VEB TEWA / VEB MKB (ehemals Tümmler)
Nach dem Einmarsch der „Roten Armee“ am 06. Mai 1945 in Döbeln dauerte es nicht lange, bis man Pläne für die Zukunft schmiedete. Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) wurden schon im Mai 1945 sowohl die Metallwarenfabrik Robert Tümmler als auch die Maschinenbaufabrik Gebr. Tümmler enteignet. Mitarbeiter, die dem NS-Staat besonders nahestanden und als aktive Nationalsozialisten in Erinnerung waren, wurden aus der Belegschaft ausgeschlossen. Am 14. Mai 1945 beriet eine Belegschaftsversammlung in Anwesenheit des KPD-Parteisekretärs Arno Dietze, der als Verbindungsmann des Magistrats zur sowjetischen Kommandantur fungiert, über eine Wiederaufnahme der Produktion. In einer Betriebsversammlung wurde der Ingenieur Eugen Moll als Treuhänder des Betriebs eingesetzt, weil er über russische Sprachkenntnisse verfügte, und Alfred Große wählte man zum Vorsitzenden des Arbeiterrates.
Der ehemalige Inhaber Erhardt Tümmler saß zu dieser Zeit als „Nazi- und Kriegsverbrecher“ in Bautzen in Untersuchungshaft. Seine Villa in der Schillerstraße hatte man sofort nach Kriegsende beschlagnahmt und zum Kindergarten umfunktioniert. Vier Erzieherinnen und zwei Wirtschaftskräfte betreuten hier bald 70 Kinder.
Im Betrieb ging es schnell um praktische Probleme. Was kann man aus den verbliebenen Restbeständen an Material herstellen? Wie lange reichen die Lagerbestände der Betriebsküche, um die Belegschaft zu verpflegen? Bei der neuen Produktpalette orientierte man sich an der Vorkriegsfertigung der Firma und natürlich an den bescheidenen Möglichkeiten, die die Nachkriegszeit bot. Die meisten Zulieferketten waren zusammengebrochen. Man stellte Möbelbeschläge, Bügeleisen, Vorhangschlösser und Essbestecke her – ein bescheidener Anfang und natürlich weit entfernt vom alten Standard. Allen Mitarbeitern war zu diesem Zeitpunkt klar, dass mit den angedrohten Demontagen zur Wiedergutmachung von Kriegsschäden in der Sowjetunion Ungemach drohte. Es kam schlimmer, als man dachte. Am 12. Juni 1945 wurde vom Wirtschaftskommandanten der sowjetischen Kommandantur Döbeln eine Betriebsversammlung einberufen, in der er darüber informierte, dass der Betrieb komplett demontiert würde. Ein Schock. Wie sollte es weitergehen? Alles Bitten half nichts. Es wurde ein Demontagestab eingesetzt, der in Zusammenarbeit mit dem Arbeiterrat und Treuhänder Eugen Moll die Demontage umsetzte. Gleichzeitig forderte man die Gremien des Betriebes auf, Unterlagen zusammenzustellen, die für die Enteignung der Familie Tümmler genutzt werden können. Erhardt Tümmler selbst, wahrscheinlich durch einen Irrtum freigekommen, lebte zu dieser Zeit unbehelligt bei seiner Schwägerin in der Straße des Friedens 19. Von hier aus sah er, wie alle Maschinen seiner Firma über die Thielestraße zum Güterbahnhof Döbeln-Ost gebracht, verladen und in die Sowjetunion gebracht wurden. Von hier aus fuhren die Züge in die Sowjetunion. Keine Frage, dass Erhardt Tümmler ein überzeugter Nationalsozialist war, richtig auch, dass seine Firma mit Rüstungsgeschäften viel Geld verdient hat. Vergessen darf man allerdings auch nicht, dass in einem System der Kriegswirtschaft einzelne Unternehmer in ihren Handlungsspielräumen sehr beschränkt waren. Für die neuen Machthaber stand fest, dass Erhardt Tümmler wegen der großen Schuld, die er auf sich geladen hat, enteignet wird, was der Bürgermeister der Stadt, Arno Dietze, öffentlich bekanntgab. Ein reichliches Jahr später wurde in Sachsen ein Volksentscheid zum „Gesetz zur Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“ durchgeführt. Es blieb das einzige Plebiszit in der Sowjetischen Besatzungszone und zugleich die erste direktdemokratische Abstimmung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Gesetz sah die entschädigungslose Enteignung von Großgrundbesitzern, Kriegsverbrechern und aktiven Nationalsozialisten vor. Um für den Volksentscheid zu werben, sprach Walter Ulbricht am 7. Juni 1946 auf dem Ernst-Thälmann-Platz (heute Niedermarkt) in Döbeln. Am 30. Juni 1946 stimmen 13 462 Bürger (79,6 %) Döbelns für die Enteignung. Damit legitimierte man die schon 1945 erfolgte De-facto-Enteignung nachträglich.
Erhardt Tümmler wurde schon bald erneut verhaftet. Er verstarb am 30. November 1947 im sowjetischen Speziallager Nr. 1 in der Nähe von Mühlberg/Elbe.
Walter Ulbricht spricht am 07. Juni 1946 auf dem Ernst-Thälmann-Platz (heute Niedermarkt) in Döbeln und wirbt für die Enteignung per Volksentscheid (Fotos KI-gestützt restauriert).
Für das Werk Tümmlers hatte man sich einen neuen Namen überlegt. Im Juni 1946 führte man die Betriebsbezeichnung „VEB TEWA-Fabrik für Möbel- und Autobeschläge Döbeln“ (TEWA = Technische Eisenwaren) ein, später nannte man das zukünftige Werk 1 des VEB DBM „VEB Metall- und Kunststoffbeschläge Döbeln“ (MKB).
Viel mehr als die Abrechnung mit dem ehemaligen Inhaber und der neue Betriebsname interessierte die Arbeiter allerdings die Frage, was man mit einer Fabrik ohne Maschinen anfangen kann. Der Arbeiterrat entwickelte Ideen, rief die Belegschaft auf, dem Betrieb die privaten Ersparnisse zu leihen, um Material und Maschinen kaufen zu können. Die Verzweiflung war bei allen groß. Vielleicht folgten deshalb 80 % der Belegschaft dem Aufruf. Immerhin 300 000,- DM kamen so zusammen. Später erhielten die Arbeiter ihr Geld zurück und es fiel nicht unter die Währungsreform. Die Materialbeschaffung erfolgte zum großen Teil aus Dresden und Chemnitz. Mit Besitzern oder Treuhändern teilweise stark kriegsbeschädigter Fabriken verhandelten ehemalige Tümmler-Mitarbeiter und kauften preiswert Maschinen, die durch Beschädigungen nicht mehr funktionsfähig waren und deshalb abgegeben wurden. Skeptiker warfen den Emissären vor, sie hätten Schrott gekauft. Doch sie irrten.
Fleißige Arbeiter und findige Ingenieure tüftelten, auch in Sonntags- und Nachtarbeit, so lange, bis die Maschinen wieder liefen. Die sowjetische Kommandantur war begeistert, dass der Betrieb trotz Komplettdemontage wieder ins Laufen kam, und gab die Erlaubnis für die Fertigung folgender Artikel: zahnärztliche Instrumente, Spezialwaagen, Gewichte, Möbel- und Autobeschläge. Eine zweite Demontagewelle warf die Bemühungen um eine Wiederaufnahme der Produktion allerdings erneut zurück. Erschwerend kam hinzu, dass jahrelang ein großer Teil der Produktion als Wiedergutmachung für Kriegsschäden in die Sowjetunion verbracht wurde, was die Einnahmen des Betriebes schmälerte.
Auch bei den Produktionsgebäuden musste man Abstriche machen. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hatte Vorfahrt. Einige Betriebsteile wurden Firmen aus den kriegszerstörten Großstädten zugewiesen, die in Döbeln wieder die Produktion hochfuhren. Das 1939 unter Erhardt Tümmler neu errichtete Fabrikgebäude an der Muldenstraße wurde nach dem Krieg vom Pharmaunternehmen Weiss & Co. (später VEB Pharma Döbeln) sowie der Fleisch- und Feinkostfabrik Alfred Lindner aus Dresden (später VEB Pikant) genutzt.
Den neuen VEB TEWA wollte man dennoch schrittweise wieder zu alter Größe führen. In nachfolgender Reihenfolge sollten die Betriebsteile wiederbelebt werden: 1. Energie, 2. Presserei, 3. Schleiferei, 4. Spritzguss, 5. Galvanik, 6. Lackiererei, 7. Maschinenbau.
Immer deutlicher wurde allerdings, dass der Neuaufbau des Betriebes im Geiste der neuen sozialistischen Ideologie erfolgen soll. Es ging schon bald nicht mehr um fachliche Expertise, sondern auch um das richtige Parteibuch. Wer den neuen Kurs nicht engagiert genug vertrat, geriet schnell ins Abseits, wie zum Beispiel Eugen Moll. Der bisherige Treuhänder wurde wegen unzureichender „moralischer Eigenschaften“ durch einen Genossen der Partei ersetzt. Der genoss nun auch das uneingeschränkte Vertrauen des neuen sächsischen Ministers für Wirtschaft u. Wirtschaftsplanung. Fritz Selbmann (KPD/SED) ging es um den wirtschaftlichen Neustart Sachsens nach dem Krieg, aber auch darum, wichtige Stellen mit treuen Genossen zu besetzen. Kaderpolitik hätte er es genannt. Überhaupt hatte man sich vorgenommen, Relikte der „faschistischen Ideologie“ zu bekämpfen und die Organisationen der Arbeiterklasse wiederzubeleben. So wurden wieder Betriebszellen der kommunistischen und sozialdemokratischen Partei gebildet und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund gegründet. Am 21./22. April 1946 erfolgte, wie überall in der sowjetischen Besatzungszone, auch in Döbeln der Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED. Damit schuf man eine kommunistisch dominierte Einheitspartei und sicherte die Machtübernahme in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ab. Es war ein erster wichtiger Schritt bei der Übertragung des sowjetischen Gesellschaftssystems auf die SBZ bzw. später auf die DDR. In der Broschüre „15 Jahre DBM“ wird das im sprachlichen Bombast der Zeit gefeiert: „Alles Große und Schöne in der Gesellschaft wird durch Arbeit geschaffen. Die Arbeit selbst wird zur wahrhaft freien Arbeit, wenn durch neue gesellschaftliche Verhältnisse, durch neue demokratische und sozialistische Beziehungen der Menschen untereinander die Schöpferkraft der Werktätigen sich frei entfalten kann. Die Ausbeuter verachten die Arbeit, sie sind nur am Profit interessiert. Ihren Bestrebungen ist die Solidarität und gegenseitige Hilfe direkt entgegengesetzt. Die Partei wies den Weg. Wenn ein Leben in Glück und Wohlstand erkämpft wird, dann muß die Produktion gesteigert werden. Heute ist diese Erkenntnis das Kernstück des bewußten Handelns unserer Arbeiter und Angehörigen der Intelligenz geworden. Dieses Bewußtsein ist die Quelle für neue große Siege.“ (15 Jahre DBM, S. 12) Es dauerte nicht mehr lange, bis man die Erziehung der Belegschaft im sozialistischen Sinne weiter verfeinerte. Am 18. Juni 1954 erschien erstmal die Betriebszeitung „TEWA SPIEGEL“, die später „Betriebsspiegel“ genannt wird.
Zeitweise unterstellte man den Betrieb der sowjetischen Verwaltung in Berlin-Karlshorst. Der sowjetische Ingenieur Kaschtan hielt über einen Verbindungsmann, das SED-Mitglied Felix Bahn, Kontakt und ordnete eine teilweise Neuausrichtung der Produktion an. Gebraucht wurden für den Wiederaufbau dringend Baubeschläge. An diesem Beispiel kann man erkennen, dass schon unmittelbar nach dem Krieg planwirtschaftliche Elemente eingeführt wurden und man Produktionsvorgaben zentral in Berlin festlegte. Hier wurde auch entschieden, dass der Döbelner Betrieb helfen soll, den Engpass in der Beschaffung von legierten Leichtmetallen zu überwinden. Also begann man, Magnesiumlegierungen zu vergießen. Aus diesem Material wurden Vorhang- und Bauschlösser hergestellt.
Die Schwierigkeiten, die in den Nachkriegsjahren überwunden werden mussten, waren teilweise gravierend. Es fehlte an Kohle, weil das Verkehrsnetz durch den Krieg zerstört und deshalb die Belieferung nicht mehr gewährleistet war. Not machte erfinderisch. Man richtete mit einem Lastwagen einen Pendelverkehr zwischen einer Kohlegrube in Borna und Döbeln ein. Ebenso groß waren anfangs die Probleme bei der Stromversorgung. Das allgemeine Stromnetz hatte mit großen Schwankungen zu kämpfen, so dass zum Beispiel im Winter 1947/48 nur nachts gearbeitet werden konnte. Auch hier suchte man nach unkonventionellen Lösungen. Eine eigene Dampfkesselanlage sollte eine Dampfmaschine speisen. Nach anderthalbjähriger Vorarbeit gelang das Anblasen im März 1948. Die Nachtschichten konnten daraufhin reduziert werden und in einigen Abteilungen ganz wegfallen.
Trotz aller Widrigkeiten bekam man langsam wieder „Boden unter die Füße“. Der von der SED verabschiedete 1. Zweijahresplan (1949/1950) in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ/später DDR) zielte darauf ab, die Industrieproduktion um ca. ein Drittel zu steigern und die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. In Döbeln blieb die Kohle- und Energieversorgung das drängendste Problem. Um die Produktivität weiter zu steigern, wurde auch in Döbeln eine Aktivistenbewegung ins Leben gerufen. Die Arbeiter sollten dem Beispiel Adolf Henneckes folgen. Der Bergmann fuhr in den Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers ein und förderte am 13. Oktober 1948 statt der üblichen 6,3 Kubikmeter (Hauer-Norm) in einer gut vorbereiteten Schicht 24,4 Kubikmeter Kohle. Damit erfüllte er die Arbeitsnorm mit 387 Prozent und galt seitdem Vorzeige-Aktivist. Er war Namensgeber der Hennecke-Bewegung in der DDR. Am 29. November 1948 avancierte E. Valentin zum ersten Aktivisten der Stadt Döbeln. In einer „Hennecke-Schicht“ erreichte er eine Normübererfüllung von 116 Prozent.
VEB MEBA (ehemals Grossfuss)
Auch im ehemaligen Grossfuss-Werk war im Mai 1945 nichts mehr wie vorher. Die Inhaber Curt Grossfuss und sein Sohn Johannes wurden als Kriegsgewinnler angefeindet. Den Jüngeren verhaftete man, der Ältere kam bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben und starb am 26. Juni 1946 kurz vor dem Volksentscheid in Sachsen zum „Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“. 143 Arbeiter und Arbeiterinnen sollen für die Enteignung „das Ausbeuters Großfuß und die Überführung des Betriebes in Volkseigentum“ gestimmt haben. (15 Jahre DBM, S. 14). Die Firma, später das Werk 2 des VEB DBM, wurde in VEB MEBA (Metallbau) umbenannt und war für die Eigentümer verloren. Johannes Grossfuss war froh, dass er die Haft in sowjetischen Speziallagern und am Ende im Gefängnis Waldheim überlebt hatte und floh mit seiner Familie in den Westen. Ein eingesetzter Treuhänder namens Ullrich wurde 1948 als „Schieber“ denunziert und abgesetzt.
Weil Grossfuss ein prominenter Rüstungsbetrieb war, fiel die Firma sofort der völligen Demontage anheim. Es wurde als großes Entgegenkommen der sowjetischen Kommandantur gewertet, dass die Maschinen für die Sanitätsschrank-Produktion im Betrieb bleiben durften. Ganz uneigennützig war das allerdings nicht. Sechs Wochen lang arbeitete man an einem Wiedergutmachungsauftrag, Arzt-Instrumentenschränke für die Sowjetunion. Die Arbeitsbedingungen waren schlecht. Besonders der Winter 1946/1947 war hart. 40 Tage Dauerfrost mit Temperaturen von bis zu minus 25 Grad. Im kältesten Winter des Jahrhunderts wurden die Kohlen knapp. Man arbeitete mit Handschuhen und fror trotzdem.
Was stellte der Betrieb nach dem Krieg her? Die Anfänge waren bescheiden. 1945 fertigte man aus alter, angearbeiteter Kriegsproduktion Kerzenständer, Ascher, Behelfsöfen und führte verschiedenste Reparaturen durch. Schon 1946 produzierte man auch Vorhangschlösser, Rübenhacken, Küchenherde, Gemüseschneidemaschinen und Sanitätswandschränke in vier Varianten. 1947 kamen Mähmesserklingen in verschiedenen Ausführungen dazu. Auf die war man besonders stolz, weil es das erste Produkt in der Nachkriegszeit war, für das es Exportanfragen gab. Die Klingen wurden in die VR Polen geliefert. 1948 nahm man die Produktion von Brotkästen, Gießkannen und Küchenwaagen auf. Ab 1950 stellte man Grubenrettungsgeräte in zwei und Alkalipatronen in vier Ausfertigungen her und war der alleinige Hersteller dieser Gerätschaften in der DDR. Ab 1953 begann man mit der Herstellung von Kinderfahrzeugen, mit denen man auch im Ausland gute Umsätze machte.
VEB MEWA (ehemals H. W. Schmidt)
Die Metallwarenfabrik H.W. Schmidt, später Werk 3 des VEB DBM, wurde nach der Enteignung in VEB MEWA (Metallwaren) umbenannt. Auch hier soll die Belegschaft 1946 für eine Enteignung des Betriebes und die Überführung in Volkseigentum gestimmt haben. In dem Zusammenhang wurde behauptet, die Arbeiter der Firma hätten während des Krieges gegen die Produktion der Springminen protestiert und nur wegen des repressiven Drucks der Gestapo und der SS hätten sie sich keine Stimme verschaffen können. Sicher stimmt das. Aber es stimmt sicher auch, dass in der Nachkriegszeit viele Arbeiter, die ja meist auch als Soldaten im Krieg gekämpft hatten, den Gedanken, dass man nun die Schuld am Krieg bei einer kleinen Gruppe abladen kann, die man als „Nazi- und Kriegsverbrecher“ pauschal verurteilte, tröstlich fanden. Vorerst wurde der alte Inhaber Otto Schmidt als Treuhänder eingesetzt. Er kämpfte vor der Stadtverwaltung und vor Regierungsstellen in Dresden gegen die Enteignung. Es nützte nichts, schon bald wurde er auch als Treuhänder abgesetzt. Die „Genossen des Arbeiterrates“ setzten Paul Zschunke als Betriebsleiter ein. Auch der konnte nicht verhindern, dass der Betrieb restlos demontiert wurde. Der Blick in die leergeräumten Produktionshallen sagte den Mitarbeitern der Firma, dass etwas passieren muss. Auch hier zogen Arbeiter los und bargen aus dem Schott, auch aus den Trümmern von Firmen, die in den umliegenden Großstädten zerbombt wurden, Maschinen, die in mühevoller Arbeit instand gesetzt wurden. Mit drei dieser Maschinen startete man im September 1946 mit der Produktion und stellte aus Gewehrkappen, die man im Krieg hergestellt hatte, Türriegel her. Anfangs konnte nur nachts gearbeitet werden, da am Tag kein Strom entnommen werden durfte. Neben Türriegeln stellte man schon bald auch Schuhschoner, Riemenverbinder, Kaffeekannen und Geschirrbeschläge her. Verwendet wurden dafür Abfallbleche, die man aus Thale im Harz bezog. Wenn diese am Bahnhof eintrafen, zog man bei Wind und Wetter einen Pferdewagen zum Bahnhof und wieder zurück in den Betrieb. Eine Zugmaschine hatte man nicht.
Logos des neuen volkseigenen Betriebs (KI-gestützt restauriert)
Schon bald trug der VEB MEWA mit einer Produktionsauflage von rund 2,5 Millionen DM durch seine Produktion von Haushaltgeschirrbeschlägen, Koffergriffen, Ofenrohren und -knien, Aschekästen, Backblechen, Herdwagen, Kohlenkästen, Gießkannen, Lamellen und Zahnschienen wesentlich zur Befriedigung des Bedarfs an Gebrauchsgegenständen aus Blech bei. Doch der Erfolg war hart errungen. Max Daniel, seit 1927 im Betrieb, erinnerte sich an die Nachkriegsjahre: „Meine erste Arbeit war, mitzuhelfen, die Gebäude instand zu setzen. Das Material, welches vorhanden war, wurde sortiert. Wir haben da manchen Sonntag geopfert. Oft mußten wir nach 3 bis 4 Stunden Ruhe zu Hause erneut in den Betrieb, um Kohlen abzuholen und angekommene Bleche zu transportieren. Der Hunger war groß. Manchmal bekamen wir für diese Sonderarbeit 1 bis 2 Pfund Kartoffeln. Da keine Dampfheizung vorhanden war, wurden Öfen gesetzt, damit wir im Winter arbeiten konnten. Wie oft sind wir zum Schmiedefeuer gegangen, um uns erst wieder etwas aufzuwärmen. Die Wasserleitungen waren fast immer defekt. Sie mußten repariert werden. Der Aufbau der damaligen Schweißerei im zweiten Stock war sehr schwierig. Es fehlte an Gasflaschen. Ich erklärte mich bereit, einen Niederdruckentwickler zu bauen. Das gelang mir. Nach der Prüfung in Halle wurde er für gut befunden. Später bekamen wir dann einen Hochdruckentwickler. Es gab viel zu tun, und das Arbeiten war damals nicht leicht. Manchmal wundere ich mich heute selbst, wie wir das alles geschafft haben.“ (15 Jahre DBM, S. 18)
VEB Sächs. Feuerlöschgerätefabrik u. Eisengießerei
Auch der Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller, dem zukünftigen Werk 4 des VEB DBM, ging es nach dem Krieg schlecht. Der Betrieb war fast zum Erliegen gekommen, man setzte Haushaltsgeräte instand, lötete Töpfe und Eimer und führte alle möglichen Reparaturen aus. Oft ließen sich Flüchtlingsfamilien, die zu Tausenden durch Döbeln Richtung Westen zogen, ihre Handwagen reparieren. Hier setzte man an und begann, Handwagen in größerer Serie zu bauen. Auch Handhebelstanzen für Treibriemenverbindungen wurden hergestellt.
Langsam widmete man sich wieder dem früheren Kerngeschäft – dem Feuerlöschwesen. Der Betrieb übernahm die Reparatur von Kraftspritzen und den Bau von Schlauchwagen und Schlauchverbindern. Die Eisengießerei, anfangs noch in den Händen eines Pächters, wurde am 1. Oktober 1948 in den Betrieb integriert, was die Erfüllung der staatlichen Planvorgaben ermöglichte. Man hatte die Herstellung von Kübelspritzen und die Übernahme von Reparatur- und Lohnarbeiten gefordert. In der Gießerei wurden Mittel- und Großgussstücke, vor allem Pressenständer, bis zu einem Gewicht von 5 Tonnen gegossen. Da das Unternehmen nicht in die Rüstungsproduktion involviert war, wurde der Maschinenpark nicht demontiert. Das war ein großer Vorteil und führte dazu, dass zügig Kübelspritzen für die Reichsbahn hergestellt werden konnten. Dies blieb die Hauptproduktion bis etwa 1954. Später spezialisierte man sich auf Gaskocher und Gaskochertische.
35 Jahre fand am Standort, nunmehr im Werk IV des VEB DBM die Fertigung von Grauguss für Fleischwölfe, Haushaltsgeräte, Armaturen, Schornsteinguß, Fahrzeugteile, Guss für Fahrzeugelektrik und Ofenguss mit dekorativer Oberfläche statt. Am 18. Dezember 1990 wurde im Graugusswerk an der Schlachthofstraße zum letzten Mal gegossen – damit endete nach über 140 Jahren die industrielle Tradition der Feuerlöschgerätebaus und der Gussproduktion, die jahrzehntelang mit dem Namen von Julius Müller verbunden war.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
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Informieren Sie sich hier über die Geschichte der Nachfolgebetrieb VEB DBM.
Quellen:
VEB DBM (Hrsg.): 15 Jahre DBM. Döbeln 1971
"Volkszeitung", 14. Juni 1946
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Spitzner, Sophie: Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft im Muldental – Aufbau und Entwicklung bis zum Kriegsende. Roßwein 2014 (unveröffentlicht)
Bildnachweis:
Fotos zum Volksentscheid 1946 - Kreiskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der SED-Kreisleitung Döbeln (Hg.): Im Zeichen unserer Epoche - Zur Geschichte des Kreises Döbeln 1945-1949. Leipzig 1975, S. 60f.
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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