Wirtschaft

Von Tuchmachern, Industriepionieren und Kombinatsdirektoren - Döbelns wirtschaftliche Entwicklung kennt Blütezeiten und Phasen des Niedergangs.

Kann man Döbelns wirtschaftliche Entwicklung von den Anfängen bis in die Gegenwart in einem kleineren Artikel hinreichend würdigen? Ja und nein. Natürlich ist es nicht möglich einen umfassenden Überblick zu bieten, der am Ende vielleicht sogar noch den Anspruch hat, Vollständigkeit zu bieten. Möglich ist es aber durchaus, Kontinuitäten und Umbrüche zu beleuchten, die die Geschichte der Wirtschaft Döbelns in besonderer Weise prägten. Das war der Anspruch – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Alles begann wenig spektakulär. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es in der Muldenstadt verschiedene Zünfte und Innungen. Zahlreiche Handwerker befriedigten die Bedürfnisse der Döbelner und des Umlands. Man lebte bescheiden, die Verhältnisse waren relativ verlässlich. 1697 hatte Döbeln ca. 1700 Einwohner. Es gab 129 Tuchmacher, 29 Leineweber, 24 Fleischer, 22 Bäcker und 190 andere Handwerker in der Stadt.

Im 18. Jahrhundert boomten vor allem die Tuchmacherei und die Hutherstellung. 1727 gab es schon 212 Tuchmacher und für das Jahr 1788 ist überliefert, dass in Döbeln 3196 Hüte hergestellt wurden. Die Muldenstadt verdankt in dieser Zeit ihren bescheidenen Wohlstand maßgeblich der Tuchmacherei und war ein kleines Mekka der Hutmode. Wer hätte das gedacht. Neben dem Tuch, für das die Muldenstadt übrigens ein eigenes Längenmaß, die Döbelner Elle, hatte, wurden noch Leinwand, Barchent, Flanell, Kattun, auch schafwollene und baumwollene Strümpfe und Handschuhe hergestellt. Die kleinen Webstühle wurden langsam von Spinnerei- und Webmaschinen abgelöst. Die Mulde bot die Möglichkeit, diese durch Wasserkraft anzutreiben. Für die zahlreichen Textilmanufakturen gab es in Döbeln Walkmühlen auf dem Oberwerder, später kam noch die sog. Niederwalkmühle hinzu, die am Zusammenfluss der beiden Muldearme im Westen der Stadt errichtet wurde. In der Nähe der Döbelner Mühlen entstanden kleine Gewerbezentren, in denen maschinell Tuch gesponnen und gewalkt wurde. Meist gab es in der Nähe auch noch kleine Waidhäuser, in denen Farben zubereitet und die Tuche gefärbt wurden. Die Döbelner Färberhäuser sind ein Relikt aus dieser Zeit. Das Geschäft lief gut, man exportierte Tuch bis in den Orient.

Die Färberhäuser unterhalb des Schloßbergs Richtung Oberbrücke sind letztes Zeugnis der blühenden Tuchmacherei in Döbeln. Auf dem Oberwerder befand sich eine Wertschöpfungskette dieses Handwerks. Hier wurde gewebt, gewalkt und gefärbt.

Nachdem lange Zeit die Tuchmacherei den Wohlstand Döbelns gesichert hatte, brachen im 19. Jahrhundert große Absatzmärkte weg und bei dem rasanten Tempo, das zum Beispiel England bei der Industrialisierung vorlegte, konnten die deutschen Zentren der Textilindustrie nicht mithalten. „Spinning Jenny“ schlägt Döbelner Handarbeit. Vorerst versuchte man den Niedergang durch Konzentration aufzuhalten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich größere Tuchmanufakturen heraus, die Zahl der selbstständigen Meister ging 1840 auf 25, 1870 auf 12 zurück. Drei größere Fabriken (F.W. Barthel, August Schulze und die Gebr. Glausnitzer) beschäftigten in dieser Zeit noch 68 Tuchmacher, 7 Tuchscherer und zahlreiche Mädchen und Frauen, insgesamt etwa 180-190 Personen. Der Verdienst war kärglich. Bei einer Arbeitszeit von 06.00-21.00 Uhr (2 St. Pause inbegriffen) verdiente ein Tuchmacher 2-3 Taler, die „Krempelmädchen“ als Hilfskräfte 1 Taler und 20 Neugroschen bei einer Arbeitszeit von 05.00-21.00 Uhr ohne Pause. Doch auch die Dumpinglöhne retteten die Branche nicht. Die goldene Zeit war vorbei, das Geschäft ging immer mehr zurück. Barthels Fabrik schloss 1877/78, Schulze warf in den 1880er Jahren das Handtuch und die Gebrüder Glausnitzer stellten 1902 den Betrieb ein. Die Döbelner Tuchfabrikation gehörte endgültig der Vergangenheit an. Die goldene Zeit war vorbei, das Geschäft ging immer mehr zurück. Barthels Fabrik schloss 1877/78, Schulze warf in den 1880er Jahren das Handtuch und die Gebrüder Glausnitzer stellten 1902 den Betrieb ein. Die Döbelner Tuchfabrikation gehörte endgültig der Vergangenheit an.

Auch eine andere Sparte, die die Wirtschaft Döbeln jahrzehntelang prägte, verschwand Ende des 19. Jahrhunderts. Lange Zeit gab die Gerberei in Döbeln vielen Lohn und Brot. Zu Hochzeiten wurde in 25 Gerbereien der Stadt gearbeitet. Überregional bekannt wurde die Gerberei von Daniel Beck. In den 1820er Jahren startete Beck mit seinem Unternehmen und beschäftigte bis zu 300-350 Arbeiter. Die Daniel Becksche Lederfabrik war 1870 die drittgrößte Deutschlands. Sie umfasste Lohgerberei, Weißgerberei, Lohmühle und Leimfabrik. Drei Dampfmaschinen waren im Einsatz. Die Fabrikation dominierte ein ganzes Stadtviertel. Nördlich der heutigen Staupitzstraße erbaute Beck insgesamt 52 Gebäude.

(1) Leder-Manufactur von D. Beck in Döbeln (Quelle: Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, 1856) Im Hintergrund sieht man den damals noch unbebauten Leipziger Berg (auch Staupitzberg).
(2) Wer Höhe Parkhaus an der verlängerten Ritterstraße steht und Richtung Staupitzstraße blickt, hat ungefähr die Perspektive auf die frühere Ledermanufaktur.
(3) Papier-, Pappen- und Preßspanfabrik von D. Beck in Döbeln (Quelle: Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, 1856)
(4) Wer an der Einmündung der Rudolf-Breitscheid-Straße in die verlängerten Ritterstraße steht (Höhe Sparkasse) und Richtung Staupitzstraße blickt, hat ungefähr die Perspektive auf die frühere Papier-, Pappen- und Preßspanfabrik.
(5) Leder-Lackiererei, Leimfabrik und das Grabmal von D. Beck in Döbeln. Das Grab lag unterhalb eines kleinen Weges, der damals in die Klostergärten führte. Heute befindet sich an dieser Stelle der Parkplatz oberhalb des Stadtbades. (Quelle: Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, 1856)

Briefkopf der Firma Guido Beck 1915

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 traten die Söhne Becks aus dem Unternehmen aus. Guido Beck gründete am linken Arm der Mulde, gegenüber dem Schloßberg eine Ledermanufaktur und Lacklederfabrik. Verarbeitete wurden hier Bullenhäute, die, zu Lackleder verarbeitet, in alle Teile der Welt verkauft wurden. Leider entwickelte sich die Konjunktur im Ledergeschäft am Ende des 19. Jahrhunderts so schlecht, dass die Becksche Lederfabrik, bisher das Flaggschiff der Döbelner Lederproduktion, 1894 schließen musste. Mit ihr beendete auch die Leimfabrik an der Staupitzstraße ihre Produktion. Aus den Hautabfällen hatte man jährlich 2000 Zentner Leim hergestellt. Auch bei Guido Beck laufen die Geschäfte nicht gut. Am Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es nur noch kleine Gerbereibetriebe. Die goldenen Zeiten waren vorbei.

Döbelner Riesenstiefel, angefertigt 1925 (3,80 m hoch, Sohle 1,90 m)

Was bleibt, sind zahlreiche Schuhmacher, die in Döbeln arbeiten und in Kleinserien Schuhe herstellen oder reparieren. Um 1870 waren es immerhin 51 Schuhmachereibetriebe. Insofern hängt der 1925 gefertigte Döbelner Riesenstiefel, ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt, natürlich auch mit der Geschichte der Lederfabrikation in Döbeln zusammen. Die „Stiefelstadt“ Döbeln ohne Daniel Beck. Nicht denkbar.

Sicher nicht so bedeutend, wie das Tuch- und Ledergeschäft war die Brauereitätigkeit in Döbeln. Die Vereinsbrauerei A.-G., die Feldschlösschenbrauerei und die Döbelner Brauunion e.G. teilten den Markt unter sich auf. Die Vereinsbrauerei A.-G. ist die Fortsetzung der alten Braukommun. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts durfte in Döbeln und innerhalb einer Wegemeile nur das Bier der Braukommun ausgeschänkt werden. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand zwischen der Bäckerstraße und der Brauhausgasse (heute Verlängerung der Ritterstraße) eine große Brauerei, an die sich ältere Döbelner noch gut erinnern. 1816 wurde das Brauhaus durch ein Sud- und Malzhaus ergänzt, 1819 kam ein langes Kellergebäude entlang der Brauhausgasse dazu. Als das nicht mehr ausreichte, baute man einen Felsenkeller in den Schloßberg.

Die Döbelner Feldschlösschen-Brauerei befand sich in der Waldheimer Straße am Abzweig Bärentalstraße. Einige Gebäude sind bis heute erhalten.

(1) Historische Postkarte von der Feldschlösschen-Brauerei in der Waldheimer Straße.
(2) Zahlreiche Gebäude sind bis heute erhalten. Bier wird hier allerdings nicht mehr gebraut.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1914 - Die Vereinsbrauerei Döbeln bestand aus zahlreichen Gebäuden. Heute findet man hier u.a. ein Parkhaus.

Aus der alten Braukommun bildete sich 1860 die Braugenossenschaft, die 1880 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die gute alte Zeit endete für die eingesessenen Bierbrauer als 1873 das Brauurbar abgelöst wurde. Fortan konnte in Döbeln jeder Bier brauen, der es wollte. Das muss sich gelohnt haben. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnen in Döbeln zahlreiche Kneipen, Gaststätten und Restaurants. Spätestens als Döbeln 1887 Garnisonsstadt wird, fließt das Bier in Strömen.

Tuchmacherei und Lederfabrikation beherrschten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch die Döbelner Wirtschaft. Ein blühendes Wirtschafts- und Handelszentrum war die Muldenstadt zu dieser Zeit nicht. Das liegt auch an der Anbindung Döbelns. Im Zeitalter vor der Eisenbahn war die Stadt ziemlich abgehängt. Als Postkutschen und Frachtwagen noch das Nonplusultra waren, hatte Döbeln oft das Nachsehen. Die Hauptstraßen zwischen Dresden und Leipzig gingen nördlich über Stauchitz-Oschatz und südlich über Nossen-Waldheim-Colditz an Döbeln vorbei.

Mit dem Bau der Eisenbahnlinien Chemnitz-Riesa (1852) und Leipzig-Meißen (1868) eröffnen sich Chancen. Döbeln liegt nun an einem Eisenbahnkreuz, an dem sich Züge treffen, die von Westen nach Osten und von Norden nach Süden unterwegs sind. Preiswert, schnell und in großen Stückzahlen bzw. Mengen kann nunmehr transportiert werden. Das ist auch nötig, da die entstehende Döbelner Industrie eine Fertigindustrie ist. Ihr Erfolg steht und fällt mit der preiswerten und schnellen Anlieferung von Kohle, Eisen und Halbfabrikaten, sowie mit dem Transport der Fertigwaren in andere Regionen Deutschlands bzw. ins Ausland. Auch der 1857 realisierte Bau einer Gasbeleuchtungsanstalt zwischen Salzgasse und Mulde förderte das industrielle Wachstum. Fabrikhallen konnte man nicht Petroleumlampen erhellen.

1847 hielt, aus Riesa kommend, am Bahnhof Großbauchlitz der erste Zug in Döbeln. Der repräsentative Döbelner Hauptbahnhof (siehe Abbildung) wurde erst 1870 eröffnet.

Diese Verbesserungen der Infrastruktur gehen einher mit einem gigantischen Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl Deutschlands verdoppelt sich im 19. Jahrhundert, in Döbeln leben 1815 3872 Menschen. Im Jahr 1900 sind es bereits 17 749. Die Eisenbahn und ein großes Angebot an Arbeitskräften bilden die Grundlage für einen Wirtschaftsboom, der in Döbeln in den 1870er Jahren begann und in den 1890er Jahren atemberaubendes Tempo aufnahm. Insofern müssen wir über den Niedergang der Tuchmacherei und der Lederfabrikation nicht traurig sein. Das, was Döbeln bekam, war besser. Metallverarbeitung und Zigarrenindustrie bilden fortan das Rückgrat der Döbelner Wirtschaft. Besonders die Metallindustrie boomt. In Metallwaren-, Blechwaren, Maschinen-, Silberwaren und Schnitt- bzw. Stanzwerkzeugfabriken werden Metallprodukte unterschiedlichster Art gefertigt. Weitere Industriezweige entstehen in der Folge besonders der florierenden Metallverarbeitung. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sind in 345 Döbelner Betrieben über 4000 Arbeiter beschäftigt. Döbeln ist die zweitgrößte Stadt in der Kreishauptmannschaft Leipzig nach der namensgebenden Stadt.

Zur besseren Orientierung finden Sie hier eine aktuelle Karte Döbelns mit dem Standort der verschiedenen Firmen, die im Text vorgestellt werden (Quelle: Openstreetmap, CC BY-SA).
Legende

1 - Fa. Liebert & Gürtler
2 - Zuckerfabrik Döbeln
3 - Döbelner Chemische Fabrik Oswald Greiner
4 - Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß
5 - Schokoladenfabrik Clemen & Sohn
6 - Silberwarenfabrik Gebr. Köberlin
7 - Metallwarenfabrik H.W. Schmidt
8 - Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller
9 - Feldschlösschenbrauerei Döbeln
10 - Fabrik feiner Lackier- und Metallwaren Max Knobloch
11 - Fa. Robert Katzschmann
12 - Ledermanufaktur Daniel Beck
13 - Vereinsbrauerei Döbeln
14 - Zigarrenfabrik Louis Sturm
15 - Metallwarenfabrik Robert Tümmler
16 - Zigarrenfabrik Otto Schmidt Nachf.
17 - Landmaschinenfabrik Franz Richter
18 - Dampfseifenfabrik Hermann Otto Schmidt
19 - Leder-Werke Guido Beck
20 - Fabrik feiner Holzwaren und Luxusmöbel Franz Dyhrsen

Die größte Fabrik wurde vom Königl. Sächs. Kommerzienrat Robert Tümmler gegründet und hatte ihren Standort zwischen der Schillerstraße (früher Zimmerstr.) und der Mulde. Tümmler war ein Selfmademan. Anfangs selbst einziger Mitarbeiter seiner Firma, beschäftigte er 1885 bereits 100, 1914 1000 Arbeiter, die anfangs Relief-Stanzengravuren, Stahlstempel, Formmodelle, Stempelwalzen und Silbergravuren, später auch Garderobenhaken, Möbelbeschläge, Firmenschilder, Wertmarken, Stanzautomaten, Schnitt- und Prägepressen fertigten. Tümmler war ein Macher und auch ein Mäzen. Die Auguste-Robert-Tümmler-Stiftung verfügte über 80 000 Mark. Seine Arbeiter und Beamten bekamen Weihnachtsgeld und durften kostenlos in der Fabrik Badeeinrichtungen benutzen. Sonnabends war entgehen der üblichen Praxis ab mittags 12.00 Uhr Wochenende. Tümmler war jemand, der begriffen hatte, dass Eigentum verpflichtet und handelte danach. Zu Recht ist er Döbelner Ehrenbürger. Sein prächtiges Grab findet man auf dem Niederfriedhof – Blick in Richtung seiner Fabrik.
Auch seine Nachfolger hatten vorerst ein „glückliches Händchen“ bei der Neuausrichtung der Firmenstrategie. Möbelbeschläge blieben das Hauptgeschäft. 65% der Belegschaft waren damit befasst. Darüber hinaus produzierte man photographische Stative und andere Metallmassenartikel. 41 % der Erzeugnisse gingen in den Export, in fast alle europäischen Länder sowie nach Süd- und Mittelamerika, die USA und nach Afrika.
Aber man ging auch mit der Zeit. Ab 1927 produzierte man auch Beschlagteile für Autokarosserien (z.B. Türgriffe). Deutschlandweit wurden die Tümmler-Werke in diesem Bereich einer der Marktführer, belieferten Opel, Daimler-Benz, Horch und später die Auto-Union. 1928 hatte die Firma 1400 Beschäftigte. Der Erfolg als Zulieferer der aufstrebenden Autoindustrie wurde durch Innovationen erreicht: 1930 baute man den ersten verschließbaren Türgriff (1930), kurz darauf erfand und produzierte man die Lenkstocksicherung. Für die Karosseriebeschläge wurde 1939 ein eigenes Werk gebaut. Der Krieg, der kurz darauf begann, änderte dann alles. Davon später mehr.

(1) Die Metallwarenfabrik Robert Tümmlers war ein kleiner Stadtteil für sich. Sie erstreckte sich zwischen Mulde und Schillerstraße vom Körnerplatz bis zur heutigen Straße des Friedens.
(2) Nach der Wende wurde die Fabrik abgerissen (siehe Fotostrecke unten) und die Kaufland Stiftung & Co. KG errichte eine große Filiale mit dazugehörigen Parkplätzen. Durch eine Fußgängerbrücke wurde der Einkaufstempel an die Innenstadt angebunden.

Neben Robert Tümmler gehört auch Franz Richter zu den Industriepionieren Döbelns. Seine Fabrik produziert landwirtschaftliche Maschinen und Geräte. Die Anfänge der Firma sind bescheiden. Aus einer kleinen Schlosser- und Schmiedewerkstatt in der Großen Kirchgasse baut Carl Grieben seit 1861 Brücken-, Vieh- und Stangenwagen. Das Geschäft läuft prächtig. Grieben sucht sich größere Räume und einen finanzkräftigen Partner. Den findet er in dem Kaufmann Richard Wagner aus Altenburg. Die neue Firma Grieben & Wagner kauft ein Feldgrundstück an der Roßweiner Straße, auf dem sie 1866 zwei Fabrikgebäude errichten. Als Wagner schwer erkrankt, übernimmt der Kaufmann Franz Richter seine Firmenanteile. Die Fabrik wird vergrößert, eine Dampfmaschine angeschafft und eine Eisengießerei gebaut. 1872 sind 200 Arbeiter bei Grieben & Richter beschäftigt. Nach Grundstücksspekulationen Griebens muss Franz Richter ab 1874 die Firma allein weiterführen. Er eröffnete eine Vertriebsfiliale in Breslau, produzierte anfangs Brücken-, Vieh-, Tafel- und Stangenwagen, später Häckselmaschinen, Dreschmaschinen, Sähmaschinen, Bodenbearbeitungsgeräte, Hackfruchterntemaschinen und Kartoffelsortierer.

Das Geschäft entwickelt sich gut, 1904 übergibt der Königl. Sächs. Kommerzienrat Franz Richter die Firmenleitung an seine beiden Söhne. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten 600 Beamte und Arbeiter in der Fabrik, die ihre landwirtschaftlichen Maschinen nicht nur in Deutschland verkauft, sondern auch nach Frankreich, Italien, Rumänien und Russland exportiert. In den 1920er Jahren produziert die Firma Gespann- und Traktoranhängepflüge, Eggen und Walzen, Breitsäh- und Drillmaschinen, Hackmaschinen und Häufelpflüge, Gabel- und Trommelwender sowie Heu und Getreiderechen, Kartoffelroder und Rübenheber, Hand-, Göpel-, Motor- und Einbaudreschmaschinen, Kartoffelsortierer, Kartoffel- und Rübenwaschmaschinen, Kartoffelquetschen, Rübenschneider und Jaucheverteiler. Fast alles, was die moderne Landwirtschaft benötigte, stellte Fa. Franz Richter in Döbeln her.

Werbemarke Motorspritze Firma Julius Müller

Neben diesen beiden Großbetrieben gab es weitere Unternehmen der Metallindustrie, die sich in Döbeln erfolgreich entwickelten. Minutiös deren Geschichte aufzuschreiben, würde den kleinen Abriss überfordern. Aber einige sollen genannt sein. Ein echter Exportschlager waren zum Beispiel die Feuerspritzen der Firma Julius Müller. Ihre Anfänge hatte diese in der Niedermühle. Auch der Umzug in die Bahnhofstraße 71 befriedigte das Expansionsbedürfnis nur kurz. 1901 kaufte man die Kyllsche Maschinenfabrik samt dazugehöriger Eisengießerei in der heutigen Schlachthofstraße und produzierte dort Feuerspritzen und Fäkalienabfuhrwagen. Die bald auch mit Motoren betriebenen Spritzen wurden weltweit geschätzt und bis nach China sowie nach Nord- und Südamerika verkauft.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1914

Aus einer Kupferschmiederei von Zilling & Voigt entstand in den 1890er Jahren eine Fabrik für Zentralheizungen und gesundheitstechnische Einbauten wie Klosettanlagen, Badeeinrichtungen und Lüftungsanlagen teilweise nach eigenen Patenten. Modernen Wohnkomfort aus Döbeln ist schon bald im ganzen Königreich Sachsen gefragt.

Die Firma Robert Katzschmann produzierte Gewächshäuser, Wintergärten, Pavillons und Fenster. Tischler, Glaser und Schmiede arbeiteten hier Hand in Hand. Bald schon reichten die vier zusammenhängenden Grundstücke am Niedermarkt und in der Brauhausgasse nicht mehr aus. Nach dem Umzug in die Waldheimer Straße wächst die Firma weiter und wird einer der größten Betriebe seiner Art.

Karte im AK Format - Döbeln - Werbung - Firma Robert Katzschmann

(1) Historische Abbildung der Firma Katzschmanns an der Waldheimer Straße
(2) Ähnliche Perspektive (Blick vom Körnerplatz in die Waldheimer Straße). Zuletzt produzierte hier die Firma Stemke Kunststofftechnik. Seit diese ins Gewerbegebiet "Am Fuchsloch" umzog, wird das Areal nicht mehr genutzt.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1914

Nennenswert ist weiterhin auch die Fabrikation von Gasmessern. Emil Gleisberg gründete in der Salzgasse die „Sächsische Gasmesser- und Metallwarenfabrik“, die er 1902 in die vormals Glausnitzersche Tuchfabrik am Schützenplatz (heute Steigerhausplatz) verlegte.

Ein wenig muldeabwärts in Großbauchlitz hatten 1855 gleich neben der Mühle die Gebrüder Wapler eine 1847 erbaute Drahtnagelfabrik übernommen. Acht Maschinen stellten täglich 5 Tonnen Nägel her. Mitte der 1920er Jahre produzierte man hier 4000 Tonnen Drahtstifte pro Jahr und war damit der größte mitteldeutsche Produzent.

In zahlreichen Firmen stellte man Blechwaren her. 1869 gründet Johannes Großfuß seine Fabrik in der Sörmitzer Straße. Seit den 1880er Jahren befindet sich die Firma auf dem Burgstadel an der Kleinbauchlitzer Straße und produzierte hier Vogelkäfige, Ofenschirme, Kohlekästen und verschiedene Haushalts- und Küchengeräte.

Bekannt für seine lackierten Blechwaren war auch die Firma Max Knobloch. Zwischen der Bahnhof- und der Waldheimer Straße stellte man hier Briefkästen und Wirtschaftsfederwaagen her. Um die Genauigkeit der produzierten Waagen sicherzustellen, gab es extra ein Eichamt, welches der Stadt viele Jahre üppige Einnahmen bescherte.

Die Metallwarenfabrik H.W. Schmidt, zu beiden Seiten der Burgstraße, dicht beim Schlachthof, stellte Blechgeschirr für Küche und Haushalt her. Das Unternehmen Heinrich Wilhelm Schmidts startete 1864 als Klempnereigeschäft in der Johannisstraße. Die neue Fabrik exportierte ihre Produkte schon bald in Länder aller Kontinente und beschäftigte viele Arbeiterinnen und Arbeiter. Dem Erfolg dieses Unternehmens verdanken wir auch verschiedene wohltätige und gemeinnützige Stiftungen des Gründers.

(1) Vorderansicht der ehemaligen Metallwarenfabrik von H.W. Schmidt. Nach Krieg und Enteignung hieß der Betrieb VEB Metallwarenfabrik (MEWA). 1956 wurde das Areal der Fertigungsbereich 3 des VEB DBM. Anfang der 90er Jahre wurden die Gebäude abgerissen. Auf der Industriebrache befindet sich derzeit u.a. ein Pflanzenmarkt.
(2) Rückansicht der Fabrik © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl

Seit 1828 hängt über dem Haus Niedermarkt 15 das Goldschmiedewappen. Man kann also davon ausgehen, dass seit dieser Zeit Gold- und Silberschmiede in Döbeln tätig waren. 1873 übernahmen die Gebr. Köberlin von C. W. Leiritz dieses Gold- und Silberwarengeschäft. Hier produzierte und verkaufte man silberne Löffel und Tafelbestecke, bald auch silberne Kunstgegenstände. Da der Platz am Niedermarkt bald nicht mehr ausreicht, bauen die Gebr. Köberlin 1913 eine Fabrik an der äußeren Bahnhofstraße. Hier stellte man weiter hochwertige Silberwaren her, begann aber auch mit der Massenherstellung von Alpacca-Besteck (Alpacca oder Neusilber ist ein silberfarbenes Metall, das aus einer preiswerten Kupfer-Nickel-Zink-Legierung besteht.). Die Firma bewirbt sich selbst als größte Besteckfabrik Sachsens.

Rechnungskopf mit einer Ansicht der Silberwarenfabrik der Gebr. Köberlin aus dem Jahr 1930.

(1) Das mehrstöckige Hauptgebäude der Silberwarenfabrik hat die Zeiten überdauert. Es wurde in der DDR-Zeit für die Lehrlingsausbildung des VEB DBM genutzt. Nach der Wende fand es als Haus E des Beruflichen Schulzentrums Döbeln-Mittweida Verwendung. Derzeit ist hier die Volkshochschule untergebracht.
(2) Die angegliederten einstöckigen Fabrikhallen sind nicht erhalten. Das Gelände gehört heute zur Veolia Wasser Deutschland GmbH.

(3) Das alte Hauptgebäude der Silberwarenfabrik gehörte später zum VEB DBM und wurde für die Lehrlingsausbildung bzw. als Lehrlingswohnheim genutzt (Foto 70er Jahre).

Karte im AK Format - Döbeln - Werbung Zigarrenfabrik Otto Schmidt Nachf. (heute: Straße des Friedens direkt an der Muldenbrücke)

Die genannten Unternehmungen machen deutlich, dass die Metallindustrie in Döbeln florierte. Das zweite große Standbein in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Zigarrenfabrikation. Sie wurde am 01. April 1845 in Döbeln eingeführt und war ein willkommener Ersatz für die Tuchfabrikation. Viele Tuchmacher fanden hier neue Arbeit. Etabliert wurde die Zigarrenfabrikation in Döbeln durch Emil Drechsler, der aus Bayern stammte. Er brachte einige Leipziger und den Rochlitzer Zigarrenmacher Lohse mit nach Döbeln und gründete die erste Döbelner Zigarrenfabrik auf dem Oberwerder. „Drechsel und Co.“ zog schon bald an die Oberbrücke. In den 1850er und 1860er Jahren kamen noch viele andere Firmen dazu. Schon bald waren in der Döbelner Zigarrenindustrie 1200 Personen beschäftigt, die in 32 größeren und kleineren Fabriken arbeiteten. Verarbeitet wurde der billige Pfälzer Tabak, aber auch überseeische Tabaksorten, ab den 1860 Jahren auch Tabak aus Java und Sumatra. Die Einführung der Tabaksteuer und die Einführung einer Wertsteuer von 40% zu dem Tabakzoll von 85 Pf. pro Kilo verteuerte die Zigarre so sehr, dass die Produktion stark rückläufig war. Außerdem machte die Zigarette der Zigarre zunehmend Konkurrenz. Trotzdem gab es vor dem Ersten Weltkrieg immerhin noch 26 größere und kleinere Fabriken, die in Döbeln Zigarren herstellten.

Briefkopf der Zigarrenfabrik Louis Sturm von 1902

(1) Louis Sturms Zigarrenfabrik in einer historischen Abbildung. Hinter zwei repräsentativen villenartigen Häusern befand sich die eigentliche Fabrik in der 2. Reihe.
(2) und (3) Blick auf die heutige Konstellation. Die drei Gebäude sind erhalten und wurden liebevoll saniert. Zigarren werden hier keine mehr gedreht. Das Fabrikgebäude wurde zum Wohnhaus umfunktioniert.

War die Zigarre eine Domäne der Männer, gelüstete es die Frauen eher nach Schokolade. Auch die wurde in Döbeln hergestellt. Die Firma Clemen & Sohn geht auf die älteste Kolonialwarenhandlung der Stadt zurück. Immer wieder wurde die Firma vom Vater an den Sohn vererbt. Manufaktur und Geschäftshaus residierten in der Königstraße 1, direkt am Obermarkt. Noch heute kann man den Namenszug am Giebel des Hauses entdecken. Als Logo der Firma diente viele Jahre ein Bild von Johann Gottfried Clemen (1728-1785), der in Surinam, einer holländischen Kolonie im Nordosten Südamerikas, als Kakao-Farmer erfolgreich war. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde Schokolade immer mehr zum Genussmittel für alle. Die Produktionskapazitäten im Stammhaus reichten nicht mehr aus. Für die Herstellung von Kakao und Schokolade im industriellen Stil baute die Firma Clemen & Sohn 1922 eine Fabrik in der Reichensteinstraße, in der bald etwa 100 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt waren. Die neue Fabrik wurde nach Plänen des Architekten Werner Retzlaff gebaut und beeindruckte durch eine aufwendige Giebelgestaltung. Sie zeigte, dass Industriebauten nicht nur funktional sein, sondern auch ansprechend aussehen können.

Fabrikgebäude der Firma Clemen und Sohn in Döbeln an der Reichensteinstraße - Architekt Werner Retzlaff - Zeichnung um 1924

Gleich nebenan in Kleinbauchlitz begann 1882 eine andere Erfolgsgeschichte der Döbelner Nahrungsmittelindustrie. Hier wurde die Zuckerfabrik Döbeln A.-G. gegründet und es entstand in der Folge die drittgrößte Zuckerfabrik Deutschlands. Das Unternehmen arbeitete mit 690 000 Mark Aktienkapital. Viele Großbauern der Umgebung hielten Anteile und bauten in der näheren und weiteren Umgebung Zuckerrüben an, die hier verarbeitet wurden. Die Fabrik hatte einen direkten Gleisanschluss zum Döbelner Hauptbahnhof und via Kleinbahn zum Bahnhof Großbauchlitz. Die 1911 fertiggestellte Kleinbahn zwischen Lommatzsch und Döbeln nannte man „Zuckerrübenbahn“. In Hochzeiten arbeiteten in der Döbelner Zuckerfabrik 300 Arbeiter. In 24 Stunden konnte man 18 000 Zentner Rüben verarbeiten und täglich ca. 2500 Zentner Zucker herstellen. Diese beeindruckende Produktivität erreichte man durch eine enge Verbindung zwischen wissenschaftlicher und kaufmännisch-technischer Praxis.

(1) AK Döbeln Zuckerfabrik (um 1930)
(2) Foto der Zuckerfabrik in nordöstliche Richtung. Im Hintergrund sieht man den Greinersteg, der zur benachbarten Chemiefabrik Oswald Greiners führte.
(3) Am Standort der einst drittgrößten Zuckerfabrik Deutschlands entsteht derzeit ein neues Wohnquartier. Im "Walduferviertel" sollen in den nächsten Jahren vier Mehrfamilienhäuser mit 28 Wohnungen und 61 Eigenheime gebaut werden.

Eduard Rühles Geschäft am Theaterplatz mit der "Corsetfabrikation" im Hinterhaus. (Zeichnung v. 1910)

Es wurde schon deutlich gemacht, dass die Metallverarbeitung die Döbelner Industrie prägte. Natürlich gab es auch noch andere Branchen. Auf eine interessante Schnittstelle zwischen metallverarbeitender Industrie und Textilindustrie setzte Eduard Rühle. Er eröffnete 1894 im Hinterhof seines Hauses am damaligen Theaterplatz (heute Bahnhofstraße 1) mit zwölf Näherinnen eine "Corsetfabrikation". Die Hinterhofproduktion konnte den Bedarf schon bald nicht mehr decken. 1919 startete man in der heutigen Eichbergstraße als "Döbelner-Reform-Corset-Fabrik Rühle & Jehmlich" mit der Großproduktion. Reco-Mieder waren gefragt. 1926, Willy Jehmlich war inzwischen Alleininhaber, beschäftigte die Firma 246 Angestellte.

Eine weitere innovative Idee haben die Gebrüder Seidel. Sie waren bis 1911 in der Chromopapierfabrik Leipzig beschäftigt, zogen im selben Jahr nach Döbeln und gründet hier in der Sörmitzer Straße die Firma „Hans Seidel – Fabrik nichtrollender gummierter Papiere“. Das Unternehmen hat sich bis zum heutigen Tag erhalten und firmiert derzeit unter dem Namen KURZ Typofol GmbH.

Eine breite Palette an Betrieben bot auch die holzverarbeitende Industrie der Muldenstadt. Die Luxusmöbelfabrik Franz Dyhrsen ist hier zu nennen, die Döbelner Parkettfabrik, eine Holzkartonagen- und Sperrholzplatten-Fabrik mit Furnierschalwerk, die Firma Gebr. Petzold stellte Fenster, Türen, Treppen, Wandverkleidungen, Rollläden und Jalousien her. Auch die Pianofortefabrik F.W.Werner, 1845 gegründet, gehört zur holzverarbeitenden Industrie. Den Namenszug kann man noch heute an der Fassade lesen.
In der Döbelner Wagenfabrik Emil Zander bauten anfangs Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Sattler und Lackierer Pferdekutschen, Schlitten und Leichenwagen, später fertigte man Karosserien für Automobile.
Die Döbelner Faßfabrik Haupt & Co., 1850 als Schauersche Faßfabrik in der Sörmitzer Straße gegründet, stellte neben Fässern für Brauereien und Brennereien, auch Stapeltürme für Papier- und Zuckerfabriken sowie die chemische Industrie her.

Briefkopf der Möbelfabrik Franz Dyhrsen Döbeln 1911

(1) Ausschnitt aus der Darstellung der Möbelfabrik von Franz Dyhrsen an der Dresdner Straße (zwischen dem Dresdner Platz und dem heutigen Abzweig nach Döbeln Ost II)
(2) Das Foto aus dem Jahr 2023 zeigt ungefähr denselben Ausschnitt. In der DDR existierte die Firma als VEB Jugendmöbel Döbeln weiter. Nach der Wende wurde sie geschlossen und in einige Fabrikgebäude wurden schicke Loftwohnungen eingebaut.

Letztere erlebte auch in Döbeln einen Aufschwung. Besonders die Dampf-Seifenfabrik von Hermann Otto Schmidt war deutschlandweit bekannt. Deren Seifen, Seifenpulver und die echte Döbelner Terpentin-Schmier-Seife waren beliebt. Die Fabrik hat ihre Ursprünge am Niedermarkt. Bald schon brauchte man einen neuen Standort, weil der Seifensiederei-Handbetrieb einer modernen Fertigung weichen musste. Die Fabrik, die man 1903 an der Roßweiner und der Rößchengrundstraße baute, war eine der modernsten in Deutschland. Vieles war hier mechanisiert und erinnerte schon an einen Betrieb der chemischen Industrie, wie man ihn sich heute vorstellt. Die Seife wird in flüssigem Zustand hergestellt, dann abgekühlt und in Paletten und Riegeln geformt, geschnitten, getrocknet, gepresst und verpackt. Die neue Fabrik konnte 100 Zentner Stücken-Seife aus flüssigem Zustand in zwei Tagen versandfertig herstellen. Die alte Seifensiederei hätte hierfür vier Wochen benötigt.

Fabrikgelände der Döbelner Seifenfabrik an der Rößchengrundstraße (20er Jahre).

Klein waren auch die Anfänge der Chemischen Fabrik Oswald Greiner. 1874 als Dachdeckerfirma mit dazugehörigem Großhandel gegründet, befasste sich die Firma seit 1888 wegen des enorm steigenden Bedarfs auf dem Burgstadel mit der Fabrikation von Dachpappe sowie der Teerdestillation. Jährlich wurden 8 Mio. kg Rohteer verarbeitet, die durch 13 eigene Kesselwagen aus 40 Gasanstalten bezogen wurden. Greiner destillierte daraus Benzol, stellte Salmiakgeist, Naphthalin und Karbolsäure her. Es wurden etwa eine Million Quadratmeter Dachpappe im Jahr mit Teer getränkt, außerdem Isoliermasse und Faserkitt hergestellt. Ein Kaltanstrich mit dem Namen Greinerol gab es in großen Fässern. Die Firma Oswald Greiners gehört bei der Herstellung von Papp- und Holzzementdächern und bei der Ausführung von Asphaltierungen und Isolierungen von Brücken, Gewölben und Kellern zu den Marktführern in Deutschland. Die Fabrik im Döbelner Westen hatte schon bald gewaltige Ausmaße.

Karte im AK Format - Döbeln - Werbung - Oswald Greiner
Greinerbrücke kurz vor dem Abriss 2010 (www.döbeln.de)

Die Arbeitsbedingungen bei Greiner waren der Gesundheit nicht zuträglich. Aber Greiner kümmerte sich auch um seine Mitarbeiter. So geht zum Beispiel die Greinersiedlung an der Leipziger Straße auf den Firmengründer zurück. Damit seine Arbeiter schnell in der Fabrik waren, baute der sogar eine Fußgängerbrücke über die Mulde. Erst 2010 wurde die Greinerbrücke wegen Baufälligkeit abgerissen.
Die bemerkenswerte Vielfalt der wirtschaftlichen Unternehmungen in Döbeln hatte zur Folge, dass Krisen in einem Bereich der Wirtschaft nicht alles ins Wanken brachten. Schnell fanden die arbeitslos Gewordenen Stellen in anderen Bereichen der Wirtschaft. 1914 gab es in Döbeln 345 Betriebe mit über 4000 Arbeitern. Die meisten arbeiteten in Kleinbetrieben mit unter 10 Beschäftigten. Auch das machte den Döbelner Arbeitsmarkt krisenfest. Natürlich hatten dann der Erste Weltkrieg und die Inflation negative Auswirkungen auch auf die Döbelner Wirtschaft. Material- und Arbeitskräftemangel, Absatzprobleme und Exportschwierigkeiten minderten die Produktivität. Stück für Stück erholte sich die Wirtschaft jedoch wieder.

Foto der Hochleistungs-Schnelldrehbank TSE der Firma Liebert & Gürtler Döbeln (heute Rasoma), um 1930

Ausgewählte Bereiche erlebten sogar einen Aufschwung. In der metallverarbeitenden Industrie etablierte sich der Maschinenbau in Döbeln. Die Firma Liebert & Gürtler, 1919 in Ebersbach von zwei Chemnitzer Ingenieuren gegründet, baute Drehbänke. 1929 hatte der Betrieb schon 80 Mitarbeiter, 1934 zog man in die Döbelner Alexanderstraße. In den 1940er Jahren war die Mitarbeiterzahl auf 350 gestiegen, die legendäre VDF-Einheitsdrehbank war ein Verkaufshit.

Die Normalisierung der ökonomischen Rahmenbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation hielt jedoch nicht lange an. Spätestens mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stand die Wirtschaft vor neuen Herausforderungen. Viele Betriebe wurden auf Kriegsproduktion umgestellt. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte der Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß. Die Produktion umfasste anfangs hauptsächlich „feine lackierte Wirtschaftsartikel wie Vogelkäfige, Ofenschirme und Kohlenkästen in prachtvoller Ausführung“.

Briefkopf der Metallwarenfabrik Johannes Großfuß Döbeln 1913
Blick auf das ehemalige Fabrikgelände der Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß zwischen Burgstraße und Grimmaischer Straße im Jahr 2023. Erhalten ist nur der denkmalgeschätzte Rotunda-Bau (errichtet 1940/41 nach Plänen des Architekten Wilhelm Kreis), in dem heute u.a. eine Anwaltskanzlei eingezogen ist.
Maschinengewehr MG 42 (Urheber: Phanatic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

1937 erhielt die Firma vom Heereswaffenamt als eines von drei Unternehmen den Auftrag zur Weiterentwicklung des MG 34. Bei Großfuß arbeitete damals Werner Gruner. Er hatte am Döbelner Staatsrealgymnasium sein Abitur abgelegt, danach ein Ingenieurstudium in Dresden absolviert und war bei Großfuß als Serienfertigungsspezialist eingestiegen. Hier entwickelte er ein Maschinengewehr, das von der deutschen Wehrmacht ab 1942 im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Gruner gelang als erstem Ingenieur die Massenfertigung eines Gewehrs im Blechprägeverfahren. Das MG 42 wurde im Wesentlichen aus Stanz- und Umformteilen hergestellt. So konnte die Waffe schnell, preiswert und in großen Mengen produziert werden. Technisch brillant, aber eben eine totbringende Waffe. Gruner wurde nach dem Krieg als Rüstungsspezialist in die Sowjetunion verbracht. Erst Anfang der 50er Jahre durfte er in die DDR zurückkehren. Er begann eine Lehrtätigkeit an der TU Dresden und war von 1958 bis 1961 sogar Rektor der Universität. Die Geschichte der Firma Großfuß soll beispielhaft für die Transformation der Döbelner Wirtschaft in Zeiten des Zweiten Weltkrieges stehen, die von Gruner zeigt, wie schmal der Grat für Ingenieure mitunter war. Mit dem MG 42 aus Döbeln wurden tausende junge Männer erschossen. Man stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Ein Abgrund.

4 Panzerfäuste 30 im Originaletui, ausgestellt im Militärmuseum Helsinki. Tümmler war einer der größten Hersteller dieser von der HASAG entwickelten Waffe. (Urheber: Balcer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Auch in den Tümmler-Werken, der größten Döbelner Firma, hatte der Krieg sofort weitreichende Folgen. Die massive Wiederaufrüstung Deutschlands nach 1933 bot die Chance für eine Stabilisierung der Firma nach der Weltwirtschaftskrise, die auch bei Tümmler zu Massenentlassungen geführt hatte. Seit 1936 nahm man erste Rüstungsaufträge an. Noch lief diese Produktion ergänzend zum Hauptgeschäft. Doch nach Beginn des Krieges wurde die Friedensproduktion sukzessive eingestellt. Tümmler baute fortan ausschließlich Tellerminen, Panzerfäuste, Munitionskästen, Geschosskörbe, sowie Teile für Bombenabwurfgeräte und Torpedos. Der letzte Inhaber Erhard Tümmler gehörte der NSDAP an und wurde im November 1942 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Im April 1945 hatte die Firma fast 2000 Beschäftigte. Darunter waren über 100 sowjetische Kriegsgefangene sowie 500 Fremd- und Zwangsarbeiter.

Das Döbelner Rathaus wird zur sowjetischen Stadtkommandantur (Foto vom 01. Mai 1946)

Am 06. Mai 1945 besetzten sowjetische Truppen Deutschland. Der Krieg war verloren. Schon im Befehl Nr. 1 § 2 des sowjetischen Ortskommandanten Döbelns wurde am 15.05.1945 festgelegt: „Alle Betriebe haben ihre Arbeit fortzusetzen.“ Man hatte ein Interesse einerseits an einer schnellen Normalisierung der Situation, andererseits ließ man von Anfang an keinen Zweifel daran, dass man die sowjetische Besatzungszone nach eigenen Prinzipien umzugestalten gedachte. Auch der Wiederaufbau der zerstörten sowjetischen Wirtschaft war im Fokus. In zahlreichen Döbelner Betrieben kam es zu Demontagen, um Reparationsleistungen zu erfüllen. Dies betraf zum Beispiel die Betriebe Großfuß, Tümmler, Richter, Liebert & Gürtler, H.W. Schmidt und Neider. Eine deutsche Mitsprache war nicht vorgesehen. Ein Volksentscheid im Land Sachsen über die entschädigungslose Enteignung der gewerblichen Betriebe von aktiven Nationalsozialisten und Kriegsverbrechern vom 30. Juni 1946 machte dann deutlich, in welche Richtung die Reise geht. 79,6% der Wähler in Döbeln stimmten für eine Enteignung. In der Folge wurden die Betriebe in zwei Gruppen eingeteilt. Betriebe auf einer Liste A gingen in das Eigentum des Landes Sachsen über, Betriebe auf der Liste C wurden der Kontrolle durch die SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) unterstellt. Durchgesetzt wurde die Enteignung vorerst nur teilweise. Wahrscheinlich war man überfordert und wollte vor allem auch die Produktion wieder ankurbeln. So gingen die Firmen Knobloch, Greiner und Dyhrsen wieder an ihre Besitzer zurück. Einige wurden zwar enteignet, aber danach sofort als Geschäftsführer eingesetzt. Infolge der Enteignungen und Verstaatlichungen von Privatunternehmen musste eine geeignete Rechtsform für Industrie- und Dienstleistungsbetriebe gefunden werden. Formaljuristisch befanden sie sich die neuen Betriebe in Volkseigentum (deshalb VEB – Volkseigener Betrieb). Die enteigneten Betriebe erhielten neue Namen. Aus der Seifenfabrik H.O. Schmidt wurde 1948 der VEB Decenta Döbeln. Die Metallwarenfabrik H.W. Schmidt zum VEB MEWA Döbeln.

Die Wirtschaft Döbelns bekam nach dem Krieg schnell wieder Boden unter die Füße. Da viele Männer im Krieg gefallen waren, könnte man denken, dass es in der Stadt einen großen Arbeitskräftemangel gegeben hätte. Dem war nicht so. Durch die zahlreichen Heimatvertriebenen aus Schlesien oder Ostpreußen wuchs die Döbelner Bevölkerung. Waren es 1945 noch 24 777 Bürger, zählte man 1946 schon 28 800 und 1950 31 037 Menschen.

Zahlreiche Produkte des VEB DBM wurden unter dem Markennamen "doblina" verkauft.

Zentralisierung und Planwirtschaft als neue Prinzipien der sozialistischen Wirtschaft wurden auch in Döbeln umgesetzt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der 1956 neu gegründete VEB DBM (Döbelner Beschläge und Metallwerk). Mehrere Betriebe, aus alten Döbelner Traditionsfirmen der Metallverarbeitung entstanden, wurden hier zusammengefasst. Der VEB Metall- und Kunststoffbeschläge in der Schillerstraße (vormals Robert Tümmler) fusionierte mit dem VEB Metallwarenfabrik (MEWA) Döbeln in der Burgstraße (vormals H.W. Schmidt) und dem VEB Metallwarenfabrik (MEBA) Döbeln in der Grimmaischen Straße (vormals Großfuß). Der neue alte Betrieb des Fahrzeugkombinates IFA stellte fortan in verschiedenen, über die ganze Stadt verteilten Produktionsstätten alle Schlösser für die gesamte Fahrzeugpalette der DDR her. Später wurden hier auch die Doblina-Sicherheitsgurte hergestellt, die man in allen PKWs der Marken Trabant und Wartburg verbaute.

Werbebroschüre für den Kartoffelroder E 655 aus dem VEB "Rotes Banner" Döbeln (ca. 1955)

Durch die Zusammenlegung der Betriebe VEB Florena Waldheim und dem VEB Decenta Döbeln (vormals H.O. Schmidt) entstand mit dem VEB Florena Waldheim-Döbeln der größte Kosmetikhersteller der DDR. Gleich neben der Döbelner Niederlassung von Florena entstand aus Franz Richters Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen der VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ Döbeln, der fortan vor allem Baugruppen für den Rübenrodelader herstellte.

Durch die Zusammenlegungen sollte die Produktion effektiver werden. Den Wirtschaftslenkern in Ost-Berlin war auch klar, dass eine Erhöhung der Industrieproduktion nur durch technische Innovationen gelingt. Aus diesem Grund wurde der VEB Zentrale Entwicklung-Konstruktion, Technische Eisenwaren Mustermaschinebau Döbeln in der Schillerstraße gegründet, der seit 1968 als VEB Rationalisierung EBM (Eisen-Blech-Metallwaren) seinen Sitz an der Zschepplitzer Straße hatte.

Trotz aller Bemühungen war die DDR-Wirtschaft auch immer wieder auf Improvisation angewiesen. Das Abgeschnittensein vom Weltmarkt führte zu permanenten Mangelsituationen und die machten erfinderisch. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Zigarrenindustrie. Deren Blütezeit in Döbeln war längst vorüber, aber Zigarrenraucher gab es natürlich auch in der DDR. Im VEB Zigarrenfabrik Döbeln wurden die Sorten Don Pedro, Record, Trumpf, Extra, Resonanz und Jagdkammer hergestellt. Sogar drei Sorten Schnupftabak, darunter „Menthol-Snuff“ für die Delikatläden der DDR, hatte man im Angebot.

Jubiläumsausgabe der Zigarrenmarke "Cabinet" mit der Bauchbindenaufschrift "1000 Jahre Döbeln" © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl

Wie kam es zu dieser Wiederbelebung der Döbelner Zigarrenindustrie. Nach dem Krieg waren die Lager der Fabriken leer und Tabakimporte nicht möglich. Zuhauf gab es allerdings Raucher. Zigaretten und Zigarren waren für viele das inoffizielle Nachkriegszahlungsmittel. Gleich der Befehl Nr. 3 der sowjetischen Militäradministration forderte zum Tabakanbau auf.
Das ist die Geburtsstunde des VEB Rohtabak Döbeln. In einer Scheune der Landmaschinenfabrik beginnt man mit Anbauberatung, Aufkauf und Fermentierung. Schon bald bauen 15 000 Lieferanten in und um Döbeln Tabak an. Mitunter werden kleinste Flächen in Kleingärten, an Bahndämmen und Feldrainen genutzt. Im Jahr 1949 produziert man schon 581 Tonnen Tabak. Es gelingt danach, den Anbau zu konzentrieren, die Zahl der Anbauer zu senken und langfristige Lieferverträge abzuschließen. Die Zahl der Beschäftigten wächst. 1969 sind es in der Döbelner Industriestraße 460 und in der Waldheimer Straße 1 (ehemals Fa. Katzschmann) 140 Mitarbeiter. 1979 produziert der Döbelner Betrieb mit 850 Anbauern 15 051 Tonnen fermentierten Rohtabak und führt 1,9 Mio. Mark Gewinn an den Staatshaushalt ab. Zu 70% geht der Rohtabak in den Export, selbst große Tabakerzeuger wie die USA kaufen in Döbeln ein.

Letztes Relikt des VEB Rohtabak - der Namenzug an der Fassade (Foto: 2023). Die zahlreichen Gebäude an der Industriestraße verfallen. In einer Halle haben seit 2001 Skater und Skaterinnen aus Döbeln und Umgebung eine Heimat gefunden.

In der DDR war die Politik sehr eng mit der Wirtschaft verwoben. Ein politisches Erdbeben konnte schnell die ökonomische Basis tangieren. Nachdem Erich Honecker im Mai 1971 Walter Ulbricht als Parteichef abgelöst hatte, wurde die Existenz privater Betriebe in der DDR grundsätzlich in Frage gestellt. Der Sozialismus sollte nun endlich konsequent umgesetzt werden. Der DDR-Ministerrat beschloss schon am 09. Februar 1972 „Maßnahmen über die schnittweise Durchführung des Beschlusses der 4. Tagung des ZK der SED hinsichtlich der Betriebe mit staatlicher Beteiligung, der privaten Industrie- und Baubetriebe sowie Produktionsgenossenschaften des Handwerks“.

In Döbeln betraf die Verstaatlichung die Fa. Max Knobloch (fortan VEB Gerätebau Döbeln), die Fa. Richard Köberlin (fortan VEB Besteckfabrik Döbeln), die Fa. Gennrich Metallveredlung (fortan VEB Metallveredlung Döbeln) und die Fa. Hans Seidel Fabrik gummierter Papiere (fortan VEB Papierveredlung Döbeln). Diese kleinen Firmen leisteten bis dahin einen gewichtigen Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen und für den Export. Sie waren hinreichend flexibel und konnten schnell auf Marktbedürfnisse reagieren. Nunmehr wurden sie auch Teil des verkrusteten planwirtschaftlichen Systems. Die Erstarrung der Wirtschaft war 1989/90 ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch der DDR.

Areal der Döbelner Niederlassung des Konsum Backwarenkombinats Leipzig mit dem Verwaltungsgebäude für die Kombinatsleitung. Die Backtradition wurde nach der Wende von der Firma Erntebrot weitergeführt.

Ende der 60er Anfang der 70er Jahre kam es in Döbelns Wirtschaft zu weiteren Veränderungen. Der VEB Süßwarenfabrik „Frumi“ in der Reichensteinstraße (vormals „Falken“ Kakao und Schokoladen-Werke Fritz Pflug, vormals Fa. Clemen) wurde 1962 aufgelöst. Das imposante Fabrikgebäude firmierte fortan als Werk IV des VEB Elektromotorenwerk Hartha. Die Chemische Fabrik Oswald Greiner und die Spritzenfabrik Julius Müller wurden geschlossen.

Ein wichtiges Anliegen der DDR-Führung war die Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln. Man wusste, dass die innenpolitische Stabilität davon abhing. Die Firma Lindner Fleischverarbeitung, 1945 in Dresden ausgebombt, siedelte sich schon 1946 in der Muldenstraße 1 an. Aus ihr entstand 1959 der VEB Pikant Fleischkombinat. Hier werden die bekannten „Döbelner Weißen“ hergestellt, eine Salami, deren guter Ruf in der ganzen DDR bekannt war. Der VEB Pikant unterhielt 460 Verkaufsstellen, die die Umgebung Döbelns mit Fleisch und Wurst versorgten. 1958 hatte man in der Nähe des Güterbahnhofs Döbeln-Ost eine neue Molkerei gebaut. Über 60 000 Liter Milch konnten hier täglich verarbeitet werden. Hergestellt wurde Butter, Buttermilch, Kakaotrunk, Speisequark, Frischkäse und Schlagsahne. 1978 erfolgte die Gründung des Konsum Backwarenkombinats Leipzig mit einer Niederlassung auch in Döbeln. 1980 wurde der Neubau in Masten (heute Erntebrot), in dem auch die Kombinatsleitung untergebracht war, in Betrieb genommen.

Immer mehr wurde in den 1980er Jahren sichtbar, dass die starre Planwirtschaft und der bornierte Zentralismus kein ökonomisches Erfolgsrezept waren. In Döbeln zerfiel die Innenstadt, viele Betriebe produzierten unter vorsintflutlichen Bedingungen. Am Ende war die DDR zahlungsunfähig, die Bevölkerung begehrte auf. Die friedliche Revolution mündete 1990 direkt in die deutsche Einheit. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Für die Döbelner Wirtschaft war es keine. Nach Jahrzehnten der Abschottung vom Weltmarkt und der Mangelwirtschaft waren nur die wenigsten Betriebe wettbewerbsfähig. Eine Pleitewelle ungeahnten Ausmaßes rollte durch die Stadt. Es ist nicht übertrieben von einer Deindustrialisierung Döbelns zu sprechen. Massenarbeitslosigkeit trübte die Freude über die wiedergewonnene Einheit Deutschlands. Die am 01. März 1990 gegründete Treuhandanstalt sollte die volkseigenen Kombinate, Betriebe und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften umwandeln. Wieder änderten sich die Namen. Aus dem VEB DBM wurde die DBM GmbH, aus dem VEB Elektrowärme die Elektrowärme Döbeln GmbH, aus dem VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ die Matec GmbH usw.

1989 hatte Döbeln 56 Volkseigene Betriebe (VEB), zwei Gärtnerische Produktionsgenossenschaften (GPG), zwei Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften (LPG) und 11 Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH). In der Stadt lebten 27 000 Menschen, 20 000 fanden hier Arbeit, Industriearbeitsplätze dominierten. Heute hat Döbeln, trotz zahlreicher Eingemeindungen, nur noch 24 000 Einwohner. Die meisten Industriearbeitsplätze gingen verloren. Viele Traditionsfirmen, die, Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, in Döbeln einen rasanten Aufschwung erlebt hatten, unter veränderten Namen auch die DDR überlebten, wurden von der Treuhand abgewickelt. Einige Beispiele: VEB DBM (1989: 2165 Beschäftigte), VEB Jugendmöbel (1989: 282 Beschäftigte), VEB Haushaltsgeräte Karl-Marx-Stadt Werk Döbeln (1989: 206 Beschäftigte), Zuckerfabrik Döbeln (1989: 117 Beschäftigte), VEB Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb Pikant (1989: 441 Beschäftigte) - ein beispielloser Niedergang. Döbeln war jahrelang in Schockstarre. Der wirtschaftliche Niedergang hatte ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr beherrschbar erschien. Der großflächige Wegfall von Industriearbeitsplätzen ging einher mit staatlichen Entscheidungen, die die Stadtentwicklung zusätzlich zurückwarfen. So holte die Bundeswehr 1991 am Garnisonsstandort Döbeln für immer die Fahne ein. 104 Jahre Militärstandort Döbeln gehörten der Vergangenheit an. Wieder fielen zahlreiche Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven weg. Die Strategie des neugegründeten Freistaates Sachsen, vorerst besonders die „Leuchttürme“ Dresden, Leipzig und Chemnitz zu fördern, ließ für die Kleinstadt Döbeln nichts Gutes erahnen. Viele Junge gingen weg, viele der Älteren waren langzeitarbeitslos oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Abriss der ehemaligen Fabrik Robert Tümmlers, später VEB DBM in der Döbelner Schillerstraße (Fotos: Matthias Müller, 2008)

Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Döbelns dauerte lange und dauert immer noch an. Von alter Größe sind wir weit entfernt. Viele innerstädtische Produktionsstandorte waren für neue moderne Industriebetriebe nicht geeignet. Zuerst mussten Gewerbe- und Industriegebiete neu erschlossen werden. Das geschah vielfach „auf der grünen Wiese“, vor den Toren der Stadt. Bestes Beispiel ist das Gewerbe- und Industriegebiet Döbeln Ost 1a mit einer Fläche von 47 ha und Ost 1b mit 41 ha. Firmen aus dem Stadtgebiet verlagerten ihre Produktion hierher (z.B. Döbelner Fleischwaren GmbH, vormals VEB Fleischkombinat Pikant), andere siedelten sich neu an (Fa. Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG, Fa. Gebr. Schmidt AG, Berger Beton GmbH).

Durch die Eingemeindung Mochaus 2016 kam das Gewerbegebiet „Am Fuchsloch“ in städtischen Besitz, kleinere Gewerbegebiete sind in Eberbach, Masten und an der 169 in Döbeln Süd ausgewiesen.

Foto aus guten Tagen - Autoliv in Döbeln

Doch der wirtschaftliche Wiederaufstieg Döbelns bleibt ein steiniger Weg. Ein Beispiel hierfür ist die kurze Geschichte der Firma Autoliv Sicherheitstechnik GmbH Döbeln. Alle freuten sich, als 1991 der schwedische Konzern Autoliv jenen Teil des VEB DBM übernahm, an dem früher die Fa. Großfuß ansässig war. In der Tradition des DBM sollten auf dem Burgstadel Sicherheitsgurte für den Golf III hergestellt werden. Schon zu DDR-Zeiten hatte Autoliv Beziehungen zum VEB DBM unterhalten. Nun, nach der Wende, gab es gute Förderprogramme, die Löhne im Osten waren niedrig, das VW-Werk in Mosel nicht weit entfernt. Alle waren optimistisch. Bald schon war Autoliv das größte Unternehmen Döbelns, beschäftigte 2002 495 Mitarbeiter und stellte täglich 20 000 Gurte, 51 000 Höhenversteller, 30 000 Schlösser und pyrotechnische Gurtstraffer her. 2013 kam die Hiobsbotschaft. Der schwedische Konzern hatte beschlossen, den Döbelner Betrieb bis 2014 zu schließen und mit der Produktion nach Rumänien umzuziehen. Hier glaubte man noch mehr Gewinn erzielen zu können. Wie gewonnen, so zerronnen. Gewinnmaximierung und Globalisierung heute sind weit entfernt vom Verantwortungsbewusstsein der Döbelner Industriepioniere von gestern. Robert Tümmler, Franz Richter oder Johannes Großfuß wären nicht im Traum auf die Idee gekommen, ihre Arbeiter und ihre sächsische Heimat so im Stich im Stich zu lassen. Diese Männer wussten, dass Eigentum verpflichtet und handelten danach.

Die Klaus Bauer GmbH ging aus der ehemaligen PGH Elektro- und Kühlanlagen Döbeln hervor. Ihr Firmensitz befindet sich im Gewerbegebiet Döbeln Ost.

Die Geschichte der Elektroanlagen Klaus Bauer GmbH Döbeln zeigt, wie aus der 1960 gegründeten PGH Elektro- und Kühlanlagen Döbeln (PGH = Produktionsgenossenschaft des Handwerks) wieder ein Privatunternehmen wurde. 1990 hatte die PGH 106 Mitglieder. Nach der politischen Wende 1989/90 wurde sie zur GmbH mit 106 Gesellschaftern, die jeweils Minianteile an dem neuen Elektroinstallationsbetrieb hielten. Die hohe Anzahl an Gesellschaftern erwies sich jedoch schnell als Problem. Als die ersten Teilhaber ausstiegen und es ans Auszahlen ging, war die Liquidität der Firma in Gefahr. In dieser Situation gründete der ehemalige Gesellschafter Klaus Bauer 1993 die Klaus Bauer GmbH Döbeln. Er übernahm alle 88 Mitarbeiter und 20 Auszubildende. Zudem kaufte er alle Grund- und Arbeitsmittel und ein Grundstück im Gewerbegebiet Döbeln Ost 1a. Die Millioneninvestition lohnte sich. Die ehemalige PGH bekam nun Boden unter die marktwirtschaftlichen Füße. 1999 beschäftigte die Klaus Bauer GmbH, die hier als Beispiel für die Reprivatisierung von Produktionsgenossenschaften des Handwerks beschrieben wurde, 67 Mitarbeiter und 18 Auszubildende.

Der Briefkastenbauer RENZ war die erste größere Firma, die in Döbeln Ost eine Niederlassung baute und die lange Tradition Döbelns als Standort der metallverarbeitenden Industrie fortsetzte.

In den neuen Gewerbegebieten am Stadtrand siedelten sich auch neue Firmen an. Die erste war die Erwin Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co KG Döbeln. 1992 hatte die Firma Renz, die aus Baden-Württemberg stammt, in Döbeln-Ost drei Fertigungshallen mit Verwaltungsgebäuden gebaut, um hier Briefkastenanlagen und Mitteilungskästen zu bauen. Renz ist für diese Produkte Markführer in Deutschland und Europa. 1993 startet in Döbeln die Produktion, 2003 arbeiteten immerhin 103 Beschäftigte bei Renz.
Eine der erfolgreichsten Firmen in der Döbeln nach 1990 ist Partzsch Elektromotoren. 1954 hatte Werner Partzsch ganz gegen den Trend der DDR-Verstaatlichungspolitik in der Leipziger Straße eine kleine Werkstatt zur Reparatur von elektrischen Maschinen und Apparaten gegründet. 1989, als Werner Partzsch den Betrieb an seinen Sohn Thomas übergab, waren hier sechs Beschäftigte angestellt. Die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten weckten den Ehrgeiz des Unternehmers.

Im Gewerbegebiet Döbeln Ost besitzt die PARTZSCH Unternehmensgruppe mehrere Produktionshallen.

1993 entschloss sich Thomas Partzsch in Döbeln Ost eine neue Fertigungsstätte zu errichten. 1994 startete er hier mit 35 Mitarbeitern. Seitdem gab es immer wieder Erweiterungen und millionenschwere Investitionen. Die Firma produziert mittlerweile eigene Elektromotoren, Draht- und Spulenfertigung, Reparatur und Instandhaltung von Niederspannungs- und Hochspannungsmaschinen und die Reparatur von Generatoren von Windkraftanlagen. 2017 arbeiteten ca. 500 Frauen und Männer in Europas größtem herstellerunabhängigen Reparaturwerk.

Wo geht die Reise hin in Döbeln? Die alte Industriestadt Döbeln gibt es nicht mehr. Die Zigarren kommen wieder aus Kuba, hier wächst der Tabak besser als im Muldental. Immer noch gibt es einige Betriebe der metallverarbeitenden Industrie. Sie sind mittlerweile am Rande der Stadt in Gewerbegebieten ansässig und natürlich sind hier nicht mehr so viele Menschen beschäftigt wie noch vor 40 Jahren. Trotzdem ist es erstaunlich, was hier in den letzten 30 Jahren aufgebaut wurde und was derzeit neu hinzukommt. Mit dem Batteriehersteller Blackstone Technology GmbH, der sich im Gewerbegebiet „Am Fuchsloch“ ansiedelte, klopft die Zukunft in Döbeln an die Tür. In einem innovativen 3D-Druckverfahren werden hier Batterieelektroden hergestellt. Mit einer patentierten Technologie kann die Energiedichte verdoppelt und die Herstellungskosten gegenüber der derzeitigen Lithium-Ionen-Batterietechnologie halbiert werden. Für 2023 oder 2024 strebt man die Skalierung der Produktionskapazitäten auf fünf Gigawattstunden an. Derzeit ist die Zahl der Mitarbeiter noch überschaubar. Das könnte sich schnell ändern, wenn der Bedarf an Batterien zum Beispiel in der Automobilindustrie weiter wächst.

Was in Döbeln passierte, nämlich der Rückgang der Industriearbeitsplätze, ist durchaus ein allgemeiner Trend. Waren in Deutschland 1960 noch über 30% in der Industrie beschäftigt, waren es 2016 nur noch 16%. Immer mehr prägt die Vielfalt der modernen Dienstleistungsgesellschaft auch Döbelner Verhältnisse. Im Klinikum der Muldenstadt werden von mittlerweile 300 Mitarbeitern jährlich über 7000 Patienten stationär und doppelt so viele ambulant behandelt. Bei seiner Gründung 1881 war man noch stolz auf immerhin 40 Betten für 40 Patienten. Döbeln ist heute ein regionales Zentrum der Gesundheitsvorsorge. Auch wenn Döbeln bei der Kreisreform von 2008 im Landkreis Mittelsachsen aufging, blieb die Stadt doch ein Verwaltungszentrum. Neben der Stadtverwaltung Döbeln befindet sich hier immer noch eine Außenstelle des Landratsamtes mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Trotz der Umzugspläne nach Freiberg gibt es auch noch ein Finanzamt in Döbeln, das Amtsgericht und ein Grundbuchamt. Mit dem Landesrechnungshof, der 2023 in ein ehemaliges Kasernengebäude an der Bahnhofsstraße einzieht, befindet sich auch erstmals eine höchste Landesbehörde in Döbeln. Immerhin 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen hier arbeiten.

Auch im Bereich Tourismus, für den Döbeln bisher nicht bekannt war, tut sich etwas. An der Ostsee ist es schon ein Renner. Nun soll auch in Sachsen ein neues Karls Erlebnis-Dorf entstehen. Direkt an der Autobahnabfahrt Döbeln-Nord wird das Erdbeerparadies Ostern 2024 seine Pforten öffnen. Der Investor Robert Dahl rechnete mit 500.000 Besuchern und etwa 85 fest angestellten Mitarbeitern.

Es bleibt also spannend in Döbeln. Der kleine Abriss zur Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass die Stadt Höhen und Tiefen erlebte, immer wieder aber auch die Kraft fand, sich neu zu erfinden. Wenn das kein positiver Ausblick ist, tja, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
15.01.2023

Quellen:
Enzmann Karlheinz: Döbelner Industriebetriebe – ein Überblick. In: Stadt Döbeln (Hg.). Döbelner Mosaik 2001. Beucha 2001. S. 34-48.
Enzmann Karlheinz: Döbelner Industriebetriebe – ein Überblick. In: Stadt Döbeln (Hg.). Döbelner Mosaik 2004. Beucha 2004. S. 62-83.
Heß, Ulrich: Die Firma Tümmler in Döbeln. In: Heß, Ulrich u.a. (Hg.): Unternehmen im regionalen und lokalen Raum 1750-2000. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Sachsens. Leipzig 2004. S. 169-176.
Hingst, C.W.: Chronik von Döbeln und Umgegend. Döbeln 1872
Lödel, Hans (Hg.): 100 Jahre Döbelner Anzeiger 1838–1938. Döbeln 1938
Neubauer, Wolfgang: Aus den Anfängen der Döbelner industriellen Entwicklung. In: Heimtfestjahrbuch Stadt Döbeln 1996, S. 38-46
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Roloff, Monika / Knobloch, Hans-Jochen: Döbeln. Leipzig 1981.
Schmidt, Karolin: Einleitung 20850 Robert Tümmler, Metallwarenfabrik Döbeln, 2003, www.archiv.sachsen.de
Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1911
Stadt Döbeln (Hg.): Heimatfestjahrbuch 1996. Kissing 1995
Stadt Döbeln und AG Heimatfreunde (Hg.): Döbelner Panorama 1989, Heft 1
Stadt Döbeln und AG Heimatfreunde (Hg.): Döbelner Chronik – 1871-1999. Beucha 1999
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928

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