Döbeln und seine verschwundenen Denkmäler

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Monarchie, Republik, Diktatur - im 20. Jahrhundert wechseln die Staatsformen in Deutschland in schnellem Takt – mit ihnen die Denkmäler.

Mit Denkmälern ist das so eine Sache. Man errichtet sie meist im euphorischen Überschwang für berühmte Zeitgenossen oder um Verstorbener zu gedenken. Im Hintergrund steht meist eine Ideologie oder eine politische Grundhaltung. Es fließt Herzblut, begeisternde Reden werden gehalten, es wird Geld gesammelt und die Weihe des Denkmals geht mit Pomp über die Bühne. Das Denkmal, so wird suggeriert, überwindet die Sterblichkeit des einzelnen Menschen, der einzelnen Generation. Es ist für die Ewigkeit gedacht und soll auch noch in 100 Jahren vom Kampf und von den Überzeugungen der Vorväter zeugen. Es verbindet sich damit die Hoffnung, dass die Nachgeborenen dem Weg der Väter folgen und ihn in ihrem Sinne fortsetzen. Dem ist selten so.

Erzählt werden soll hier die Geschichte Döbelner Denkmäler, die in der Versenkung verschwunden sind, weil der Geist der Errichter irgendwann nicht mehr dem Zeitgeist entsprach, ihm vielleicht sogar diametral entgegenstand. Insofern ist die Geschichte verschwundener Döbelner Denkmäler auch eine Geschichte der politischen Systeme, die sich im 20. Jahrhundert in Deutschland in schnellem Wechsel ablösten. Der Kaiserzeit folgte 1918/19 die Weimarer Republik, 1933 versinkt Deutschland in der Diktatur der Nationalsozialisten. Der Zweite Weltkrieg endet 1945 mit der Auflösung der staatlichen Souveränität Deutschlands. Döbeln liegt in der Sowjetischen Besatzungszone und seit 1949 in der DDR. Deren Existenz wird 1989 durch eine Friedliche Revolution erschüttert. 1990 folgt die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Egal ob Monarchie, Republik oder Diktatur – immer wieder versuchten Menschen, ihre Ideen, ihre Ideale, ihre Helden durch Denkmäler zu verewigen. Denkmäler sollen Identität stiften. Dies geht oft damit einher, dass man die Denkmäler der Vorgänger dem Verfall preisgibt oder gleich demontiert.

Das Bormann-Denkmal stand, eingerahmt von vier Eichen, rechts neben der Turnhalle im Bärental. (Quelle Sammlung Stadtarchiv Döbeln)

Bormann-Denkmal im Bärental

Der Gedenkstein für Adolph Bormann ist das älteste der mittlerweile verschollenen Denkmäler Döbelns. Es stand im Bärental gleich neben der Turnhalle. Wer war dieser Bormann? Etwas verknappt kann man sagen: Das, was Turnvater Jahn für Deutschland war, war Adolph Bormann für Döbeln. Turnen hatte als Volkssport Mitte des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur, war die beliebteste Sportart. Die wollte man auch in Döbeln nach Kräften fördern und stellte den Turnlehrer Adolph Bormann aus Penig am 8. Februar 1847 in Döbeln ein. 29 Jahre lang unterrichtete er hier und machte das Turnen unter Tausenden Kindern und Jugendlichen populär. Das ganze Leben Bormanns drehte sich ums Turnen, vormittags in der Bürgerschule, nachmittags im Verein. Auf seine Initiative hin wurde der Platz hinter der Bachschänke zu einem Turnplatz umgestaltet. Man kann heute davon ausgehen, dass die Förderung des Turnens in dieser Zeit in Döbeln auch ein politisches Statement war. Die Leibesertüchtigung durch das Turnen sollte die Wehrhaftigkeit des Volkes erhöhen.

Gruppenfoto der Döbelner Turnerriege "Einigkeit" vor dem Bormann-Denkmal (1906)
Drei verbliebene Eichen markieren den Standort des Bormann-Denkmals neben der Turnhalle im Bärental.

Als Feinde begriff das deutsche Bürgertum die Franzosen, die Deutschland in der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft unterjocht hatten, aber auch die eigenen Fürsten, die immer noch versuchten, die Freiheit und Einheit des deutschen Volkes zu verhindern. Dass es also im Dreikaiserjahr 1888 aus dem Döbelner Bürgertum heraus eine Initiative gab, den Döbelner Turnvater Adolph Bormann mit einem Denkmal zu ehren, ist sicher nicht nur als Verbeugung für einen verdienstvollen Lehrer zu verstehen.

Der Denkstein für Bormann war ein ca. 2 Meter hoher Obelisk aus Granit und Syenit, der das in Bronze gegossene Medaillonporträt Bormanns trug. Abgegrenzt war er mit einer schmiedeeiserneren Einfassung. Die Kosten für das Denkmal beliefen sich auf 1000 Mark und wurden durch Spenden aufgebracht. Im 6. Band des „Döbelner Heimatschatzes“ schwärmt C. Schwender: „Die Freunde und ehemaligen Schüler Bormanns haben sich selbst mit der Errichtung des Denksteins ein schönes Zeugnis ausgestellt.“ (C. Schwender - Döbelner Heimatschatz, Band 6, 1927, S. 189f.)

Eingeweiht wurde das Denkmal für Bormann am 27. Oktober 1889 und wieder entfernt am 06. Juli 1942. Geblieben sind drei von den vier Eichen, die das Denkmal einfassten.

Kriegerdenkmal auf dem Schloßberg

Auch die Geschichte des Kriegerdenkmals, das an die Opfer des für Deutschland siegreichen Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 erinnern sollte, endet im Ungewissen.

Am 07. Juni 1871 beschließt das Stadtverordnetenkollegium, dass vor der neuen Bürgerschule auf dem Schloßberg auf Kosten der Stadt ein Obelisk mit den Namen der 18 im Kriege gebliebenen Döbelner errichtet und mit einer Baumpflanzung umgeben werden soll. Später rudert man etwas zurück und versucht die Stadtkasse durch eine öffentliche Sammlung für das Denkmal zu entlasten. Das Ergebnis war mit 173 Talern, 3 Groschen und 5 Pfennigen ernüchternd. Kleinstspenden dominierten, die wohlhabenden Döbelner waren dem Aufruf von Bürgermeister Thiele eher nicht gefolgt. Sie hielten sich zurück. Auch eine Verlosung, die der Arzt Dr. Weidner ins Leben rief, brachte mit 30 Talern, 1 Groschen und 1 Pfennig nicht den finanziellen Durchbruch. Es war klar, dass das neue Denkmal nicht allzu weit in den Himmel ragen würde.

Daraufhin bat man die Döbelner Bildhauer Engelhardt und Schulze, Zeichnungen und Kostenvorschläge einzureichen. Am 14. März 1872 wurde dem Letzteren der Auftrag erteilt, das Denkmal auszuführen, nachdem er sich bereit erklärt hatte, dasselbe für 170 Taler zu liefern. Wegen dieses überschaubaren Finanzrahmens entschied man sich für einen schlichten Denkstein in Form eines dunklen Obelisken mit hellen Schriftplatten. Auf diesen finden sich die Namen von 17 der 18 gefallenen Döbelner. Die Familie von Ernst Lange verweigerte ihre Zustimmung zum Anbringen seines Namens auf dem Denkmal. Warum, wissen wir nicht. Vielleicht war ihnen das nationalistische Pathos zuwider, mit dem man den „Heldentod“ der jungen Männer fürs Vaterland bejubelte.

(1) Das Kriegerdenkmal an seinem ersten Standort, dem Schulhof der Schloßbergschule.
(2) In einer Grünanlage an der Staupitzstraße, sollte das Denkmal besser zur Geltung kommen.
(3) Sein letzter Standort war in der Parkanlage an der Wappenhenschstraße.
(Postkarten/Foto: www.döbeln.de)

„Über die Weihe des Denkmals wird berichtet, dass sie eine ehrende Feierlichkeit war von freundlichem Wetter begünstigt und durch die Teilnahme eines überaus zahlreichen Publikums ausgezeichnet. Sonntag, den 16. Juni 1872, vormittags 11 Uhr versammelten sich vor der Schloßbergschule die Oberklassen der hiesigen Schulen mit Ihren Lehrern. Das Geläut aller Glocken begrüßte den Zug, an dessen Spitze die Geistlichkeit trat. Die geladenen Gäste und Vereine folgten, und auf dem südöstlichen Teil des Schloßberges, wo das neue Kriegerdenkmal errichtet war, wurde um dieses herum Aufstellung genommen. Nach 15 Minuten schwiegen die Glocken und „Ein feste Burg ist unser Gott“ erbrauste es nun über dem Muldental dahin. Herr Pastor Krebs hielt die Weiherede: Schülerinnen legten Kränze am Denkmal nieder; der Gesangverein Arion stimmte das „Siegeslied“ von Jul. Sturm an, und nachdem dies verklungen war, hielt Herr Bürgermeister Thiele eine Ansprache an die Festversammlung. Dann wurde noch die „Wacht am Rhein“ gesungen, und unter dem Geläut der Glocken verließ man den Platz der erhebenden Feier.“ (C. Schwender - Döbelner Heimatschatz, Band 6, 1927, S. 189f.)

Eine ganze Weile stand das Kriegerdenkmal auf dem Schloßbergplateau. Der Schulhof wurde jedoch durch das Denkmal arg beschränkt und die Lage war auch recht abseits. Man wünschte sich einen neuen Standort, der das Denkmal leichter zugänglich macht und der das Gedenken an „Deutschlands größte Zeit“ stärker ins Bewusstsein der Döbelner rücken sollte und so „noch vielen, vielen kommenden Geschlechtern Kunde [geben sollte] von dem Freiheitswillen ihrer Vorfahren“. Ob im Deutsch-Französischen Krieg die Freiheit der Deutschen verteidigt wurde, darf natürlich genauso bezweifelt werden, wie die Einschätzung, dass ein Krieg mit 44.781 Gefallenen allein auf deutscher Seite als „Deutschlands größte Zeit“ in die Annalen eingehen sollte.

Tatsächlich beschloss der Stadtrat am 26.06.1928, das Kriegerdenkmal in eine Grünfläche an der Staupitzstraße zu versetzen. 1954, in unmittelbarer Nähe war die Berufsschule erbaut worden, musste es hier wieder weg. In der Parkanlage an der Wappenhenschstraße war die Gefahr, dass unschuldige Berufsschüler in Kontakt mit dem Geist des Militarismus kamen, nicht so groß. Auch hier musste es 1976 weichen. Es wird erzählt, dass der steinerne Koloss an Ort und Stelle vergraben wurde, weil es zu viel Aufwand gemacht hätte, ihn fortzubringen.

Das Bismarckdenkmal prägte viele Jahre den Obermarkt. (Postkarte: www.döbeln.de)

Bismarck-Denkmal auf dem Obermarkt

Ein zweites verschwundenes Döbelner Denkmal steht in engem Zusammenhang mit dem Kriegerdenkmal. Otto von Bismarck, wurde erster Reichskanzler, weil am Ende des siegreichen Deutsch-Französischen Krieges im Spiegelsaal von Versailles die Gründung des Deutschen Reiches verkündet werden konnte. Dem „Strippenzieher“ für den Krieg und die Reichsgründung sollte wie in vielen anderen Orten auch in Döbeln ein Denkmal gesetzt werden. Und das bitteschön nicht irgendwo, sondern zentral auf dem Obermarkt. Die Idee kam aus der Döbelner Bürgerschaft, konkret dem städtischen Verein, aber auch dem Verschönerungsverein. Aus den Reihen dieser Vereine wurde unter dem Vorsitz von Rechtsanwalt Adler ein gemischter Ausschuss gebildet, der auch gleich Druck machte. Es gab einen praktischen Grund dafür. In einer Ausschusssitzung am 14. März 1903 wurde mitgeteilt, dass der Grundstock für die Beschaffung eines Bismarckdenkmals, ein Legat des verstorbenen Frl. Amalie Bertha Semmig für andere Zwecke verfalle, wenn man die Errichtung eines Denkmals für den Reichskanzler, den man schon 1895 zum Döbelner Ehrenbürger gemacht hatte, nicht bald realisieren würde. Man beauftragte verschiedene Künstler, die Entwürfe für das Denkmal einreichen sollten. Diese wurden am 9. Juni 1903 in der Schule am Lutherplatz ausgestellt. Bis in den Mai des Jahres 1905 beriet man, es tagten Gremien, man überschlug die Kosten, beriet wieder und kam dann zu dem Entschluss, den Bildhauer Eduard Albrecht in Berlin-Steglitz mit der Ausführung des Denkmals zu betrauen und die Lieferung der Steinmassen der Firma Wilhelm Jürgens, Vertreter der Ackermann-Granitwerke Berlin, zu übertragen. Am 5. Juli 1905 fand die feierliche Enthüllung des Denkmals auf dem Obermarkt statt, für welches insgesamt 4000 Mark aufgewendet wurden. Eine lange Lebenszeit war dem Denkmal nicht vergönnt. Das Bismarckdenkmal ist nach 1945 abgerissen worden. Es gab nun neue Helden. Der konservative Bismarck, ein Mann des Ausgleichs, dem die Deutschen noch heute für sein System der paritätischen Sozialversicherung dankbar sein können, wurde „vom Sockel geholt“ und verschwand auf Nimmerwiedersehen aus dem Stadtbild Döbelns.

Ab 1950 stand am ehemaligen Standort des Bismarck-Denkmals das VVN-Denkmal, das 1969 auf den Wettinplatz versetzt wurde. Danach wurde hier ein Schnellimbiss errichtet. Heute wird der Bereich als Biergarten genutzt. (Postkarte: www.döbeln.de)
Mit über 6 Metern Höhe prägte das König-Georg-Denkmal das Rondell des Niedermarktes. (Postkarte www.döbeln.de)

König-Georg-Denkmal auf dem Niedermarkt

Genauso erging es dem Denkmal für König Georg auf dem Niedermarkt. Das lebensgroße Reiterstandbild des sächsischen Königs war eine Gemeinschaftsinitiative von Bezirkskommandeur Oberstleutnant Göhler, Bürgermeister Müller und Kommerzienrat Tümmler. Das 1911 erbaute Denkmal war eines der ersten König-Georg-Denkmäler in Sachsen und wurde von dem Dresdner Bildhauer Fred Völkerling (1872-1945) entworfen. Das 3,60 Meter hohe Reiterstandbild wurde auf einem 2,65 Meter hohen Unterbau aus bayrischem Muschelkalk platziert. Auf der Vorderseite war die königlich-sächsische Krone und die Inschrift „Georg“ zu sehen. Das Denkmal prägte allein schon durch seine Größe das Rondell des Niedermarkts. Der verpflichtete Bildhauer Völkling war als Künstler erste Wahl. Er hatte in Dresden studiert und dann viele Jahre in Paris gearbeitet. Seine Denkmäler, Porträtbüsten und Tierplastiken sind berühmt. Das Döbelner Reiterstandbild Georgs gilt als eines seiner Hauptwerke.

Stellt sich vielleicht die Frage: Warum gerade ein Denkmal für König Georg? Dessen Regentschaft währte nur zwei Jahre. Schon hochbetagt, im Alter von knapp 70 Jahren, folgt er seinem verstorbenen Bruder Albert auf den Thron Sachsens. In der Bevölkerung ist er eher unpopulär. Die Sachsen hätten sich gewünscht, dass er zugunsten seines 46-jährigen Sohnes Friedrich August auf die Krone verzichtet. Der König stirbt nach nur zwei Jahren Regentschaft an einer Influenza. Große Ereignisse finden in diesen beiden Jahren nicht statt. Nur einmal zeigt König Georg Flagge. Er engagiert sich beim Textilarbeiterstreik in Crimmitzschau auf Seiten der Arbeitgeber. Seine Beliebtheit in der Bevölkerung steigerte das nicht. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die 25 000 bis 28 000 Mark, die das Denkmal kostet, zum großen Teil von Döbelner Unternehmern erbracht werden. Wird Georg ein Denkmal gesetzt, weil er im „roten Sachsen“ Front gegen Streiks und Arbeiterunruhen macht?

Oder ist es eher die ruhmreiche Militärkarriere, die den Kurzzeitkönig denkmalswürdig macht. Als Prinz beteiligt sich Georg am Deutschen Krieg 1866, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 hat er am Ende das Kommando über das gesamte I. Königlich Sächsische Armee-Korp. Georg vertritt Sachsen auch bei der Ausrufung Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles. 1888 wird er als zweiter Sachse zum Generalfeldmarschall der Preußischen Armee ernannt – ein Ritterschlag für jeden Offizier.

Ein dritter Grund wäre auch denkbar. Georg war von 1855 bis zu seiner Thronbesteigung Vorsitzender des Sächsischen Altertumsvereins, der sich um die Denkmalpflege verdient machte. Ist das Denkmal ein Denkmal für den Denkmalpfleger?

Oder wurde das Denkmal errichtet, weil es in Sachsen 1911 noch keine großen Denkmäler für König Georg gab? Sollte das Reiterstandbild für die Muldenstadt ein Alleinstellungsmerkmal werden? Oder findet man Georg deshalb gut, weil er als Prinz mehrfach Döbeln besucht?

Möglich wäre auch das. Wahrscheinlich ist es am Ende eine Gemengelage an Gründen, die Georg für einige Zeit auf den Döbelner Niedermarkt verschlagen.

(1) Zur Einweihung des Denkmals am 5. September 1911 kam König Friedrich August III. nach Döbeln.
(2) Die Aufstellung des Reiterstandbildes war auch der Versuch, den Niedermarkt in Döbeln aufzuwerten.
(3) Als der Niedermarkt Thälmann-Platz hießt, wollte am ehemaligen Standort des Georg-Denkmals politische Botschaften "unters Volk" bringen.
(Postkarten/Foto: www.döbeln.de)

Das Denkmal wird am 5. September 1911 in Anwesenheit König Friedrich August III. eingeweiht. Vielleicht hatte man sich ja gerade das erhofft. Der Sohn Georgs ließ es sich nicht nehmen, der Einweihung des Denkmals für seinen Vater beizuwohnen. Die Tochter von Bürgermeister Müller überreichte dem Monarchen einen Blumenstrauß und soll ein kleines Präsent erhalten haben. Königlicher Besuch in der Kleinstadt – eine seltene Gelegenheit, den Regenten live zu sehen. Großes Kino in Döbeln.

Nur 31 Jahre kann man Georg auf dem Niedermarkt bewundern. 1940 beschließt der Stadtrat das Denkmal abzubauen und als Metallspende der Kriegswirtschaft zuzuführen. Kunst wird vernichtet, um den Krieg am Laufen zu halten. Das Standbild für den königlichen Generalfeldmarschall wird zum Kanonenrohr für den Gefreiten – ein tragischer Abgang.

Auch in späterer Zeit gilt der belebte Niedermarkt, der nach 1945 in Ernst-Thälmann-Platz umbenannt wird, als geeigneter Platz für politische Botschaften. Wahrscheinlich in den 60-er Jahren prangt hier ein Globus auf einem Sockel, eingerahmt von der sowjetischen und der vietnamesischen Flagge. Gefeiert werden sollte sicher der proletarische Internationalismus. König Georg hätte sich mit Grausen abgewendet.

Kriegerdenkmal am Geyersberg

Könige und Kanzler erhalten Denkmäler. Immer geht es aber auch um die Erinnerung an die in Kriegen Gefallenen. Die Meinungen über die Berechtigung dieser Denkmäler gehen weit auseinander. Einerseits spielen sie eine wichtige Rolle bei der Trauerbewältigung. Jedes Jahr werden Blumen und Kränze niedergelegt. Die Hinterblieben, aber auch die Repräsentanten der Bürgerschaft besuchen diese Orte, um der Gefallenen zu gedenken. Das ist völlig legitim. Leider wurden diese Denkmäler aber auch benutzt, um den Heldentod fürs Vaterland als etwas Großartiges zu feiern, um gegen ehemalige Kriegsgegner zu hetzen und Jugendliche mit dem Geist des Nationalismus und Militarismus zu infizieren. Um diese Kritik zu verstehen, lohnt es, in den Gedichten Kästners, dessen Eltern ja viele Jahre in Döbeln lebten, zu blättern. Hier die letzten drei Strophen seines Textes „Primaner in Uniform“:

[…]
Der Rektor dankte Gott pro Sieg.
Die Lehrer trieben Latein.
Wir hatten Angst vor diesem Krieg.
Und dann zog man uns ein.

Wir hatten Angst. Und hofften gar,
es spräche einer Halt!
Wir waren damals achtzehn Jahr,
und das ist nicht sehr alt.

Wir dachten an Rochlitz, Braun und Kern.
Der Rektor wünschte uns Glück.
Und blieb mit Gott und den andern Herrn
gefaßt in der Heimat zurück.

In Döbeln finden sich noch Denkmäler, die an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern. Vorm Hauptportal des Lessing-Gymnasiums erinnert ein Denkmal an gefallene Schüler und Lehrer, auf dem Niederfriedhof erinnert ein Denkmal an Felix Gleisberg und auf dem Gelände der Bärentalturnhalle erinnert, leider sehr dem Verfall preisgegeben, ein Denkmal an die gefallenen Turner Döbelns. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es noch mehr Denkmäler, die an die Toten des Krieges erinnern sollten. Sie wurden später wieder entfernt, weil man befürchtete, dass sie nicht zuerst mit der Trauer um die Getöteten verbunden werden, sondern mit Hass auf den Feind und mit einem übersteigerten Nationalismus, der den Krieg verherrlicht. Den Denkmälern wurde unterstellt, sie wären Objekte der Volksverhetzung. Uns Menschen scheint es schwerzufallen, mit Denkmälern zu leben, die tatsächlich oder vermeintlich unserem Zeitgeist nicht oder nicht mehr entsprechen. Was ist richtig, was ist falsch? Musste das monumentale Kriegerdenkmal am Geyersberg weichen, weil die Ludendorff-Inschrift „Die Toten führen zum Aufstieg“ den Heldentod fürs Vaterland verherrlicht?

Ausführlich beschäftigte sich 2018, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, ein Geschichtsleistungskurs am Döbelner Lessing-Gymnasium mit Denkmälern der Muldenstadt, die an diese Zeit erinnerten. Lisa-Marie Kramer erforschte die Geschichte des Kriegerdenkmals am Geyersberg. Ihre Ergebnisse kann man ausführlich unter www.doebeln-entdecken.de nachlesen. Hier eine Kurzfassung zu dem größten verschollenen Denkmal. Döbeln beherbergte als Garnisonsstadt von 1887 bis 1918 das 11. Königlich-Sächsische Infanterieregiment Nr.139. Viele der 139er, darunter auch zahlreiche Döbelner, waren im Ersten Weltkrieg bei Kämpfen in Nordfrankreich und Flandern gefallen.

Die in Stein gehauenen Ludendorff-Worte: „Die Toten führen zum Aufstieg“ waren das Hauptargument für den späteren Abriss des Denkmals. Der Obelisk wurde durch die Kolossalgestalt eines deutschen Soldaten geprägt. Links von ihm ist eine trauernde Frau zu sehen.
Spendenmedaille zur Denkmalsweihe 1922 (Averseite). Gefertigt wurde das Stück in braunem Böttgersteinzeug mit Golddekor. Spendenmedaille zur Denkmalsweihe 1922 (Rückseite). Hersteller ist die Porzellanmanufaktur Meissen.

General Einert, Oberst und Regimentskommandeur in Döbeln, hatte für den 19. März 1921 zu einer Sitzung eingeladen, bei der über ein „würdiges Denkmal“ beraten werden sollte. Die Teilnehmer machen deutlich, dass es über den Bau eines Kriegerdenkmals einen breiten Konsens in Döbeln gab. Es „erschienen Herr Bürgermeister Müller für die Stadt und den Verein Heimatdank, Herr Oberst von Süßmilch für das Inf.-Regt. 139, Herr Major Boltze für die Garnison, Herr Pfarrer Keller für die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde, Herr Reg.-Rat Grunewald für die Amtshauptmannschaft, Herr Stadtbaurat Richter, Herr Joh. Johnsen, Herr Bildhauer O. Rost, Herr Stadtrat Busch, Herr Dr. Hesse für den Bürgerbund, Herr Dr. Frankenstein für Handwerk und Gewerbe, Herr E. Sturm für den Arbeitgeberverband, Herr Röher für den Beamtenbund, Herr Bruse für den Mieterverein und Abordnungen von der Offiziersvereinigung 139, vom Militärverein Döbeln, und der Vereinigung Kriegsbeschädigter“ (C. Schwender - Döbelner Heimatschatz, Band 6, 1927, S. 194). Bald hatte man als Standort für das Denkmal das Gelände oberhalb des Steinbruchs am Geyersberg ausgesucht. Wie immer war die Finanzierung schwierig, was sicher auch an der stolzen Summe von 967 300 Mark lag, die das vom Döbelner Bildhauer Otto Rost gestaltete Denkmal letztlich kosten sollte.

Auf einem Sakrophag als Unterbau bildet ein Obelisk aus Porphyrblöcken den Mittelpunkt der Anlage. In diesen eingehauen ist die Kolossalgestalt eines deutschen Soldaten mit leicht gesenktem Kopf, Mantel und Stahlhelm, während er die Hände auf den Lauf eines Gewehres gestützt hat. Modell stand dafür der Sohn des Gärtnereibesitzers Dietze, Unteroffizier Dietze. An beiden Seiten war jeweils eine Frau zu sehen, auf der einen Seite eine trauernde Frau, welche stellvertretend für das trauernde Volk steht, und auf der anderen Seite eine Frau mit einem Kleinkind, welche Hoffnung auf die Zukunft verkörpern soll.

Stadtansicht Döbelns mit dem Kriegerdenkmal auf dem Geyersberg rechts im Vordergrund. (Postkarte www.döbeln.de)

Auf einer vorgelagerten Steinplatte war die Widmung „Den gefallenen Helden des Inf.-Regts. und der Stadt in einmütiger Dankbarkeit. 1914-1918“ zu lesen. Imposanter erschienen jedoch die in Stein gehauenen Ludendorff-Worte „Die Toten führen zum Aufstieg“. Das monumentale Denkmal wurde am 24. September 1922 eingeweiht und prägte seitdem die der Stadt zugewandte Seite des Döbelner Geyersbergs.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Denkmal in Vergessenheit, die Anlage verwilderte. Das lag sicher daran, dass die Menschen in der Nachkriegszeit andere Sorgen hatten, bald schon merkte man aber auch, dass der neugegründete Arbeiter- und Bauernstaat DDR das Denkmal als Belastung empfand. Aus Sicht der neuen Machthaber erinnerte es zu sehr an den Geist eines deutschen Militarismus, der für zwei Weltkriege verantwortlich gemacht wurde, die von Deutschland ihren Ausgang nahmen.

Ende der 60er Jahre gab es in der „Leipziger Volkszeitung“ eine Kampagne gegen das Denkmal. Bürger hätten angeblich den Abriss gefordert. Die Sockelaufschrift mit dem Zitat von General Erich Ludendorffs „Die Toten führen zum Aufstieg“ würde die Opfer aller Kriege verhöhnen. Ende 1970 wurde das Kriegerdenkmal durch Soldaten der NVA abgerissen. Die steinernen Überreste verkippte man an einer Mauer in der Nähe des Krematoriums. Otto Rost musste dieses unrühmliche Ende seines größten Denkmals nicht mehr miterleben. Er starb am 25. Juni 1970 in Döbeln.

Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere des in Döbeln kasernierten 139. Regiments.

Denkmal der gefallenen Unteroffiziere vom 139. Regiment

Auch das Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere des 139. Regiments, das 1920 auf dem Wettinplatz eingeweiht wurde, überdauerte nicht. Die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages trafen auch das Döbelner Infanterieregiment. Als der Auflösungsbefehl kam, stand fest, dass die noch verbliebenen Unteroffiziere bald auseinandergehen werden. Ihr Verein verwaltete noch finanzielle Mittel, für die man nun eine Verwendung suchte. Die Idee, für die gefallenen Kameraden ein Denkmal zu errichten, fand schnell Zuspruch. Der Denkstein wurde von den Döbelner Bildhauern Dittrich und Hahn nach einem Entwurf des Regierungsbaumeisters Wapler aus Rochlitzer Porphyr hergestellt. Der Hauptblock ruhte auf zwei Stufen. Der obere Teil zeigte einen auf einem Eichenkranz ruhenden Stahlhelm. An den beiden Seiten stehen die Namen der 73 gefallenen Unteroffiziere vom 139. Regiment. Auf der Vorderseite war zu lesen: „Getreu der Pflicht sind sie für Deutschland in den Tod gegangen. Als Helden leben sie weiter.“

Diese Inschrift erinnert stark an ein historisches Vorbild. Die Schlacht bei den Thermopylen fand zu Beginn des Zweiten Perserkrieges im Spätsommer 480 v. Chr. statt. Die Thermopylen, der Engpass zwischen Kallidromos-Gebirge und dem Golf von Malia, waren seit jeher von hoher strategischer Bedeutung. In der Antike maß der durchschnittlich 15 Meter breite Durchgang an den beiden engsten Stellen nur wenige Meter. 480 v. Chr. stand ein großes persisches Heer unter König Xerxes I. vor diesem Durchgang. Unter Einsatz ihres Lebens schafften es spartanische Krieger unter Führung ihres Königs Leonidas das Perserheer so lange aufzuhalten, dass sich die griechische Armee geordnet zurückziehen konnte.

An diesem Ort steht ein oft als „Grab des Leonidas“ bezeichnetes Denkmal. Es trug der Überlieferung nach als Inschrift ein Distichon des Simonides von Keos, das Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Der Spaziergang“ (1795) so wiedergab:

„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“

Das Opfer der Spartaner gilt seit vielen Jahrhunderten als Beispiel für soldatischen Heldenmut und wurde zum Topos. Die Übertragung auf den Ersten Weltkrieg ist natürlich schwierig. Es stellen sich Fragen: Haben die Unteroffiziere aus dem Döbelner Regiment in Nordfrankreich wirklich ihr Vaterland verteidigt? Ist es die Pflicht junger Männer zu sterben, wenn es ihnen befohlen wird? Haben sich die Truppen, die im Schlamm von Flandern feststeckten, wirklich als Helden empfunden? Ist der Spruch auf dem Denkmal für die Unteroffiziere nicht eher der Versuch einem sinnlosen Sterben nachträglich einen Sinn zu geben? Wird hier konkretes politisches Versagen durch Pathos verschleiert? Fragen über Fragen – die Antworten liegen nahe.

Das Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere des 139. Regiments wurde am 28.08.1920 eingeweiht. Das Datum ist kein Zufall – es war der 6. Jahrestag der Schlacht bei Thin-le-Moutier, die die 139er zur „Feuertaufe“ des Regiments im Krieg stilisierten.

Das Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere wurde Anfang der 60er Jahre entfernt. Da hieß der Wettinplatz schon länger Käthe-Kollwitz-Platz. Peter, der Sohn der berühmten deutschen Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, war 1914 bei der ersten Flandernschlacht gefallen – nicht weit entfernt von Thin-le-Moutier.

Pioniergruß am Lenindenkmal auf dem Käthe-Kollwitz-Platz (heute wieder Wettinplatz).

Lenin-Denkmal auf dem Käthe-Kollwitz-Platz (heute Wettinplatz)

Der Zweite Weltkrieg war nicht nur für die deutsche Geschichte eine Zäsur, auch die Gedenkkultur wurde durch den Krieg und die neuen politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit stark verändert. Gleich 1949 wurde auf dem Döbelner Obermarkt ein Denkmal der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes erbaut. Dessen Standort befindet sich seit 1974 auf dem Wettinplatz gleich neben einem sowjetischen Denkmal, das an verstorbene Soldaten und Offiziere der Roten Armee erinnert.

Bald schon wird klar, dass die östliche Besatzungszone nach sowjetischem Vorbild geprägt werden soll. Die DDR, 1949 gegründet, versteht sich als sozialistischer Staat. Das große Vorbild ist die Sowjetunion. So wird aus dem Obermarkt der Rote Platz, im Neubaugebiet Döbeln-Ost II heißt die längste Straße Leninstraße und die Polytechnische Oberschule dort natürlich Leninschule. Lenin, der mit seiner Oktoberrevolution den Zaren stürzte und kurz darauf den ersten kommunistischen Staat, die Sowjetunion, gründete, gilt auch den Funktionären in DDR als kommunistischer „Superstar“, den man der Bevölkerung nahebringen muss. Ein Denkmal ist da, das haben wir ja schon gelernt, immer hilfreich. So wurde am 14. Oktober 1977 anlässlich des 60. Jahrestages der Oktoberrevolution im Rahmen des „Festes der Jugend“ eine meterhohe Lenin-Figur aus Sandstein auf dem Döbelner Käthe-Kollwitz-Platz (heute Wettinplatz) aufgestellt. Für rund 81.000 DDR-Mark haben der Bildhauer Hans-Joachim Förster sowie Steinsetzmeister Lothar Franz die Steinfigur erschaffen.

Gleich nach der Wende baute man das Denkmal wieder ab. So innig war das Verhältnis der Döbelner zu Lenin dann doch nicht. Seit 1991 ist die Figur im Bauhof der Stadt Döbeln eingelagert.

Die "Stadtmusikanten" vor dem Parkrestaurant des Bürgergartens wurde in den 90er Jahren gestohlen.
Lenin überlebensgroß und mit Blick auf die Döbelner Kaserne. (Foto: www.döbeln.de)

Schade, dass eine kleine Zugabe, die Bildhauer Förster der Stadt Döbeln bei der Übergabe der Lenin-Statue mit vermachte, auch von der Bildfläche verschwand. Die Bremer Stadtmusikanten, eine beschwingte Sandsteinfigur, die im Bürgergarten aufgestellt wurde, hielt hier bis 1995 die Stellung. Seit dem Abriss des Parkrestaurants ist auch die bei Kindern beliebte Figur verschwunden.

Neben großformatigen Denkmälern gab es in Döbeln auch eine Reihe von kleinen, bescheidenen Gedenkorten, die in der Zeit der DDR errichtet wurden. Meist waren das größere oder kleine Natursteine, die eine Relieftafel aus Bronze trugen. Diese Gedenksteine ehrten prominente Akteure der kommunistischen Bewegung. So fand sich am Döbelner Pionierhaus (ehemalige Tümmler-Villa, heute Musikschule) ein Gedenkstein für Ernst Thälmann, ein Gedenkstein erinnert noch heute auf dem Körnerplatz an Karl Marx. Damit es sich auch lohnt, hatte man aus dem Körnerplatz den Karl-Marx-Platz gemacht und die dort befindliche Schule als Karl-Marx-Schule ausgewiesen. Wenn schon, denn schon. Die Gedenksteine sollten prominente Kommunisten im Alltagsbewusstsein der Bürger verorten. Das Gedenken wurde zelebriert. Fahnenappelle, Mahnwachen mit Fackeln und ähnliches Brimborium gehörten zum festen Repertoire der DDR. Besonders die Jugend wollte man durch diese Events für die kommunistische Sache begeistern. Der Erfolg war meist überschaubar. Dennoch gehörte es schon bald fast zum guten Ton, dass man als Schule oder staatliche Institution einen solchen Gedenkort ins Leben rief. Zwei Beispiele sollen näher vorgestellt werden.

Heinrich-Greif- Gedenkstein auf dem Schulhof der Lessing-Schule

Auf dem Schulhof der Lessing-Schule hatte man für den ehemaligen Schüler Heinrich Greif einen Gedenkstein errichtet. Der wurde 1977 anlässlich der 9. Wissenschaftstage übergeben. Etwas hochtrabend sprach man von einem Heinrich-Greif-Ehrenhain. In Wirklichkeit war es lediglich ein unbehauener Stein mit einer eher kleinen Bronzetafel, die das Konterfei des kommunistischen Schauspielers zeigte. Den hatte es 1925 eher unfreiwillig nach Döbeln verschlagen. Der begabte Sohn eines Postbeamten war bester Schüler des Wettiner Humanistischen Gymnasiums in Dresden. Die revolutionären Nachkriegsereignisse der zwanziger Jahre hatten ihn in oppositionelle Kreise geführt. Der Klassenprimus wurde Mitherausgeber und Autor der Jugendzeitschrift »Der Mob«. Kurz vor dem Abitur wurde er deswegen relegiert und nach Döbeln strafversetzt. Später wird er Schauspieler und 1933 Mitglied der KPD. Bald schon muss er aus Deutschland fliehen, lebt seit 1935 in der Sowjetunion. Hier wirkt er an zehn Filmen mit und wird beim Moskauer Rundfunk Chefsprecher der deutschsprachigen Sendungen. Tausende Deutsche, darunter auch die betagte Mutter Greifs in Dresden, hören während des Krieges unter Gefahr für das eigene Leben, insgeheim aus dem Radio die Stimme Heinrich Greifs: »Achtung, Achtung! Hier ist der Moskauer Rundfunk in deutscher Sprache.« Gleich nach dem Ende des Krieges kehrt Greif nach Deutschland zurück. Er arbeitete in Dresden als Stadtrat für Volksbildung, folgte schon im Juni 1945 einem Ruf des Deutschen Theaters in Berlin.

(1) 1977 wurde der Heinrich-Greif-Ehrenhain auf dem Schulhof der Lessing-EOS eingeweiht.
(2) Regelmäßig wurde der Gedenkstein bei Fahnenappellen auf dem Schulhof eingezogen.
(3) Bronzetafel mit einer Profilansicht Heinrich Greifs auf dem Gedenkstein.
(Fotos: Schulmuseum G.-E.-Lessing-Gymnasium)

Er gilt als hoffnungsvolles Talent und stirbt schon bald unter tragischen Umständen. Die geplante Leistenbruchoperation galt als nicht sonderlich kompliziert. Mit der Berliner Charité hatte er sich für das renommierteste deutsche Krankenhaus und mit Ferdinand Sauerbruch für den profiliertesten Chirurgen des Landes entschieden. Doch die OP ging schief. Beim 71-jährigen Sauerbruch zeigten sich zu diesem Zeitpunkt bereits Symptome einer Zerebralsklerose (Durchblutungsstörungen im Gehirn) und grobe Fehler bei der Operation führten zum Tode des erst 39-jährigen Patienten. Friedrich Wolf schrieb in seinem Nachruf auf den toten Freund „Diese Stimme ist der Mensch! ... Und Du stehst plötzlich wieder vor uns, lieber Greif, Du stiller und fester Kamerad, der du hart und weich warst, Verstand und Herz, ja gerade auch Herz, das Du im Leben so schamhaft verbargst.“

Das Greif-Denkmal auf dem Schulhof des Gymnasiums gibt es nicht mehr und aus dem Filmschauspielerlexikon des Henschel-Verlages (von 1971 bis 1989 erschienen in der DDR sieben Auflagen, nun betreut es eine Hamburger Redaktion) ist Greif seit der Neuauflage von 1995 eliminiert.

Man fühlt sich an ein Pendel erinnert. Nach einem extremen Ausschlag in die eine Richtung folgt immer ein ähnlich extremer Ausschlag in die andere Richtung. Heinrich Greif hätte es durchaus verdient, dass man sich seiner erinnert – auch an der Lessing-Schule in Döbeln. Ob der sich darüber gefreut hätte, ist wieder eine andere Frage. Für den Dresdner Greif war Döbeln sicher wie die Verbannung nach Sibirien.

Gedenkstein für Paul Rockstroh auf dem Gelände der Döbelner Kaserne. (Foto: www.döbeln.de)

Paul-Rockstroh-Gedenkstein auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne

Ganz ähnlich ist das Schicksal eines Denkmals für Paul Rockstroh, nach dem die Döbelner Kaserne zu DDR-Zeiten benannt war. Er wurde 1887 in Böhringen geboren, trat 1905 in die SPD ein und übernahm die Funktion des Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Roßwein. Als begeisterter Anhänger Karl Liebknechts schloss er sich der USPD an. Die Genossen der 1920 entstandenen KPD-Ortsgruppe wählten Rockstroh zu ihrem Vorsitzenden und Politischen Leiter. Nach dem Reichstagsbrand wurden Rockstroh und weitere 17 Genossen der KPD und SPD verhaftet und in die KZ-Lager Hainichen und Sachsenburg verschleppt. 1934 wieder entlassen, war er lange arbeitslos, fand dann aber im Roßweiner Achsenwerk wieder eine Beschäftigung. Hier setzte er seine illegale politische Arbeit fort, half Fremdarbeitern und verbreitete Nachrichten von Radio Moskau. Nach dem 20. Juli 1944 wurde Rockstroh erneut verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht, wo er am 25. Januar 1945 den Strapazen der Zwangsarbeit und Mangelernährung erlag.

Nach jahrlangem Leerstand wurde ein Teil der ehemaligen Paul-Rockstroh-Kaserne in Döbeln abgerissen, ein anderer Teil soll demnächst den Sächsischen Landesrechnungshof beherbergen und wird derzeit umgebaut. Nach der Bronzetafel mit dem Konterfei Paul Rockstrohs ist nun auch der Gedenkstein weg. Die Polizei sucht Zeugen, die eventuell beobachtet haben wie der etwa einen Meter hohe und über 100 kg schwere Sandsteinblock zwischen dem 22. und 29. Januar 2019 aus einer Garage, in der er eingelagert war, abhandenkam.

Neben den verschwundenen Denkmälern gibt es in Döbeln auch solche, die in Vergessenheit gerieten und heute ein recht kümmerliches Dasein fristen. Dazu gehört das Denkmal für die 70 im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder des Döbelner Turnvereins gleich neben der Turnhalle im Bärental und der Karl-Marx-Gedenkstein auf dem Körnerplatz.

Ein Denkmal hatte im Verlauf der Geschichte besonderes Glück. Das Lutherdenkmal gleich neben der Nicolaikirche sollte 1942 dasselbe Schicksal ereilen wie das König-Georg-Denkmal vom Niedermarkt. Man wollte es zur Herstellung von Kriegsgerät einschmelzen lassen. Völlig unerwartet tauchte es 1959 auf einem Hamburger Schrottplatz wieder auf. 1961 kehrt Luther nach Döbeln zurück und wurde am 1. Advent wieder auf seinen Sockel gehoben – ein vorgezogenes Weihnachtswunder.

Ist es nun schlimm, dass so viele Denkmäler Döbelns mit Mühe errichtet wurden und dann verschwanden? Ja und nein. Sicher wäre es schön, wenn man heute der jungen Generation am historischen Denkmal vergangene Zeiten erklären könnte. Aber so richtig ehrlichen Herzen wünscht sich sicher niemand die zahlreichen Kriegerdenkmäler zurück. Bei allem Leid und aller Trauer, für die sie natürlich auch stehen, wirkt der Geist, aus dem heraus sie erbaut wurden, doch irgendwie aus der Zeit gefallen.

Nachbildung der Figurengruppe "Badende Mädchen" von Johannes Hartmann am Alten Rathaus Leipzigs.

Kinderfigur aus dem Rathaus

Um ein kleines verschollenes Denkmal ist es allerdings wirklich schade. Der Figurenschmuck des 1912 fertiggestellten Döbelner Rathauses wurde bei dem Leipziger Bildhauer Johannes Hartmann in Auftrag gegeben. Prof. Hartmann, ein Freund Max Klingers, hatte in Döbeln in dieser Zeit gut zu tun. Er fertigte das Taubenmädchen für den Schlegelbrunnen auf dem Obermarkt und die Grabmäler für Robert Tümmler und Carl Gotthilf Schlegel auf dem Niederfriedhof. Als besondere Zugabe für das Döbelner Rathaus hatte Professor Hartmann die Bronzefigur eines Knaben angefertigt, der eine Taube umklammert. Insofern korrespondierte die kleine Figur, die die Besucher des Rathauses an der ersten Treppe begrüßte, mit dem Taubenmädchen des Schlegelbrunnens. Über dreißig Jahre tat sie das.

In der Nachkriegszeit verschwand die Figur und wird bis heute vermisst. Vermutlich kam sie 1949/50 bei Renovierungsarbeiten abhanden. Die sowjetische Kommandantur zog vom Rathaus in den Wappenhenschstift und die Stadtverwaltung vom ehemaligen Gewerkschaftshaus wieder ins Rathaus. Wochenlang ging es hier zu wie in einem Taubenschlag – ein Kommen und Gehen. Niemand hatte so wirklich einen Überblick.

Wanted - die Kinderfigur von Johannes Hartmann aus dem Döbelner Rathaus (Foto: Sammlung Stadtarchiv Döbeln)

Die überschaubare Größe machte die Bronzefigur zum leichten Diebesgut. Bei „Langfingern“ sind Hartmann-Werke scheinbar generell beliebt. 1909, kurz vor seiner Döbelner Schaffensphase, hatte Johannes Hartmann anlässlich einer umfassenden Renovierung des Alten Rathauses in Leipzig Figurengruppen für zwei kleine Brunnen gestaltet. Die „Badenden Mädchen“ wurden hier in der Nacht zum 7. Oktober 1992 gestohlen. Seit der Installation einer von Klaus Schwabe nachgebildeten Bronzeskulptur am 2. Dezember 2000 zeigt sich der Brunnen wieder annähernd in seiner früheren Gestalt.

Die Kinderfigur Hartmanns aus dem Döbelner Rathaus wiederzubeschaffen, ist sicher ein aussichtsloses Unterfangen. Eine Nachbildung des Knaben mit der Taube ist da eher realistisch - teuer sicher, aber machbar. Die Mittel dafür aufzubringen, wäre eine lohnende Aufgabe für die Bürgerschaft Döbelns. Irgendwie ist die Figur des unschuldigen Knaben, der schützend seine Hände um die kleine Taube legt, auch sympathischer als die martialischen Kriegerdenkmäler.

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
09.01.2021

Quellen:
Rate der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Deutschlands Städtebau - Döbeln. Deutscher Architektur- und Industrieverlag, Berlin-Halensee 1925 (Abbildung Kinderfigur aus dem Döbener Rathaus auf S.21)
C. Schwender: Döbelns Denkmäler. S. 186-196 In: Döbelner Heimatschatz. Sammlung heimatkundlicher Aufsätze des "Döbelner Erzählers". Bd. 6, Döbeln 1927 (Abb. Bormann-Denkmal auf S. 187)
Jürgen Dettmer: Döbelner Denkmäler und Zeitzeugen - ein besonderes Kapitel der Heimatgeschichte.S. 96-107. In: Döbelner Mosaik, Beucha - Markkleeberg 2004
Werner Pfeifer: Döbeln - aus Geschichte und Gegenwart. Leipzig 1981 (Abb. Lenin-Denkmal S. 100)
Erich Kästner: Die Zeit fährt Auto - Lyrische Bilanz. Leipzig 1968 (Auszug aus "Primaner in Uniform" S. 26)























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