Hochaltar in St. Nicolai

Geheimnisse eines Riesen

Gesamtaufnahme der ersten Wandlung des Altars

Geschichte des Altars
Der Begriff Altar leitet sich von den lateinischen Worten „altaria“, zu Deutsch „Aufsatz auf dem Opfertisch“, und „altus“, was so viel bedeutet wie „hochragend“, „erhaben“ oder „geheim“, ab. Diese Worte beschreiben die Funktion eines Altars recht genau. Menschen bauten schon seit vielen Jahrtausenden Opfertische, um ihren Gott zu ehren und ihren Heiligen Respekt zu erweisen. So wird bereits im Alten Testament der Bibel berichtet: „Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allerlei reinem Vieh und von allerlei reinem Geflügel und opferte Brandopfer auf dem Altar.“ (1)

Der Altar von St. Nicolai soll nach großräumigen Renovierungen und Umbauten der Kirche 1479 –1485 in Auftrag gegeben worden sein. Es wird vermutet, dass bei dieser Beauftragung die Nonnen des Benediktinerinnenklosters beteiligt waren, da die Kirche zu der Zeit unter der Verwaltung des Klosters stand. Eingebaut wurde der zweifach wandelbare Flügelaltar 1515 bis 1516. 1918 bis 1920 sowie 1971 bis 1975 und 1999 bis 2002 wurde er ausgiebig restauriert. Bis heute ist unklar, wer den Altar schnitzte. Es wird vermutet, dass diese Arbeiten von einem Schüler des Meisters des Freiberger Domapostels stammen. Auch von wem die exzellenten Malereien stammen, ist nicht belegt. Bekannt ist er nur unter seiner Bezeichnung „der Meister des Döbelner Hochaltars“.

Zweite Wandlung des Altars
Gesamtaufnahme der dritten Wandlung

Es wird angenommen, dass dieser Meister wohl ein Cranachschüler, der später als selbstständiger Meister in Freiberg tätig war, gewesen ist. Diese Vermutung wird durch die präzisen Beschreibungen der Malereien des Döbelner Altars auf der Internetseite des Cranach Digital Archivs gestützt. (2) Eine andere Vermutung äußerte der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt in seinem Kunstführer „Döbeln – Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“. Darin stellte er 1903 den Zusammenhang zwischen dem Altar der Dresdner Kreuzkirche, der von dem Döbelner Tischlermeister Hans Degen gefertigt wurde, und dem Altar der Döbelner St. Nicolaikirche her. „Der Umstand, dass man zur Herstellung des Hauptaltars der Dresdner Kreuzkirche (…) Meister Hans Degen, den Tischler von Dobeleyn, berief (…), lässt vermuten, dass dieser Meister auch den heimischen Altar fertigte.“ (3)

Eine Besonderheit dieses Altars ist die Dorsale, also die Rückwand des Altars, die mit sämtlichen Namen der Amtsinhaber in St. Nicolai beschriftet ist. Unter anderem ist dort auch Johann Gottfried Sillig, ein besonderer evangelischer Theologe, erwähnt. Er war von 1762 in St. Nicolai in Döbeln als Diakon tätig. Was ihn so herausragend machte, waren seine Weissagungen z. B. bezüglich des Ersten Weltkrieges.

Aufbau des Altars
Altäre gibt es in den unterschiedlichsten Formen und Arten. In Stein gemeißelt oder aus Metall konstruiert. Dennoch folgen die meisten christlichen Altäre einem klassischen Aufbau, beginnend mit dem Stipes, also dem Altarunterbau oder Altarblock und dessen Verkleidung, dem Altarvorsatz – fachsprachlich Antependium. Es folgen die aufliegende Altarplatte (Mensa) und das Retabel, eher bekannt als Aufbau. Ab dem 4. Jahrhundert dienten die sich nach oben fortschreitenden Altarabschlüsse als Reliquienschreine. Während der Spätgotik gab es diese Aufbauten in mehrteiliger Ausführung. Es entstanden unter anderem Flügel-, aber auch Wandelaltäre, zu denen der Döbelner Hochaltar zählt. Dieser stammt, wie bereits erwähnt, aus der zweiten Hälfte der Epoche der Spätgotik, welche ungefähr vom 14. bis zum 16. Jahrhundert einzuordnen ist. Vor dieser Epoche wurden Altäre mitunter mit Baldachinen, oder auch Ziborien genannt, überdacht. Hierzu muss erwähnt werden, dass ich während meiner Nachforschungen auf viele unterschiedliche Bezeichnungen für dieselben Elemente eines Altars gestoßen bin. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum Beispiel spielten die Region, aber auch der Sprachgebrauch des Verfassers eines Textes über Altäre eine wichtige Rolle. […]

oben v.li.n.re.: Anna selbdritt / Gesamtaufnahme Bischof Benno von Meißen / Die 1885 entfernte Predella des Altars. Mittlerweile in der „Heimlichkeit“ der Kirche zu sehen. Sie zeigt das Letzte Abendmahl. / Die 1885 entfernte Predella des Altars. Mittlerweile in der „Heimlichkeit“ der Kirche zu sehen. Sie zeigt das Letzte Abendmahl.

Mitte, v.li.n.re.: Heiliger Nikolaus auf der Festtagswandlung. Rechts von ihm der heilige Wenzel, links der Heilige Leonhardt. / Mondsichelmadonna mit Jesuskind / Unterste Etage des Gesprenges / Zweite Etage des Gesprenges

unten, v.li.n.re.: Oberste Etage des Gesprenges / Sächsisches Landeswappen (linke Dorsale) / Döbelner Stadtwappen (rechte Dorsale)

St.-Nicolaikirche 2024

Wenn man sich christliche Altäre in verschiedenen Kirchen ansieht, wird schnell klar, dass es nicht den einen Altar gibt. Jeder sieht anders und auf seine Weise einzigartig aus. Es gibt Altäre ohne Retabel, beispielsweise Truhenaltäre oder Kommodenaltäre, und Altäre mit Retabel, wie Flügel- oder Wandelaltäre. Letztere Art ist in der St.-Nicolaikirche Döbeln vorzufinden. Auch ihr Altar folgt dem Standardaufbau eines Altars in christlichen Kirchen. Ein zweistufiger Treppenvorsatz führt an den Stipes heran. So ist man direkt auf Augenhöhe mit der detailreichen, holzgeschnitzten Predella, einer Art Sockel zwischen Mensa und Retabel, die Mariens Tod zeigt. Wie oben erwähnt, gab es bis 1885 eine weitere Predella, die mittlerweile in der „Heimlichkeit“ der St.-Nicolaikirche ihr Zuhause gefunden hat. Auf ihr ist die Darstellung des Heiligen Abendmahls zu betrachten. Sie stammt jedoch vermutlich von einem der vielen Nebenaltäre, die es einst in St. Nicolai gab.

Über der Predella ist ein beeindruckender, zweifach wandelbarer Schrein zu finden. Jede Wandlung hat eine Bedeutung und ihren Anlass. Die erste Wandlung gilt als Alltags- oder Sonntagsseite. Das bedeutet, dass diese Seite vom ersten Sonntag nach Trinitatis bis zum Ewigkeitssonntag zu sehen ist. Sie zeigt links außen den Heiligen Erasmus. Daneben Petrus, den Apostelführer. Rechts innen ist der Heilige Benno zu sehen, auf den ich in späteren Kapiteln noch eingehen werde; sein äußerer Nachbar ist der Heilige Valentin. Die zweite Wandlung wird als die Fastenseite bezeichnet, da diese Seite zur Fastenzeit gezeigt wird. In der evangelischen Kirche gibt es zwei große Fastenzeiten. Die erste beginnt am Aschermittwoch und wird am Ostersonntag gebrochen und dauert somit 40 Tage – ausschließlich der Sonntage – an. Die zweite, vorweihnachtliche Fastenzeit beginnt am 11.11. und währt bis zum Heiligabend. Auf ihr sind insgesamt acht Gemälde dargestellt.

Links außen ist oben die Versuchung des Hiob zu betrachten. Darunter teilt St. Martin seinen Mantel. Die vier Gemälde in der Mitte des Schreins zeigen jeweils eine Legende aus dem Leben des Heiligen Nikolaus von Myra. Daneben rechts oben wurde die Heilung des Heiligen Rochus von der Pest festgehalten. Darunter ist die Legende des Heiligen Georgs, der den Drachen tötet, dargestellt. Auf diese werde ich im folgenden Kapitel eingehen. Die dritte und wohl auch imposanteste Wandlung wird als Festtagsseite deklariert. Sie ist im Gegensatz zu den anderen beiden Wandlungen nicht nur bemalt, sondern aus Holz geschnitzt und mit Blattgold verziert.

Der linke Flügel zeigt außen den Evangelisten Johannes mit einem Giftkelch in der Hand. Darunter ist er noch einmal abgebildet. Groß dargestellt steht neben Johannes der Heilige Florian, unter ihm der Evangelist Matthäus. In dem oberen Teil des linken Schleierbretts ist der Heilige Hieronymus, darunter der Heilige Augustin abgebildet. In der Mitte des Schreins ist der Heilige Nikolaus, Altarheiliger und Namensgeber der Kirche, positioniert. Sein linker Nachbar ist der Heilige Leonard, rechts steht der Heilige Wenzel. Das rechte Schleierbrett zeigt den Heiligen Georg, unter ihm der Heilige Ambrosius.

Auf dem rechten äußeren Flügel sind die Heilige Maria Magdalena und die Heilige Barbara abgebildet. Unter ihnen die Evangelisten Markus und Johannes. Diese Seite wird zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten gezeigt. Eigentlich war es angedacht, dass der Altar auch zu kleineren Festen, beispielsweise zum Johannistag, gewandelt wird. Das ist jedoch mittlerweile nicht mehr üblich, da das Wandeln des Altars durchaus ein Kraftakt ist und er aus konservatorischen Gründen nicht so häufig gewandelt werden sollte. Unter den Flügeln des Altars, parallel zu der Predella, sind auf jeder Seite jeweils eine verzierte Dorsale angebracht. Auf der linken ist das Wappen Sachsens zu sehen, zu erkennen an den Farben Grün, Schwarz und Gold. Auf der rechten Seite ist das Döbelner Stadtwappen mit den drei roten Stadttoren angebracht. Beide Wappen sollen erst einige Zeit nach dem Erbau des Altars angebracht worden sein. Wann genau, ist nicht ganz klar.

Schaut man nun weiter an dem Altar hinauf, fällt dem Betrachter das bis zur Decke reichende Gesprenge dieses Monuments sofort ins Auge. Das spätgotische Holzgestell besitzt drei Ebenen mit insgesamt neun Schnitzfiguren. In der untersten Ebene sind fünf von ihnen zu finden. „In der Mitte: Maria, die Krone auf dem Haupt, mit dem Kinde auf dem Arm (…). Links von ihr Sta. Katharina mit dem Schwerte, bez. KATHERINA, und Sta. Johannes der Täufer. […] Rechts stehen: Sta. Salome (…) und Sta. Christopherus.“ (3) Die mittlere Ebene zeigt drei Figuren. Links St. Stephanus, daneben Anna selbdritt und rechts St. Laurentius. In der dritten und somit höchsten Ebene findet sich nur eine Figur wieder. Dies ist der gegeißelte Christus mit der Dornenkrone auf dem Haupte. Alle diese neun Figuren haben eine Art Dach über ihrem Kopf. Es soll das Himmelszelt symbolisieren. […]

Historische Postkarten vom Hochaltar in der St.-Nicolai-Kirche

Es scheint, als würden die Figuren der zweiten und dritten Ebene von „Laubwerkbaldachinen“ überdacht werden. Schaut man sich die „Laubwerkbaldachine“ genauer an, so könnte man den Eindruck gewinnen, dass diese Dornen mit Rosen darstellen sollen, da Dornen und Rosen im Christentum eine tiefere Bedeutung haben. Dornen stehen dort für Leiden und Sünde. Rosen hingegen symbolisieren Hoffnung und göttliche Liebe. Für diese Behauptung gibt es allerdings keinen eindeutigen Beweis. Die Beschriftung der Rückwand erfolgte erst nach der Reformation. Darunter finden sich Bischöfe, Superintendenten, Diakone, aber auch einfache Pfarrer. Diese Liste wird stetig erweitert. Die erste verzeichnete Person ist der Diakon Conr. Wolffram Ploc. Er war von 1539 bis 1540 in Döbeln tätig. Der letzte Name, der hinzugefügt wurde, ist der des Pfarrers Lutz Behrisch. Er ist 2024 in den Ruhestand eingetreten.

Um den 12,24 Meter hohen Opfertisch zu stabilisieren, ist er an mehreren Metallstäben, die an die dahinterliegende Wand führen, gestützt.

Zitate:
(1) Gen. 8,20, Lutherbibel 1912
(2) Vgl. Görres: Hochaltar der St. Nicolaikirche Döbeln [Standflügel, rechts]: Hl. Rochus [oben], Hl. Georg [unten]. Malerei auf Holz. In: Internetseite Cranach Digital Archiv. URL: https://lucascranach.org/de/DE_ND_ND001g/ abgerufen am 31. Oktober 2025
(3) Gurlitt, Cornelius: Kunstführer Döbeln – Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Amtshauptmannschaft Döbeln. Dresden 2014, S. 22
(4) a. a. O., S. 21

Bischof von Meißen mit Buch und Schlüssel

Details des Hochaltar im Fokus
Auf diesem Gemälde, das sich auf der inneren rechten Seite der ersten Wandlung des Altars befindet, ist vermutlich der hl. Benno – Bischof von Meißen abgebildet. Hundertprozentig geklärt ist das jedoch nicht. Allerdings sprechen seine Insignien sehr dafür. Abgebildet wurde er, da Döbeln einst dem Erzbistum Meißen zugehörig war.
Bischof Benno, geboren um 1010 oder 1020, soll vor seiner Flucht aus Meißen den Schlüssel für den Dom in die Elbe geworfen haben. Nachdem ihm der Weg nach Meißen wieder möglich war, kehrte er auf seiner Reise in einer Schenke ein und bestellte einen Fisch, der in eben diesem Fluss gefangen worden war, in den er auch den Schlüssel geworfen haben soll. In jenem Fisch fand er diesen Schlüssel wieder.

Stadtwappen Döbeln

Spannend ist auch, dass an der rechten Dorsale des Döbelner Altars das Stadtwappen mit den drei roten Stadttoren nachträglich angebracht wurde. Auf der linken findet sich das sächsische Landeswappen.

Mondsichelmadonna

Eine weitere Facette des Döbelner Altars ist die zentrale Figur des Altargesprenges. Maria, die Mutter Gottes, dargestellt als Mondsichelmadonna, trägt ihren kleinen Sohn Jesus Christus auf dem Arm. Sie sind umgeben von vielen kleinen Sonnenstrahlen und sie steht mit einem Fuß auf einem Sichelmond. Auf ihrem Gewand steht „MARIA GRATIA PLENA“, zu Deutsch: Maria voller Gnade.

Der Heilige Georg zu Ross

Die Sage vom Heiligen Georg ist weit verbreitet und doch wird sie überall ein wenig anders erzählt. In Döbeln erzählt man sie sich so:
In der Nähe von Döbeln hauste ein Drache, der die Menschen bedrohte. Um ihn zu besänftigen, opferten die Bewohner ihm täglich Tiere und später sogar Menschen, als diese ihm nicht mehr genügten. Als die Königstochter geopfert werden sollte, begegnete ihr Georg, ein römischer Soldat und Christ. Er kämpfte gegen den Drachen und befreite die Prinzessin schließlich, indem er das Ungeheuer vor den versammelten Bürgern tötete, nachdem diese versprachen, sich taufen zu lassen. Daraufhin bekannten sich der König und viele Bewohner zum Christentum. Diese Sage soll sich auf dem in Westewitz gelegenen Spitzstein zugetragen haben.

Der Heilige Nikolaus, der Heile Leonhardt (links) und der Heilige Wenzel (rechts)

Der Namensgeber der Kirche und somit auch der Altarheilige ist der heilige Nikolaus. Er wird auf dem Altar insgesamt fünfmal dargestellt. Viermal auf der Fastenseite des Altars und einmal auf der hier zu sehenden Festtagswandlung. Um den heiligen Nikolaus ranken sich viele Legenden. Er ist außerdem der Grund, warum wir am 6. Dezember das Nikolausfest feiern. St. Nikolaus ist der Schutzpatron der Reisenden und der Händler. So war das Recht, ihre Kirche nach dem heiligen Nikolaus zu benennen, nur Hafen- oder Handelsstädten vorbehalten. Döbeln verdankte den Umstand des blühenden Handels der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen, die Döbeln bereits zur Slawenzeit zu einem Knotenpunkt machten.

Christus segnend

Die womöglich unscheinbarste und dennoch faszinierende Figur des Döbelner Altars ist die Christus-Plastik an der Spitze des Gesprenges. Er stellt sich mit einer segnenden Geste dar. Sie steht symbolisch dafür, dass man beim Betreten der Kirche den Segen Christi

© Linda Mulde (im Rahmen ihrer Facharbeit im Schuljahr 2025/26)

Quellen:
Ev.-luth. Pfarramt Döbeln: St. Nicolaikirche Döbeln. München 2002
Gurlitt, Cornelius: Kunstführer Döbeln – Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Amtshauptmannschaft Döbeln. Dresden 2014
Grathoff, Stefan: Altar. Aufsatz auf dem Opfertisch. In: Internetseite regionalgeschichte.net, URL: https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/glossar/begriffe/eintrag/altar.html abgerufen am 31. Oktober 2025













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