Sie sind hier: Startseite » Döbeln und sein(e)

Bahnhöfe

Eisenbahnfahrten zählten mit zu den nachhaltigen Erlebnissen meiner Kindheit. Wenn eine Reise bevorstand, drängte ich meine Mutter bei Zeiten zum Bahnhof. Dies aus dem Grunde, um ausgiebig lange auf einem Bahnsteig solch ein dampfendes, schnaubendes Ungetüm, wie sich eine Dampflokomotive dem kindlichen Auge bot, zu bestaunen! Natürlich stand der Lokführer ganz oben auf der Wunschliste für einen späteren Beruf. Vom Kindheitsideal ist die Spielzeugbahn auf der Liste für den guten Alten zu Weihnachten geblieben!

Nun, die Kindheit ist lange vorbei und ebenso auch die Zeit der „Dampfrösser“. Nach und nach von Diesel- und Elektromotoren als Triebkraft abgelöst, hat die Dampfmaschine heute nur noch nostalgische Bedeutung. Die goldenen Zeiten der Bahn scheinen auch vergangen. Alles muss „sich rechnen“. Strecken werden stillgelegt und Bahnhöfe können sogar als Privat-Immobilie erworben werden.

Döbeln stellte einen bekannten und stark frequentierten Eisenbahnknotenpunkt zwischen Nord und Süd, sowie West und Ost dar. Unsere Stadt war Drehkreuz zwischen Riesa und Chemnitz beziehungsweise zwischen Leipzig und Dresden! Da heuer Jubiläumsgeburtstage beider Streckenführungen anstehen, wollen wir in den Annalen blättern und erzählen wo das „Flügelrad“ - einst Symbol der Reichseisenbahn - in Döbeln zum Halten kam.

Unsere noch heute übliche Schienenspurweite von 1435 mm dokumentiert ein englisches Maßsystem. Bekanntlich stand die Wiege der Eisenbahn in England. J. Watt schuf die Dampfmaschine und G. Stephenson stellte diese bei seiner Lokomotive „Rocket“ mustergültig auf Räder. Und während die Bürger Englands das neue Verkehrsmittel Eisenbahn schon seit 1825 nutzten, musste Deutschland bis zum 7. Dezember 1835 warten. An diesem Tag fuhr der erste Zug die Sechs-Kilometer-Strecke von Nürnberg nach Fürth!

Indessen war man in Sachsen nicht untätig. Schon 1833 erschien von Dr. Friedrich List eine Schrift über ein Sächsisches Eisenbahnsystem und über eine Streckenplanung Leipzig-Dresden. Eine Gesellschaft nahm sich diesem Projekt an. Die geplante Streckenführung hatte Döbeln mit bedacht, doch im Rahmen der damaligen „Wettbewerbsausschreibung“ gewann der Schwenk über Riesa mehr Zustimmung.

Nach Freigabe einzelner Teilstrecken konnte die Gesamtstrecke von 116 Kilometern als erste deutsche Fernbahnstrecke am 7.und 8. April 1839 eingeweiht werden. Eine Zugfahrt dauerte dabei 3 Stunden und 40 Minuten. Davon entfielen eine Stunde und 32 Minuten für Aufenthaltszeiten! Als ab 9. April 1839 der regelmäßige Verkehr zwischen Leipzig und Dresden aufgenommen wurde, durfte auch die vom Dresdener Professor A. Schubert entwickelte und gebaute l. Deutsche Lokomotive „Saxonia“ ihre Arbeit aufnehmen, die vorher von englischer Konkurrenz „behindert“ worden war!

Döbelner Hauptbahnhof
Döbelner Hauptbahnhof www.döbeln.de

Hauptbahnhof

Bald begann die Eisenbahnzeit auch auf der Strecke Riesa-Chemnitz. 1845 wurde in Dresden die Konzession für den Bau erteilt. Der erste Bahnhof Döbelns entstand an der verkehrsgünstigen Chaussee von Döbeln nach Leisnig in Großbauchlitz. Am 28. August 1847 reisten der Sächsische König mit Gemahlin, Gefolge und Festgästen von Döbeln nach Riesa. Am nächsten Tag startete die erste öffentliche Fahrt des Zuges mit den Lokomotiven „Riesa“ und „Elbe“ von Riesa nach Döbeln. Der Chronist Hingst schreibt dazu: „Gegen 10 Uhr langte der Zug mit seinen prachtvollen Wagen auf dem Bahnhofe zu Großbauchlitz an. Musik und Böllerschüsse begrüßten die Ankommenden...“.

Die Straße von der Stadt über den Berg, beginnend an der Oberbrücke, wurde Bahnhofstraße benannt, bis sie dann ab 1871 wie noch heute den Namen „Leipziger Straße“ bekam. Ab dieser Zeit hatte Döbeln die neue und noch heutige Bahnhofstraße, auf welcher von 1892 bis 1926 die Döbelner Pferdebahn als „Zubringer“ zum Hauptbahnhof rollte.

Die feierliche Eröffnung der Gesamtstrecke erfolgte am 1. September 1852. Auch dabei gab es ein herzliches Willkommen in Großbauchlitz mit „Musik und Jubelruf“! Zwischenzeitlich hatte die „Leipzig-Dresden-Eisenbahn-Compagnie“ die Bewilligung für den Bau der Strecke Borsdorf-Coswig erhalten, der alsbald mit dem Betrieb von Teilstrecken begann.

In Döbeln kreuzten sich beide Hauptrichtungen und ein neuer Bahnhof war nötig. Wo wir heute den Hauptbahnhof betreten, wuchsen bis 1868 Gebäude und Anlagen aus dem Boden. Am 2.Juni 1868 konnte auf dem neuen Bahnhof der Festzug auf der Strecke Leisnig-Döbeln begrüßt werden. Zunächst als Station Döbeln benannt, gab man dem neuen Bahnhof eine Zeit lang die Bezeichnung „Centralbahnhof“, danach „Hauptbahnhof“.

Ostbahnhof
Ostbahnhof www.döbeln.de

Ostbahnhof

Zu dieser Zeit befand sich im Osten der Stadt die „Haltestelle Döbeln“, der heutige Ostbahnhof. Erreichbar war die Haltestelle vom Stadtzentrum aus über den Wiesenweg, der heutigen Straße des Friedens, die an unserem Gymnasium vorbeiführt. Bis Ende 1904 verliefen die Gleise in Höhe Straßenniveau. Dann erfolgte eine Absenkung der Eisenbahnstrecke um sechs Meter. Eine Untertunnelung der Roßweiner Straße machte dies möglich. Die anfallenden Erdmassen nahm man für die Auffüllung des Geländes in Nähe der Thielestraße für den Bau des Güterbahnhofs Ost. Dieser war durch die starke Ansiedlung von Industriebetrieben im Umfeld zu einer Notwendigkeit geworden.

Ähnliche Erfordernisse bestanden auch im Bereich Hauptbahnhof und in Großbauchlitz. Die vielgerühmten Gründerjahre brachten auch in Döbeln ein rasantes Wachstum. Sprichwörtlich wie Pilze aus dem Boden wuchsen die Unternehmungen. Dieser Prozess dauerte bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Große Güterbahnhofsbereiche entstanden ebenso wie spezielle Werkbahnanschlüsse. Gedacht sei nur an die Gleisanschlüsse vom Hauptbahnhof zur Greinerfabrik oder aus Großbauchlitz zur dortigen Mühle.

Besonders hervorzuheben ist der 1883 gebaute Gleisanschluss zur Zuckerfabrik Döbeln! In diesem Zusammenhang soll auch die Einrichtung der Kleinbahnstrecke Oschatz-Mügeln-Döbeln im Jahre 1884 genannt werden, die neben der Beförderung von Personen aus den Dörfern maßgeblich für den Transport der Zuckerrüben nach Döbeln diente! Die Floskel „Mutzschen – Mügeln – Mailand – Rom“ ist wohl vielen noch bestens bekannt.

Seit dieser Zeit hat sich das beschriebene Umfeld der Bahn und ihrer Bahnhöfe maßgeblich verändert. Während der Hauptbahnhof noch einigermaßen in Betrieb ist, reicht für den Bahnhof Döbeln-Ost wieder die Bezeichnung „Haltestelle“.

Das einst sprudelnde Wirtschaftswachstum hat mit der Wende gravierende Veränderungen erfahren. Alte Industriestandorte mussten der Konkurrenz auf der „Grünen Wiese“ weichen. In Döbeln fiel keine Mauer, doch eine erhebliche Anzahl von Industrieschornsteinen, protzende Standortmarkierer einer vergangenen Industriealisierung, kippten „wendegeschädigt“ nacheinander um. Bei den Größeren mussten einige Kilogramm Dynamit nachhelfen.

Einschneidend für die Bahn ist auch die Dominanz der LKW-Transporte und das individuelle Bedürfnis einer ausufernden Mobilität. Ein Drittel der uns umgebenden Schadstoffe sind Ergebnis dieser Entwicklung.

Aber soviel Einsicht sollte sich doch wieder einstellen, dass die gute alte Eisenbahn vor allem ein ökologisches und ökonomisches Gütertransportmittel ist, das dem individuellen Personenverkehr auf den Autobahnen und Straßen mehr Freiraum und Beweglichkeit eröffnet, hofft der Vorstand!

Gerhard Heruth / Reinhard Zerge
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 23
Dezember 2002