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Straßen

Die Döbelner Straßen, Gassen und Plätze im Wandel der Zeiten

Die Straßen und Gassen der Stadt sind wie das Adernetz eines Körpers, das ihn in vielfältiger Weise versorgt. Funktional stellen sie ein ordnendes Liniennetz dar, dass der Stadt Systematik und Nachhaltigkeit verleiht. Ganz zu schweigen vom Ordnungsrahmen für Briefträger, Steuereintreiber und Paketdienste. Straßen und Gassen geben einer Stadt ein Äußeres, eben ein Gesicht. Es sind Unikate, die sich im Laufe der Zeit markant verändern. Und wie jeder Mensch Gesichtszüge hat, so verhält es sich auch mit dem städtischen Antlitz von Döbeln, dessen Wandel wir gern aufgreifen wollen.

Rot eingezeichnet
Rot eingezeichnet der Standort der Döbelner Burg

Dort wo der Döbelner Schlossberg als ein hochragender Felsrücken im Südosten der Stadt die Freiberger Mulde in einen nördlichen und einen südlichen Flussarm aufteilt, stand zu Beginn des 10. Jahrhunderts die Döbelner Burg. Im Laufe vieler Jahrzehnte änderte sie ihr Aussehen und ihre Ausdehnung. Wie auf einer Insel entfaltete sich im Schutz der Burg die darunter gelegene Stadt Döbeln. Diese Insellage entstand, da beide Muldenarme sich flussabwärts wieder vereinigten. Aus der Luft betrachtet hat sie die Form einer verschobenen bikonvexen Linse. Es ist eine relativ kleine Insel mit 900 m Länge (Ost-West) und 350 m Breite (Nord-Süd). Die Mulde gab so der Stadt einen natürlichen Schutz, der durch eine doppelreihige Mauer, von der Burg jeweils parallel verlaufend zu den Flussarmen, verstärkt wurde.

Modell der Döbelner Burg
Modell der Döbelner Burg zu besichtigen im Stadtmuseum Döbeln, im Vordergrund sind die Stadtmauern zu sehen...

Zuerst entwickelte sich auf der Muldeninsel der östliche Teil, die sogenannte Oberstadt. Die Westseite des Mauerringes endete zunächst im Verlauf der heutigen Stadthausstraße/Kreuzgasse zwischen Ritterstraße und Frongasse/Zwingerstraße. Später entstand die Niederstadt. Mit der Verbindung von Ober- und Niederstadt wurde die Mauertrasse in die heutige Rudolf-Breitscheid-Straße nach Westen verschoben. Diesem Straßenverlauf folgend verband sie das Ende der nördlichen Mauer am Wege des Salzgrabens mit der Gasse „Am Stadtgraben“, der heutigen Theaterstraße. Der Blick auf den mittelalterlichen Stadtplan der „Inselstadt“ Döbeln zeigt, dass in der Ober- und der Niederstadt die Straßen und Gassen in Rasterform angelegt wurden und sie sich in Ost-West und Nord-Süd-Richtung kreuzen. In beiden Stadtteilen liegen die Märkte zentral und sind aus allen Himmelsrichtungen erreichbar.

Stadtplan aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts
Stadtplan aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts Aus: Döbeln städtebaulich-denkmalpflegerische Analyse, Institut für Denkmalpflege Arbeitsstelle Dresden 1969. Zum Vergrößern auf den Plan klicken

Etliche Straßenbezeichnungen aus der Gründungszeit wie Ober- und Niedermarkt, Fron-, Rathaus-, Markt-, Ritter- und Johannisstraße, Neue Gasse und Kreuzgasse sowie die beiden Kirchgassen existieren immer noch. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass diese alten Straßen trotz großer Stadtbrände in den Jahren 1429, 1523, 1730 und 1801 ihre Lage und ihren Verlauf im Wesentlichen behalten haben. Nur etwas ist für unsereins sehr schwierig, die früher geringe Anzahl an Fahr- und Gehflächen konnte fast an den Fingern von vier Händen abgezählt werden. Jetzt reicht deren Zahl über Zweihundert und man braucht als Unkundiger einen Stadtplan, um sein Ziel zu finden.

Die Zahl der Straßen und Plätze in Döbelns Geschichte stieg an, als die Stadt ihr „Steinernes Korsett“ in den Jahren von 1829 bis 1830 ablegte und dieses danach auf wenige noch erhaltene Relikte abgetragen wurde. Das gleiche Schicksal ereilte in der Zeit von 1836 bis 1838 die drei Stadttore. Zusehends vergrößerte sich nun die Fläche von Döbeln durch Ansiedlungen, wie im Osten der Oberscheunenplan (Dresdner Platz) und das Klosterviertel, im Süden der Niederscheunenplan (Körnerplatz). Nach und nach kamen die vor den Stadtmauern gelegenen Gebiete hinzu.

Muldeninsel 1917
Muldeninsel 1917 Aus: Ulrich Zimmermann www.doebeln-in-alten-ansichten.de

Die Industrialisierung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte nicht nur die Errichtung von Fabriken und Wohngebieten für deren Arbeiter mit sich, sondern auch den Neubau von Straßen. Es begann mit dem Bau der Bahnhofstraße zum Hauptbahnhof. Dazu kamen die Roßweiner Straße (1859), Am Viadukt (1879), Königstraße (1875), Burgstraße (1876 bis 1897), Schlachthofstraße (1878), Kasernen- und Friedrichstraße (1886), Sörmitzer Straße und Wappenhenschstraße (1894), Reichensteinstraße und Am Burgstadel (1897), Thielestraße (1898) und Bismarckstraße (1899). 1921 entstand die 1,3 km lange Geyersbergstraße. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die über den Staupitzberg führende erste Bahnhofstraße zum Bahnhof Großbauchlitz 1871 in Leipziger Straße umbenannt wurde, der Niederscheuenplan bereits 1891 den Namen Körnerplatz und der Steinplatz 1893 die Bezeichnung Wettinplatz erhielt, die Bismarckstraße nunmehr den Namen Rosa-Luxemburg-Straße trägt und die Moltkestraße, vorher Salzgrabenweg, jetzt Rudolf-Breitscheid-Straße heißt. Diese Aufzählung möge aber vorerst genügen.

Die festgelegten Katasternummern je Haus ersetzte man 1887 durch straßenbezogene Hausnummern. Und es ging stetig weiter. Döbeln vergrößerte sich im Jahr 1922, weil ganze Gemeinden wie Keuern, Kleinbauchlitz und Sörmitz hinzukamen. Später folgten Großbauchlitz, Masten, Zschackwitz und Pommlitz. Nach 1945 schwoll die Einwohnerzahl so stark an, dass Wohnungsnot herrschte. In den folgenden Jahrzehnten schossen die drei großen Wohngebiete Döbeln-Ost (1955 bis 1961), Döbeln-Ost II (1971 bis 1977) und Döbeln-Nord (1982 bis 1988) mit einer Vielzahl von Straßen und Gehwegen aus dem Boden. Mit der Wiedervereinigung setzte ein erneuter Bauboom ein. Gewerbegebiete wuchsen auf der „grünen Wiese“ und Eigenheimsiedlungen an der Stadtperipherie.

Die Palette der Namen für Straßen wurde, wie in anderen Städten, bunt und vielgestaltig. Namensgeber sind nunmehr benachbarte Orte, Musiker und Dichter, Partnerstädte, Personen aus der Historie der Stadt, wie Ratsherren und Ehrenbürger, Firmengründer aus Gewerbe und Industrie sowie markante Punkte aus der Umgebung und der Natur. So finden wir im Gewerbegebiet Döbeln-Ost die Daniel-Wilhelm-Beck-Straße, die Oswald-Greiner-Straße, die Richard-Köberlin-Straße und die Hermann-Otto-Schmidt-Straße. In der Wohnsiedlung „Sörmitzer Au“ kann man wie auf einem Naturlehrpfad über Ahorn-, Buchen- oder Eichenwege wandeln und im „Vogelviertel“ nahe Pommlitz schlendert man über den Finken-, Lerchen- und Spatzenweg.

Viele Straßen und Plätze wurden im Laufe der Jahrhunderte umbenannt, einige Bezeichnungen tauchten nie wieder auf. Wer würde zur St.-Georgen-Straße noch Saumarkt sagen oder Honigloch zum unteren Ende der Breiten Straße? Vor allem die Bürger des 20. Jahrhunderts mussten sich vielfach zweimal, ja dreimal an andere Bezeichnungen gewöhnen. Wechselnde Regime fanden meist Gefallen an neuen Namen, die ihnen genehm waren. Schauen wir uns dazu nur die beiden Döbelner Hauptplätze an. Aus dem Obermarkt wurde Hindenburgplatz, dann Roter Platz und nun wieder Obermarkt. Der Niedermarkt hieß bis zur Rückbenennung Mutschmann- und dann 40 Jahre lang Thälmannplatz.

Königstraße 1911
Königstraße 1911 Aus: Ulrich Zimmermann www.doebeln-in-alten-ansichten.de

Absolutes Paradebeispiel ist aber die Straße, die an unserem Gymnasium vorbeiführt. Um 1867 zog sich aus der Stadt ein Wiesenweg über den Zwingersteg zum heutigen Ostbahnhof mit dem Namen „Weg zur Haltestelle“. Aus ihm wurde 1875 die Königstraße. In der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 benannte man sie nach Walter Rathenau. Von 1933 bis 1945 war Adolf Hitler ihr Namensgeber. Der wurde 1945 gegen Josef Stalin ausgetauscht. Seit 1954 trägt sie die Bezeichnung Straße des Friedens und so möge es bleiben. Ein Straßenname sollte wohl nicht wie ein Kleidungsstück ständig gewechselt werden.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gab den innerstädtischen Verkehrsadern eine zum Teil deutlich veränderte Gestaltung. Geschuldet war dies dem berüchtigten Zahn der Zeit, der unerbittlich an der Bausubstanz der Häuser nagt und Abrisse unumgänglich machte. Hinzu kam, dass der zunehmende Verkehr die bisher mögliche Durchlässigkeit enorm überschritt. Die Rushhour entstand. Als anschaulichstes Beispiel dient dafür die zweimalige Verlängerung der Ritterstraße. Nachdem schon 1973 die Salzgasse, eine Verbindung zwischen Rudolf-Breitscheid- und Rosa-Luxemburg-Straße, einem Einkaufsmarkt Platz machen musste, erfolgten im Januar 1976 umfangreiche Abbrucharbeiten am Ende der Ritterstraße nahe der Staupitzmühle. Das anheimelnde Torschreiberhäuschen und die zur Nord-West-Ecke des Niedermarktes verlaufende Brauhausgasse, früher Enten- und Kuttelgasse genannt, verschwanden aus dem Stadtbild. Gleichzeitig wurde der Weg am Salzgraben entlang des Mühlgrabens wegrationalisiert.

Die Ritterstraße, damals noch Clara-Zetkin-Straße genannt, verlängerte man im Oktober des Jahres 1976 um 250 m von der Stadthausstraße bis zur Rudolf-Breitscheid-Straße. Der Döbelner „Stadtvolksmund“ sprach vom „Dittrichring“, weil der damalige Bürgermeister Dittrich dieses Projekt forciert hatte. Nun wieder Ritterstraße heißend, entwickelte sie sich sogar nach 1990 weiter. Im März des Jahres 1999 wurde das so genannte SPD-Haus am nördlichen Ende der Rudolf-Breitscheid-Straße ein Opfer der Abrissbirne. Damit wurde der Weg über das Gelände, wo einst die Gasometer der Stadtwerke standen, frei bis zur Rosa-Luxemburg-Straße. Das Ende ihres Ausbaus erreichte die Ritterstraße im August 2000.

Ähnlich drastisch erging es auch anderen Döbelner Straßen in den letzten Jahrzehnten. Gedacht sei dabei an die Zweckengasse hinter dem Rathaus, an die Fron- und Zwingerstraße und vor allem an die Kleine Kirchgasse. Deren Straßenbreite stieg seit 1973 auf das Dreifache an und man bedenke, davor fuhren Lastkraftwagen und Busse genauso hindurch. Leider erfolgte keine geschlossene Neubebauung mit Häusern, so dass die Rückfronten der östlich angrenzenden Grundstücke des Obermarktes keinen besonders schönen Anblick liefern. Sei es nun wie es sei – wir Döbelner Bürger müssen uns damit abfinden, dass im vorgerückten Alter Veränderungen des Äußeren unumgänglich sind. Denken wir nur an die eigenen „Fältchen“ im Gesicht und die eventuell fehlenden „Beißerchen“.

Auf jeden Fall ist es eine unterhaltsame und das Wissen erweiternde Suche, wenn man sich hin und wieder alte und neue Stadtpläne von Döbeln zur Hand nimmt, um zu erfahren, was aus den Straßen, Gassen und Plätzen geworden ist, die unsere Urdöbelner einstmals anlegten.

Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 31
08. Dezember 2006