VEB Landmaschinenbau "Rotes Banner"
Auch in der „Landwirtschaftsmaschinenfabrik Franz Richter“ wollte man den Aufbruch in eine neue Zeit durch einen neuen Firmennamen verdeutlichen. Seit dem 21. Juni 1947 firmierte der Betrieb als „Landmaschinenfabrik Döbeln“ und produzierte unter anderem Pflüge, Kartoffelroder, Drillmaschinen, Dreschmaschinen, Heurechen, Grasmäher, Rübenschneider und Eggen. Zudem stellte man auch Gerätschaften und Maschinen für die Bauwirtschaft her, z.B. Teeröfen, Teereimer, Teerschöpfer, Gussasphaltmotorkocher sowie Bauwinden.
Am 1. Juli 1948 wurde das Unternehmen mit rund 400 Mitarbeitern dem „VVB Landmaschinen- und Traktorenbau Leipzig“ zugeordnet und erhielt den Namen „VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ Döbeln“. Hätte das Franz Richter noch erlebt, wäre er empört gewesen. Immerhin gehörte der Leipziger Betrieb vor dem Krieg Rudolph Sack und der war sein größter Konkurrent auf dem Gebiet des Landmaschinenbaus.
Die wirtschaftliche Vernetzung war mittlerweile konsequent nach Osten ausgerichtet. Koks aus Polen und Eisen aus der Sowjetunion ermöglichten erste Produktionserfolge.
Seit 1954 Jahren konzentrierte sich der Betrieb wieder ausschließlich auf die Herstellung von Landmaschinen. Man spezialisierte sich auf die Fertigung von Maschinen und Geräten für das kleinbäuerliche Wirtschaften. So zählten der Schleuderradroder „Sausewind“ für den Gespannzug sowie der Zapfwellenroder E 641 für den Traktorzug zu den Haupterzeugnissen. Von Anfang an gab es in der SBZ und später in der DDR eine konsequente Verknüpfung von Wirtschaft und Politik, und die war nicht pragmatisch, sondern ideologisch ausgerichtet. So verpflichtete man sich anlässlich des IV. Parteitages der SED im Jahr 1954, 35 Gespann-Kartoffelroder und zwei Zapfwellen-Kartoffelroder über den Plan hinaus herzustellen. Darüber hinaus wurden im Rahmen der Massenbedarfsgüterproduktion Rohrzangen und Schlittschuhe gefertigt.
Anbau-Schleuderradroder E 655/3 "Sausewind" für die Kartoffelernte und der Rübenköpfschlitten E 730, ein Frontanbaugerät zum Geräteträger RS 09 (Baujahr 1956/57)
Als die ärgste Not der Nachkriegszeit überwunden war, wollte man auch durch konkrete Taten verdeutlichen, dass die DDR ein Staat der Arbeiter ist. 1955 errichtete man ein großes Sozialgebäude mit einer Küche, einem Speiseraum, der zudem als Kulturraum genutzt werden konnte und später noch einer Imbissverkaufsstelle zur Verbesserung der Pausenversorgung. Auch an Badeeinrichtungen für die Belegschaft hatte man im neuen Gebäude gedacht. Zwei Jahre später eröffnete in der Firmenvilla in der Roßweiner Straße der Kindergarten „Rotes Banner“, ein Gemeinschaftswerk der Döbelner Betriebe VEB Decenta, DBM, VEB Rohtabak und des VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“. Dort wurden zunächst 80 Kinder betreut. Nach einem Umbau im Jahr 1971 erhöhte sich die Kapazität auf 100 Kinder. Man kümmerte sich um das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das wurde auch deutlich, als man 1956 eine Betriebssanitätsstelle einrichtet, die von einem Arzt betreut wird.
In der ehemaligen Fabrikantenvilla wurde ein Kindergarten eingerichtet. Natürlich gab es auch einen zugehörigen Spielplatz mit zahlreichen Klettergeräten.
Auch die Stadt kann auf die Unterstützung der Firma bauen. Am 28. April 1961 erfolgte durch Kollegen der Montagebrigade „7. Oktober“ im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks eine Reparatur am Rathausturm. Die durch einen Sturm defekten Zeiger der Rathausuhr wurden durch zwei neue ersetzt, was einen langersehnten Wunsch vieler Döbelner erfüllt. Auch um die Jugend und damit um die Ausbildung des eigenen Facharbeiternachwuchses kümmerte man sich. 1962 wurde ein polytechnisches Kabinett für Maschinenkunde an Schüler der 8. Klassen übergeben.
Soviel Engagement fand man auch in Ost-Berlin gut. Am 23. Januar 1962 berichtete das DDR-Fernsehen in dem 20-minütigen Beitrag „Unerschöpfliche Reserven“ ausführlich über den VEB „Rotes Banner“. Vorgestellt wurden die erreichten Ergebnisse durch die „Seifert-Methode“ und die „Mitrofanow-Methode" (Ausnutzung der Arbeitszeit, Übergabe bei laufendem Schichtbetrieb, verbesserte Technologie, Einführung neuer Technik). Als beispielhaft werden die Schweißerei und die Mechanische Werkstatt hervorgehoben. Das wollte sich die Parteiprominenz der DDR auch mal persönlich ansehen. Am 19. Juli 1962 besuchte Paul Fröhlich, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung und Kandidat des Politbüros des ZK der DDR das „Rote Banner“ und, so schrieb die Presse „überzeugte sich von der Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in den Brigaden“. Den gab es wirklich. Er beruhte allerdings nicht auf dem Konzept der DDR-Planwirtschaft, sondern auf dem Ideenreichtum der Mitarbeiter. Der Ingenieur Kurt Naumann konstruierte zum Beispiel für den Geräteträger RS 09 „Maulwurf“, einen selbstfahrenden hydraulischen Lader, der in mehr als 15 Länder, vornehmlich in die CSSR, nach Polen, Ungarn und Jugoslawien exportiert wurde. Er wurde in der Landwirtschaft, aber auch im Baugewerbe, in Industriebetrieben, im Meliorationsbau und auf Verladestützpunkten eingesetzt. Mehrere Auszeichnungen, so eine Goldmedaille auf der Internationalen Landmaschinenausstellung in Riga und ein Diplom auf der internationalen Baumaschinenausstellung in Moskau zeugten von der Qualität des Laders. Vielleicht wurde der VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ auch deswegen mit dem staatlichen Orden „Banner der Arbeit“ ausgezeichnet.
1963 schließt der Betrieb Verträge mit zahlreichen Ländern über die Lieferung des neu entwickelten vollhydraulischen Schwenkkrans „Empor“ T 157/2, den man 1965 auch stolz auf der Leipziger Messe präsentierte. Ziel aller Bemühungen war es für die Einführung neuer industrieller Produktionsmethoden in der kollektivierten Landwirtschaft die materiell-technischen Voraussetzungen in Gestalt ganzer Maschinenreihen und -system zu schaffen. Hier hatte man besonders die „industriemäßige Produktion von Kartoffeln und Zuckerrüben“ im Blick.
Doch der Alltag im „Roten Banner“ bestand nicht nur aus Arbeit. Im Februar 1969 begrüßte man hier ungewöhnliche Gäste. Ganz im Sinne der DDR-Kulturpolitik besuchten 24 Mitarbeiter und Schauspieler des Berliner Ensembles den Betrieb. Ganz im Sinne des Bitterfelder Wegs hatte der Dramatiker Helmut Baierl das Stück „Johanna von Döbeln“ geschrieben, das Szenen aus dem Betriebsleben des VEB „Rotes Banner“ zeigte. Der Autor hatte sich über einen längeren Zeitraum im Werk umgesehen und selbst mitgearbeitet. Namensgebend für den Bitterfelder Weg war eine am 24. April 1959 veranstaltete Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld, dem späteren VEB Chemiekombinat Bitterfeld. Durch eine neue sozialistische Kulturpolitik wollte man den Werktätigen einen aktiver Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen. Die Künstler sollten die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ überwinden, sollten in die Betriebe gehen und über das Leben der Arbeiterklasse und den Aufbau des Sozialismus schreiben.
Der Brecht-Epigone Baierl nahm das ernst und am 1. April 1969 fand die Uraufführung seines Stückes in Berlin statt. In dem Drama kämpft Johanna Deicke gegen die Selbstzufriedenheit sozialistischer Funktionäre. Sie nimmt das Parteigefasel vom „neuen Menschen“ ernst und wird damit zum Schrecken für den Gewerkschaftsvorsitzenden, den Parteisekretär und den Kaderleiter. Johanna, von niederen Botendiensten inzwischen zur Chefsekretärin aufgestiegen, bringt eine offensichtlich dunkle Werks-Geschichte ans Licht: den zehn Jahre zurückliegenden Hinauswurf des verdienter Arbeitsdirektors Paul Lobstett. Doch statt dem sozialistischen Establishment eine fällige Lehre zu erteilen, muss sich Johanna schließlich selbst belehren lassen: Lobstett, so erfährt die „Jungfrau von Döbeln“, hatte damals schlecht geplant, doch den Fehler längst eingesehen.
Trotz aller Werbemaßnahmen, das „Rote Banner“ hatte einen blauen Kran mit Greifer direkt vor dem „Berliner Ensemble“ platziert, floppte das Stück. Die Story war doch etwas dünn und durchsichtig politisch. In Döbeln war man sicher froh, dass wieder Ruhe in den Arbeitsalltag einkehrte und die Künstler aus der Hauptstadt waren bestimmt dankbar, dass sie der sächsischen Provinz wieder den Rücken kehren konnten.
Im Betrieb überlegte man seit längerem, wie man die Produktion weiter erhöhen könnte. Die Lader und Kräne waren gefragt, die Nachfrage konnte nicht gedeckt werden. Mit der Schließung der werkseigenen Gießerei erreicht man das Ziel. Die Gießerei war eine der ältesten Produktionsstätten des Betriebs und hatte ihren Ursprung in den „Gründerjahren“ des Unternehmens im ausgehenden 19. Jahrhundert. Fast 100 Jahre produzierten hier in harter körperlicher Arbeit Mitarbeiter den für die Herstellung der Landmaschinen notwendigen Grauguss. In den letzten Jahren hatte es die DDR geschafft, moderne leistungsfähige Gießereien aufzubauen, um kleinere Produzenten stilllegen zu können. So geschah es auch mit der Gießerei im VEB „Rotes Banner“. Hier konnte man sich nun auf das konzentrieren, was man wirklich gut konnte – die Fertigung und Montage von Landmaschinen. 1968 begann in einer neuen Produktionshalle die Baugruppenfertigung für den hydraulischen Schwenklader T 157/2; noch im selben Jahr verließ der 1000. Schwenklader die Montagelinie.
In den Jahren 1969/70 entstand auf dem Gelände des ehemaligen Kohlenhofs eine neue Montagehalle. Sogar ein Hubschrauber kam zum Einsatz. Er transportierte vormontierte Teile der Entstaubungsanlage auf das Dach des Produktionsgebäudes. Mit der neuen Fabrikhalle wuchs die Zahl der Mitarbeiter. 1970 beschäftigte der Betrieb rund 600 und wurde dem VEB Weimar – Kombinat Landmaschinen zugeordnet. In diesem Zusammenhang gelang auch eine deutliche Produktionssteigerung: Die Fertigung des Laders T 157/2 erhöhte sich von 1.670 auf 2.670 Stück. Innerbetrieblich bezeichnet man das Jahr 1970 als das „Jahr der 1000 Lader mehr“.
Ebenfalls 1970 erwarb man das Areal und das Gebäude der ehemaligen Fensterbaufirma Emil Putz in der Rößchengrundstraße 6, das bis 1972 zu einer Lehrwerkstatt ausgebaut wurde. Im selben Jahr nahm das Unternehmen eine neue Montagehalle mit einer Fläche von 2.000 Quadratmetern in Betrieb. Im April konnte dadurch der Mobildrehkran T 159 in Serie gehen.
Zeitgleich wurde der Betrieb mit einem Großprojekt beauftragt, das für den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem OST-Pendent zur Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), erste Priorität hatte. Der Betrieb sollte für den selbstfahrenden sechsreihigen Rübenrodelader KS 6 die Baugruppenproduktion der Querfördereinrichtung und der Kabine übernehmen. Das Gemeinschaftsprojekt mit der UdSSR (kraftfahrzeugtechnischer Teil) und Bulgarien (elektrotechnischer Teil) hatte erste Priorität. Zur Sicherung des Transports der Baugruppen ins sowjetische Ternopol, immerhin über 1000 Kilometer von Döbeln entfernt und heute in der westlichen Ukraine gelegen, wurde 1973 zwischen der Grundorganisation der FDJ des Betriebes und der Reichsbahndirektion Dresden die „Magistrale der Freundschaft“ gebildet. Im Zusammenhang mit der Baugruppenfertigung für den Rübenrodelader KS-6 investierte man 25 Millionen Mark in den Aufbau eines neuen Zuschnittes mit Walzmateriallager sowie in die Presserei und in eine Untergrundvorbehandlungsanlage. Durch das neue Profil entwickelte sich der VEB „Rotes Banner“ zu einem wichtigen Exportbetrieb, ca. 50% der Produktion gingen in die Sowjetunion.
Die Laderherstellung stellt man ein und verlagerte die Produktion nach Rumänien. Von Anfang der 1950er Jahre bis Anfang der 1970er Jahre hatte man von den verschiedenen Ladertypen in Döbeln immerhin 18 872 gebaut. Diese Leistung ist bemerkenswert und macht deutlich, dass die Mitarbeiter des „Roten Banner“ genauso innovativ und fleißig waren wie die Mitarbeiter der Landmaschinefabrik Franz Richter. Für ihre herausragende Arbeit bekamen verschiedene Brigaden des Betriebs einmal oder mehrfach den Ehrentitel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“. Daran wird deutlich, dass sich der ideologische Anspruch der DDR auch in der Produktion zeigen sollte. Auch hier sollten die Menschen im kommunistischen Sinne erzogen werden. So bezeichnete man kleine Arbeitsgruppen als Brigade und gab diesen Namen, die an verdienstvolle Kommunisten erinnern sollten oder anderweitig den ideologischen Prämissen der DDR folgten. Eine Jugendbrigade aus der Mechanischen Abteilung nannte man nach Philipp Müller. Der westdeutsche Arbeiter und Kommunist starb am 11. Mai 1952, als die Polizei in Essen auf Teilnehmer einer verbotenen Demonstration gegen die bundesdeutsche Wiederbewaffnung schoss. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dass ein Demonstrant durch die Polizei getötet wurde. Mit der Benennung der Jugendbrigade wollte man an das Schicksal von Philipp Müller erinnern und natürlich gleichzeitig die BRD als revanchistischen Polizeistaat geiseln, in dem Alt-Nazis das Sagen haben und friedliebende Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Eine andere Brigade, auch aus der Mechanischen Abteilung, trug den Namen „Ernst Thälmann“. Der Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde im August 1944, nach über elf Jahren Einzelhaft, auf direkten Befehl Adolf Hitlers im KZ Buchenwald erschossen. Mit Thälmann würdigte man eine Ikone der deutschen Kommunisten und verdeutlichte, dass die DDR sich seinem Erbe verpflichtet fühlt, dass man in einem konsequenten Antifaschismus sah. Dass man bei der Suche nach Vorkämpfern für die Sache der Unterdrückten auch bereit war, historische Anleihen aufzunehmen, zeigte der Name einer Brigade aus der Schweißerei, die nach Florian Geyer benannt wurde. Der fränkische Reichsritter (um 1490-1525) hatte im Bauernkrieg die Führung des „Schwarzen Haufens“ übernommen und sich so auf die Seite der unterdrückten Bauern gestellt. Aus Sicht der DDR ein vorbildliches Verhalten für einen „Feudalherren“, der eigentlich zur „ausbeutenden Klasse“ gehörte. Eine Brigade aus der Reparatur-Abteilung trug den Titel „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ und eine Montage-Brigade hieß „Lunik III“. So betonte man die enge Verbundenheit mit der UdSSR, vom Bruderstaat war mitunter die Rede, und stellte die Errungenschaften der sowjetischen Weltraumtechnik ins Schaufenster. Luna 3, in den Medien anfänglich auch als Lunik 3 bezeichnet, war die dritte erfolgreiche Mondsonde der Sowjetunion. Die wurde am 4. Oktober 1959 gestartet. Alle sollten erkennen: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“
Das gerade Beschriebene macht deutlich, dass die ideologische Beeinflussung der Werktätigen in DDR-Betrieben Alltag war. Sie erfolgte durch die SED-Präsenz und die Verknüpfung von Arbeit mit politischer Loyalität. Zentrale Elemente waren Parteiversammlungen, die Verpflichtung zu Planerfüllung im "sozialistischem Wettbewerb", Agitation durch Wandzeitungen, brigadespezifische Polit-Schulungen sowie die Kontrolle durch Betriebskampfgruppen und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Betriebsparteiorganisation (BPO) der SED war auch im VEB „Rotes Banner“ präsent, überwachte die Arbeitsmoral und führte regelmäßig Schulungen durch. Wandzeitungen und Betriebszeitungen verbreiteten SED-Parolen und informierten über Produktionsziele. Durch den FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) und die FDJ (Freie Deutsche Jugend) wurden Arbeiter und Jugendliche an den Staat gebunden. Die Stasi ("K-Gruppen" oder inoffizielle Mitarbeiter) kontrollierte Arbeitskollektive auf regimekritische Äußerungen oder "politisch-ideologische Diversion" (PID). All das gab es auch im VEB „Rotes Banner“ Döbeln und natürlich zeigt sich darin, dass die DDR eine Diktatur war, in der die Freiheit des Einzelnen wenig wert war.
Warum haben dennoch viele Döbelner und auch viele ehemalige Arbeiter des VEB „Rotes Banner“ gute Erinnerungen an diese Zeit. Sicher, weil es in ihrem Leben und in ihrem Arbeitsalltag auch noch andere Aspekte gab, die auch Erwähnung verdient haben.
(1) Montage der Kabinen für den KS-6 (1975) / (2) Montage der Querförderanlage zum KS-6 (1974)
Der VEB „Rotes Banner“ entwickelte sich zu einem der Döbelner Vorzeigebetriebe und war öffentlich präsent. Im Demonstrationszug am 1. Mai 1974 präsentierte man stolz den neuen Rübenrodelader vom Typ KS 6. In enger Kooperation mit der Stadt Döbeln kümmerte man sich auch um die Städtepartnerschaft mit dem französischen Givors. Das mag auf den ersten Blick verwundern, weil in der DDR-Partnerschaften mit Städten im „nichtsozialistischen Ausland“ eher unerwünscht waren. Wenn man allerdings weiß, dass in Givors eine starke Vertretung der „Parti communiste francais“ im Stadtrat saß, erklärt sich der Umstand. Der Kommunist Camille Vallin bekleidete das Amt des Bürgermeisters immerhin von 1953 bis 1993. Die Städtepartnerschaft war also sicher der Versuch, die Kommunisten in Frankreich zu unterstützen und die Bruderschaft im Geiste zu betonen. Wie auch immer. Im Juli 1974 besuchten 15 Kinder und ein Betreuerehepaar aus der französischen Partnerstadt Döbeln und machten hier einen Monat lang Urlaub. Gemeinsam mit den Werktätigen des VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ fuhren sie ins Betriebsferienlager Egsdorf am Teupitzsee. Diese Möglichkeit hatten die Kinder der Beschäftigten des Betriebes in jedem Jahr. Die Franzosen stauten sicher über das hohe Maß an Fürsorge, das die DDR Kindern zukommen ließ. Wären die Franzosen bis Weihnachten dageblieben, hätten sie an der Betriebsweihnachtsfeier für die ca. 250 Kinder der Mitarbeiter teilnehmen können. Jedes Kind erhielt einen Geschenkbeutel und einen Wertgutschein in Höhe von 10 Mark. Die Stimmung war gut, auch ein Marionettentheater hatte man organisiert. Immerhin 7000 Mark ließ sich der Betrieb das weihnachtliche Spektakel kosten. Nicht nur um die Kinder der Mitarbeiter kümmerte sich man sich. Anfang der 1970er Jahre wurden im Rahmen des Wohnungsbauprogramms der DDR auch in Döbeln an ca. 250 Werktätige des Betriebes eine Neubau- oder eine modernisierte Wohnung übergeben. Mit finanzieller und materieller Unterstützung des Betriebes konnten darüber hinaus 30 Eigenheime errichtet werden. Das Betriebsferienlager Egsdorf baute man bis in die 1980er Jahre zu einem Erholungszentrum des Betriebs aus. Für die Mitarbeiter und ihre Familien standen 12 Bungalows mit je vier Betten zur Verfügung. Für die Kinderferienaktion wurden jährlich zwei Belegungen durchgeführt, die insgesamt 96 Kindern frohe Ferientage boten. Sowohl für Erwachsene als auch Kinder wurde ein freundschaftlicher Urlauberaustausch mit dem Patenbetrieb in Vyškov in Südmähren (CSSR) und der Volksrepublik Polen organisiert.
Es sind gerade diese Details des Alltags, die heute manchen wehmütig auch an die guten Seiten der DDR zurückdenken lassen. Diese Erinnerungen sollte man sich bewahren, sie aber auch in eine Gesamtbewertung einbetten. Letztlich muss man sich vor Augen führen, dass die in der DDR postulierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ nicht funktioniert hat. Die Wirtschaft konnte nicht annähernd die sozialen Wohltaten des Staates finanzieren. Der Staatsbankrott der DDR fand nicht statt, weil die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung ihm zuvorkamen.
Unabhängig von dieser düsteren Perspektive hatte der VEB „Rotes Banner“ in den 1970er Jahren einen guten Ruf, errang immer wieder Titel und Auszeichnungen (siehe Exkurs). Im Februar 1974 erhielten die Werktätigen eine gemeinsame Wanderfahne des Ministerrates der DDR und des FDGB-Bundesvorstandes. Der stellvertretende Minister für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau Horst Scholtz würdigte den Betrieb als einen der verlässlichsten im Landmaschinenbau der DDR. Aber es gab nicht nur Fähnchen und Ehrenwimpel. Man investierte auch in Döbeln. 1975 errichtete man eine neue Zuschnitt- und Materiallagerhalle mit einer Fläche von 6.000 Quadratmetern. Gleichzeitig wurden Betriebe in Großschirma, Großvoigtsberg, Frankenberg, Reichenbach und Neuensalz angegliedert, sodass im Firmenverbund rund 1.000 Personen beschäftigt waren. 1976 kam ein weiterer Betriebsteil in Nauenhof hinzu.
1961
Orden "Banner der Arbeit"
1974 1. Halbjahr
1. Auszeichnung mit "Gemeinsamer Wanderfahne des Ministerrates und des Bundesvorstandes des FDGB"
1975
2. Auszeichnung mit "Gemeinsamer Wanderfahne des Ministerrates und des Bundesvorstandes des FDGB"2. Halbjahr
1977 1. Halbjahr
3. Auszeichnung mit "Gemeinsamer Wanderfahne des Ministerrates und des Bundesvorstandes des FDGB"
1977 Juli
"Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1978 1. Halbjahr
4. Auszeichnung mit "Gemeinsamer Wanderfahne des Ministerrates und des Bundesvorstandes des FDGB"
1978
1. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1979
2. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1980
3. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1981
4. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1982
Diplom für 5 Jahre erfolgreiche Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1983
6. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1984
1984 1. Halbjahr
Auszeichnung mit "Gemeinsamer Wanderfahne des Ministerrates und des Bundesvorstandes des FDGB"
1985
8. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
1986
9. Verteidigung des Titels "Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit"
Am 20. Oktober 1977 verließ der 10 000. Querförderer samt Kabine die Montagehalle, am 8. Mai 1979 waren es schon 20 000. Durch eine kooperative Fertigung des selbstfahrenden Rübenrodeladers KS 6 zusammen mit der UdSSR und der VR Bulgarien wollte man den Zusammenhalt der sozialistischen Länder stärken und Kosten sparen. Das war auch das Ziel bei einer erneuten Umstrukturierung des Landmaschinenbaus in der DDR. Nach der Auflösung des Weimar-Kombinats im Jahr 1979 wurde das „Rote Banner“ dem Kombinat Fortschritt Landmaschinen unterstellt; die Baugruppenproduktion für den Rübenrodelader unterstand fortan dem Bodenbearbeitungsgerätewerk Leipzig.
In den 1980er Jahren baute der Betrieb das Produktionsprogramm Fahrerkabinen systematisch aus und entwickelte ein Kabinen-Baukastensystem für die Erzeugnisse des Kombinats Fortschritt. 1981 begann die Produktion des Saatbettbereitungsgeräts B 601 und der Folgegeräte B 602 und B 603, das eine kombinierte Bodenbearbeitung und Saatbettbereitung sicherstellte. Bei der Herstellung der Baugruppen für den selbstfahrenden Rübenrodelader KS-6 hatte man mittlerweile Routine. 1982 lief die 30.000. vom Band.
li.: Die Saatbettbereitungsgeräte B 601, B 602 und B 603 verbesserten die Bodenfruchtbarkeit / re.: Die Kabinen der neuen Traktoren Fortschritt ZT 320/223 wurden in Döbeln gefertigt.
1983 startete die Fertigung von Fahrerkabinen für die Traktorbaureihen ZT 320 /323. Ziel war eine Umprofilierung des Betriebs, der zukünftig zentraler Kabinenproduzent für alle Landmaschinen und Traktoren des Fortschritt-Kombinats sein sollte.
1985 wurde der Betrieb unter dem Namen VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ Döbeln mit dem VEB Dämpferbau Lommatzsch zusammengeschlossen. Noch immer waren die Baugruppen Querförderer und Kabine für den KS-6 das Kerngeschäft.1987 erreichte man die Jubiläumszahl von 50.000. Doch Devisenmangel, die Abschottung vom Weltmarkt und die DDR-Mangelwirtschaft machten dem Betrieb auch oft das Leben schwer. Anspruch und Wirklichkeit klafften oft weit auseinander. Aufgrund des Einsatzes qualitätsgeminderter Braunkohle musste zum Beispiel ein 60 Meter hoher Schornstein errichtet werden, damit der Qualm nicht allzu sehr das Lebensumfeld der Menschen verpestet. Der „real existierende Sozialismus“ ließ grüßen. Dennoch wurde im Mai 1987 im „Klub der Werktätigen“ (heute Staupitzbad) anlässlich des Jubiläums „40 Jahre Rotes Banner Döbeln“ eine Festveranstaltung durchgeführt. In diesem Zusammenhang erschien auch eine Festschrift zur Geschichte des Betriebes.
Im Jahr 1989, kurz vor der Wende, beschäftigte das Unternehmen rund 1.200 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von etwa 175 Millionen Mark. In Döbeln stellten 650 Beschäftigte Baugruppen für den Rübenrodelader und die Stallarbeitsmaschine sowie Fahrerkabinen her. Wo immer möglich versuchte man durch technologischen Fortschritt die Produktion zu steigern. So setzte man auf den Einsatz von 20 integrierten Systemen aus Hard- und Software zur digitalen Konstruktion (CAD) und computergestützten Fertigung (CAM). Auch 60 Industrieroboter waren im Einsatz. 90% dieser waren prozessflexibel einsetzbar und wurden mit 16 Stunden pro Kalendertag ausgelastet. In Lommatzsch produzierten 460 Mitarbeiter Dämpftechnik, Kartoffelaufbereitungsmaschinen und Gurtbandförderer. In den Betriebsteilen Neuensalz und Nauenhof wurden Dünger- und Straßensalzstreuer gefertigt.
Am 15. Juli 1989 stellte man in Umsetzung eines Regierungsabkommens 30 Angolaner im Betrieb ein. Sie wohnten in einer Container-Arbeiterunterkunft, die auf dem Parkplatz der Roßweiner Straße montiert wurde. Durch die Wende und den Niedergang der DDR-Industrie fand ihr Einsatz schnell ein Ende. Schon am 30. Juni 1990 wurden sie mit einem Sonderflug nach Mosambik zurückgeführt.
Kurz vor der Öffnung der Mauer begann im September 1989 die Serienproduktion des Hoftraktors HAT 140, von dem noch im selben Jahr 365 gefertigt werden. Die Baugruppenfertigung für den KS 6 lief aus. Die Kooperation unter den sozialistischen Bruderländern gehörte der Vergangenheit an.
Auf Grundlage des Treuhandgesetzes der DDR (§ 15) erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine GmbH. Ein Unternehmer-Berater-Team aus Westfalen wurde beauftragt, erste Maßnahmen zum Start in die Marktwirtschaft auszuarbeiten. Es kam zu ersten Entlassungen. Am 1. Juli 1990 wurde eine DM-Eröffnungsbilanz für die Landmaschinen GmbH i.G. erstellt. Der Betrieb war der Treuhandanstalt Berlin unterstellt. Durch die Währungsumstellung brachen fast alle Kunden weg.
Die neueren Gebäude und Fertigungshallen des ehemaligen VEB Rotes Banner werden aktuell von der MSK Matec GmbH genutzt. Viele ältere Werkhallen und das ehemalige Sozialgebäude sind dem Verfall preisgegeben. Partiell gelang es, eine neue Nutzung zu etablieren. So ist zum Beispiel das Fitnessstudio Binder hier untergekommen. 2025 eröffnete der Döbelner Treibhaus e.V. sein KreativWerk. Der ca. 200 m⊃2; großer Maker-Space versteht sich als offene Werkstatt, bietet einen Seminarraum, eine Koch-, Holz- und Kreativwerkstatt für gemeinsames Handwerken, Lernen und interkulturelle Begegnung. Perspektivisch plant der Verein die Eröffnung einer Skatehalle.
Matec GmbH
Am 12. Juni 1991 ging aus dem VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ Döbeln die Matec GmbH hervor. Es kam zu weiteren Entlassungen. Das Unternehmen befand sich in Kurzarbeit. Man entschied, den Kabinen- und Stahlbau fortzuführen und investierte in eine Datenverarbeitungsanlage TARGON 31 M 45 der Firma Siemens-Nixdorf, in CNC-gesteuerte Maschinen und in eine Kataphorese-Tauchlackierungsanlage.
Die Matec GmbH entwickelte sich zu einem der führenden europäischen Kabinenhersteller. Die Überarbeitung des Fertigungslayouts und weitere Großinvestitionen sichern eine jährliche Umsatzsteigerung. Die Teilnahme an internationalen Messen brachten neue Kontakte und Kunden. Mit 94 Mitarbeitern baute man Fahrerhäuser, Fahrer- und Oberwagenkabinen und Bauteile für den Sonderfahrzeugbau.
Seit 2002 war die Matec GmbH eine Zweigniederlassung der Salzgitter Maschinenbau AG (SMAG) und hatte keine eigene Bilanz mehr.
Im Jahr 2007 beschäftigte der Betrieb 174 Mitarbeiter und warb damit, Europas größter Hersteller von Aluminiumkabinen zu sein. Diese fanden Verwendung auf Mobilkranen von Grove und Liebherr, auf Baggern von Atlas und Komatsu sowie auf Radladern von Hanomag und wurden steckerfertig ausgeliefert.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 führte zu einem drastischen Umsatzrückgang. Es kam zu Entlassungen und Kurzarbeit. Als Folge wurden Restrukturierungsmaßnahmen, wie die Auslagerung bestimmter Fertigungsprozesse, beschlossen. Auch aus diesem Grund kam 2013 eine Tochtergesellschaft in der Slowakei dazu.
MSK Matec, 2023
2017 erreichte Matec in Döbeln einen Umsatz von rund 42 Millionen Euro, belieferte 20 Kunden mit 40 verschiedenen Serien von Fahrerhäusern und Kabinen. Insgesamt verließen jährlich 3000 Kabinen das Werk in Richtung der Fahrzeughersteller in ganz Europa. Dazu gehörten zum Beispiel Manitowoc, Liebherr, Volvo, JCB oder Komatsu. Das Werk in der Slowakei erwirtschaftete acht Millionen Euro Jahresumsatz mit drei Kunden und etwa 2000 Kabinen im Jahr. 55 Mitarbeiter fertigten dort vor allem größere Serien ab 500 Stück.
Im Jahr 2018 übernahm schließlich die finnische MSK Group die Matec GmbH mit den Werken in Döbeln und im slowakischen Lipany. Das 1950 gegründete Familienunternehmen mit einem Umsatz von 100 Millionen Euro und 450 Mitarbeitern (Stand 2018) möchte mit der Übernahme Europas führender Hersteller von Sicherheitskabinen werden.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Kombinat Fortschritt Landmaschinen VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ Döbeln (Hg.): 40 Jahre Landmaschinebau „Rotes Banner“ Döbeln. Karl-Marx-Stadt 1987
Matec GmbH (Hg.): 1861 bis 2011 – 150 Jahre Industriestandort Döbeln. 2011
Jaeckel, Helga, Herrmann, Klaus: Von der Landmaschinenfabrik Franz Richter, Döbeln, über den VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ zum Kabinenhersteller Matec. URL: http://das-goedel-buch.de/assets/applets/Franz_Richter_Dobeln.pdf (01.08.2023)
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Bildnachweis:
Zuschnitthalle - Kombinat Fortschritt Landmaschinen VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ Döbeln (Hg.): 40 Jahre Landmaschinebau „Rotes Banner“ Döbeln. Karl-Marx-Stadt 1987
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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