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Daniel Becksche Lederfabrik

Im 18. und 19. Jahrhundert zählt neben der Tuchmacherei vor allem die Gerberei zu den wichtigsten Handwerkszweigen in Döbeln. Da das Gerben mit erheblicher Geruchsbelästigung verbunden war und durch das Waschen der Tierhäute sowie die Entsorgung der Gerbstoffe die Gewässer stark verschmutzt wurden, durften die Gerber ihr Handwerk nur außerhalb der Stadtmauern ausüben. So entstand nördlich der Staupitzstraße ein eigenes Gerbereiviertel, in dem ein Unternehmer besonders herausragte.

Daniel Wilhelm Beck wurde am 27. Februar 1797 geboren und gründete im Jahr 1820 in der Staupitzstraße seine Gerberei. Er baute sie rasch zu einer Manufaktur und später zu einer umfangreichen Fabrik aus. Das Unternehmen vereinte mehrere Produktionszweige unter einem Dach: eine Lohgerberei, in der mit pflanzlichen Gerbmitteln robuste Leder aus Rinderhäuten hergestellt wurden, eine Weißgerberei, in der mithilfe von Mineralien besonders helles Leder entstand, eine Lohmühle zur Zerkleinerung der für die Lohgerberei nötigen Rinden sowie eine Leimfabrik, in der Fleisch- und Hautabfälle zu Knochenleim verarbeitet wurden.

Daniel Becks Lederfabrik - zeitgenössische Abbildung (um 1850)

Die Produktion war so umfassend, dass sie bald ein ganzes Stadtviertel dominierte. In den Jahrzehnten ihres Bestehens wuchs die Fabrik auf insgesamt 52 Gebäude an. Drei Dampfmaschinen sorgten für die mechanische Kraft. Die 1838 gegründete Lohgerberei umfasste vier Haupt- und zehn Nebengebäude. Die Lederlackiererei und Leimsiederei nutzten drei Haupt- und zwei Nebengebäude, während die 1851 gegründete Papier-, Pappen- und Pressspanfabrik in einem Haupt- und dreizehn Nebengebäuden untergebracht war. Produziert wurden Roß- und Rindverdeckleder, Geschirrleder, Kalb-, Schaf- und Ziegenfelle sowie schwarze Bockfelle. Die Lackiererei veredelte diese zu hochwertigen, glänzenden Produkten. In der Papier- und Pappenfabrik stellte man unter anderem Dachpappen und Pressspäne her.

Doch der Erfolg war nicht frei von Rückschlägen. In den 1850er Jahren zerstörte ein verheerender Brand fast die gesamte Fabrik. Acht Tage lang brannten rund eine Million Lohkuchen – getrocknete und zu Ballen gepresste Gerberlohe aus gerbstoffreicher Rinde von Eichen und Fichten –, die aufgrund ihrer Beschaffenheit kaum zu löschen waren. Trotz solcher Katastrophen blieb die Becksche Fabrik ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Produkte wurden in ganz Deutschland und bis in den Orient verkauft. Drei Handlungsreisende vertraten das Unternehmen auf den Leipziger Messen, während in der Produktion fünf Werkführer und rund 260 Arbeiter beschäftigt waren (Stand 1856).

(1) Leder-Manufactur von D. Beck in Döbeln. Im Hintergrund sieht man den damals noch unbebauten Leipziger Berg (auch Staupitzberg).
(2) Mit Hilfe eines KI-Bildbearbeitungstools der Genealogie-Plattform MyHeritage wurde die Lithografie nachkoloriert.
(2) Wer Höhe Parkhaus an der verlängerten Ritterstraße steht und Richtung Staupitzstraße blickt, hat ungefähr die Perspektive auf die frühere Ledermanufaktur.
(3) Papier-, Pappen- und Preßspanfabrik von D. Beck in Döbeln.
(4) Wer an der Einmündung der Rudolf-Breitscheid-Straße in die verlängerte Ritterstraße steht (Höhe Sparkasse) und Richtung Staupitzstraße blickt, hat ungefähr die Perspektive auf die frühere Papier-, Pappen- und Preßspanfabrik.
(5) Leder-Lackiererei, Leimfabrik und das Grabmal von D. Beck in Döbeln. Das Grab lag unterhalb eines kleinen Weges, der damals in die Klostergärten führte. Heute befindet sich an dieser Stelle der Parkplatz oberhalb des Stadtbades.
(6) Auf diesem Areal zwischen Mulde und Staupitzstraße befanden sich die Leder-Lackiererei und die Leimfabrik. (Foto 2024)

Ausschnitt aus einer Lithografie mit dem Grabmal Daniel Becks (um 1880)

Daniel Beck starb am 28. Juli 1860 während eines Kuraufenthalts in Dresden. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf einem von seinem Vater geerbten Gartengrundstück nahe seiner Fabrik beigesetzt. Das Grab befand sich in der Nähe des heutigen Stadtbads, wurde jedoch in den 1950er Jahren beseitigt. Nach seinem Tod führten seine drei Söhne Oskar Rudolph, Guido Eugenius und Paul Johannes Beck das Unternehmen weiter.

Becks Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung Döbelns liegt vor allem darin, dass er als erster Unternehmer der Stadt den Übergang von der Manufaktur zur industriellen Fertigung vollzog. Seine Fabrik vereinte zahlreiche Arbeitsvorgänge an einem Ort und setzte zunehmend Maschinen ein. Die Belegschaft bestand nicht länger aus traditionellen Handwerkern, sondern aus spezialisierten Produktionsarbeitern. Diese Modernität blieb nicht unbemerkt: Sowohl König Friedrich August II. als auch König Johann besuchten bei Aufenthalten in Döbeln die Fabrik Becks.

Genuss-Schein Sächsische Lederindustrie Döbeln 1883 Hist. Wertpapiere Aktie

1870 war die Lederfabrik die drittgrößte Deutschlands und beschäftigte bis zu 350 Arbeiter. Ein Jahr später wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und firmierte fortan als „Sächsische Lederindustrie-Gesellschaft, vormals Daniel Beck“. Die Söhne schieden aus dem Unternehmen aus. 1876 verfügte die Gesellschaft über ein Kapital von 1.050.000 Mark. Der Gründerkrach von 1873 hatte jedoch negative Auswirkungen, da die Firma stark vom Kapitalmarkt abhängig war. Die große Abhängigkeit vom Finanzmarkt rächte sich auch, weil man kurz vor dem 09. Mai 1973, der als „schwarzer Freitag“ in die Geschichte einging, große Kredite aufgenommen hatte. Die hohen Kosten für Zinsen und Tilgung überforderten nun das Unternehmen, weil dem Börsenkrach eine schwere Rezession folgte. Existenzschwierigkeiten bereitete auch die lange Umschlagdauer des Betriebskapitals. Für den Einkauf von rohen Häuten und Fellen wurde ein Kredit von drei, höchstens sechs Monaten gewährt. Das Unternehmen brauchte jedoch, um eine Haut gut zu gerben 16-20 Monate. Hinzu kam, dass die Käufer erwarteten, dass das Unternehmen für die Bezahlung der Ware bis zu 12 Monate Zeit einräumt.

In den 1880er Jahren geriet das Unternehmen immer mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Großproduktion erwies sich als unflexibel und unrentabel. Unter Direktor Levy versuchte man, sich mit der Spezialisierung auf schwarze und braune genarbte und satinierte Kalbfelle sowie Kidleder neu aufzustellen. Trotz zeitweilig stabiler Beschäftigung von etwa 150 Arbeitern blieb der Erfolg aus. 1894 wurde die Sächsische Lederindustrie-Gesellschaft schließlich liquidiert.

Ab 1896 begann der Umbau der ehemaligen Fabrikgebäude in der Staupitzstraße zu Wohnhäusern; die einst imposanten Schornsteine wurden gesprengt. Damit endete die Geschichte eines Unternehmens, das die Industrialisierung Döbelns entscheidend geprägt hatte.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1897. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Unternehmen schon in der Liquidation.

Lederfabrik Guido Beck

1870 gründete Guido Beck, ein Enkel Daniel Becks, am linken Arm der Mulde, gegenüber dem Schloßberg eine mit Dampfkraft betriebene Ledermanufaktur und Lacklederfabrik.

Er verarbeitete hauptsächlich Bullenhäute, die man mit Spaltmaschinen in eine Narben- und eine Fleischseite teilte. Nach der Gerbung wurden die Häute genärbt und glatt lackiert. Das fertige Lackleder verkaufte man weltweit. Aus ihm stellte man Schuhe her oder verwendete es in Sattlereibetrieben oder im Wagen-, später beim Automobilbau.

Um die Jahrhundertwende wurde das Ledergeschäft immer schwieriger. In einigen Gebäude auf dem Fabrikgelände siedelten sich andere Firmen an. 1912 eröffnete hier zum Beispiel die Holz-Riemscheiben-Fabrik Hiehle & Tischer.

Nachfolger Guido Becks wurde sein Sohn Arndt Beck. Er hatte sich der Herstellung von Boxcalf zugewendet. Als Boxcalf bezeichnete man Leder vom Milchkalb. Die besonderen Merkmale des Boxcalf-Leders bestehen in der leicht schattigen Optik, dem seidigen Glanz und dem sehr feinen, gleichmäßigen Narben.

Arndt Beck betrieb das Unternehmen bis 1933.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1915. Am Bildrand links oben erkennt man die Schloßbergschule. Die Fabrik selbst befand zwischen der Uferstraße und der heutigen Schillerstraße am Ufer der Mulde. Gut zu erkennen sind zahlreiche Holzständer, auf denen die Tierhäute getrocknet wurden. Die Lufttrocknung ist sehr arbeitsaufwendig, aber auch preiswert, da die Häute mit der Fleischseite nach oben in einen Spannrahmen gespannt werden.

Weiß- und Sämischgerberei Zaak

Staupitzstraße 6 (rot markiert)

Neben dem "Platzhirsch" Daniel Beck siedelten sich auch andere Gerber an der Staupitzstraße an. Östlich des Staupitztores, mit der Innenstadt durch den Staupitzsteg verbunden, gründete 1856 August Böhme in der Nr. 6 seine Gerberei. Er stellte Felle für Kürschner und Pelzschneider nach dem Prinzip der Fettgerbung her.

1908 übernahm Gustav Schwarze die Gerberei.

Postkartenansicht um 1900: Blick auf die Staupitzstraße, vorn rechts der Staupitzsteg - Das Haus Staupitzstraße 6 (rot markiert) existiert heute nicht mehr.
Ansicht im Jahr 2024

Zwischen den beiden Weltkriegen kam es teilweise zu einer Umstellung auf Chromgerbung u.a. für Stiefelleder.

Seit 1956 wurde das Unternehmen als reine Sämischgerberei betrieben. Die Sämischgerbung ist eine Art der Fettgerbung zur Herstellung von Leder. Sämischleder (Chamoisleder) werden mit Gerbstoffen auf der Basis oxidierbarer Fette hergestellt. Man produzierte Fenster- und Autoleder, auch individuelle Lohngerbung gehört zum Angebotsspektrum.

Werbeflyer für Zaak-Autoleder (Vorderansicht) Werbeflyer für Zaak-Autoleder (Hinteransicht)
Flurplan mit der Gebäudeanordnung der Gerberei Zaak
Giebelansicht Staupitzstraße 6 (Ostseite) mit einem Werbeschild für die Gerberei Zaak (Foto: 1990er Jahre)

Zur Gerberei Zaak gehörte ein Mansardengiebelhaus in der Staupitzstraße 6, das man als Wohnhaus nutzte. Dahinter warendrei weitere Gebäude um einen kleinen Innenhof gruppiert, in denen sich die Gerberei befand. Genutzt wurden ein Seitengebäude und ein zweigeschossiges älteres Gerbereigebäude. Neben diesem befand sich ein Gebäude, dessen Untergeschoss aus Bruchsteinen noch aus den Gründerjahren der Gerberei stammte. Es wurde 1964 zu einem viergeschossigen Produktionsgebäude erweitert.

Nach der Wende geriet die in der fünften Generation im Besitz der Familie Zaak befindliche Gerberei besonders durch die billige außereuropäische Konkurrenz in Bedrängnis. Pläne, die Gerberei als Schaubetrieb einem größeren Publikum zu öffnen, konnten nicht verwirklicht werden.

Auch wenn es heute keine Gerberei als Schaubetrieb in Döbeln gibt, können wir uns anhand der folgenden Bildergalerie vorstellen, wie die Arbeit in der Gerberei Zaak in den 1970er Jahren aussah. Die Fotos, die freundlicherweise die Familie Zaak zur Verfügung stellte, geben wertvolle Einblicke in den Arbeitsalltag einer Gerberei.

  • Aufzug zum Rohfelllager

  • Hochziehen der Rohfelle

  • Kalk stapeln

  • Rohfelle aufschneiden

  • Bassins entleeren zum Gerben

  • Rohfelle stapeln

  • Arbeiten in der Wasserwerkstatt

  • Arbeiten in der Wasserwerkstatt

  • Beschicken der Gerbtrommel

  • Entfleischen

  • Entfleischen

  • Falzen des Rohleders

  • Vor dem Spalten des Rohleders

  • Entleeren der Gerbtrommel

  • Die entleerte Gerbtrommel

  • Entfleischen

  • Einlegen beim Spalten des Rohleders

  • Entnahme des gespaltenen Rohleders

  • Schleudern

  • Trockenraum

  • Herablassen der getrockneten Leder

  • Zurichten der gegerbten Leder

  • Zurichten der gegerbten Leder

  • Schleifen der gegerbten Leder

  • Zuschneiden

  • Einlegen in den Trockenapparat

  • Entnahme aus dem Trockenapparat

  • Nähen

  • Sortieren

  • Verpacken

Am 30.04.1997 wurde das Gewerbe abgemeldet. Das alte, für das Gerberviertel typische Wohnhaus an der Staupitzstraße, wie auch die benachbarten Häuser, mussten abgerissen werden. Die Produktionsgebäude im hinteren Teil des Grundstücks sind noch heute erhalten, werden aber derzeit nicht genutzt.

Ansicht von der ehemaligen Gerberei Zaak im Jahr 2024

Lederfabrik Richard Hempel

Richard Hempel gründet seine Lederfabrik 1884 direkt gegenüber des Staupitzstegs. In einem mehrgeschossigen Produktionsgebäude stellt er schwarzes und farbiges Futterleder für die Schuhproduktion her.

Das Haus gibt es heute noch. Es wird für Wohnzwecke genutzt.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1910
Postkartenansicht um 1900: Blick auf die Staupitzstraße, vorn rechts der Staupitzsteg - Das Haus Staupitzstraße 9 (rot markiert) beherbergte die Lederfabrik Richard Hempels.
Ansicht im Jahr 2024

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 81ff.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S.38ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Seidel, Hans Friedrich: Döbeln - Begräbnisstätten von frühester Zeit bis in die Gegenwart. In: Heimatgeschichtliche Beiträge III. Döbeln 1993, Einzelgrab von Daniel Beck, S.49f.

Bildnachweis:
(1)/(3)/(5) - Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, 1856
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Giebelfoto Gerberei Zaak, Werbeflyer Autoleder - Stadtarchiv Döbeln
Fotos zum Arbeitsalltag der Gerberei Zaak - Fam. Zaak (privat)
Alle Abbildungen ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.