Straßennamen

An den König erinnert (Teil 1)

Straßennamen helfen nicht nur bei der Ortsorientierung, sie widerspiegeln Heimatgeschichte, würdigen Persönlichkeiten, erinnern an bemerkenswerte Bauten u.a.

Das trifft im vollen Maße auch auf das Döbelner Straßenverzeichnis mit den 175 Bezeichnungen zu. Mit der neuen Serie soll Antwort auf die Entstehung und heimatgeschichtliche Bedeutung ausgewählter Döbelner Straßennamen gegeben werden. Nach historischen Wurzeln wird gefragt und der aktuelle Bezug hergestellt. Vielleicht ergibt sich daraus der Anreiz mehr Aufmerksamkeit der Döbelner Stadtgeschichte zu schenken und in der Heimatliteratur nachzuschlagen?
Den Anfang macht die Albertstraße, die Verbindung zwischen Franz-Mehring-Straße, Bahnhofstraße und Waldheimer Straße. 23 Hauseingänge, ein Hotel, eine Gaststätte und Unternehmen prägen ihr Antlitz. Obwohl nicht mit dem Königstitel ausgewiesen, erinnert sie an den sächsischen König und Generalfeldmarschall Albert, geboren am 23. April 1828, gestorben am 19. Juni 1902. Noch als Prinz nahm er mit seinem Bruder Georg als Vertreter des Königreiches Sachsen an der Kaiserproklamation im Schloß von Versailles am 18. Januar 1871 teil. Sein Vater, König Johann, stirbt in Pillnitz am
29. Oktober 1873. Kronprinz Albert tritt die Nachfolge an. Seine guten Beziehungen zu Kaiser Wilhelm I, Bismarck und Moltke, machten den jungen König auf dem sächsischen Thron sattelfest. Außerdem trug die persönliche Freundschaft mit dem österreichischen Kaiser Franz-Joseph wesentlich zur Aussöhnung von Sachsen und Österreichern bei. König Albert weilte auch in Döbeln, so zum Beispiel am 25. August 1879 nach einem vorausgegangenen Besuch im Jagdschloß Wermsdorf und in Grimma. Seine Reverenz erwies die Muldenstadt dem König auch durch die Namensgebung des ehemaligen langgestreckten Kasernengeländes. 1913 erhielt das Objekt den Namen „König-Albert-Kaserne".
König Albert war seinerzeit nicht nur der mächtigste Mann in Sachsen, sondern auch noch der reichste. Nach dem Tode des Herzogs Wilhelm von Braunschweig-Oels übernimmt durch Testament der König die Herrschaft Sybillenort bei Breslau in Schlesien. Hier befand sich die wirtschaftliche Grundlage des Hauses Wettin Albertinischer Linie. Der König besaß 31 Rittergüter mit 23000 Hektar Land im Werte von 20 Millionen Mark. An was alles nur ein Straßenname zu erinnern vermag!

Autohausmeile Döbeln-Ost (Teil 2)

Eine von den neuen Geschäftsstraßen im Gewerbegebiet Döbeln-Ost ist die Daniel-Wilhelm-Beck-Straße.
Gleich nach dem Kreisel links abbiegend, verbindet sie Abzweig und Zufahrt zur Richard-Köberlin-Straße. Genauer betrachtet, fällt sie auch als Autohausmeile auf. Je zwei japanische und deutsche Autofirmen präsentieren ein umfangreiches Fahrzeugangebot mit entsprechenden Dienstleistungen. Nicht weit von den Pavillons befinden sich eine Bedachungs-GmbH, ein Baubüro, ein Elektro-Spezialtechnik-Unternehmen und die Steinmetz GmbH. Ob sie alle wissen, wer der Namensgeber ihrer Straße war?
Es ist das Verdienst Daniel Becks, um 1820 seine Lohngerberei zu einer Fabrik entwickelt zu haben, die später einen ebenso bedeutenden wirtschaftlichen Faktor für Döbeln bildete, wie die Tümmlersche Metallwarenfabrik oder die Maschinenfabrik von Franz Richter. In ihrer Blütezeit beschäftigte die Becksche Lederfabrik 300-350 Arbeiter. Im Jahre 1870 wird sie als drittgrößte in Deutschland genannt. Der weitsichtige Daniel Beck erbaute 1845 die Großbauchlitzer Brauerei. Auch eine Ziegelei (1859) entstand durch ihn. Die Brauerei erbte Becks Tochter. Einen bedeutenden Umfang erreichte auch die Ledermanufaktur und Lacklederfabrik, welche Guido Beck, ein Sohn von Daniel, am linken Arm der Mulde gegenüber dem Schloßberg gründete. Die Produktionsstätte mit Dampfbetrieb verarbeitete hauptsächlich Bullenhäute, welche mit Spaltmaschinen in eine Narbenseite und eine Fleischseite geteilt wurden. Nach der Gerbung wurden die Häute gefärbt oder glatt lackiert. Das fertige Lackleder wurde nach allen Teilen der Welt versandt und zu feinen Schuhwaren, Wagenbau- und Sattlerarbeiten verwendet. Das Unternehmen von Vater Beck umfaßte eine große Lohgerberei, Weißgerberei, Lohmühle und Leimfabrik und drei Dampfmaschinen. Jährlich 2000 Zentner Leim entstanden aus den Hautabfällen. Die Fabrik wurde 1871 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und erhielt den Namen „Sächsische Lederindustrie-Gesellschaft, vormals Daniel Beck." Die zur Fabrik gehörigen 52 Gebäude und die umgebauten Grundstücke nahmen das ganze Stadtviertel, rechts der Mulde, (Staupitzsteg) ein. Durch Konjunktureinbrüche der Lederbranche vor der Jahrhundertwende mußte der Betrieb eingeschränkt werden. Eine Erholung der ungünstigen Wirtschaftslage gelang nicht. Das Ende 1894 war unvermeidlich. Doch die Erinnerung an einen bedeutenden Döbelner bleibt.

Dreifache Bürgermeisterehrung (Teil 5)

Ohne die Theodor-Kunzemann-Straße wäre der Zugang zum „Sonneneck", „Bärental" und weiter, kaum möglich. Sie stellt die Verbindung zwischen Bahnhofstraße, Wettinplatz und Waldheimer Straße her.
Durch den Kasernenbau 1888 für das 139. Infanterieregiment machte sie sich notwendig. Rechtsseitig grenzt sie an das ehemalige Kasernenareal. Ihr ursprünglicher Name „Kasernenstraße" verwundert nicht. 1991 im Dezember hat sich die Garnison Döbeln aufgelöst und seitdem wird die Kaserne für zivile Zwecke genutzt. In Erinnerung bleibt sie ganz bestimmt, denn sie war militärische Ausbildungsstätte von kaiserlicher Armee, Reichswehr, Wehrmacht, Deutscher Volkspolizei, kasernierter Volkspolizei, NVA und wurde nach der deutschen Vereinigung von der Bundeswehr übernommen. Viele Generationen junger Männer haben in Döbeln gedient. So mancher gründete hier eine Familie.
Die benachbarte Grundschule, 1992 eröffnet, trägt ebenfalls den Ehrennamen Theodor Kunzemann. Schon vor 1949 wurde hier unterrichtet. Das Gebäude gehörte zur städtischen Gewerbe- und Berufsschule. Gaststätte „Strammer Leutnant" und Kinderspielplatz schließen den rechten Teil der Theodor-Kunzemann-Straße bis zur Eisenbahnüberführung der Strecke Döbeln-Hauptbahnhof - Döbeln-Ost ab. Auf der linken Straßenseite, stadtauswärts gesehen, stehen sieben Wohnhäuser als Kontrast zum Gegenüber.
Wer war nun der durch Straßen- und Schulnamen geehrte Theodor Kunzemann? Seine Wiege stand in Markranstädt und hier wurde er am 23. Juli 1876 als Sohn eines selbständigen Handwerkers geboren. Bei der Firma „Gerhard und Söhne" in Leipzig-Lindenau erlernte er das Schlosserhandwerk. Die folgende Wanderschaft, der Eintritt in die SPD und den Deutschen Metallarbeiterverband beeinflußten seinen weiteren Lebensweg. Der führte ihn nach Döbeln. Weil er sich als Geschäftsführer des Döbelner Metallarbeiterverbandes bewährte und als ein geachteter und hilfsbereiter Mann galt, wurde er 1920 zweiter besoldeter Stadtrat und 1925 zweiter Stellvertreter des damaligen Oberbürgermeisters von Döbeln. Von 1927 bis 1933 übte er das Amt des Bürgermeisters aus und erwarb sich große Verdienste. Nach der Machtübernahme der Faschisten folgte seine Absetzung. Sein energischer Protest war vergebens. Mit seiner Familie zog er nach Leipzig und verstarb am 6. November 1944. Die Döbelner Stadtverordneten würdigten ebenfalls sein rastloses Schaffen zum Wohle der Stadt und bestätigten 1992 seine Ehrenbürgerschaft.

Der Weg führte zum Burgstadel (Teil 6)

Zu den belebtesten Ampelkreuzungen Döbelns zählt jene zwischen Muldenbrücke und Volkshaus. Wie ein Stern verbindet sie Bahnhofstraße, Burgstraße, Franz-Mehring-Straße und Albertstraße. Parallel zur Bahnhofstraße verläuft die Burgstraße. Sie beginnt im Bereich des ehemaligen Schützenhauses (Volkshaus) und mündet am naheliegenden Bahnhofsareal in die jüngere Schwester. Sie wies den Weg in das „Burgstadel" auf dem Reichenstein. Daran erinnert als Abzweig die Reichensteinstraße.
In einer Urkunde vom 31. Mai 1360 heißt es: „Ich Herr Ulmann von Staupitz und meine Erben bekennen... daß wir gebaut einen Bergfried zu dem Reichenstein, dem Lande zu Frommen und nicht zu Schaden denen von Döbeln". Professor Dr. Hey bemerkt dazu in der Heimatfestschrift von 1914: „Hiernach handelt es sich um nichts weiter, als eine von dem Staupitz für notwendig erachtete Errichtung eines Schutzbaues von Holz oder Stein, eines festen Turmes oder einer hohen Verschanzung zu dem Zwecke, das Landgut vor Gewalt zu sichern, wie ausdrücklich wiederholt betont wird, nicht zum Schaden der Bürger, sondern zu ihrem Schutze im Falle der Not. Dieser Bergfried (mittelhochdeutsch - bercfrit) wird nur zwei Menschenalter gestanden haben. Denn in einer Fehde zwischen Dietrich von Staupitz und Dietrich von Beerwalde auf Kriebstein, das kurz vorher erbaut war, i.J. 1415, eilte Friedrich der Streitbare dem Letzteren zu Hilfe, vertrieb den Angreifer und mag dann auch den festen Bau der Staupitze auf dem Reichenstein zerstört haben." Der Name Reichenstein führt auf einen Erdvorsprung von verwittertem Gestein zurück, der inzwischen verschwunden ist. Volkstümlich ist der Name Burgstraße gerechtfertigt, doch auf dem Reichenstein stand niemals eine Burg. Zum erwähnten Heimatfest 1914 zogen sich die Döbelner aus der Affäre und erklärten: „und da wir nun mal unsere Burgstraße haben, so wollen wir dem Namen den Sinn unterlegen, die Straße führe herein zur ehemaligen Burg Döbeln auf dem Schloßweg."
Inzwischen ist die Burgstraße zu einer Schicksalsstraße geworden. Einst gingen auf ihr die Döbelner zur Arbeit. Wie jeder sehen kann, sind die Produktionsstätten verschwunden. Heute führt ihr Weg wieder die Burgstraße entlang, zum Gebäudekomplex „Arbeitsamt", ganz neu gebaut.

Schutzpatron des Klosters (Teil 7)

Die Johannisstraße gleicht einer Achse für den alten Döbelner Niederstadt-Teil. Sie verbindet die Niederbrücke mit dem Niederwerder und dem Niedermarkt. Sie öffnet den Weg zum Körnerplatz und kreuzt mit der Theaterstraße, Neugasse und Zwingerstraße.
Unentbehrlich für Fußgänger und das nicht nur an Markttagen. Weit zurück reicht die Namensgebung der Straße. Auf den Tag genau, am 25. März 1330, siedelten die Stauchaer Nonnen mit ihrer Äbtissin Elisabeth List in das Döbelner Kloster über. Ihrem Schutzpatron „Johannes dem Täufer" hielten sie die Treue. Er prägte sogar das Siegel des Döbelner Propstes. Schutzpatron und Siegel waren für Döbelns Stadtväter Veranlassung genug, mit einer Straße seiner zu gedenken. Andere Deutungen sind nicht bekannt. Übrigens hat sich im Laufe der Zeit auch der Name Johannis für Johannes durchgesetzt. Ausführlich kann man über ihn in der Fachliteratur nachlesen. Hier nur einige Angaben in Kurzfassung. Er war ein radikaler Bußprediger mit großer Anhängerschaft. Seine Mutter Elisabeth soll eine Verwandte von Jesu Mutter Maria gewesen sein. Johannes der Täufer forderte die Menschen zur Umkehr vom sündigen Leben auf. Er selbst lebte als Asket in der Wüste. Sein Beiname „der Täufer" weist auf die von ihm praktizierte Taufe im Jordan hin: Wer sich taufen ließ, wurde von Gottes Strafgericht gerettet. Wegen seiner großen Wirkung und Zustimmung im Volk ließ ihn Herodes Antipas enthaupten. Johannes der Täufer wird auch als „Vorläufer" Jesu bezeichnet. Er selbst soll auch Jesu getauft haben. Noch heute wirkt Johannes der Täufer im volkstümlichen Sinne, denn das jährliche „Johannisfest", am 24. Juni, das Springen über das „Johannisfeuer" oder die „Johannisnacht" erinnern nicht nur an ihn, sondern halten traditionelle Kulturbräuche aufrecht.
Führt der Weg heute durch die Johannisstraße, ist man von Wohngebäuden und Geschäftshäusern flankiert. Das Café Albrecht lädt zum Verweilen ein und der Imbiß-Kiosk zum schnellen Verzehr.
Fernsehmeister Schmalfuß empfiehlt sich, ebenso die PIKANT-Filiale. Am gleichen Standort befindet sich das traditionelle Haushaltwarengeschäft R. Kretschel und als Symbol der Städtepartnerschaft Unna-Döbeln, die Elektrogerätefirma Meik. Das neue auf Döbelns Straßen läßt sich nicht übersehen.

Die Plätze gehören dazu (Teil 8)

Das Döbelner Straßenbild präsentiert ehrwürdige Plätze der Muldenstadt. Einer davon trägt den anspruchsvollen Namen Wettinplatz. Schon im 16. Jahrhundert findet er damals noch als „Ratswiese" und „Ratsteich" Erwähnung.
Aber erst mit dem Bau der Kaserne, der Bahnhofs- und Burgstraße entstand mittendrin sein heutiger Standort. Dafür gab es auch einen äußeren Anlaß, die „Döbelner Gewerbe- und Industrieausstellung 1893". Auf dem benachbarten Steigerhausplatz zeigten über 500 Aus-steller den 80 000 Besuchern aus allen Teilen Sachsens ihre Exponate. König Albert erschien mit großem Gefolge. Zur bleibenden Erinnerung an die Ausstellung und den Königsbesuch beschloß der Döbelner Stadtrat dem bisherigen freien Platz die Bezeichnung „Wettinplatz" zu geben.
Die Herrschaft der „Wettiner", so benannt nach ihrer Stammburg im Saalkreis (Sachsen-Anhalt), begann im Jahre 1089. Kaiser Heinrich IV. belehrte dem Markgrafen von der Niederlausitz, Heinrich von Eulenburg, mit der Mark Meißen. Damit nahm eine über 800jährige Herrschaft der Wettiner ihren Anfang. Mit ihren Kurfürsten gehörten die Wettiner zu den führenden Kräften im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation".
Allmählich ging aus ihrem Machtbereich das heutige Sachsen hervor. Von 1464 an regierten die Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht gemeinsam. 1485 teilten sie ihren Landbesitz und begründeten damit die Ernestinische und Albertinische Linie. Die weitere sächsische Geschichte ist mit den Albertinern verbunden. Die Kurwürde wurde erst 1548 wieder übertragen. Der Auserwählte war Moritz. August der Starke und sein Sohn residierten als Könige von Polen. Ab 1806 wurde Sachsen Königreich. In Sachsens Hauptstadt Dresden gedenkt man auf sehr origineller Art der Wettiner. Wie in einem übergroßen Bilderbuch kann man am ehemaligen Stallhof des Schlosses in Dresden (Augustusstraße) den „Fürstenzug" des wettinischen Herrschaftshauses bewundern. Welch ein Glück, daß er die Kriegs- und Nachkriegszeit überstanden hat. Mit der Technik der Unterglasmalerei auf Meißner Porzellanfliesen wird das 101 Meter lange Monumentalwerk zu einem eindrucksvollen Erlebnis. In Leipzig gibt es eine Wettinbrücke und eine Wettiner Straße. Und auch der Wettinplatz in Döbeln führt zur Erkenntnis, die Wettiner sind nicht vergessen.

Ehrung Döbelner Künstler (Teil 9)

Das Straßenverzeichnis der Muldenstadt macht Döbelner Künstler unvergessen. Otto Rost, Bernhard Kretzschmar, Walter Eckhard sind davon betroffen. Ihre Persönlichkeit verewigen Straßenschilder. Einer fehlt noch: Erich Heckel.
Ein Weg in Döbeln-Nord ist dem Maler und Grafiker Professor Bernhard Kretzschmar gewidmet. Nahe dem SPAR-Markt Förster führt er vorbei an der Kindertagesstätte und dem Kinderhaus bis hin zur Westfälischen Straße.
Geboren am 29. Dezember 1889 in Döbeln, wuchs er in einer kinderreichen Familie auf. Drei Brüder waren ihm vorausgegangen, zwei Brüder und eine Schwester folgten ihm nach. Ab 1896 besuchte er die 1. Bürgerschule auf dem Körnerplatz. In einem 1985 erschienenen Gedächtnisband des Kunst-Verlages hieß es u.a.: „Schon als kleiner Junge trug er früh vor der Schule, über Mittag und nach der Schule, für einen Kaufmann aus der Nachbarschaft Waren aus. Später war er Zeitungsjunge für den Döbelner Anzeiger im vornehmsten Stadtviertel, der damaligen „Königstraße" (heute „Straße des Friedens").
Nach der Schulzeit erlernte er den Malerberuf.
Die Gesellenprüfung im Ratssaal des alten Rathauses wurde ein großer Erfolg. Kretzschmar erhielt für seine Deckenstücke mit Landschaften den ersten Preis zuerkannt. Die Preisverteilung nahm der Dekorationsmaler, Stadtrat und Schützenhauptmann Augustin vor, ein Mitglied der berühmten Familie Augustin, die in den Jugenderinnerungen Erich Kästners eine so große Rolle spielt.
Mit dem Besuch der Kunstgewerbeschule ab 1909 in Dresden, begann ein neuer Lebensabschnitt. Von 1911 bis 1917 absolvierte er die Akademie der Bildenden Künste in der Elbmetropole. Nach dem I. Weltkrieg trat er als freischaffender Maler auf.
In seinen Werken übte der Künstler Sozialkritik und widmete sich dem Schönen in der Kunst.
Grafiken, Gemälde, Porträts und Landschaften dominierten. Viele Döbelner Motive sind in seinen Werken enthalten „Sonntag in Döbeln" 1921, „Straße in Döbeln" 1924/25, „Hauptbahnhof" 1925, „Zigarrenmacher" 1921, Kopien befindet sich im Stadtmuseum.
Viele Reisen führten ihn ins Ausland. In der Bundesrepublik beteiligte er sich an bedeutenden Ausstellungen. Den Titel Professor erhielt er 1946. Er starb vor 25 Jahren, am 16. Dezember 1972 im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. Seine letzte Ruhestätte: Friedhof Leubnitz-Neuostra.

Sie führte zum Arresthaus (Teil 10)

Mit „Puttelgasse" fing es an. Das war im Jahre 1525 und ähnelt dem „Stadtbüttel", was einem Gerichtsboten gleichkommt. Schließlich ist sie nach 1586 als Fronstraße in die Döbelner Stadtgeschichte eingegangen, die gegenwärtige Kombination von Fußgängerzone und Verkehrsweg zwischen Breiter Straße und Straße des Friedens, inbegriffen die Kreuzstraße.
Ältere Leser können sich bestimmt noch an solche, die Fronstraße prägenden Gebäude und Firmen erinnern, wie zum Beispiel: Herbert Kaschner KG., Meyers Hof, Fa. Heinrich Kröner, Redaktion und Verlag Adolph Thallwitz, Sandler-Bräu, geblieben sind Fleischerei Götzel und die Post. Hier ist der Ursprung der Fronstraße zu suchen. Auf diesem Standort befand sich einst die Fronfeste, das Gefängnis des Stadtgerichts und spätere Arresthaus des Amtsgerichts. 1730 ist sie mit abgebrannt, wurde jedoch wieder aufgebaut. Im Gebäude selbst wohnten der städtische Wachtmeister und die Ratsdiener. Außerdem befanden sich darin acht Arrestlokale. Nach erfolgter Abgabe der städtischen Gerichtsbarkeit an den Staat (1851), machte das Königliche Gericht Gebrauch von diesem Arrestlokal. Nach dem Bau eines neues Arresthauses beim Gerichtsgebäude, fand es als Polizeigefängnis Verwendung.
Vor 100 Jahren, im Jahre 1897, bezog die Post hier ihr neues, im spätenglisch gotischen Stil errichtetes, Gebäude. Doch schon um 1722 besaß Döbeln eine Posthalterei. Im Jahre 1775 bestand eine Postanstalt, die vom Postamt in Waldheim abhängig war. Ihr Vorsteher wird als Postverwalter bezeichnet, dem 1797 ein Postmeister und 1876 ein Postdirektor folgten. 1868 erhielt Döbeln auch eine Telegraphenanstalt, die 1876 mit der Postanstalt vereinigt wurde. Eine Zweigstelle des Postamtes konnte 1874 als vereinigte Post- und Telegraphenanstalt am Bahnhof eingerichtet werden.
Leider hat das traditionelle Antlitz der jahrhundertealten Fronstraße sehr gelitten. Ob das ein Grund sein kann, weshalb heute die Bäckerstraße bevorzugt wird?
Die Döbelner haben sich vielleicht an die Fassaden der Fronstraße gewöhnt? Auswärtige Passanten verwirrt es, wenn sie die Unternehmertitel lesen wie zum Beispiel: McPaper und Co., Bistro Super Mario, Debeka, Wit Boy. Verständlicher erscheinen da schon Erntebrot, Schuhmode, Geller, Foto Götze und die Goldschmiede. Wenn die Fronstraße reden könnte.

Die Clemen-Familie gewürdigt (Teil 11)

Nicht weit vom Döbelner Gewerbegebiet Ost, gegenüber Zschäschütz und Bormitz, liegt das Industriegebiet Ost. Beide Bereiche stellen einen Teil des neuen Döbeln dar.
Noch werden sie verwechselt, auswärtige Kraftfahrer spüren das besonders, doch der gleiche Standort ist es nicht. Die riesige Einkaufszone mit den markanten Orientierungshilfen wie dem Verkehrskreisel und die herausragende Eingangshalle von MARKTKAUF, nennt sich Gewerbegebiet Döbeln Ost mit einer Fläche von 740 Hektar. Das Industriegebiet Döbeln Ost umfaßt nur 41 Hektar und nimmt vorwiegend Produzenten wie zum Beispiel von Fleisch-, Wurst- und Feinkostwaren und der Metallbranche auf.
Im Industriegebiet Ost helfen bereits weiträumige Straßen bei der Orientierung, wenn es auch zur Zeit nur zwei sind. Eine davon trägt den für Döbeln typischen Namen: August-Julius-Clemen-Straße. Fast eine ganze Seite wird von der Fleischwaren GmbH eingenommen. Als kürzlich die „Döbelner Süßwarenmanufaktur" GmbH mit ihrer Osterproduktion „98" auf sich aufmerksam machte, war das auch ein Anlaß über einen Produktionszweig nachzudenken, der Generationen von Döbelner Frauen und Männern zu Arbeit und Brot verhalf und der noch nicht „ausgestorben" ist, wie zum Beispiel die Tabakwarenherstellung. Die Clemenfamilie war das Döbelner Geschäftshaus, welches die Schokoladenproduktion in der Muldenstadt begründete. Der Familienname ist schon seit 1415 gebräuchlich.
Zum Namensträger der Clemenstraße traf die Wahl August Julius Clemen (1827-1902). Nicht nur als Geschäftsmann erwarb er sich große Verdienste. Im Stadtrat trat er für die Interessen der Döbelner Bürger ein und wurde dafür schon 1885 zum Ehrenbürger ausgezeichnet. Obwohl damals noch keine Schokoladenfabrik bestand, beschäftigte sich die Fa. Clemen mit der gewerbemäßigen Selbstherstellung verschiedener Handelsartikel, so zum Beispiel auch von Lack in einem Grundstück mit Siedeofen in den Klostergärten. Die Lackfabrikation ist später nach Dresden verlagert worden. 1908 begann die Schokoladen- und Kakaoproduktion und 1911 folgte die Verlegung in einen Neubau in der Reichensteinstraße. Nach 1934 führten die Falken-Kakao und Schokoladenwerke Fritz Pflug das Unternehmen weiter. Nach dem Krieg produzierten hier die VEB Süßwarenfabrik Falken und VEB „FRUMI". Unvergessen bleibt auch die Groß- und Einzelhandelszentrale der Fa. Clemen und Sohn auf dem Obermarkt 6.

August Bebel in Döbeln (Teil 12)

Die Ehrung verdienstvoller Persönlichkeiten ist ein Grund, warum Straßen die Namen von berühmten Leuten tragen. Ein Blick ins Straßenverzeichnis überzeugt. Eine Straße, die sowohl einen Mann der deutschen Geschichte würdigt, als auch seine Beziehung zu Döbeln berücksichtigt, ist die August-Bebel-Straße am Dresdner Platz, im Blickfeld der Bushaltestelle der Linie A.
In Köln-Deutz wurde August Bebel am 22. Februar 1840 als Sohn eines Unteroffiziers geboren. Er starb am 13. August 1913 in Pasugg bei Chur in der Schweiz. Die Volksschulen in Brauweiler und Wetzlar besuchte er 1847 bis 1854. Nach schweren Kinderjahren erlernte August Bebel das Drechslerhandwerk und ging dann auf Wanderschaft, die in Leipzig endete. Hier arbeitete er zunächst als Geselle, bis 1876 leitete er eine kleine Drechslerwerkstatt als selbständiger Meister. Danach folgten bewegte Jahre als Mitinhaber und Handlungsreisender einer Drechslerfirma in Leipzig. Die Messestadt faszinierte August Bebel, war sie doch zu dieser Zeit eine Stadt der aufblühenden gewerblichen Bildungsvereine und der aufstrebenden Arbeiterbewegung. Im Februar 1861 trat August Bebel dem Gewerblichen Bildungsverein bei und wurde 1867 dessen Präsident. Mit Wilhelm Liebknecht stand er an der Spitze der Volksbewegung für ein einheitliches demokratisches Deutschland. Beide gehörten 1866 zu den Gründern der Sächsischen Volkspartei und wurden 1867 als Abgeordnete in den Norddeutschen Reichstag gewählt. Zusammen mit Wilhelm Liebknecht gründete er 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und machte sie zur größten deutschen Partei. Von 1872 bis 1875 verbüßte er eine Zuchthaus- und Gefängnisstrafe u.a. wegen Majestätsbeleidigung in Hubertusburg, Königstein und Zwickau.
Die Einheit der Arbeiterbewegung galt ihm als höchstes Ideal. Innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung war August Bebel eine anerkannte Autorität. Unter seinen zahlreichen Schriften ragt „Die Frau und der Sozialismus" (1883) besonders hervor. In Döbeln weilte er unmittelbar vor der Reichstagsstichwahl am 24. Juni 1893. Wie in Leisnig und Roßwein trat er in der Muldenstadt auf Kundgebungen auf. In der „Muldenterrasse" begrüßten ihn 1800 Personen und folgten seinen Ausführungen zum Thema: „Die Sozialdemokratie und ihre Stellung zur europäischen Lage". Ein Ereignis, daß in die Stadtchronik gehört.

Gold und Silber aus Döbeln (Teil 15)

Die Tuchfabrikation, Lederproduktion und Zigarrenherstellung standen am Anfang der industriellen Entwicklung Döbelns. Die Metallbranche nahm ihren Anfang im wahrsten Sinne des Wortes durch Gold und Silber. C.W. Hingst läßt darüber keinen Zweifel in der „Chronik von Döbeln" (1872).
Karl Wilhelm Leyritz aus Chemnitz eröffnete 1828 in Döbeln ein Goldwarengeschäft und fertigte selbst Ohrringe, Broschen und Ringe an. Der starken Konkurrenz konnte auch er sich nicht widersetzen. Ab 1850 ging die Fabrikation von Goldwaren zurück und an ihrer Stelle wurde die Herstellung von Silberwaren aufgenommen.
1873 kam die Firma in den Besitz der Familie Köberlin. 1899 folgte die technische Umgestaltung. Die Silberbestecke, bisher noch mit der Hand geschmiedet und teils mit Handmaschinen verarbeitet, wurden jetzt auf maschinellem Wege hergestellt. Ab 1903 kamen Alpakabestecke dazu. Hundert verschiedene Muster fanden ihren Absatz, neben Deutschland, in Dänemark, Schweden, Schweiz, Italien und Portugal.
Richard Köberlin, der Gründer und Geschäftsführer machte sich 1899 selbständig. Nunmehr gab es zwei Silberwarenfabriken mit dem Namen Köberlin. Der Stammsitz der „Gebrüder Köberlin" in der Bahnhofstraße 43 und die Firma Richard Köberlin in der Leisniger Straße 3/4. Der 1849 geborene Döbelner Unternehmer befaßte sich vorwiegend mit der Herstellung von Silberbestecks, versilberten Geräten und silbernen Kunstgegenständen. Er verstarb 1928. Sein Sohn Walther, der seit 1906 mit seinem Vater zusammenarbeitete, übernahm den Betrieb. Es zeugt von reger Geschäftstätigkeit und beständigem Unternehmertum, wenn man bedenkt, daß die Silberwaren- und Alpaka-Besteckfabrik Richard Köberlin, beide Weltkriege überstand und auch nach 1945 weiterproduzierte. Ab 1970 kam die Fertigung von Aluminiumbestecks, modern und bedarfsgerecht, ins Produktionsprogramm. Dem Senior der Döbelner Silberwarenfabrikation zu ehren, ist die „Richard-Köberlin-Straße" im Gewerbegebiet Döbeln-Ost gewidmet. Vom Kreisel an der Dresdner Straße, führt sie an der Oswald-Greiner- und Daniel-Wilhelm-Beck Straße vorbei in Richtung B175 und teilt das riesige Einkaufszentrum. Trotz entgegengesetztem Standort, ob Döbeln West oder Döbeln Ost, es bleibt die angemessene Würdigung.

Heimatlich und romantisch (Teil 16)

Vor 160 Jahren, 1838, erhielt die St. Georgenstraße ihren unverwechselbaren und unveränderten Namen. Nach Prof. Dr. Märkels Zeitbild „Döbeln und Umgebung" befand sich hier früher der „Saumarkt". Die Erinnerung an das St. Georgenhospital ist offensichtlich.
Um 1303 soll es Schloßhauptmann Seuschin gestiftet haben. 1328, vor 670 Jahren, wurde es Klostereigentum. Das Hospital selbst hatte sich als Zufluchtsstätte für hilflose, altersschwache und gebrechliche Personen bewährt. Eine Stätte wohltätiger Unterstützung mit Obdach, Nahrung und Pflege. Später folgte die Vereinigung mit dem Landeshospital zu Hubertusburg. Ab 1839 ging es in den Besitz des ehemaligen Hospitalverwalters Friedrich Ferdinand Wappenhensch. Die folgenden Stationen waren: Wappenhensche Stiftung, Stadtmuseum, Jugendwohnheim.
Und wer ist St. Georg? Er verkörpert den Ritter Georg, der nach der Sage im fernen Land einen Menschen fordernden Drachen getötet haben soll. Als Quellen dienen die "Döbelner Chronik" (1872) von Hingst und der „Döbelner Heimatschatz" Band 1 (1921/22). Von Feinden verfolgt, flüchtete er auf den „Spitzstein" bei Westewitz. Von dort sprang er mit dem Pferd in die tief unten fließende Mulde und erreichte ungefährdet das Ufer. Aber auch ein kunstvolles Bildnis widerspiegelt beeindruckend den Urheber des Straßennamens. Ein Motiv auf dem Flügelaltar der St. Nicolaikirche zu Döbeln zeigt Ritter Georg zu Pferde, den Lindwurm tötend.
Heute führt die St. Georgenstraße vor der Oberbrücke, Leipziger Straße, bis zur Gabelung Oschatzer- und Dresdner Straße mit Abzweig Wappenhenschstraße.
Sehr belebt und verkehrsreich ist sie der Knotenpunkt in Richtung Döbeln-Ost. Das es auch ohne Ampeln geht, hat inzwischen der „Kreisel", die neueste Errungenschaft an der St. Georgenstraße, unter Beweis gestellt. Die Schaufensterauslagen von dem Werkzeug- und Industriewarenbedarf Torsten Hajek gleichen einem Magnet. Die Blicke lohnen sich aber, es werden auch Erinnerungen wach an Max Mehner, ehemals Eisenwaren, Werkzeuge, Küchenherde. Gleich daneben lädt das Uhrengeschäft Lieselotte Schulze ein, bekannt und geachtet in der Muldenstadt. Natürlich sind auch die neuen Unternehmen entlang der St. Georgenstraße begehrt. Ob der Name „Schwarze Sau" für das Billardcenter die Reverenz an den ehemaligen „Saumarkt" darstellt, ist nicht gewiß.

Die Gründer unter sich (Teil 17)

Immer noch sprechen Döbelner Bürger, wohnhaft rund um den Sternplatz, respektvoll von der Greinersiedlung und der Greinerbrücke.
In Döbeln-Ost, mitten im Gewerbegebiet, stellt die Oswald-Greiner-Straße eine Art Achse zwischen der Daniel-Wilhelm-Beck-Straße und der Richard-Köberlin-Straße dar. Ein sinnvoller Verbund der traditionellen Industriezweige Leder (Beck), Silberwaren (Köberlin), Teer (Greiner). Gleich an drei Stellen wird Oswald Greiner gedacht.
Friedrich Oswald Greiner (1850-1928) war der Gründer und Seniorenchef der chemischen Fabrik, die sich ab 1874 mit der Eindeckung von Schiefer-, Ziegel-, Papp- und. Holzzementdächern befaßte. Der ständig steigende Bedarf gab die Veranlassung im Jahre 1888, die Fabrikation von Dachpappen und die Teerdestillation selbst aufzunehmen und so entstand im Raum Burgstadel/Eichbergstraße ein größeres Fabrikgebäude. Mittels eigener 13 Kesselwagen und geliehener von 40 Gasanstalten, wurde der Rohteer von auswärts bezogen und in Döbeln-West verarbeitet. Die durchschnittliche Dachpappenproduktion betrug ca. 1 Million Quadratmeter jährlich. Die Rationalisierung der Teerdestillation machte die Weiterverarbeitung der rohen Teerprodukte notwendig. So entstanden Anlagen zur Gewinnung von Salmiakgeist aus Ammoniakwasser (verarbeitete Jahresmenge von 10 Mio. kg, Rein-Benzol, Carbolsäure, Reinnaphtalin, Pyridin u.a. Der Transport forderte noch mehr. Eine eigene Gleisanlage vom Güterbahnhof direkt ins Werk entstand auf einer Länge von 1000 m. Dadurch war es zum Beispiel in den Jahren nach der Jahrhundertwende möglich, jährlich rund 5000 Doppelwaggons mit Gütern zu befördern. Seit 1909 bestand eine Filiale in Chemnitz und darüber hinaus Lagerhäuser am Chemnitzer Südbahnhof. Ferner war die Döbelner Stammfirma an einer Fabrik zur Herstellung der im Betrieb erforderlichen Rohdachpappe in Radewell bei Halle beteiligt. In der Herstellung von Papp- und Holzzementdächern sowie Ausführung von Asphaltierungen und Isolierungen von Brücken, Gewölben und Kellern zählte das Unternehmen von Oswald Greiner zu den führendsten in Deutschland. Er starb 1928 und vererbte seinen Söhnen die Fabrik. Außer dem Namen erinnert die Oswald-Greiner-Straße in keiner Weise an den Seniorchef. Autohäuser (Honda, SEAT, Skoda) dominieren. Einen Großteil der Fläche beherrscht Möbel-BOSS. Verbleibt der Wunsch: Döbelns Industrie und Tradition dürfen nicht aussterben.

Holländer-Quartett in Nord (Teil 19)

Mindestens viermal macht das Stadtgebiet Döbeln-Nord ganz offensichtlich auf das charakteristische Merkmal der holländischen Landschaft, die Windmühle, aufmerksam. Bekanntlich bestand ihre Funktion darin, das Wasser aus den Sammelgräben in die Kanäle zu befördern. Heute erledigen das Elektropumpen.
Die „Holländerwindmühle" auf dem Leipziger Berg, gebaut 1874, war dagegen eine Schrotmühle. Der Bauherr W. Schuricht ließ sie nach holländischem Muster errichten. Heute ist nur noch der Unterbau neben dem 30 Meter hohen Aussichtsturm zu erkennen. Übrigens er wird inoffiziell auch „Holländerturm" genannt. Hier beginnt der „Holländerweg", die Verbindung zwischen Albert-Schweitzer-Straße bis zum Stadtteil Gärtitz. Er führt an Ackerflächen entlang, grenzt an Kleingärten und diente oft als Ausweichstrecke bei Umleitungen. Nicht weit davon, hinter der Albert-Schweitzer-Straße, befindet sich der kuriose Namensvertreter, eine bewohnte Straße mit dem Namen „Am Holländer". Der übereinstimmende Ursprung ist sogar optisch leicht zu erkennen durch die holländischen Motive an den Giebelseiten. Inzwischen saniert, gehört „Am Holländer" zu den schönsten Straßen der Kreisstadt.
Das Quartett der übereinstimmenden Namensträger macht die Gaststätte „Am Holländer" komplett. Unmittelbar am alten Mühlenstandort gelegen, ist sie leicht auffindbar. Sie existierte schon im vorigen Jahrhundert und war während der Zeit des Sozialistengesetzes ein illegaler Treffpunkt. Am 21. Oktober 1954 erlebte Döbeln hier seine Fernsehpremiere. Ein 46 Meter hoher Empfangsmast am Aussichtsturm machte den Empfang möglich. Früher hatte man von hier aus eine herrliche Fernsicht bis zum Collmberg und den Oschatzer Kirchtürmen, bis Riesa und südwärts über den großen Döbelner Talkessel bis zur Halsbrücker Esse nahe Freiberg. Besichtigungen sind leider nicht möglich, der Bauzustand läßt es nicht zu. Gegenüber dem „Holländer"-Komplex befand sich die volkseigene Rinderbesamungs- und Deckstation, die von 1954 bis 1956 großzügig ausgebaut worden ist.
Vorsicht sei geboten, bei Nachfragen und Auskünften zum Thema „Holländer". Hier gibt es zwei Holländerstraßen und zwei Holländergebäude, ganz abgesehen davon, daß nicht wenige Döbelner das ganze Siedlungsgebiet als „Am Holländer" bezeichnen, statt Döbeln-Nord.

Der Seifen-Nestor aus Döbeln (Teil 20)

Man braucht nur im örtlichen Telefonbuch nachzuschlagen, um zum Beispiel die Häufigkeit der Familiennamen in der Muldenstadt zu erkennen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Straßennamen Schmidt. Im Döbelner Straßennamenverzeichnis ist er enthalten, aber wem wird die Ehre zuteil? Ist es der Metallwarenfabrikant Heinrich Wilhelm Schmidt, der 1864 ein Klempnergeschäft in der Johannisstraße eröffnete und später eine Fabrik an der Burgstraße besaß?
Vor dem I. Weltkrieg führte Paul Schmidt Werkstätten für moderne Wohneinrichtungen in der Großen Kirchgasse. Wurde nach ihm die Straße benannt?
Im Jahre 1857 wurde die Carl Schmidt Buchhandlung auf dem Obermarkt gegründet. Kam er in Betracht?
Die Namens-Wahl der neuen Straße im Industriegebiet Döbeln-Ost fiel auf Hermann-Otto-Schmidt, dem Nestor der Dampf-Seifenfabrik. Sein Unternehmen befand sich zur Gründung 1876 auf dem Niedermarkt, Breite Straße. 1903 wurde es nach der Roßweiner-, Rößchengrundstraße verlegt und auf das Modernste eingerichtet. Die Erzeugnisse waren bald beliebt und umfaßten Toiletten-Seifen, Seifenpulver und die echte Döbelner Terpentin-Schmier-Seife. Der Seifensiederei-Handbetrieb war schnell überholt. So wurden zum Beispiel die großen Fett- und Ölfässer nicht mehr mit dem Spaten ausgestochen, sondern einfach mit Dampf ausgeblasen. 100 Zentner-Stücken-Seife im flüssigen Zustand waren in zwei Tagen im Handumdrehen versandfertig, während früher dazu vier Wochen Zeit und Arbeit erforderlich waren. Nach dem damals neuesten Verfahren wurde Döbelns berühmte Schmierseife im heißen, flüssigen Zustand direkt aus dem Kessel in handliche, saubere Originalpfundpakete automatisch abgefüllt und verpackt. Versehen mit der „Amboß"-Schutzmarke gelangten die Produkte aus dem Rößchengrund unmittelbar ins In- und Ausland. Ihre Fortsetzung fand die Seifen- und Kosmetik Produktion nach 1945 im VEB DECENTA. Heute zeichnet die FLORENA-Cosmetic GmbH Waldheim für den Döbelner Betrieb verantwortlich.
Hermann Otto Schmidt, 1847 geboren, leitete über 40 Jahre das Stamm-Unternehmen. 1914 führte er seinen Sohn in die Geschäftsführung ein. Bis 1922 wirkten sie gemeinsam. Der Vater nahm in diesem Jahr seinen Abschied. Im 80. Lebensjahr, 1927, verstarb er.
Geht man heute die Hermann-Otto-Schmidt-Straße entlang, so zeigt sie sich unverkennbar als Industriestraße im Industriegebiet Döbeln-Ost. Die Firmen Metallwarenfabrik Renz, Döbelner PIKANT Fleisch-, Wurst- und Feinkost GmbH, Sügro-Ost GmbH & Co., Handels KG usw. sind hier angesiedelt. Sie haben ein neues Kapitel Unternehmensgeschichte eingeleitet.

Nach Ritter Ulmann benannt (Teil 21)

Vor allem im Mittelalter sind die Ritter von Staupitz in Döbeln und Umgegend bekannt geworden. Ihr Ruf und die Sagen über Sie haben sich aber bis heute erhalten. Schon 1241 beehrte Hermann von Staupitz den Döbelner Burgherren Heinrich den Erlauchten auf „Dobelin" wie das Schloß seinerzeit hieß.
1360 befestigte Ulmann von Staupitz sein Gut auf dem Reichenstein („Am Burgstadel-Reichensteinstraße) und versprach den Döbelnern, es als Zufluchtstätte in Kriegszeiten nutzen zu dürfen. 1415 am Fastnachtstag zog Dittrich von Staupitz als neuer Eigentümer des Burgstadel nach Kriebstein an der Zschopau und nahm das von Dittrich Beerwalde erbaute Schloß gewaltsam in Besitz. Lehnherr Friedrich der Streitbare eilte zu Hilfe, vertrieb den Eindringling und besetzte die Staupitz-Feste auf dem Reichenstein. 1483 belieh Burggraf Hugo von Leisnig den Günther von Staupitz mit Grundstücken.
Das Geschlecht der Staupitze ist noch umfangreicher.
Den Döbelner Stadtvätern hatte es aber der Ritter Ulmann besonders angetan und weil er um die Sicherheit von Mensch, Hab und Gut so besorgt war, nannten sie eine Straße nach ihm. Die Döbelner Staupitzstraße beginnt an der Klosterstraße, schließt die Klostermauer mit ehemals „Muldenterrassen" ein, berührt den Muldensteg und erscheint als Talsohle neben der Mulde. Einen erfreulichen Anblick bieten die auf der rechten Seite sanierten Wohnhäuser. Danach folgt eine Rechtskurve mit dem zweiten Muldensteg. Von derTextilreinigung „Meister Wette" ist es dann nicht mehr weit bis zur Einmündung in die „Rosa-Luxemburg-Straße".
Die Staupitzstraße ist zur Zeit nicht durchweg befahrbar. Die einsturzgefährdete Stützmauer an der Mulde erfordert Vorsicht.
Doch auch für Döbelns Industrieentwicklung ist die Staupitzstraße erwähnenswert. Hier befand sich ein ganzer Komplex von über 50 Gebäuden, die zur Daniel Beckschen Lohgerberei (1820) gehörten, der damals drittgrößten Deutschlands mit rund 300 Arbeitern. Dazu gehörten eine Lohmühle, eine Loh- und Weißgerberei und eine Leimfabrik. Heute kann man beim Lesen der Aufschrift „Gerberei Frieder Zaak" davon nur ahnen, wobei ein Spaziergang entlang der Staupitzstraße seine Reize hat. Vielleicht denken die Passanten daran, daß die „Staupitze" insgesamt sehr begehrt waren, an sie
erinnern schließlich Staupitzberg, Staupitzbad. Staupitzmühle, Staupitzsteg, Staupitztor, Staupitzgeld, wer weiß noch mehr?

Döbelner Revolutionär geehrt (Teil 22)

Gut sicht- und lesbare Gedenktafeln an der Bäckerstraße 11 (Familie Semmig) und an der ehemaligen Mädchenschule (hinter der Nikolai-Kirche) würdigten einst im Vorübergehen Döbelner Patrioten. Sie sind verschwunden.
Auch an anderen Stellen im Stadtgebiet fehlen die historischen Gedächtnisstützen. Welche ein Glück, daß es wenigstens die Bertholdstraße gibt. Nicht gerade lang, führt sie von der Thomas-Mann-Straße an der Westseite des Berufsschulzentrums bis zur Großbaustelle vor dem Staupitzbach. Zur Orientierung dient auch die Villa von Augenarzt Dr. Handmann, in ihr befindet sich die Zentrale des „Döbelner Anzeigers."
Bis zum Ende des II. Weltkrieges hieß sie Roonstraße, genannt nach dem Feldmarschall Graf Albrecht Theodor Emil von Roon, Kriegsminister, 1870. Rund 50 Jahre steht nunmehr dafür „Bertholdstraße" im Verzeichnis der Döbelner Straßennamen, gleichzusetzen als eine Würdigung der Teilnehmer am Dresdener Maiaufstand 1849. Einer von vielen war Dr. Wilhelm Friedrich Berthold, Oberlehrer an der 1. Döbelner Mädchenschule. Auf einer großen Volksversammlung am 5. Mai 1849 rief er zum Marsch in die Landeshauptstadt auf. Zur Ausrüstung der Freiwilligen verlangten die Demonstranten Geld und Piken. Dr. Berthold ist selbst der Kolonne vorangegangen, erblickte die Kreuzkirche und hat vom Turm aus die
Kämpfe in Dresden mit geleitet. Der Döbelner unterrichtete schon seit 1835 die Mädchen in der Muldenstadt.
Von 1841 bis 1844 studierte er in Leipzig mit dem Abschluß Dr. phil. Als Obmann der Stadtverordneten und Vorsitzenden des Vaterlandsvereins erwarb er sich großes Ansehen. Auch im Landtag schätzte man ihn als Volksvertreter. Er gehörte zu den 17 sächsischen Delegierten zur Konstituierung der Frankfurter Nationalversammlung. Nach der Dresdener Niederlage floh er in die Schweiz. Frau und Tochter begleiteten ihn ins Asyl. Dort starb er am 26. März 1870.
Spricht man von der Bertholdstraße, dann sollte man seine Kampfgefährten nicht vergessen. In Dresden mit dabei waren aus Döbeln: Die Lehrer Sonntag, Bitterlich, Dörfer, Bormann, Krebs, die Bürger Thum und Martin. Wachtmeister Neudeck, Drechsler Rod, Weber Friedrich Winkler, Schuhmachergeselle Jenicke. Die Schneidergesellen Emmrich und Büttner, Maurer Glöckner, Maurermeister Schindler, Leineweber Lobeck, Böttchermeister Lautzsch und Sattlermeiser Johann Gottfried Semmig (1789-1863) der Vater von Hermann Semmig. Er selbst gehörte zu den Leipziger Revolutionären, die in Dresden kämpften. Seinen Vater hat er aber nicht getroffen. Eigentlich verdienen die revolutionären Kämpfer von 1848/49 mehr Aufmerksamkeit.

Dem Reformator zum Gedenken (Teil 23)

Oft wird der Obermarkt als schönster Platz Döbelns bezeichnet. Der benachbarte Lutherplatz aber verdient das Prädikat „historisch bedeutsamer." In Dokumenten nennt man ihn schon 1546 „Kirchhof bei den Schulen".
Nach Döbelns Chronisten, Mörbitz und Hingst, bestanden damals eine lateinische und eine deutsche Schule, geleitet von den Rektoren Petrus Rentz (1451) und Michael Cölius (1512/13). Das ehrwürdige Zentrum des Lutherplatzes stellt ohne Einschränkungen die Kirche St. Nicolai dar, auch das älteste und höchste Bauwerk in der Muldenstadt. Weithin sichtbar zählt sie zu den unverwechselbaren Wahrzeichen Döbelns, begehrtes Fotomotiv und auf den Ansichtskarten nicht zu übersehen. Zum Platz-Ensemble gehören die Stadtbibliothek, Döbeln-Information, untergebracht in der ehemaligen „Lutherplatzschule" und das Gebäude der früheren Mädchenschule und jetziges Wohnhaus.
Die Ehrung Dr. Martin Luthers zu seinem 400. Geburtstag 1883 (10. November) war auch für die Döbelner Anlaß, dem deutschen Reformator ein bleibendes Gedenken zu bewahren. Der „Platz an der Kirche" erhielt fortan den Ehrennamen „Lutherplatz" und trägt ihn heute noch, ohne jegliche Unterbrechung durch Behörden.
Für diesen Zweck erwarben die Stadtväter vier Eichen aus den Lutherstädten Eisleben, Erfurt, Eisenach und Wittenberg, die seitdem den geweihten Platz symbolisierten. Zwei davon sind erhalten geblieben. Neuanpflanzungen ersetzen die beiden Fehlenden.
Am 18. August 1902 kam das künstlerisch und historisch wertvolle Lutherdenkmal dazu. Bereits am 4. Dezember 1883 beschlossen Döbelns Stadtverordnete das Projekt. Der Dresdner Bildhauer Ernst Paul erhielt den Auftrag. Im II. Weltkrieg sollt es für Kriegszwecke eingeschmolzen werden. Nach dem Krieg wurde es auf einem Hamburger Schrottplatz entdeckt und zurückgeführt.
Wer auf dem Lutherplatz verweilt, dem sei auch ein Rundgang auf dem 7 bis 8 Meter hohen Schloßberg empfohlen, übrigens, auch ein schöner und denkwürdiger Platz. Geht man an der Turnhalle entlang, wird der Blick nach unten auf die typische Muldenteilung mit Wehranlage geführt. Genau gegenüber, vor dem Schloßbergschulgebäude, bekommt man einen Eindruck vom Lutherplatz in malerischer Schönheit. Verbleibt noch zu erwähnen, die ehemalige Mädchenschule am Lutherplatz 1. Hier unterrichteten die Lehrer Dr. Berthold und David-Gottlieb Sonntag, Teilnehmer des Dresdner Maiaufstandes von 1849. Leider ist die Gedenktafel neben dem Eingang nicht mehr vorhanden.

Das Döbelner "Terrassen-Doppel" (Teil 24)

Gleichlautende Straßennamen sind zwar selten, aber nicht minder erwähnenswert. Hier gleich ein Beispiel.
Von der Leipziger Straße bis zur Staupitzstraße führt die „Terrassenstraße". Ebenfalls ab Leipziger Straße bis Albert-Schweitzer-Straße schließt der Namensvetter „Zur Muldenterrasse" an. Beide Verkehrswege bilden von der Mulde bis zum nahestehenden Aussichtsturm in Döbeln Nord eine Art Achse. Ein ganzer Stadtteil kann so rechts- und linksseitig in Nordost und Nordwest geteilt werden. Außerdem überwinden beide Straßen einen gewaltigen Höhenunterschied, besonders für Fußgänger anstrengend.
Die „Terrassenstraße" erinnert an die alte Stadtgeschichte. Bis 1840 hieß sie „Alte Leipziger Straße". Wenn man von der Staupitzstraße kommt, beeindruckt ein gewaltiges Mauerwerk, welches harmonisch in die renovierungsbedürftige Klosteridylle paßt. Einst trug das Gebäude den Namen „Deutsches Eck" und „Muldenterrasse" und war eine beliebte Einkehr- und Sportstätte - später sogar Jugendzentrum von Döbeln.
Vor 80 Jahren, am historischen 9. November 1918, versammelten sich hier 2500 Döbelner und begrüßten die Novemberrevolution in Deutschland. Hier erfolgte die Erweiterung und Wahl des Arbeiter- und Soldatenrates, der schon im Laufe des Tages gebildet worden war. Vorsitzende des Arbeiterrates wurden die Stadtverordneten Kaufmann Clemens Vieweg und Krankenkassenangestellter Adolf Spindler und die Vorsitzenden des Soldatenrates Sergeant Döbbelin und Feldwebel Lorenz.
Geht man die „Terrassenstraße" weiter, so schließen auf der rechten Seite steile Hänge Siedlungshäuser und Kleingärten bis zur Leipziger Straße an. Gegenüber baute man moderne Wohnungen mit Balkon und Tiefgarage auf dem Terrain des ehemaligen „Terrassengutes". Beim weiteren Weg bis zur Leipziger Straße kommt man an einem kleinen Mehrfamilienhaus mit Giebeldach und zwei Schornsteinen vorbei. Trotz fehlenden Hinweisschildes ist an der Hauswand eine eingemauerte Kanonenkugel zu erkennen. Mitten im „Siebenjährigen Krieg" (1756-1763), am 15. November 1761, traf den hier wohnenden Schuhmachermeister Nikolaus Wetzig eine österreichische Kanonenkugel, die ihm beide Füße wegriss, woran er starb. Dank der Hausbesitzer ist das historische Zeugnis bis heute erhalten geblieben.
Nach Überschreiten der Ampelkreuzung geht es auf die weiterführende Straße „Zur Muldenterrasse" zu, quer durch Döbeln Nord und flankiert von den Gebäudekomplexen der 1980er und 1990er Jahre. Das „Terrassen-Doppel" endet an der Albert-Schweitzer-Straße.

Gassen und Gäßchen (Teil 25)

Zwei neue Stadtpläne sind kürzlich in Döbeln erschienen. Eine erste Durchsicht läßt auf zuverlässige Ortsorientierung hoffen.
Der eine wird als ein mehrfarbiges faltbares Prospekt angeboten im Maßstab 1:15 000. Der zweite befindet sich in der Beilage der neuen Wegweiserbroschüre von Döbeln mit Übersicht der Straßen und Plätze des Gewerbe- und Industriegebiets Ost, im Maßstab 1:20 000. [...]
In beiden findet man ohne große Mühe zum Beispiel die Neugasse. Parallel zur Zwingerstraße führt sie von der Breiten Straße zur Johannisstraße. Schon 1550 befand sich an dieser Stelle ein Weg, volkstümlich „Im Honigloche", später „Im Sacke" oder "Sackgasse" genannt. Doch seit 1830, ohne Unterbrechung, gilt bis heute die Bezeichnung Neugasse. Von der Niederbrücke und dem Niedertore zweigte sie rechtsseitig ab. Nicht weit davon verlief der Zwinger. Durch einen Zwingerdurchbruch kam man zur Neugasse.
Der Stadtplan (1872) in der Döbelner Chronik von Hingst dokumentiert die ganze Anlage, die in ihrer Streckenführung geblieben ist, obwohl sich seitdem hier viel verändert hat. Die einstigen Wahrzeichen der Neugasse, die Molkerei von Albert Lipsius und die Gaststätte" Grüne Laube" von Carl Bittdorf, sind verschwunden. Nichts von der alten Döbelner Gasse, außer das Straßennamensschild, erinnert an sie. Sie stellt insgesamt eine gelungene und sehenswerte Kombination von saniertem Altbau mit modernem Geschäfts- und Wohnbereich dar.
Die Vorderfront hinter der Bushaltestelle beherbergt Spezialgeschäfte wie Namyslo und eine ADAC-Vertretung. Zu den Wohnungen gelangt man von hinten. Das Adjektiv „neu" mag schlicht und eindeutig erscheinen, doch mit dem Wort „Gasse" vereinigt, wird es für die Döbelner zu einem historischen Begriff. Übrigens, die neuen Stadtpläne führen 196 Titel, darunter 11 Gassen.
Straßen und Gassen unterscheiden sich vor allem nach ihrem Bestimmungszweck. Ursprünglich war die Gasse ein Hohlweg, Durchgang oder ein schmaler Verbindungsweg für Fußgänger. Straßen dagegen sind für den Fahrverkehr geeignete Wege. Die Döbelner Straßenvielfalt ist bestens geeignet, das auch nachvollziehbar zu demonstrieren. Es existieren nämlich zwei Gäßchen, die verniedlichte Form von Gasse. Interessenten sollten zuerst das Zwingergäßchen aufsuchen (Nähe Bushalteplatz) und dann ins „Klostergäßchen" gehen (hinter der Oberbrücke). Der Eindruck ist verblüffend und die praktische Erfahrung erspart abstrakte Definitionen.

Unvergessener Ehrenbürger (Teil 26)

In der März-Ausgabe des Stadtmagazins STIEFEL erschien erstmalig eine beachtenswerte Liste von Ehrenbürgern Döbelns. Einer unter den namentlich Aufgeführten trägt den bekannten Namen Johann Friedrich Ferdinand Wappenhensch.
Nach ihm ist die Wappenhenschstraße benannt, die sehr belebte Verbindung von der St. Georgenstraße bis zum Dresdner Platz, zum Krankenhaus Döbeln bis nach Sörmitz. Der Name Wappenhensch hat seine Popularität auch durch das nach ihm genannte Wappenhenschstift mit den folgenden Sozialeinrichtungen für Jugendliche und Kinder erhalten.
Auskünfte über ihn einzuholen, fällt nicht schwer, wenn man dafür die Heimatliteratur zu Rate zieht. Zwei Titel seien hier empfohlen. An mehreren Stellen gibt die Hingst-Chronik (1872) Auskunft über das Leben und Wirken des verdienstvollen Bürgers. Seine Wohltätigkeit schließt nicht nur die Gründung einer Erziehungsanstalt für arme Kinder und Waisen ein. Er vermachte sein gesamtes Vermögen von 185 000 Talern der Stadt Döbeln. Davon erhielten u.a. 500 Taler das Stadtkrankenhaus, 500 Taler das Armen-Arbeitshaus und nochmals 500 Taler für treue Dienstboten.
Der zweite Titel „Döbeln - Begräbnisstätten von frühester Zeit bis in die Gegenwart" von Hans Friedrich Seidel (1993) enthält interessante biografische Daten: „Der Justitiar, Gerichtsdirektor und Hospitalverwalter, sächsisch-königlicher Notar, Spezialablösungs-Kommissar und Ritter des Verdienstordens wurde am 12. März 1787 in Zerbst im Anhaltinischen geboren. Sein Vater war Hilfsprediger, er starb bereits im selben Jahr (Mai 1787). In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studierte der überaus fleißige Schüler nach Abschluß mit Hilfe spärlicher Stipendien Rechtswissenschaften in Leipzig und kam nach Beendigung des Studiums auf Veranlassung zweier Döbelner Bürger in unsere Stadt, wo er am 19. Dezember 1810 die Erlaubnis zur Ausübung einer Advokatenpraxis erhielt, 1814 heiratete er Minna Schwabe aus Grimma. Nach kurzem Eheglück starb bereits nach einem viertel Jahr seine junge Frau, und er bleibt zeitlebens im Witwerstand.
Sich ganz seinem Beruf und den Wissenschaften widmend, führt er ein zurückgezogenes Leben. Am 19. Juni 1869 starb er. Ein Zeitgenosse charakterisiert ihn als praktisch, fromm, unermüdet tätig, unbeugsam, konsequent, sparsam, wirtschaftlich, enthaltsam und von barmherziger Menschenliebe.
Wenigen Döbelnern wird bekannt sein, daß das Einzelgrab von Wappenhensch, heute noch hinter dem großen Wappenhenschstiftgebäude vorhanden ist." Die alte historische Friedhofsmauer zwischen Mulde und Wappenhenschstraße erinnert auch an seine Zeit.

Fotograf und Volksvertreter (Teil 27)

Ungewöhnlich ansteigend führt die Otto-Johnsen-Straße von der Rosa-Luxemburg-Straße bis zur Nord- und Terrassenstraße. An der steilen Kurve gleich am Anfang der Verbindung nach Döbeln Nord, erfordert sie nicht nur von Motorisierten Aufmerksamkeit und Konzentration. Hier haben schmucke Villen ihren festen Standort, so unter anderem das Diakonische Beratungszentrum und das Berta-Semmig-Heim.
In Lütjenburg im Bundesland Schleswig-Holstein wurde Otto Johnsen am 25. Januar 1841 geboren. Die Wanderschaft führte ihn in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Döbeln. Der gelernte Malergehilfe richtete bald das erste fotografische Atelier in der Muldenstadt ein.
Als Stadtverordneter seit 1873 und Stadtverordnetenvorsteher von 1879 bis 1911 erwarb er sich unvergängliche Verdienste. In diese Zeit fällt auch die Amtsperiode des unvergessenen Bürgermeisters Heinrich Thiele, und so ist es kein Wunder, daß Döbeln mit diesen beiden ehrenwerten Männern an der Spitze des Stadtverordnetenkollegiums einen beachtliche Aufschwung erlebte. Dazu gehören der Bau der Eisenbahnstrecke Leipzig-Döbeln-Dresden, des Stadttheaters, der Zuckerfabrik, der Kasernen, des Gas- und Wasserwerkes und des Stadtkrankenhauses. Vom Niedermarkt streckte die Bahnhofstraße mit dem Bau einer eisernen Brücke ihre Fühler nach Westen vor. Die Burgstraße mit den Querzügen vereinigte sich zu einem neuen Stadtviertel. Das Realschulgebäude machte den Anfang zur Königsstraße, heute Straße des Friedens. Der Abbruch des Kolbeschen Hauses am Markt (1890) und der Bau der Brücke (1891) brachten den Anschluß an die Innenstadt. Wenn auch im Laufe der Zeit sich viel verändert hat, der Stadtkern von damals ist geblieben.
Noch zu Lebzeiten erhielt Otto Johnsen am 2. Januar 1899 die Ehrenbürgerschaft zuerkannt. Und durch die Straßenbenennung setzte ihm Döbeln ein Denkmal für ewig.
Sie ist allerdings nicht die einzige Straße, die an einen Ehrenbürger erinnert. Gleiches trifft nämlich uneingeschränkt auch auf den Bürgermeister Ernst Heinrich Thiele, Justitiar Johann Friedrich Wappenhensch, Kaufmann August Julius Clemen, Ohrenarzt Dr. Paul Zieger, Lehrer Dr. Wilhelm Berthold, Bildhauer Professor Otto Rost, Bürgermeister Theodor Kunzemann und Kunstmaler Professor Bernhard Kretzschmar zu. Als Otto Johnson am 18. April 1904 sein 25jähriges Vorsteherjubiläum beging, richtete die Stadt eine Otto-Johnsen-Stiftung ein, ausschließlich für soziale Zwecke. Im Alter von 72 Jahren verstarb er am 26. Januar 1913.

Künstlerehrung in Döbeln (Teil 28)

Die Stadträte von Döbeln beschlossen im Jahre 1990 eine Straße nach dem Maler und Grafiker Walter Eckhard zu benennen. Im Ortsteil Pommlitz ist sie angesiedelt und verbindet die „Oschatzer Straße" mit dem „Holländerweg".
Kurios der „Ableger". Mitten im Straßenverlauf zwischen „Am Roten Kreuz" und „Erich-Kästner-Straße" zweigt sie winkelförmig ab. Bezieht man in der Trassenführung den „Gehölzlehrpfad" mit ein, stellt sie eine Parallele zur „Albert Schweitzer Straße" dar.
Walter Eckhard wurde am 15. Oktober 1902 in Döbeln geboren. Er blieb ein ganzes Leben lang seiner Heimatstadt treu und hinterließ eindrucksvolle, meisterhafte Kunstwerke. Unverwechselbar das kreative Schaffen, welches Spuren hinterlassen hat. Das trifft vor allem auf seine Sgraffitos zu, die man heute noch zum Beispiel in Döbeln Ost I bewundern kann. Die weit sichtbaren übergroßen Darstellungen an den Häusergiebeln zeugen davon. Es spricht von viel Verständnis und Wertschätzung, wenn durch die umfassenden Sanierungsarbeiten die echte Döbelner Handwerkskunst erhalten geblieben ist, keinen folgenschweren Schaden genommen hat. Das ist so auch am Giebel des Seitengebäudes des Beruflichen Schulzentrums in der Külzstraße, neben dem Neubau deutlich zu erkennen.
Die Sgraffitotechnik kommt aus dem Italienischem und bedeutet soviel wie Kratzputz zur Wanddekoration. Mehrere Putzschichten werden übereinander aufgetragen. Das Motiv wird danach aus dem, noch feuchten Putz herausgekratzt oder herausgeschnitten und die unterste Schicht wird sichtbar. Im Kontrast und farblich abgestimmt wirkt so das Bildnis. In der Gegenwart werden auch gesprühte Bilder, Schriften und Zeichen als Sgrafitto oder Sgrafitti bezeichnet. [...]
Zur Kunst Walter Eckhards gehören Buch- und Metallgestaltung sowie Entwürfe für Glasfenster. Eine andere Schaffensseite sind Plakate zum Beispiel zu Heimatfesten, Signets und Entwürfe für diverse Verpackungen. Er schuf stimmungsvolle Gemälde und arbeitete sehr erfolgreich als Museumsgrafiker. Walter Eckhard starb am 15. September 1982. Auch ein Straßenname kann das Andenken an ihn wachhalten.
Im Döbelner Straßenverzeichnis findet man noch weitere Künstler. Einen allerdings sucht man vergebens - den großen deutschen Expressionisten, Mitbegründer der Künstlervereinigung „Die Brücke", Professor Erich Heckel. Obwohl in Döbeln geboren, sein Geburtshaus steht auf dem Niedermarkt 15, scheint er von den Behörden in der Kreisstadt vergessen worden zu sein.

Zweimal Werder (Teil 30)

Im Straßenverzeichnis des neuen Döbelner Stadtplanes erscheinen auch abweichende Namen. Mitunter verwirren die ungewöhnlichen Bezeichnungen.
Das kann nicht nur Ortsfremden so ergehen, wenn sie zum Beispiel den Oberwerder oder Niederwerder in Döbeln suchen. Im Döbelner Adreßbuch, Jahrgang 1939, wird der Werder als ein inmitten eines Flußlaufes von Wassergewalten angeschwemmtes Land bezeichnet, daß je nach den Wasserständen größer oder kleiner wird. Sehr deutlich sieht man diesen Vorgang an Meeresstränden. Beide Döbelner Werder sind dafür typisch, geblieben sind die Standorte an der Mulde.
Den Oberwerder erreicht man über eine kleine Holzbrücke, die zwischen Oberbrücke und der Nicolaikirche von der Kleinen Kirchgasse abzweigt. 1450 wird erstmals hier die Obermühle erwähnt, deshalb auch der Mühlgraben, den man besonders von der Oberbrücke aus gut sehen kann. Helle sanierte Wohnhäuser machen die Umgegend ansehnlich. Neben der Obermühle befand sich eine Walkmühle zum Walken und Hämmern der Tuche. Gleich in der Nähe hatten die Döbelner Tuchmacher ihre Farbhäuser mit 14 Kesseln. Heute sieht man hinter der ehemaligen Mädchenschule (jetzt Lutherplatz 1) schmucke stilechte Fachwerkhäuser. Übrigens, auch ein lohnendes Ziel für Spaziergänger. Wenn man das gesehen hat, wächst die Erkenntnis, der Oberwerder bleibt uns erhalten.
Das Gelände zwischen Theaterstraße, Neugasse und Muldenarm, rechts und links von der Niederbrücke, heißt Niederwerder, wie im Stadtplan vermerkt. Leider ist es nicht ausgeschildert. Der Name „Niederwerder" stammt laut Flurbuch aus dem Jahre 1554. Eine Niedermühle fehlte nicht. Bis 1852 hielten hier wegen der günstigen Ortslage die Holzflöße. Von hier aus entwickelte sich ein ausgedehnter Holzhandel. Gegenüber entstand im vorigen Jahrhundert die Tümmlersche Fabrik, später VEB DBM Werk I.
Auf dem Niederwerder wurden die traditionellen Döbelner Jahrmärkte abgehalten. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis 1945 fand hier nur noch der Wochenmarkt statt. Danach blühte der Schwarzhandel. Nach so mancher Polizei-Razzia entstand der Freie Markt mit den sogenannten „freien Spitzen". Das Mühlengebäude, das Heizhaus mit dem Bereich Fernwärme der Stadtwerke GmbH und die ehrwürdige Kindertagesstätte sind die markanten Erkennungszeichen des Niederwerders. „Am Niederwerder" heißt die Kindertagesstätte und sorgt dafür, daß er nicht vergessen wird. [Heute befindet sich in dem Haus das Deutsche Pferdebahnmuseum.]

Der Bildhauer aus Keuern (Teil 31)

Als Otto Rost am 16. Juni 1887 in Keuern geboren wurde, war sein Heimatort noch nicht eingemeindet. Heute führt durch diesen Döbelner Ortsteil am Rande der Kreisstadt, eine Straße, die seit 1990 seinen Namen trägt. Zwischen „Dorfweg" und „Kantstraße" gelegen, umfaßt sie sechs Familienhäuser mit gepflegten Vorgärten. Den ländlichen Reiz bringt die naheliegende Hopfenanlage mit zur Geltung.
Hier wuchs der Sohn eines Mühlenarbeiters und einer Zigarrendreherin auf, ging zur Schule und besuchte neben seiner Lehre als Gürtler (Schnallenmacher) und Ziseleur (Metallstecher) Kurse im Modellieren und Zeichnen. Ab 1909 studierte er an der Kunstgewerbeschule Dresden.
Seit 1920 war er Meisterschüler bei Professor Wrba und wurde dessen Nachfolger als Professor an der Kunstakademie. Stets hielt er den Kontakt zu seiner Heimatstadt aufrecht. Nach 1945 schuf er mehrere Ehrenmale in Dresden, Freiberg und Czenstochau (Polen). 1959 kehrte er mit seiner Frau nach Döbeln zurück. In einem Atelier auf dem Boden des Rathauses konnte er seine künstlerische Arbeit ungehindert fortsetzen.
Symbolische Steinfiguren zieren in Döbeln das Stadtbad, das Bürgerheim und den Bürgergarten. Das Eingangsrelief am ehemaligen Filmtheater CENTRAL und Gruppenbilder an Wohnhäusern in Döbeln-West stammen von ihm, ebenso das sowjetische Ehrenmal auf dem Wettinplatz und Grabplastiken.
Sein bedeutendstes Werk jedoch ist der „Mauersberger Totentanz". Mitten zwischen den beiden alten Bergstädten Annaberg und Marienberg liegt Mauersberg, zur Gemeinde Großrückerswalde gehörend. In der erst 1950 errichteten Kreuzkapelle auf dem Friedhof schuf Professor Otto Rost das berühmte Stuckpanorama. Nicht Papst und Kaiser, nicht Mönch und Bauer, sondern die Erzgebirgler um die Jahrhundertwende stehen im Mittelpunkt des Kunstwerkes. Als im September 1995 die „Döbelner Heimatfreunde" den „Mauersberger Totentanz" vor Ort besichtigten, erlebten sie zugleich die Aufführung der gleichnamigen Choralkantate von Kantor Günter Vogel aus Erfurt. Im Herbst vorigen Jahres konnten die Döbelner sie in der St. Johanniskirche hören. Die Mauersberger waren extra dafür angereist.
Professor Otto Rosts Gesamtschaffen fand auch in Ausstellungen 1990 und 1995 nachhaltige Beachtung und Würdigung. Das Döbelner Stadtmuseum bewahrt eine Auswahl von Büsten und Plastiken sorgsam auf. Rost starb am 26. Juni 1970. Sein Name steht für ein umfangreiches Lebenswerk. Die Stadt Döbeln verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft.

Von Bären keine Spur (Teil 32)

Weder eine Persönlichkeit noch eine besondere Eigenschaft standen Pate für die „Bärentalstraße" am Fuße des Döbelner Geyersbergs. Sie beginnt an der "Waldheimer Straße" wird von „Am Hange" und „Am Waldberg" flankiert und führt bis zur "Pestalozzistraße".
Weil sie ins Bärental mündet, im Ortsteil Mannsdorf der Gemeinde Ebersbach, deshalb die natürliche Bezeichnung. Über ein Dutzend Mehrfamilienhäuser umsäumen die „Bärentalstraße". Ein Gebäude mitten drin erinnert an die Stadtgeschichte. Der schöne Turnhallenbau von 1899 verkörpert einzigartige Baukunst und verdient Bestand und Erhalt. Hier erfolgte die Gründung des Döbelner Turnvereins von 1847. Schon am 24. Juni 1844 weihten die Döbelner an dieser Stelle ihren ersten Turnplatz ein. Leider mußte das Turnhallengebäude bautechnisch gesperrt werden. Die „Bärentalstraße" mit ihrem anschließenden gleichnamigen Tal, welches an der „Alten Gutsstraße" endet, stellt die Talsohle zum Geyersberg dar, mit dem am höchsten gelegenen Stadtteil der Muldenstadt, der durch seine offene Bauweise und die schmucken Gärten attraktiv und anziehend wirkt. Weil er so einladend erscheint, wird er oft für Spaziergänge genutzt.
Amtlicherseits wird das Bärental mit dem Titel „Am Bärental" ausgewiesen. So ist es auch im neuen Stadtplan vermerkt. In unmittelbarer Nähe des Übergangs von der Straße ins Tal fließt links, stadtauswärts betrachtet, die „Saubach", die auf ein Quellengebiet schließen läßt. Diese Gegend war einst die Existenzgrundlage der Döbelner Brauerei. Aus dem Quellwasser im Bärental stellte sie den edlen Gerstensaft her. Von hier aus bis in die Bäckerstraße führte eine hölzerne Rohrleitung, für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung. Laut „Döbelner Adreßbuch" von 1939 stand im Bärental auch das Pulverhaus des ehemaligen Regiments 139, welches 1933 abgebrochen wurde.
Im 19. Jahrhundert war das Bärental sogar ein selbständiger Ort. Erst in einer „Amtlichen Bekanntmachung" vom 23. Januar 1857 wird es dem Döbelner Gendamerie-Distrikt zugeordnet. Es bereitet sichtlich Freude, ausgehend von der Bärentalstraße, durchs Bärental zu wandern. Beim Anblick der stilvollen Siedlungshäuser wird man optimistisch gestimmt.
Nach rechts führt der Weg zur „Beule" nach links gelangt man über die Geyersbergstraße bis nach Greußnig. Allerdings hat diese Gegend mit den Bären nichts gemein. Emil Reinhold erklärt das in seinem „Flurbuch" von 1928 so: „Bär" - Ber, eine Ableitung aus dem Mittelhochdeutschen. „Ber" bedeutet: der Schlag, „bern" = schlagen.
Da es sich beim Bärental um ein Waldgebiet handelt, ist sehr wahrscheinlich, dass das Holzschlagen für den Meiler gemeint ist und nicht das Revier von Meister Petz.

Den Namen gab das Kloster (Teil 33)

Die Döbelner sprechen vom „Kloster" und meinen eigentlich ein ganzes Stadtviertel nördlich vom „Kreisel" an der Oberbrücke. Mittendrin die Klosterstraße von der St.-Georgen-Straße bis zur Gartenstraße. Sie stellt eine Art Querschnitt des ehemaligen Klosters dar, welches hier über 200 Jahre existierte. Nur über die Klosterstraße führt der Weg zu den heute noch sichtbaren Überbleibseln und erinnert an das Mittelalter. In Staucha bei Ostrau war um das Jahr 1200 ein Kloster für adlige Jungfrauen und Witwen gegründet worden. Kriegseinwirkung und die ungünstige Lage zwangen zur Verlegung. Döbeln fiel in die engere Wahl. Friedrich der Ernsthafte von Meißen befürwortete den Umzug und so entstand in Döbeln ein Benediktinerinnenkloster.
Der Einzug der Stauchaer Nonnen in das neue Domizil vor dem Obertor bis zum Fuße des Staupitzberges erfolgte am 25. März 1330. Zum Kloster gehörten Kirche, Friedhof und ein Garten. Ein Teil der Klostermauer ist heute noch zu sehen. Außerhalb wohnte der Propst (Stellvertreter der Äbtissin), dem alle Angelegenheiten der Lebenshaltung übertragen waren. Außerhalb wohnten auch Diener, Bäcker und Küchenmeister. Das Kloster bot Raum für Äbtissin, Priorin, Sängerin und 16 Nonnen. Wer als Witwe eintrat, wie die letzte Burggräfin von Meißen, suchte hinter den stillen Mauern inneren Frieden und Trost nach schwerem Schicksalsschlag. Anders war es bei den adligen Jungfrauen. Der Vater brachte seine Tochter ins Stift, damit er seinen Söhnen das Erbe fast ungeschmälert hinterlassen konnte und damit er auch aller Sorgen für das Fortkommen der Tochter frei war. Dafür schenkte er dem Kloster ein Feld, eine Wiese oder einen Wald. Manch junges Herz hat jahrelang bitter gerungen, wenn es draußen vor den Fenstern das farbige Leben bemerkte, von dem es für immer ausgeschlossen war. Ein schwacher Trost für die Nonnen war zur damaligen Zeit das schwarze Kleid. Es galt mehr als das kostbarste Brautgewand.
Das Döbelner Kloster erhielt 1351 die Patronatsrechte über die Kirche St. Nicolai. Im Zuge der Reformation wurde es aufgehoben. Die zum Kloster gehörenden Dörfer wechselten ihren Besitzer. 1558 erstanden Döbelner Bürger die leeren Klostergebäude. Die letzte Nonne, Anna von Tragis aus dem Gute Pommlitz, starb 1582.
Bis 1727 waren noch Reste der Klosterkirche vorhanden. Schade, daß es nicht gelungen ist, die historische Kulturstätte als Denkmal zu erhalten.
Verbleibt als Trost ein Trip durch die Klosterstraße und ein Blick in die Stadtgeschichte von Döbeln.

Der Partner vom Hellweg (Teil 34)

Einen ganzen Stadtteil schließt sie ein, die „Unnaer Straße" in Döbeln-Ost II. Sie beginnt und endet an der Dresdner Straße. Das erscheint kurios, ändert aber nichts an der Tatsache. Ihren Anfang nimmt sie in der Nähe des „Blumenstübchens" und führt durch das ganze Neubauviertel bis zum Buswendeplatz.
Wie eine große Klammer hält sie hier alle Verkehrsverbindungen zusammen. Vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hieß sie Leninstraße mit der Lenin-Oberschule. Heute ist in dem Objekt das Gebäude II des Lessing-Gymnasiums untergebracht. Den Straßennamen gab die Stadt Unna im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Seit 17. Oktober 1989 verbindet Döbeln und Unna eine freundschaftliche und beständige Städtepartnerschaft. Den Vertrag kann man am Treppenaufgang im Rathaus einsehen. Übrigens, alle vier Döbelner Partnerstädte, Givors, Vyskov, Unna und Heidenheim sind im Straßennamenverzeichnis enthalten. Über Heidenheim mit dem „Heidenheimer-Ring" haben wir bereits informiert.
Unna liegt östlich von Dortmund am Nordwestrand des Haarstrang-Höhenzuges. Im Schnittpunkt der Bundesstraßen 1 und 233 hat die Stadt Anschluß an die Autobahnen A1 Köln-Osnabrück-Bremen und A 44-Ruhrgebiet-Kassel.
Unna ist aus einem am Hellweg gelegenen Karolingischen Königshof hervorgegangen. Der Hellweg war eine alte Handelsstraße, an der sich Kaufleute ansiedelten und so die Voraussetzungen zur Stadtgründung schufen. [...]
Unna zählt ca. 59.000 Einwohner und wurde erstmals am 6. August 1032 urkundlich erwähnt. Vom 14. bis 16. Jahrhundert gehörte die Stadt zur Hanse. 1614 kam es an Brandenburg-Preußen. 1799 wurde auf der seit 1732 in Betrieb genommenen Saline „Königsborn" die erste Dampfmaschine des Ruhrgebietes in Betrieb genommen. Den eigentlichen industriellen Aufschwung erlebte die Stadt nach dem Anschluß an das Eisenbahnnetz 1855. Der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzende Steinkohlenbergbau wurde 1961 eingestellt.
In der fast 10jährigen Städtepartnerschaft haben inzwischen viele Döbelner Bürger Unna auch als Gewerbe-, Kunst- und Sportstadt kennengelernt.
Für 19 000 Abonnenten und Bezieher des „Döbelner Anzeigers" wird die Städtepartnerschaft sogar täglich erlebbar. Nachdem die Lokalseiten per Datenfernübertragung von Döbeln nach Unna gelangen, folgt schließlich die Herstellung der „grünen Zeitung" in den graphischen Betrieben von F.W. Rubens in Unna. Den Transport der gedruckten Exemplare nach Döbeln bewältigen Kraftfahrzeuge mit Fahrerwechsel in Eisenach. Gegen 3 Uhr steht dann in Döbeln die aktuelle Tageszeitung dem Vertrieb zur Verfügung. Das ist Städtepartnerschaft in der Praxis, täglich erneuert.

Übers "Kreuz" nach Gärtitz (Teil 35)

Weder das „Deutsche Rote Kreuz" oder eine seiner lebenswichtigen Einrichtungen noch eine Hilfsaktion des „Internationalen Roten Kreuzes" gaben Veranlassung für den Namen „Am Roten Kreuz", der Hauptstraße zwischen den Ortsteilen Pommlitz und Gärtitz. Sie beginnt an der Oschatzer- und Albert-Schweizer-Straße und wird vom „Gärtitzer Weg" aufgenommen.
Die Begründung, woher der Straßenname stammt, läßt sich mit Dokumenten nicht belegen. Doch Heimatgeschichte und Heimatliteratur machen es möglich. Übrigens, der von Gärtitz kommende C-Bus endet am Bushalteplatz „Rotes Kreuz" und macht auf seine Art den historischen Standort bekannt. Der soll sich an der Gabelung Oschatzer Straße / Am Roten Kreuz befinden. An dieser Stelle wurde am 3. Oktober 1362, laut Döbelner Adreßbuch von 1939, der Abt Johannes VI. von Zella durch Döbelner Ritter ermordet. 1580 erscheint der Name „An des Abtes Kreuz" für den Tatort. Von 1740 an stand hier ein Steinkreuz als Sühnezeichen. Es bedarf wenig Phantasie daraus die Überlieferung „Am Roten Kreuz" zu erkennen und zu verstehen. Döbelns Flurbücher unterstützen diese Auffassung. Unter Berufung auf die Flurbücher eins (1751) und zwei (1835) bestätigt Emil Reinhold 1928 in der Schrift „Die Döbelner Flurnamen" das „Vorhandensein des 'Roten Kreuzes' aus Porphyr". Die Steinfarbe sein dunkelrot gewesen. Wo es verblieben ist, konnte bisher nicht ermittelt werden. Die hier geschilderte Version erhebt nicht den alleinigen Deutungsanspruch. Es soll noch andere Geschichten um den sagenhaften Namen geben.
Heute stellt „Am Roten Kreuz" eine Art Lebensader für den benachbarten Stadtteil Gärtitz dar. Im Volksmund wird die ganze Stadtrandsiedlung so bezeichnet. In der Döbelner Chronik von Hingst (1872) wird der Ort ab 1292 erwähnt. Damals befand sich an dieser Stelle eine kleine Familienbesitzung, die einem Johann von Jertitz gehörte. Er war auf dem Döbelner Schloß angestellt.
Der interessante Namenswandel wird 1331 mit Gerthiz und 1412 mit Gärticz fortgesetzt, woraus unschwer die heutige Fassung zu erkennen ist. Längst eingemeindet, gehörte das Dorf Gärtitz schon ab 1838 zum Döbelner Amt. Das waren damals 46 Wohngebäude mit 345 Einwohnern, drei Gütern, darunter ein Rittergut. Auch der Bahnhof Gärtitz ist bei so manchem Leser in guter Erinnerung.
Wiederum darf resümiert werden: Straßennamen sind zwar unentbehrliche Orientierungshilfen, doch sie geben darüber hinaus oft den Anstoß sich näher mit seiner Heimat zu befassen, was das Anliegen dieser Serie ist.

Traditions- und Gedenkstätte (Teil 36)

Vier Straßen säumen den Döbelner „Wettinplatz", die Bahnhof-, die Burg-, die Friedrich- und die Theodor-Kunzemann-Straße.
Leicht zu erreichen, auch im Busverkehr mit gleichnamiger Haltestelle stadtein- und stadtauswärts. Nicht immer hieß er so. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 war er als „Käthe-Kollwitz-Platz" bekannt. Der Name „Wettinplatz" erschien zum ersten Mal im Döbelner Adreßbuch 1898/99, vor 100 Jahren. Jahrhunderte vorher befanden sich an dieser Stelle laut Flurnamenverzeichnis von 1928 die Ratswiese (1554) und der Ratsteich (1567). Noch 1661 wurde hier Schilf geschnitten und 1750 ging der Weg nach Masten daran vorüber. Erst im 19. Jahrhundert, durch den umfangreichen Wohnungs-, Straßen- und Kasernenbau, nahm er seine jetzige Gestalt an.
Wie kein anderer Platz in der Stadt ist er auch würdige Gedenkstätte geworden. Hier befinden sich die Ehrenmale für die Opfer des Faschismus und der Roten Armee. Einst stand hier auch ein Denkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Unteroffiziere des 139. Regiments.
Nach dem Geschlecht der Wettiner, der Markgrafen von Meißen, Kurfürsten und Könige von Sachsen, erhielt er seinen Namen. Im Jahre 1089 belehnte Kaiser Heinrich IV. den Markgrafen der Niederlausitz, Heinrich von Eulenburg, mit der Mark Meißen. Damit begann eine 80-jährige Herrschaft der Wettiner im sächsisch-thüringischen Raum, aus deren Machtbereich allmählich und mit wechselnden Grenzen das heutige Sachsen hervorging. Stammsitz des Fürstengeschlechts war die Burg Wettin an der Saale, nahe Halle. Seit 1423 trugen die Wettiner die Würde des Kurfürsten von Sachsen. Von 1464 an regierten die Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht gemeinsam, sie teilten aber 1485 ihren Landbesitz und begründeten damit die Ernestinische und Albertinische Linie der Wettiner. Die weitere sächsische Geschichte ist mit den Albertinern verbunden, denen aber erst mit 1548 wieder die Kurwürde übertragen wurde. Das betraf „Moritz von Sachsen", August II. (der Starke) und dessen Sohn August III., beide Könige von Polen. Mit der Erhebung des bisherigen Kurfürstentums zum Königreich im Jahre 1806 erhält Sachsen auch seine landeseigenen Könige. Sieben insgesamt wechselten den Thron. Letzter regierender Wettiner war König Friedrich August III., ein toleranter Monarch, der im November 1918 nach der Ausrufung der Republik Sachsen offiziell abdankte. Von ihm stammt der legendäre Ausspruch: „Macht euren Dreck alleene!"
Bleibt der Hinweis auf den „Fürstenzug" an der Augustusstraße in Dresden, das 101 Meter lange Monumentalwerk mit der Wettiner Familienschau.

Bald 25 Jahre verbunden (Teil 38)

In Döbeln-Nord macht die „Vyskover-Straße" zwischen „Bernhard-Kretzschmar-Weg" und „Zur Muldenterrasse" auf eine weitere Städtepartnerschaft aufmerksam. Durch die unzureichende Beschilderung ist sie nicht leicht zu finden. [...]
Döbeln und Vyskov schlossen schon 1974 einen Städtepartnerschaftsvertrag ab, der sich bis heute bewährt, nach der Vereinigung Deutschlands ergänzt wurde und im nächsten Jahr 25 Jahre besteht.
Die ca. 22.000 Einwohner zählende mährische Kleinstadt liegt nur wenige Kilometer von Brno entfernt an der tschechisch-slowakischen Grenze. Im Jahre 1131 wird Vyskov erstmalig urkundlich erwähnt. Die landwirtschaftliche Ansiedlung weitete sich bereits Anfang des 13. Jahrhunderts zu einem Marktstädtchen aus. Das Handwerk, hauptsächlich Tuchweberei, Leinenweberei und Töpfergewerbe, ließen die Stadt wirtschaftlich aufblühen. In Kriegszeiten wurde die Stadt mehrmals stark zerstört oder niedergebrannt.
Ihren größten Aufschwung erlebte Vyskov Ende des 17. Jahrhunderts unter Karel Liechtenstein Kastelkorn, dem Bischof von Olomuc. Im Schloß wurden italienische Opern aufgeführt. Danach nannte man Vyskov das „mährische Versailles".
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege erweiterte sich Vyskov auch außerhalb der Stadtmauern. In der Zeit des aufkommenden Kapitalismus erlebte Vyskov eine weitere starke wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Nach der sozialistischen Herrschaft von 1945 bis 1989 haben sich auch in Vyskov große Umwälzungen vollzogen, die bis heute andauern. Die Städtepartnerschaft ist durch die Weitsicht der Stadtväter beider Orte, zum Vorteil ihrer Bewohner, erhalten geblieben. Und sie wird weiter gepflegt. Neben den vielfältigen persönlichen Kontakten besuchen oft Delegationen die Partnerstadt und halten so freundschaftliche Beziehungen aufrecht.
Die gesellschaftlichen Veränderungen machten eine Neuorientierung der Beziehungen beider Städte notwendig und so kam es folgerichtig am 12. September 1992 zu einem neuen Partnerschaftsvertrag, der wie es wörtlich heißt: „Ausgehend von den politischen Veränderungen leistet diese Partnerschaft einen kommunalen Beitrag zur Verständigung unserer Völker, zu einem dauerhaften friedlichen Zusammenleben in einem zukünftigen europäischen Haus" (Heimatfestjahrbuch Döbeln 1996).

Mit dem Wissenschaftler vereint (Teil 44)

Nach verdienstvollen Persönlichkeiten werden oft Straßen, Wege und Plätze benannt. Das war in der Vergangenheit so und ist in der Gegenwart nicht anders. Das ist übrigens eine Form der Popularität mit geringem Aufwand.
Auch Döbelns Straßennamenverzeichnis enthält berühmte Politiker, Dichter, Philosophen, und Wissenschaftler. Einer davon ist Nobelpreisträger. Seine Straße liegt im Westen der Muldenstadt, die „Max-Planck-Straße". Sie verbindet die „Zuckerfabrikstraße" mit der „Eichbergstraße" - die „Weststraße" stößt in der Mitte darauf. Nur eine Seite schließt Wohngebäude ein. Gegenüber grenzt eine lange Mauer das ehemalige Betriebsgelände ab. An drei Häusereingängen schuf der Döbelner Professor Otto Rost originelle Figurengruppen. Die reizvollen Reliefs symbolisieren den Tanz (Nr. 11), das Schinkenkloppen (Nr. 13) und den Biwak (Nr. 15).
Auf die Frage, wer Max Planck war, hier gleich die Antwort. Der Begründer der Quantenlehre wurde am 23. April 1858 in Kiel geboren. In München und Berlin studierte er Mathematik und Physik. 1889 berief ihn die Berliner Universität auf den Lehrstuhl für mathematische Physik. An dieser Stelle wirkte er fast 40 Jahre, in den Jahren 1913/14 auch als Rektor. Im Herbst 1900 legte er mit der Entdeckung des elementaren Wirkungsquantums den Grundstein zur Quantentheorie und damit zu einem der wichtigsten Zweige der Physik des Atomzeitalters. Seine Erkenntnis, daß der Energieaustausch bei bestimmten Wärmestrahlungsvorgängen nicht stetig, sondern sprunghaft vor sich geht, wurde von Einstein zur Lichtquantenlehre verallgemeinert und von Bohr zur Grundlage der neuen Atomtheorie gemacht.
Seine überragenden Verdienste wurden mit der Verleihung des Nobelpreises für das Jahr 1918 gewürdigt.
Die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur brachte ihn in einen tiefen Widerstreit zwischen der anerzogenen Gehorsamspflicht dem Staat gegenüber und seinem sittlichen Verantwortungsbewußtsein. Ein vergeblicher Versuch, in einer Unterredung mit Hitler das Schicksal der rassistisch verfolgten Kollegen zu wenden, bestärkte ihn in seiner antifaschistischen Gesinnung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der ihn auch persönlich traf - sein Sohn Erwin wurde nach dem 20. Juli 1944 verhaftet und Anfang 1945 hingerichtet - lebte Max Planck, bis er am 4. Oktober 1947 verstarb, in Göttingen als wissenschaftlicher Schriftsteller und Vortragsredner. Er gehörte zu jenen Gelehrten, die nach der Schandtat von Hiroshima und Nagasaki gegen die Atombewaffnung auftraten und den Mißbrauch der naturwissenschaftlich-technischen Errungenschaften verurteilten. Wieder einmal vermag ein alltäglicher Straßenname Geschichte lebendig zu machen und Verständnis zu wecken (Quellen: Biografisches Lexikon zur deutschen Geschichte, 1970).

40 Jahre Bürgermeister (Teil 45)

Aus der großen Schar Döbelner Bürgermeister, die seit 1309 amtierten, wurden nur zwei im Straßennamenverzeichnis berücksichtigt. Das betrifft die „Theodor-Kunzemann-Straße" und die „Thielestraße", von der „Straße des Friedens" bis zur Mulde, mit dem neuen Wahrzeichen - der Stadtsporthalle.
Zweimal wird sie unterbrochen, durch die „Gabelsberger Straße" mit Anschluß „Oststraße" und den Abzweig „Fichtestraße". Einst war sie auch der Zugang zur „Schiffsbrücke", die 1948, vor 50 Jahren, durch den heutigen Brückensteg ersetzt wurde.
Aus Schneeberg, im Erzgebirge, kam am 1. Mai 1862 der bisherige 1. Stadtrat, Ernst Heinrich Thiele, nach Döbeln. Mit Wirkung vom 5. Mai desgleichen Jahres legte Döbelns Bürgermeister Carl Schwabe sein Amt nieder. Noch am gleichen Tage wurde der am 10. Januar 1831 in Freiberg geborene Ernst Heinrich Thiele Stadtoberhaupt von Döbeln.
Kreisamtshauptmann von Sandersleben nahm die Amtseinführung in Anwesenheit des gesamten Stadtrates, der Stadtverordneten und des Bürgerausschusses persönlich vor. 40 Jahre besaß Döbeln einen Bürgermeister, der wegen seiner Verdienste sogar auf Lebenszeit berufen wurde.
Die Jahrzehnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren für Döbeln Jahre eines großartigen Aufschwungs. In dieser bewegten Zeit entstanden die Eisenbahnlinie Leipzig-Dresden, die „Bahnhofs"- und „Burgstraße", das Stadttheater, die Zuckerfabrik, das Gas- und Wasserwerk, das Stadtkrankenhaus, der Schlachthof, die Garnison, die Kanalisation, ein neues Straßenpflaster und vieles mehr.
Bis 30. Juni 1902 stand Ernst Heinrich Thiele an der Spitze der städtischen Verwaltung. Zum 40-jährigen Bürgermeisterjubiläum, am 5. Mai 1902, erhielt er die Ehrenbürgerschaft Döbelns. Ein Jahr später, am 12. Juni 1903, starb er in Dresden. Auf dem Trinitatisfriedhof wurde er beigesetzt.
Mit Ernst Heinrich Thiele erwarb sich der Stadtverordnetenvorsteher Otto Johnson (1841-1913) unvergessliche Verdienste. Beide arbeiteten miteinander und gehören in der Geschichte Döbelns zusammen. Dem Stadtverordnetenkollegium gehörte Johnsen von 1873 bis 1911 an, von 1879 als Vorsteher. Nach ihm ist die „Otto-Johnson-Straße" benannt.
Bürgermeister Ernst Heinrich Thiele erhielt im Verlaufe seiner Dienstzeit von der Sächsischen Regierung hohe Auszeichnungen. Dazu zählen der Ritter des Königlich Sächsischen Verdienstordens 1. Klasse und der Sächsische Lebrechtsorden 1. Klasse.

Symbolisch und farbenfreudig (Teil 46)

Nach einer französischen Stadt trägt die Givorser Straße im Wohngebiet Döbeln-Ost ihren Namen. Eingeschlossen in die „Unnaer Straße" führt sie als erste Querstraße linksabbiegend in die Siedlung.
Schon an der vorderen Giebelseite, am ersten Wohnblock, macht eine haushohe grafische Darstellung auf die Städtepartnerschaft Givors-Döbeln aufmerksam. Übergroße Stadtwappen mit dem Text „Givors-Döbeln - PARTNER IN EUROPA" künden von den seit Juni 1960 bestehenden freundschaftlichen Beziehungen. Auch die Hausrückwand am Straßenende ist künstlerisch gestaltet und sehenswert. Nicht minder beeindruckend erscheint die gesamte Straße in ihrem farbigen Antlitz nach erfolgter Sanierung. Keine Straße in Döbeln ist so mutig mit Farbe gestaltet wie die Givorser Straße. Es ist schon ein angenehmes Gefühl die ganze Farbskala im harmonischen Wechsel von Haus zu Haus optisch wahrzunehmen.
Im „Heimatfestjahrbuch Döbeln 1996" heißt es über die südfranzösische Stadt: Givors, in unmittelbarer Nähe zu Lyon gelegen, ist eine Stadt mit ca. 20 000 Einwohnern.
Die Entwicklung der Stadt ist wesentlich mit der Rhone verbunden. War es früher der traditionelle Fischfang, der vielen Menschen eine bescheidene Existenz bot, so schafft heute die Rhone Voraussetzungen für Transport, Handel und Ansiedlung zahlreicher Industrien. Dazu gehören beispielsweise die Petrolchemische Industrie, die Schwerindustrie oder die Glasherstellung.
Durch die immer wiederkehrenden Hochwasser und Überflutungen, mit denen die Menschen ständig zu kämpfen hatten, entstanden zwischen Lyon und Avignon eine Vielzahl von Staustufen und Überflutungskanälen. Parallel dazu wurden zwischen Lyon und der Rhonemündung allein sechs Nuklearkraftwerke gebaut. Givors ist eine Stadt, die viele architektonische Besonderheiten aufweist. Die „Sternenhäuser" von Saint-Gerald, die in einen Felsen eingebaut sind und von Terrassengärten umgeben werden, gehören ebenso dazu, wie die vielen Brücken. In den großen Parkanlagen und der reizvollen Umgebung der Stadt findet man Erholung und Entspannung. Zahlreiche kulturelle und sportliche Aktivitäten bieten Kurzweil und Freude. Ein Erlebnis besonderer Art ist das traditionelle „Fischerstechen".
Groß ist die Zahl der Bürger beider Städte, die sich in der 38-jährigen Partnerschaft kennenlernten und freundschaftliche, kulturelle, sportliche und familiäre Beziehungen aufrechterhalten. Mit dem 9. Februar 1995 wurde der bewährte Partnerschaftsvertrag aktualisiert. Die gesellschaftlichen Veränderungen nach der Vereinigung Deutschlands fanden ihre Berücksichtigung.
Die neue Urkunde ist im Treppenhaus des Döbelner Rathauses ebenso zu sehen, wie die der Partnerstädte Heidenheim, Unna und Vyskov.

Versöhnender Widerspruch (Teil 47)

Nur vier von fast 200 Straßennamen in Döbeln nehmen Bezug auf herkömmliche Handwerksberufe, Bäckerstraße, Sattelstraße, Zweckengasse und Töpfergasse.
An der Vielfalt kann es nicht gelegen haben. Im Jahre 1856, bei über 7200 Einwohnern, existierten in der Muldenstadt: 24 Bäcker, 7 Barbiere, 16 Böttcher, 6 Buchbinder, 10 Drechsler, 24 Fleischer, 22 Gerber, 9 Glaser, 9 Hutmacher, 6 Klempner, 4 Kürschner, 4 Maurer, 3 Nagelschmiede, 4 Posamentierer, 11 Sattler, 3 Schlosser, 13 Schmiede, 60 Schneider, 204 Schuhmacher (mit Gesellen und Lehrlingen 386 Personen), 10 Seiler, 12 Strumpfwirker, 29 Tischler, 3 Töpfer, 68 Tuchmacher, 5 Wagner und Stellmacher, 48 Weber und 6 Zimmerer.
Die „Töpfergasse" zwischen Staupitzstraße und dem Bürgerheim in der Nordstraße erinnert zweifellos an eine ehemalige traditionelle Zunft. Sie ist keine befahrbare Durchgangsstraße, sondern ein reizvoller Zugang zur Stadt. Trotz des beachtlichen Anstiegs wird sie oft als Abkürzung genutzt.
Harmonisch verbindet sie das alte mit dem neuen Döbeln, neuerdings durch die Terrassengut-Wohngebäude. Ob aber hier tatsächlich die Töpfer ansässig waren, ist fraglich. So soll 1875 nur noch ein Töpfer in der „Klostergasse" gelebt haben. Heimatfreund Rudolf Kirsten meinte zu diesem Thema in der Zeitschrift „Kultur und Heimat", Heft 2, Kreis Döbeln 1956: „Der Ursprung der Stadt selbst ist wohl auf dem Staupitzberg zu suchen. Die Ursiedlung wanderte dann im Verlaufe weiterer Zeiträume mehr und mehr bergab zu Tale. Mit zunehmenden Wasserrückgang der Mulde wanderte die eigentliche Siedlung noch weiter bergab zu der Terrasse, die sich von den Klostergärten bis zur Muldenterrasse hinzieht. Beim Bau der neuen Berufsschule fanden sich dort Unmengen frühdeutscher Gefäßreste, woher wohl die Töpfergasse ihren Namen hat. Weniger deshalb, weil dort Töpfer gewohnt haben sollen, als vielmehr deshalb, weil spätere Generationen bei jedem Spatenstich immer wieder auf Topfscherben stießen und keine bessere Erklärung dafür fanden."
Statt endlosem Streit erscheint in diesem Falle die Versöhnung angebracht. Betrachten wir die „Töpfergasse" als zeitgemäße Würdigung des städtischen Töpferhandwerkes. Mit nachstehender Episode sei an die unvergänglichen Töpfertraditionen erinnert: „Jeder Meister hatte seinen Lehrling, der nach Beendigung seiner dreijährigen Lehrzeit, in der er auf Topfdreherei und Kachelarbeit ausgebildet wurde, sein Gesellenstück machen mußte, das gewöhnlich in einem auf der Scheibe gedrehten 2-Litertopf bestand. Er ward dann feierlichst vor offener Zunftlade vor Meister, Beisitzer und Gesellen losgesprochen. Nach dieser, als heilig geltenden Handlung, durfte er die von seinem Meister angebrannte Zigarre fertigrauchen und war so Geselle geworden." („Döbelner Erzähler" Bd. 4, 1925)

Nur 22 Jahre gelebt (Teil 48)

Vom „Körnerplatz" aus sieht man die Eisenbahn auf der Strecke Leipzig-Dresden. In der Südwest-Ecke, mit den stattlichen Wohngebäuden seitwärts, beginnt die „Waldheimer Straße" ehemals „Hegeborn". Gegenüber schließen „Franz-Mehring-Straße" und „Roßweiner Straße" mit Bushaltestelle an.
Schon im 16. Jahrhundert gehörte der Platz zur Stadt Döbeln. 1750 standen hier, vor dem Niedertore, die Scheunen. Später nannte man ihn so „Niederscheunenplan" und „Niederscheunenplatz".
Am 3.10.1891, zehn Tage nach dem 100. Geburtstag von Theodor Körner erhielt er seinen heutigen Namen. Nur zwei Tage später, am 5.10., wurde an gleicher Stelle die „Körnerplatz-Schule" eingeweiht, die zunächst ausschließlich für den Schulbesuch für Mädchen vorgesehen war, mit 40 bis 50 Schülerinnen in einer Klasse.
Die „Körnerplatzschule" kann heute auf eine über 100jährige Existenz zurückblicken und genießt hohes Ansehen. In DDR-Zeiten trug der Platz den Namen von Karl Marx. Seit 1954 steht hier ein Stein mit seinem Reliefbildnis. Auch die Bildungsstätte hieß mehrere Jahre „Karl-Marx-Oberschule".
Nur 22 Jahre lebte Karl Theodor Körner, Sohn von Christian Gottfried Körner (1756 - 1831) Oberkonsistorialrat in Dresden. Der Vater heiratete 1785 Marie Stock, Tochter eines Goethe nahestehenden Leipziger Kupferstechers.
Ihr Sohn Theodor erblickte am 23.9.1791 in Dresden das Licht der Welt. Von 1808 bis 1810 besuchte er die Bergakademie Freiberg, bezog dann die Universität Leipzig, von wo er Ende März 1811 vor den Folgen eines Duells flüchtete. Seit dem Spätsommer 1811 hielt er sich in Wien auf und errang große Erfolge mit Lustspielen und Tragödien. Seine Lyrik und die unvergeßlichen Volks- und Kirchenlieder wurden erst später bekannt.
Anfang 1813 wurde Theodor Körner, der sich 1812 mit der Schauspielerin Antonie Adamberger verlobt hatte, zum Hoftheaterdichter ernannt. Als sich das deutsche Volk gegen Napoleon erhob, trat er sogleich Mitte März 1813 in das Lützowsche Freikorps ein. Er erlitt schon in dem ersten Gefecht bei Kitzen, am 17.6. eine schwere Verwundung, kehrte nach Wiederherstellung aber gleich zu seiner Truppe zurück und wurde im Gefecht bei Gadebusch am 26.8.1813 getötet. Im Dorf Wöbbelin, unter einer alten Eiche, wurde er beerdigt.