle kam es in den Jahren 1900, 1902, 1919 und 1927 zu kleineren und größeren Feuern. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Nutzung weitgehend unverändert. Erst um 1960 führte die Modernisierung der Landwirtschaft zu einer wachsenden Nachfrage nach Futtergemischen. Die Sörmitzer Mühle wurde zu einem Betriebsteil des VEB Kraftfuttermischwerk Leipzig umgewandelt.

Anfang der 1990er Jahre kollabierten viele Döbelner Betriebe, waren über Nacht in der Markwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig oder wurden als unbequeme Konkurrenz aufgekauft und abgewickelt. Auch das Mischfutterwerk in Sörmitz stellte 1991 den Betrieb ein. Das Jahrhunderthochwasser 2002 beschädigte die stillstehende Mühle so stark, dass die Gebäude 2005 abgerissen wurden. Heute erinnert fast nichts mehr an die Sörmitzer Mühle – außer dem Mühlgraben und einem kleinen Wasserkraftwerk, das bei voller Auslastung beider Turbinen rund 80 Kilowattstunden erzeugt. Damit können etwa 200 Haushalte mit „grüner Energie“ versorgt werden. In Zeiten, in denen ökologische Nachhaltigkeit und CO₂-Neutralität immer wichtiger werden, ist dies ein kleiner, aber bedeutender Beitrag.

Sörmitzer Mühle um 1900
Durch einen Stollen am Schlossberg, unterhalb des Plateaus gut zu sehen, floss das Wasser zur Niedermühle. Er wurde im Volksmund "Nixloch" genannt.

Sörmitz liegt vor den Toren Döbelns und gehört erst seit 1922 zur Stadt. Die Mühlen innerhalb des heutigen Stadtgebiets standen schon früher in gewisser Konkurrenz zueinander – insbesondere um das Wasser der Freiberger Mulde. Diese teilt sich am Schlossberg und umschließt die Innenstadt mit zwei Muldearmen. Der Zufluss zum südlichen Arm wird durch ein Wehr reguliert, aus dem jedoch keine Mühle gespeist wurde. Im nördlichen Muldearm hingegen staute man das Wasser mit einem weiteren Wehr auf. Von hier aus wurden insgesamt drei Mühlen versorgt, was regelmäßig zu Streitigkeiten führte. Alle Müller beriefen sich dabei auf ihre angestammten Wasserrechte.

Am Fuße des Schlossbergs trieb man einen Stollen in den Fels, durch den das Wasser zunächst unterirdisch und dann in einem teils offenen Graben zur Niedermühle floss. Der Mühlgraben war Teil der Stadtbefestigung und bot, gemeinsam mit der Stadtmauer, zusätzlichen Schutz vor ungebetenen Gästen. Es war genau festgelegt, dass der Stolleneinlauf unterhalb des Schlossbergs nur ein Viertel des Muldewassers ableiten durfte. Auch der Walkmühle auf dem Oberwerder stand ein Viertel zu, während die Obermühle Anspruch auf die Hälfte des Wassers hatte. Die Verteilung wurde durch die Breite der Einlaufschütze geregelt.

Ausschnitt aus einem Stadtplan "Döbeln 1780" (Heimatatlas von Dr. Friedrich Prüfer) - Gut zu sehen ist, wie der Mühlgraben, der die Niedermühle mit Wasser versorgte und hier die Mühlräder in Bewegung setzte, hinter dem Schlossberg aus einem künstlich angelegten Stollen gespeist wurde, um dann parallel zum südlichen Muldenarm bis zur Niedermühle zu fließen. Im Bereich des heutigen VW-Autohauses mündete der Mühlgraben wieder in die Mulde.

Die Niedermühle – Gründerzentrum weit vor dem Start-up-Boom

Die Niedermühle stand in der Nähe des Niedertores, außerhalb der Stadtmauer. Ursprünglich im Besitz des Landesherrn, ging sie 1551 in den Besitz der Stadt über, die sie anschließend verpachtete. Als Getreidemühle versorgte sie die Bewohner des Viertels mit Mehl. Diese kauften ihr Getreide auf dem Kornmarkt – im östlichen Bereich des heutigen Obermarktes – von Bauern aus der Umgebung. Als sogenannte „Mahlgäste“ brachten sie es in die Mühle, um es dort mahlen zu lassen.
Von jedem Scheffel – einem alten Raummaß für Schüttgüter, regional unterschiedlich, in Sachsen meist etwa 100 Liter – durfte der Müller eine Metze, in Sachsen zumeist der vierzehnte Teil eines Scheffels, als Lohn einbehalten. Das trug nicht gerade zu seiner Beliebtheit bei, wie Spottverse aus alter Zeit belegen:
„Müller, Müller, Metzendieb
hat die jungen Mädchen lieb.
Eine Junge kriegt er nicht
und ’ne Alte mag er nicht.“

1841 wurde für die Niedermühle ein neues Gebäude errichtet.
Niedermühle 1980er-Jahre Niedermühle 2022 - Das Gebäude steht z. T. leer und wartet auf eine neue Nutzung.

1716 verfügte die Niedermühle über drei Mahlgänge, 1768 wurde sie privatisiert. In der Folge ist sie ein anschauliches Beispiel dafür, wie junge, innovative Unternehmen in vorindustrieller Zeit die Wasserkraft zum Antrieb ihrer Maschinen nutzten. 1841 erhielt das Mühlengebäude seine heutige Gestalt. Der damalige Besitzer betrieb neben dem Mühlenbetrieb zusätzlich eine Textilproduktion. Zeitweise war hier auch die Firma Julius Müller eingemietet, die sich wenig später an einem neuen Standort zu einem bedeutenden Hersteller von Feuerlöschtechnik entwickelte.

Als 1890 die Textilproduktion eingestellt wurde, begann Gustav Bühnert in der Niedermühle mit der Herstellung von Metallwaren und Möbelbeschlägen. Auch Albert Polenz startete hier mit zwei Mitarbeitern die Fertigung von Schnitt- und Prägewerkzeugen. Das Geschäft entwickelte sich rasch, und 1907 verlegte Polenz den Betrieb in neue Gebäude an der Sörmitzer Straße. Ebenso hat die Firma Rudolph Neider ihre Wurzeln in der Niedermühle: Der Maschinenbauer erhielt günstige Räumlichkeiten – kein Wunder, denn die Mühle gehörte seinem Vater, Hermann Neider jun. Auch diese Firma expandierte später, zog nach dem Ersten Weltkrieg nach Großbauchlitz, betrieb dort erfolgreich eine Gelbgießerei zur Herstellung kleiner Messingartikel und begann zudem mit dem Bau von Armaturen.

Heute würde man die Niedermühle im 19. Jahrhundert wohl als Gründerzentrum bezeichnen, in dem hoffnungsvolle Start-up-Unternehmen ihre ersten Chancen erhielten. Ihr Absatz wuchs rasch, und es entstanden an verschiedenen Standorten in Döbeln große Betriebe, die teils bis in die 1990er-Jahre den Ruf der Stadt als Zentrum der metallverarbeitenden Industrie prägten. Spätestens daran wird deutlich, dass das romantische Bild einer am rauschenden Bach klappernden Mühle im 19. Jahrhundert längst überholt war: Die Mühlen waren kleine Kraftwerke, die der frühen Industrialisierung in Döbeln entscheidenden Auftrieb gaben.

Walkmühle am Oberwerder mit einer Welle vom Wasserrad (Foto: Sammlung Ettrich)

Die Obermühle - Mittelpunkt der Tuchmacherei

Die Wasserversorgung der Obermühle war bei Weitem nicht so aufwendig wie die der Niedermühle. Kurz vor dem Wehr zweigte der Mühlgraben ab und vereinigte sich erst kurz vor der Oberbrücke wieder mit der Mulde. So entstand der Oberwerder – eine kleine Insel, umflossen vom Mühlgraben und der Mulde.

Auch die Obermühle befand sich 1450 noch im Besitz des Landesherrn. 1511 erwarb sie die Stadt Döbeln, und wie die Niedermühle spielte auch sie eine bedeutende Rolle als Getreidemühle. Schon früh wurde hier zudem eine Walkmühle betrieben. Zwischen 1550 und 1650 war Döbeln die sächsische „Hutmacherhauptstadt“ und bekannt für seine Tuche, die bis in den Orient exportiert wurden. Das Geschäft florierte, und die kleine Walkmühle der Obermühle konnte die Nachfrage bald nicht mehr decken. 1554 verlieh Kurfürst August der Döbelner Tuchmacherinnung das Recht, neben der Obermühle eine neue Walkmühle zu errichten. Diese war mit sechs Paar Hämmern ausgestattet und damit deutlich leistungsfähiger – was auch nötig war, denn ein Drittel aller Döbelner Meister gehörte dem Tuchmacherhandwerk an.

Anfang des 17. Jahrhunderts ersetzten größere Spinnerei- und Webmaschinen die zuvor mühsam per Hand betriebenen kleinen Webstühle. Da es noch keine Dampfmaschinen gab, blieb nur die Nutzung der Wasserkraft. In der Nähe der alten Mühlen entwickelten sich ganze Produktionsketten: Auf das Weben folgte das Walken, danach das Färben. Neben der Walkmühle auf dem Oberwerder betrieben die Döbelner Tuchmacher ein Waidhaus zur Farbzubereitung sowie zwei steinerne Farbhäuser mit insgesamt 14 Kesseln. Diese lagen unterhalb des Schlossbergs an der Mulde und sind bis heute erhalten.

(1) Rechts sieht man noch die Mühlradverankerung im Mauerwerk der Obermühle. Mulde und Mühlgraben machen aus dem Oberwerder eine künstliche Insel.
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Blick von der Oberbrücke Richtung Oberwerder - Links sieht man die Freiberger Mulde, rechts den Mühlgraben, der die Wasserräder der Obermühle antrieb.
(3) Vor dem Wehr an der Nicolaikirche zweigt der Mühlgraben von der Mulde ab. Hier kann man heute nah am Wasser wohnen.
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Die alten Färberhäuser unterhalb des Schloßbergs wurden liebevoll restauriert.

Mitte des 19. Jahrhunderts existierten in Döbeln noch acht Tuchfabriken. Nach und nach mussten sie jedoch schließen, da die Konkurrenz aus dem Ausland zu groß wurde. Auch das Nutzungsprofil der Obermühle veränderte sich. 1845 ließ sich der Rochlitzer Emil Drechsler auf dem Gelände nieder und begann mit der Zigarrenproduktion. Sein Geschäft florierte so sehr, dass er bald an einen größeren Standort umzog. Damit nahm die Döbelner Tabakindustrie, die bis 1990 ein bedeutender Wirtschaftszweig blieb, hier ihren Anfang. Auch die Metallwarenproduktion von Carl Grieben startete auf dem Oberwerder. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Franz Richter gründete er später an der Roßweiner Straße eine Landmaschinenfabrik, die bald zu den bedeutendsten ihrer Art in Deutschland zählte.

Die Staupitzmühle – einst Ritterbesitz, heute Erzeuger grüner Energie

Im Herzen Döbelns, unweit des Rathauses, liegt die Staupitzmühle – die älteste Mühle der Stadt, die einst dem Rittergeschlecht der Staupitze gehörte. Im Jahr 1415 überfiel Ritter von Staupitz mit seinem Gefolge die Burg Kriebstein und nahm den Burgherrn Dietrich von Beerwalde gefangen. Friedrich der Streitbare, Markgraf von Meißen, ließ dies nicht auf sich sitzen: Er belagerte die Burg Kriebstein, vertrieb den Ritter aus der Region, zerstörte dessen Döbelner Burg und übernahm seinen Besitz, zu dem auch die Staupitzmühle gehörte. 1462 erwarb die Stadt die Mühle und verpachtete sie gegen einen hohen Zins. Sie lag an einem strategisch bedeutenden Standort, direkt neben dem Staupitztor, dem nördlichen Stadttor. Das wurde 1839 abgerissen, da es den zunehmenden Verkehr behinderte. Lange Zeit stand noch das zum Tor und zur Mühle gehörende Torschreiberhäuschen. Es wurde erst 1976 bei Abbrucharbeiten in der Brauhausgasse und am Salzgraben weggerissen.

(1) Aktuelle Ansicht der Staupitzmühle. Die Hochwassertafel war bis 1976 am Torschreiberhäuschen angebracht. Als das abgerissen wurde, brachte man die Tafel am alten Mühlengebäude an.
(2) Heute wird in der Staupitzmühle eine Turbine mit einer Leistung von 37 kW betrieben, die „grünen Strom“ ins Netz der Stadtwerke Döbeln einspeist.
(3) Das mehrgeschossige Mühlengebäude mit Getreidesilo ist heute noch erhalten und wartet auf eine neue Nutzung.

Das Torschreiberhäuschen bildete mit der Staupitzmühle und dem Staupitztor eine Einheit. Um den Verkehrsfluss in Döbeln zu verbessern, wurde es 1976 weggerissen. (Foto: Sammlung Ettrich)
Werbeanzeige aus dem Jahr 1914

Die Staupitzmühle verfügte über fünf Mahlwerke, von denen jedoch nicht immer alle betrieben werden konnten, da der Wasserdurchfluss häufig nicht ausreichte. Dieser wurde deutlich verbessert, als über den nördlichen Wassergraben der Stadtbefestigung Muldewasser zur Mühle geleitet wurde. Zuvor war sie allein auf das Wasser des Töpferbaches angewiesen, das man vor der Mühle zu einem kleinen Teich angestaut hatte. Anfang des 19. Jahrhunderts diente die Staupitzmühle als Mahl-, Säge- und Ölmühle. Zudem beherbergte sie ein mechanisches Pumpwerk, das bei Bränden in der Stadt zur Versorgung mit Löschwasser eingesetzt wurde. Später nutzte man die Pumpen auch, um Wasser bis zum Staupitzbad zu fördern, wo Besucher in temperierten Dampf- und Wasserbädern Entspannung fanden.

1872 übernahm Eduard Braun die Mühle nach häufigem Besitzerwechsel. Neben der alten Mühle ließ er ein großes Getreidesilo mit modernsten Reinigungsmaschinen errichten. Die Mehlproduktion war nun vom Einschütten des Getreides bis zum Absacken des Mehls vollautomatisiert. Die Mühlsteine wurden durch Walzstühle mit geriffelten Hartstahlwalzen ersetzt, und die fünf Mühlräder wichen einer Turbine, die einen Generator zur Stromerzeugung antrieb. Damit gehörte die Staupitzmühle zu den ersten Gebäuden Döbelns mit elektrischer Beleuchtung.

Eduard Braun baute neben der alten Staupitzmühle 1892 ein neues mehrgeschossiges Mühlengebäude mit Getreidesilo.

1976 wurde der Betrieb eingestellt und auch die Turbine stillgelegt. Die Anlage verfiel in einen „Dornröschenschlaf“, blieb jedoch unzerstört. Nach der Wiedervereinigung und mit wachsendem Umweltbewusstsein besann man sich auf alternative Naturkräfte zur Stromerzeugung. Ulrich Braun, Vertreter der vierten Generation der Familie, reaktivierte 1992 die Wasserkraftanlage und setzte die über hundert Jahre alte Girard-Turbine wieder in Betrieb. Seitdem speist sie „grünen Strom“ in das Netz der Stadtwerke Döbeln.

Die Niederwalkmühle – Aufstieg, Niedergang und Abriss

Der Boom der Tuchherstellung in Döbeln führte auch zum Bau einer weiteren Walkmühle, die als Niederwalkmühle bekannt wurde. Sie entstand am Zusammenfluss der beiden Muldearme im Westen der Stadt. 1844 erwarben die Brüder Carl Hugo und Carl Robert Glausnitzer die Mühle und errichteten dort eine Schafwollspinnerei. Nach einer kurzen Blütezeit setzte jedoch 1902 die starke Konkurrenz aus dem Ausland der wirtschaftlichen Unternehmung ein Ende. Die Stadt kaufte daraufhin das gesamte Areal samt Mühle, um eine Regulierung der Mulde vornehmen zu können.

Da sich diese Maßnahme verzögerte, zog Emil Gleisberg auf das frei gewordene Betriebsgelände und begann mit der Herstellung von Gasmessern. Ihm folgte Max Starke mit seiner „Chemischen Fabrik“. Erst 1935/36 wurde die geplante Mulderegulierung durchgeführt. 1936 erfolgte schließlich der Abriss der Niederwalkmühle.

Niederwalkmühle um 1925 – Im Hintergrund sieht man den Kirchturm von St. Johannes und das Bürgerheim (heute AWO Seniorenzentrum „Bürgerheim“).

Die Großbauchlitzer Mühle – Innovation, Leistungskraft und ein tragisches Ende

Ausgehend von Sörmitz bewegen wir uns flussabwärts durch die Geschichte der Döbelner Mühlen. Den Abschluss bildet die Großbauchlitzer Mühle. 1350 noch in adligem Besitz, wurde sie 1604 verkauft und wechselte in den folgenden Jahrhunderten mehrfach den Eigentümer. Sie diente als Mahl-, Säge- und Graupenmühle. 1802 erwarb C. Gaitzsch die Anlage und ließ den Mühlgraben in seiner heutigen Form anlegen. In diesem Zusammenhang entstand auch das Wehr an der Eisenbahnbrücke, um die Wasserkraft der Mulde besser zu nutzen.

Abb.: Mühle Großbauchlitz, hier schon im Besitz der Familie Günther

Zeitgenössische Lithographie der Großbauchlitzer Mühle von Moritz Gaitzsch und der Drahtnagelfabrik der Gebrüder Wapler (2. Hälfte 19. Jh.)

1847 bauten direkt neben der Mühle die Gebrüder Wapler eine Drahtnagelfabrik, in der 1855 mit acht Maschinen täglich fünf Tonnen Nägel produziert wurden. Nach dem Tod von Moritz Gaitzsch versteigerten seine Erben die Mühle. Den Zuschlag erhielt Carl Günther, der in Klaffenbach eine Roggenmühle betrieb. Sein Sohn Edwin übernahm mit 23 Jahren den Großbauchlitzer Betrieb, dessen Weizenmühle täglich rund 15 Tonnen verarbeitete. Angetrieben wurde sie von zwei Wasserturbinen mit zusammen etwa 100 PS.

Der neue Eigentümer investierte bald: Zunächst ersetzte er die alte Roggenmühle durch eine neue, 1899 wurde eine elektrische Beleuchtungsanlage installiert, und 1900 erweiterte man das Getreidesilo. Nach einem Brand 1931 wurde es erneut vergrößert und bot nun Platz für 1.500 Tonnen Getreide. In den Jahren 1905/06 modernisierte man die Weizenmahlanlage. Bereits 1901 hatte man die Wasserkraft durch eine Dampflokomobile ergänzt, um die Produktion bei Niedrigwasser aufrechtzuerhalten. Eine 1909 installierte Gasmotorenanlage erwies sich als unzuverlässig und wurde 1919 wieder abgebaut. 1927 erfolgte der Anschluss an das Stromnetz des Elektrizitätsverbandes Gröba. Die Wasserturbinen wurden 1907 und 1912 erneuert.

Döbeln-Großbauchlitz. Mühle, aus: Seck-Dresden, um 1907 (Quelle: Deutsche Fotothek)
"Schützes elektrischer Motorlastwagen" wurde in Oggersheim hergestellt und als "Elektrischer Lastwagen mit Akkumulatorenbetrieb" beworben. So sah E-Mobilität um 1900 aus.

Um 1900 war die Mühle so leistungsfähig, dass neue Transportkapazitäten erforderlich wurden, um die Mehlsäcke zum Bahnhof Großbauchlitz zu bringen. Erstaunlicherweise setzte man dabei früh auf Elektromobilität: Ein eigens angeschaffter elektrischer Transportwagen in der Größe eines Güterwagens konnte 70 Mehlsäcke befördern, fuhr bis zu 8 km/h und hatte eine Reichweite von 38 Kilometern pro Batterieladung – gespeist mit eigenem Mühlenstrom. Von 1905 bis 1914 verkehrte zwischen Mühle und Bahnhof zudem ein 1,02 Kilometer langer gleisloser elektrischer Lastkraftwagen, der seinen Strom aus einer Oberleitung erhielt und ausschließlich im Güterverkehr eingesetzt wurde. Hergestellt wurde er von der „Gesellschaft für gleislose Bahnen Max Schiemann & Co.“ in Wurzen. Doch auch diese Lösung stieß bald an ihre Grenzen. 1915 ließ Günther ein Anschlussgleis zum Bahnhof legen, wofür der Mühlgraben zweimal mit Stahlbrücken überquert werden musste – ein beträchtlicher Aufwand, um die Mühle direkt ans Schienennetz anzubinden.

Das elektrisch betriebene Schleppfahrzeug des Oberleitungslastkraftwagens zog einen Planwagen mit dem Getreide zur Mühle bzw. Mehl und Kleie von der Mühle zum Bahnhof. Eine Besonderheit der Anlage war die niedrige Spannung von nur 130 Volt Gleichspannung (Foto 1905).

1911 erwarb Edwin Günther zudem die Sörmitzer Mühle, um dort keine Konkurrenz aufkommen zu lassen. Sie diente fortan als Schrotmühle und Getreidelager für die Großbauchlitzer Mühle.
Der Erste Weltkrieg brachte erhebliche Einschränkungen: Getreidevorräte wurden beschlagnahmt, die Handelsmüllerei eingestellt, und die Bäckereien nur noch über staatliche Stellen beliefert. Nach Kriegsende zerstörte die Inflation die Hoffnung auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung. 1936, nach 40 Jahren im Besitz der Familie Günther, traten die Söhne Carl und Ernst als Mitinhaber ein. Auch 1946 war die Mühle noch in Familienbesitz.

Rechnungskopf der Großbauchlitzer Mühle aus dem Jahr 1935

Zwei Brände in den Jahren 1963 und 1968 zerstörten die Anlage so stark, dass die inzwischen etablierte Mischfutterproduktion eingestellt werden musste. Beim Brand von 1963 verloren zwei Feuerwehrleute ihr Leben – bis heute der schwärzeste Tag in der Geschichte der Döbelner Feuerwehr. Am 24. September 1968 wurden die Brandruinen gesprengt – ein trauriges Ende für eine einst so bedeutende Mühle.

Die Windmühle, nach holländischem Vorbild gebaut, gab dem Holländerturm seinen Namen. Auch die Oberschule in Döbeln-Nord trägt heute den Namen "Am Holländer". (Foto: Sammlung Ettrich)

Die Windmühle auf dem Staupitzberg – Mahlwerk und Ausflugsziel

Wer einen Fluss vor der Haustür hat, denkt beim Bau einer Mühle zunächst an ein Wasserrad in der Strömung. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die meisten Mühlen an der Freiberger Mulde zu finden sind. Doch wie so oft bestätigt die Ausnahme die Regel: Auf dem 239 Meter hohen Staupitzberg wehte häufig eine kräftige Brise.

Das veranlasste Wilhelm Schuricht im Jahr 1874 hier sein Wohnhaus und eine Windmühle nach holländischem Vorbild mit fünf Flügeln zu errichten. Das Mühlenhaus entstand aus Rochlitzer Porphyr, der hölzerne Dachaufbau mit den Flügeln ließ sich in jede Windrichtung drehen. 26 Jahre lang wurde in der Mühle Getreide geschrotet. Als 1900 Robert Stelzig das Anwesen übernahm, richtete er im Wohnhaus eine Gastwirtschaft ein und ließ einen 30 Meter hohen Aussichtsturm in Ziegelbauweise errichten. Da sich der Mühlenbetrieb nicht mehr lohnte, wurden die Flügel und der hölzerne Korpus abgebaut. Auf dem verbliebenen steinernen Stumpf entstand eine begehbare Plattform, im Inneren ein rustikales Kneipenzimmer. Auch ein Biergarten lockte Besucher an. Mit der Kombination aus Aussichtsturm und Gaststätte kann Stelzig als einer der Erfinder der Erlebnisgastronomie in Döbeln bezeichnet werden.

Die Döbelner honorierten diesen Ideenreichtum mit regem Zuspruch. Bei klarer Sicht konnten Besucher vom „Holländerturm“ aus bis ins Erzgebirge blicken, im Norden den Collm sehen und mit etwas Glück im Westen sogar das Völkerschlachtdenkmal erkennen.

Döbeln und seine Mühlen – Motor der Stadtgeschichte

Über Jahrhunderte sicherten die Mühlen die Ernährung der Bevölkerung und prägten die wirtschaftliche Entwicklung Döbelns. Im 19. Jahrhundert wurden sie zu wichtigen Impulsgebern der vorindustriellen Wirtschaft: Zahlreiche kleine Manufakturen nutzten zunächst die Wasserkraft der Mühlen, um ihre ersten Maschinen anzutreiben, wuchsen dann zu Betrieben mit Hunderten von Arbeitern und produzierten für den Weltmarkt.

Die wirtschaftliche Blüte Döbelns um 1900 gründete auf diesem Fundament. Heute sind die Mühlen aus dem Stadtbild verschwunden. Manche Gebäude, in denen sie einst betrieben wurden, stehen noch, ebenso wie kleine Turbinen, die inzwischen Ökostrom aus Wasserkraft erzeugen. Sie sind stille Zeugen einer großen Vergangenheit. Döbeln ohne seine Mühlen – über Jahrhunderte war das undenkbar.


Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
17.01.2022

Quellen:
C.W. Hingst: Chronik von Döbeln und Umgegend. Döbeln 1872
Die Internationale Motorwagenausstellung zu Berlin 1899. 1899, Band 314 (S. 145–152). URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/ar314036
C.C. Schwender: Wanderungen durch Döbeln und Umgegend. 1924
C.C. Schwender: Vom Innungswesen in Döbeln. In: C.C. Schwender (Hg.): Döbelner Heimatschatz, Band 4, 1925. S. 143-154, 170-174
Rat der Stadt Döbeln (Hg.): Döbelner Panorama 1989, Heft 1
Werner Braun: Döbeln und seine Mühlen. In: Stadt Döbeln und Döbelner Heimatfreunde (Hg.): Heimatfestschrift 1991. S. 14-16
Werner Braun, Wolfgang Neubauer: Es klapperten die Mühlen im Muldental. S. 271-277 In: Kulturbund e.V. Landesverband Sachsen (Hg.): Sächsische Heimatblätter. Zeitschrift für sächsische Geschichte, Denkmalpflege, Natur und Umwelt. 4/5 2002, 48. Jahrgang, Döbeln 2002. Dresden 2002
Stadt Döbeln und Döbelner Heimatfreunde (Hg.): Döbeln 1871-1990. 1999
Werner Braun: Döbeln und seine Wasserkraft. http://www.doebeln-entdecken.de/doebeln/strom.html (01.01.2020)

Ludger Kenning Mühlenbahn Großbauchlitz URL: https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?17,3957677 (17.01.22)


























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