Vom Notbehelf zum Exportschlager: Das bewegte Schicksal des VEB Rohtabak Döbeln
Die „zweite Währung“: Pioniergeist aus der Tabaknot
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Tabak Mangelware, und Zigaretten galten als „zweite Währung“. Not machte erfinderisch. Wenn man keine „harte Währung“ besitzt, um Tabak auf dem Weltmarkt kaufen zu können, muss man ihn eben selbst in Döbeln und Umgebung anbauen. Dabei knüpfte man an eine lange Tradition an: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war Döbeln ein Zentrum der Tabakverarbeitung, doch mit der Gründung des VEB Rohtabak erreichte diese Geschichte eine neue, industrielle Dimension.
Am 17. Januar 1946 beschloss die Landesverwaltung Sachsen die Gründung der „Tabakanbau- und Tabakverwertungs-Gesellschaft m.b.H.“ mit Sitz in Döbeln. Dies markierte die Geburtsstunde des VEB Rohtabak. Noch im selben Jahr wurde der Plan umgesetzt. Das Unternehmen leistete Pionierarbeit bei der Untersuchung von Klima und Boden für den geplanten Tabakanbau. Ein kleiner Ratgeber wurde publiziert, der Tipps für den Anbau gab.
Präzision bis ins Detail: Die Kunst der Rohtabakveredelung
Um Rohtabak zu erzeugen, sind mehrere sorgfältig aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte notwendig. Zunächst erfolgt die Aussaat der Tabaksamen in speziellen Anzuchtbeeten oder Gewächshäusern, da die Pflanzen sehr empfindlich sind. Nach einigen Wochen werden die Jungpflanzen auf vorbereitete Felder umgesetzt, wo sie ausreichend Platz und Nährstoffe erhalten.
Während der Wachstumsphase ist eine intensive Pflege erforderlich. Dazu gehören regelmäßiges Bewässern, Düngen sowie das Entfernen von Unkraut und Schädlingen. Häufig werden auch die Blütenstände entfernt („Köpfen“), damit die Pflanze ihre Energie in die Blattentwicklung steckt.
Sobald die Blätter reif sind, beginnt die Ernte. Diese erfolgt je nach Sorte und Anbauweise entweder schrittweise von Hand oder durch das Abschneiden der gesamten Pflanze. Anschließend werden die Blätter zum Trocknen aufgehängt oder ausgelegt. Dieser Trocknungsprozess, auch „Curing“ genannt, ist entscheidend für die Qualität des Rohtabaks und kann mehrere Wochen dauern.
1948 beschäftigte die Tabakanbau- und Tabakverwertungs-GmbH Westsachsen in Produktionsgebäuden der ehemaligen Landmaschinenfabrik Franz Richter 180 Personen. Die Firma lieferte Pflanzen, Dünger und Zubehör, beriet Tabaklieferanten und stellte fermentierten Tabak her. Fermentierter Tabak ist getrockneter Tabak, der durch einen kontrollierten, wochen- bis monatelangen biochemischen Prozess veredelt wird. Enzyme und Mikroorganismen bauen Bitterstoffe, Ammoniak und Nikotin ab, während sich feine Aromen, eine dunklere Farbe und ein weicherer Geschmack entwickelten. Besonders für Zigarren ist dies ein essenzieller Qualitätsschritt. Dieser technologische Aufwand zahlte sich aus: Was als Notlösung begann, entwickelte sich zu einem komplexen System, das weit über die Fabrikmauern hinaus die gesamte Region mobilisierte.
Auch bei der Rohtabak-Einkaufs- und Fermentierungs-Gesellschaft m.b.H. ging alles seinen bürokratischen Gang. Es gab Formulare für den Ankauf der Tabakpflanzen und eine Kleinstpflanzertabak-Abrechnung. Für den Tabak konnte man Zigaretten als Umtauschware oder Naturalleistung erhalten. Eingetütet wurde alles in vorgedruckte Umschläge der Tabakanbau- und Tabakverwertungsgesellschaft m.b.H., die ihren Sitz in der Waldheimer Straße 1 hatte.
Zwischen Bahndamm und Feldrain: Hobbygärtner werden zu Tabakanbauern
In und um Döbeln gab es bald zahlreiche Tabaklieferanten. Mitunter nutzte man kleinste Flächen in Gärten, an Bahndämmen und Feldrainen. 1947 wurden 212 Tonnen Tabak erfasst. 1949 produzierte man bereits 581 Tonnen. Danach gelang es, den Anbau zu konzentrieren, die Zahl der Anbauer zu verringern und langfristige Lieferverträge abzuschließen. Der Betrieb firmierte mittlerweile unter VEB Rohtabak Döbeln. Die vielen hier arbeitenden Frauen engagierten sich überdurchschnittlich und führten den Betrieb auf die Erfolgsspur. 1965 gewann der VEB Rohtabak Döbeln einen Wettbewerb innerhalb der Tabak-Industriegruppe der DDR.
li.: Technischer Fortschritt im Tabakanbau: Vorstellung der ersten elektrischen Tabakfädelmaschine der Genossenschaft, Anfang der 1950er-Jahre* / re.: Historischer Festwagen beim Döbelner Heimatfest 1954: Der Umzug erinnert an die Einführung des Tabaks durch schwedische Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges.*
Mittlerweile zum Tabakkontor Dresden gehörend, feierte der VEB Rohtabak Döbeln 1976 sein 30-jähriges Bestehen. Betriebsleiter Horst Richter, selbst von Anfang an dabei, macht in seiner Festrede am 16. September 1976 auf beachtliche Erfolge aufmerksam. Der Durchschnittslohn eines Produktionsarbeiters habe sich von 162 Mark im Jahr 1946 auf 610 Mark im Jahr 1976 verbessert. Seinen Ausführungen nach sei die durchschnittliche Bearbeitungsmenge pro Arbeiter von einer Tonne im Gründungsjahr auf nunmehr 11,5 Tonnen gestiegen – ermöglicht durch moderne Verfahren, Maschinen und die gewachsene Qualifikation der Belegschaft. Zudem sei die Gesamtproduktion von 212 Tonnen im Jahr 1947 binnen drei Jahrzehnten auf 2.000 Tonnen angewachsen. Zu diesem Erfolg habe auch beigetragen, dass die Zahl der Trocknungseinrichtungen von ursprünglich 49 auf 151 gesteigert worden sei.
Die Anbaugebiete reichten im 30. Gründungsjahr von Niesky bis Bad Salzungen und von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) bis Eilenburg, Torgau und Cottbus. In jeder Region gab es sogenannte Tabakanbauberater mit Spezialkenntnissen. In der Döbelner Region gab es ob der Nähe zum Betrieb größere Tabakfelder. Für diese entwickelten findige Konstrukteure Maschinen Marke Eigenbau, die die Ernte erleichtern sollten.
Export-Schlager und elektronische Datenerfassung: Die Blütezeit des VEB Rohtabak
Die große Zahl an Anbauern, die das VEB Tabakkontor belieferten, war sowohl Segen als auch eine enorme Herausforderung für die Buchhaltung. In der gesamten DDR gab es 13.000 Anbauer, die individuell Mengen abgaben und individuell bezahlt wurden. Am 22. November 1977 nahm der stellvertretende Generaldirektor der VVB Tabakindustrie, Gisbert Böhme, per Knopfdruck in Döbeln eine elektronische Datenfernübertragungsanlage für den gesamten Tabakankauf in der DDR in Betrieb.
1979 produzierte der Döbelner Betrieb mit 850 Anbauern fermentierten Rohtabak und führte 1,9 Mio. Mark Gewinn an den Staatshaushalt ab. 70 % des Rohtabaks gingen in den Export, sogar in die USA. Dass selbst die USA in Döbeln einkauften, unterstreicht die damalige Bedeutung des Betriebs. Dennoch blieb dieser Erfolg ein Kind seiner Zeit: In der abgeschotteten Wirtschaft des Ostblocks und unter dem Druck des Devisenmangels galt der Döbelner Tabak als unverzichtbares Gut, auch wenn er im direkten Vergleich mit Übersee-Sorten einen schweren Stand hatte. Jahr für Jahr steigerte man die Produktion. Mit dem politischen Umbruch 1989 änderte sich jedoch der Blickwinkel radikal. Was Jahrzehnte als geniale Eigenleistung gefeiert wurde, musste sich nun plötzlich dem gnadenlosen Weltmarkt stellen.
Technik-Einsatz auf dem Tabakfeld: Feldaufnahmen aus der Region Döbeln um 1980. Zu sehen ist vermutlich eine Vorführung oder Erprobung neuer Erntehilfen, bei der Funktionäre und Arbeiter den Einsatz von motorisierten Pflück- und Transportplattformen begutachten. (Fotos: Sammlung Sven Ettrich)
Einblicke in den VEB Rohtabak Döbeln (1980er-Jahre): Die Aufnahmen dokumentieren die Weiterverarbeitung des Tabaks im Werk – von der manuellen Qualitätskontrolle und Sortierung der getrockneten Tabakblätter am Fließband (links) bis hin zur Einlagerung der gepressten Tabakballen im Lagerbereich (rechts).
Schnell wurde klar, dass der Tabakanbau in der DDR kein landwirtschaftlicher Geniestreich, sondern ein verzweifelter Versuch war, Devisen zu sparen, die man sonst für Importtabak aus tropischen oder subtropischen Gebieten hätte ausgeben müssen. Die Tabakpflanze benötigte Wärme und Sonne, nur so kann das Aroma in den Blättern reifen. In Deutschland angebauter Tabak erreicht nicht die geschmackliche Intensität und Vielfalt wie Tabak aus Kuba, Brasilien oder der Dominikanischen Republik.
Das Ende des „sächsischen Havannas“: Abschied nach 145 Jahren
Am 14. Juli 1990 endete die Geschichte des VEB Rohtabak Döbeln mit der Schließung des Betriebs. Die Produktionsanlagen wurden demontiert. Der Betrieb sollte nun ein Großhandelsunternehmen für Nahrungs- und Genussmittel (HAGETA GmbH) werden. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, einige von ihnen seit der Gründung 1946 dabei, wurden arbeitslos.
Mit der Umrüstung des VEB Zigarrenfabrik Döbeln zur Süßwarenfabrik hatte man die Zigarrenproduktion in Döbeln nach 136 Jahren beendet. Mit der Schließung des VEB Rohtabak verabschiedet sich Döbeln endgültig vom Tabak. 145 Jahre hatten Zigarren- und Tabakherstellung den Döbelnern Arbeit und Wohlstand gebracht. Alles hatte 1845 auf dem Oberwerder begonnen, als Emil Drechsel aus Bayern die erste kleine Zigarrenfabrik eröffnete. Eine lange, die Stadt prägende Geschichte fand 1990 in der Industriestraße ihr Ende, als der VEB Rohtabak seine Pforten schloss.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert
Fotos Belegschaft Tabakanbau GmbH und Rohtabak – Stadtarchiv Döbeln
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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