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Zeitzeugenbericht

Gerda Hanns

Gerda Hanns 1944 und 1997

Gerda Hanns erzählte íhrem Enkel Felix im Jahr 1997 die Geschichte ihrer Vertreibung aus dem Sudentenland.

Hier spricht Frau Gerda Hanns aus Fischendorf. Ich bin Umsiedlerin aus der ČSR (Tschechoslowakei). 1945 wurden wir ausgewiesen und zwar von den Tschechen, die heute unsere Freunde sind. 1945 im Juni, abends um 8 Uhr bekamen wir Bescheid, dass wir früh um 5 Uhr gestellt sein müssen. Mitnehmen durften wir 100 Mark und 30 Pfund Gepäck. Früh um 5 Uhr ging es los. Da haben wir im Dorf unten gestanden an einer Ecke, wo wir versammelt wurden und um 8 Uhr ungefähr ging es dann los. Da wurden wir nach Bösig (tschech. Bezděz) gebracht, zum Bahnhof und zwar mit Polizei. Wir wurden auf einem Güterbahnhof verladen. Bevor wir aber auf den Güterwaggon kamen, bekamen wir alle das Hakenkreuz auf den Rücken. Das war ziemlich so breit wie der Rücken. Und dann ging es auf den Güterwagen rauf und der Zug, der fuhr dann los bis Böhmisch Leipa. Das heißt heute Česká Lípa. Dort wurden wir wieder ausgeladen und in Česká Lípa mussten wir unsere 30 Pfund Gepäck alles hinlegen. Zum Glück kam ein russischer Offizier, der uns sagte, wir dürfen alles, was wir haben, wieder mitnehmen. Und so haben wir von dem Haufen, wo alles zusammengeworfen worden war, unseres wieder weggeholt und sind mit den 30 Pfund Gepäck schnell wieder in den Güterwagen eingestiegen.
Dann fuhren wir wieder ein Stück weiter bis nach Bad Schandau und in Bad Schandau stand der Güterzug einen Tag und eine Nacht und wir hatten nichts zu essen, nichts zu trinken und die Frauen wurden aus dem Waggon rausgezogen. Die wurden vergewaltigt. Die haben auf tschechisch gerufen „pomoc!“, das heißt „Hilfe!“, auf Deutsch gerufen „Hilfe, hilfe!“. Ja, niemand kam zu Hilfe, jeder musste eben entweder leiden oder alles mitmachen.
Dann ging es weiter, den anderen Tag nach Pirna zu in die Richtung. Zu essen bekamen wir nichts, nur das, was wir noch so in der Tasche hatten, ein Stückchen Brot. Wenn wir ausgestiegen sind, haben wir nach Wasser gesucht.
Dann sind wir in Pirna dem Schicksal überlassen worden. Wir durften allein auf Reisen gehen. Damals war ich 18 Jahre alt. Ich war die einzige Tochter und ich bin mit meinen Eltern und mit noch einer Familie, sind wir noch nach Dresden zu. Immer stückchenweise sind wir gefahren mit dem Zug. Ganz einfach eingestiegen, wir hatten kein Geld und dann wieder ausgestiegen und so haben wir Dresden uns dann angeschaut, wo Dresden noch rauchte, vom letzten Krieg, wo es so bombardiert wurde. Und so haben wir uns nach und nach, immer stückchenweise vorgearbeitet. Dann sind wir betteln gegangen, von Haus zu Haus um ein Stück Brot. Bei Vielen bekam wir nichts, manche, die hatten Erbarmen, die gaben uns doch mal eine warme Suppe. Gewaschen haben wir uns an der Elbe oder wo eben irgendein Brunnen oder irgendetwas war, ein kleiner Teich oder irgendeine Pfütze oder eine Plumbe (sächs. Begriff für eine Vorrichtung, mit der man Wasser an die Oberfläche saugen kann), da haben wir uns gewaschen und dann sind wir eben weitergegangen.
Dann sind wir Richtung Leisnig zu, erst nach Döbeln. In Döbeln, da sind wir wieder weitergefahren und dann sind wir in Leisnig angekommen. Dann sind wir, meine Eltern und ich, von Leisnig über die Tragnitzer Brücke und ins Flüchtlingsheim, jetzt zuletzt war es Altersheim gewesen. Das Flüchtlingsheim war überbelegt und es waren noch einige Betten drin, wir hatten jedenfalls acht Tage dort eine Unterkunft gefunden. Da gab es auch bisschen Suppe und auch mal ein Mittag und früh gab es auch Kaffee und ein Stück Brot. Dann sind wir wieder betteln gegangen, von Haus zu Haus und dann sind wir zu den Bauern gegangen und haben gearbeitet.
Wir hatten immer die Hoffnung gehabt, dass wir wieder nach Hause kommen. Das war ganz traurig gewesen, die Zeit. Fünf Wochen vor Weihnachten, als wir bei einem Bauern waren und hatten gearbeitet, da hatte der Bauer für uns keine Arbeit mehr und da hat er gesagt: „Ihr könnt jetzt wieder flüchten gehen.“ Wir wussten wir nicht wohin und da haben wir in Tragnitz in einer Kegelbahn gewohnt, meine Eltern und ich. Gefroren haben wir. Ich bin in Stellung gegangen. Ich habe für acht Mann gekocht und den Haushalt geführt und eine kranke Frau gepflegt, bis sie starb.
1946 lernte ich, als er aus der Gefangenschaft gekommen war, meinen Mann kennen. Das ging ganz schnell. 1947 habe ich geheiratet und dann ging es bergauf. Ich hatte dann wieder eine Heimat gefunden und habe fünf Kinder geboren. Und wir haben uns emporgearbeitet und wir waren sehr glücklich. Natürlich, nach Hause kamen wir nicht wieder und es war auch unmöglich, dass wir unsere Heimat wiedersehen konnten.

Nachfrage: Wie wurde es begründet, dass ihr aus dem Sudetenland raus musstet?
Begründet nur, weil wir Deutsche waren und das kam von 1938. In unserem Dorf war z.B. eine Schule, wo Deutsche und Tschechen zusammen Schule hatten. Die rechte Seite war deutscher Unterricht, die linke Seite war tschechischer Unterricht. In der Pause haben wir Kinder, Tschechen wie Deutsche, gespielt und ich hatte auch die tschechische Sprache gelernt und die Tschechen hatte die deutsche Sprache gelernt.
[...] Als Hitler 1938 einmarschiert ist, durften wir mit den Tschechen nicht mehr sprechen und die tschechische Schule, das Klassenzimmer wurde geräumt und es durfte dort auch nicht Unterricht gehalten werden. Nur Deutsche und wir durften auch nicht mehr mit „Grüß Gott“ grüßen, sondern mit „Heil Hitler“. Es war dann auch so, dass wir zum BDM (Bund Deutscher Mädel) mussten, zur Hitlerjugend. Da hieß es eben: „Bist du ein Deutscher, so muss dein Gruß ‚Heil Hitler‘ sein.“ Das wurde uns sehr eingeprägt und deshalb haben die Tschechen uns dann verachtet und haben uns eben dann als Deutsche rausgeschmissen. Das Hakenkreuz auf dem Rücken und dann ging es raus. So war das.