Sie sind hier: Startseite » Alte Ansichten

Anfänge der Döbelner Zigarrenindustrie

Döbeln und die Zigarre verbindet eine 136-jährige Geschichte - Jubiläumsedition der Zigarrenmarkt "Jagdkammer Cabinet" zur 1000-Jahr-Feier 1981 - © Stadtmuseum Döbeln

Am 1. April 1845 gründeten Emil Drechsel aus Bayern und sein Schwager Heink die erste Zigarrenfabrik Döbelns – Drechsel & Co. Der Firmengründer war vorher Vertreter für die Rochlitzer Zigarrenfabrik von Steinbach gewesen. Er brachte einige Leipziger Zigarrenmacher und den Rochlitzer Zigarrenmeister Lohse mit nach Döbeln und gründete seine Zigarrenfabrik auf dem Oberwerder im Waidhaus der Tuchmacher-Innung. Später zog er in ein Haus an der Oberbrücke, um die Produktion ausweiten zu können.

Seine Produktionsräume auf dem Oberwerder übernahm Eduard Kießling aus Bremen, der später mit seiner Zigarrenfabrik ebenfalls in die Ritterstraße umzog. Auf dem Oberwerder folgte ihm Leutners Zigarrenfabrik, die später an die Leipziger Straße verlegt wurde. Nächster Mieter auf dem Oberwerder wurde Carl Junghansauch mit einer Zigarrenfabrik. Es wird ein Muster deutlich: Wenn ein Zigarrenproduzent wirtschaftlich erfolgreich war und sich einen neuen, größeren Standort suchte, blieben die verlassenen Räumlichkeiten nicht lange verwaist, sondern wurden von kleinen, gerade gegründeten Firmen übernommen, die ihr Glück ebenfalls mit der Zigarrenproduktion versuchen wollten

Auf dem Oberwerder begann 1845 die Geschichte Döbelns als Stadt der Zigarrenherstellung.

So wurde Döbeln in den 1850er- und 1860er-Jahren zu einem Zentrum der Zigarrenproduktion. Schon bald beschäftigte die Branche 1200 Personen, die in 32 größeren und kleineren Fabriken arbeiteten. Anfangs gestaltete es sich schwierig, Arbeitskräfte zu finden, doch das kriselnde Tuchmachereigeschäft half. Arbeitslos gewordene Tuchmacher und Leineweber merkten bald, dass die Arbeit in den Zigarrenfabriken leichter war und besser bezahlt wurde. Sie waren meist gut für die Zigarrenproduktion geeignet, weil man in beiden Branchen eine gewisse Fingerfertigkeit mitbringen musste, um Qualität abliefern zu können.

Die manuelle Herstellung einer Zigarre ist ein traditionelles Handwerk, das Präzision und Fachwissen erfordert und von Zigarrenrollern ausgeführt wird. Der Prozess gliedert sich in mehrere sorgfältige Schritte:

Zunächst werden die getrockneten und fermentierten Tabakblätter leicht befeuchtet, um sie geschmeidig zu machen. Die Blätter werden je nach Funktion - Einlage, Umblatt und Deckblatt - sortiert und von ihren Mittelrippen befreit. Als Werkzeuge dienen ein spezielles Holzbrett, ein halbmondförmiges Messer und pflanzlicher Leim.
Der Zigarrenmacher wählt verschiedene Tabaksorten für die Einlage aus, um den gewünschten Geschmack, die Stärke und das Abbrennverhalten zu erzielen. Diese Blätter werden kunstvoll von Hand gefaltet oder gerollt, um eine lockere Struktur mit Luftkanälen zu schaffen.
Die zusammengestellte Einlage wird anschließend fest in das robustere Umblatt eingewickelt. Dieser Wickel, die sogenannte "Puppe", erhält dadurch seine Grundform und Stabilität.
Oft wird die "Puppe" kurzzeitig in eine hölzerne Pressform gelegt. Dies sorgt für eine gleichmäßige Dichte und eine konsistente, gerade Form der Zigarre.
Dies ist der anspruchsvollste Schritt. Das makellose Deckblatt wird schräg auf das Holzbrett gelegt und die "Puppe" sorgfältig und straff darin eingewickelt. Das halbmondförmige Messer wird verwendet, um das Blatt exakt zuzuschneiden.
Am oberen Ende der Zigarre wird das Deckblatt mit einer speziellen Technik und einem Tropfen Pflanzenleim zu einer sauberen, geschlossenen Kappe fixiert, die das Öffnen der Zigarre verhindert.
Überschüssige Enden an Kopf und Fuß der Zigarre werden mit dem Messer auf die gewünschte Länge abgeschnitten.
Die fertigen, noch feuchten Zigarren werden getrocknet und müssen anschließend in einer Holzkiste (Humidor) bei kontrollierter Luftfeuchtigkeit (etwa 65 %) ruhen, um ihre Aromen zu entwickeln und ihre Qualität zu stabilisieren.

Arbeitsplatz manuelle Zigarrenherstellung (Stadtmuseum Döbeln)*

Auswahl der Firmen, die um 1850 in Döbeln Zigarren herstellten:

Fa. Drechsel & Co.
Fa Eduard Kießling
Fa. Leutner
Fa. Carl Junghans
Fa. Schmidt und Meyer (später Otto Schmidts Nachf.)
Fa. Robisch & Sturm (später zwei Fabriken Louis Sturm und Friedrich Robisch)
Fa. Louis Otto
Fa. Ernst Stockmann
Fa. Bracke & Worm
Fa. Duderstädt & Co.
Fa. Julius Rost
Fa. Schleich & Lorenz,
Fa. Stephan & Hentschel
Fa. Petzoldt & Troll
Fa. Wirth & Stein
Fa. Julius Loose
Fa. Karl Becker
Fa. Moritz & Clouth
Fa. Reimer & Deich

Verarbeitet wurde billiger Pfälzer Tabak, aber auch überseeische Tabaksorten (z. B. aus Mexiko, Sedleav, Carmen, Havanna, Esmeraldo, Domingo, Maryland, Centucky, Floriada, Cuba, Yara und Brasilien), ab den 1860er-Jahren auch Tabak aus Java und Sumatra.

Einige Firmen spezialisierten sich. Die Firmen Theodor Ehrlich und Richard Clouth Nachf. produzierten Rauchtabak, der z. B. für Tabakpfeifen verwendet werden konnte. Richard Clouth, Gründer des gleichnamigen Unternehmens und ursprünglich Rohtabakreisender, erzielte anfangs gute Erfolge. Später ging der Umsatz zurück, weil die Kunden fertige Zigarren oder Zigaretten bevorzugten. Die Firma Gustav Teichmann stellte in der Döbelner Weststraße 4 Kautabak her. Ihr Gründer, ein geborener Döbelner, hatte einige Jahre in Nordhausen, einem Zentrum der Kautabakproduktion, gearbeitet und versuchte, diese in Döbeln einzuführen. Der Erfolg war jedoch überschaubar.

Absatz fanden vor allem die Döbelner Zigarren. Sie verkaufte man hauptsächlich in Sachsen und in den norddeutschen Staaten, ein Teil wurde auch nach Böhmen ausgeführt.

Kautabaktopf der Fa. C. A. Teichmann, um 1890 Firma Gustav Teichmanns in der Döbelner Weststraße 4.

Spurensuche: Auf dem Döbelner Niederfriedhof

Auf dem Friedhof finden sich noch heute die Gräber bekannter Döbelner Zigarrenfabrikanten. Der Wohlstand der Unternehmer sollte sich auch in der Gestaltung der Grabstellen zeigen.

Foto 1/2: Zigarrenfabrikant Julius Loose
Grab der Familie Loose - Eine kunstvoll gestaltete Skulptur als Blickfang hat nicht jede Familie zu bieten. Stolz wird auf den Stand des Patriarchen Julius Loose hingewiesen: Zigarrenfabrikant.
Foto 3/4: Zigarrenfabrikant Louis Sturm
Grab von Carl Louis und Clementine Sturm - Carl Louis Sturm hat 1873 seine Zigarrenfabrik gegründet und ist von 1878 bis 1895 Stadtrat. Die Stadtverordneten nehmen am 15.11.1898 seine Spende in Höhe von 6000 Mark für das Bürgerhospital entgegen.
Foto 5/6: Zigarrenfabrikant Otto Schmidt
Grab von Otto Schmidt - Skulpturen auf einem Grab sind ein greifbares Zeichen für die Angehörigen und überdauern mit ihrer versinnbildlichten Botschaft die Zeit. Die Frauen-Skulptur auf dem Grab von Otto Schmidt gehört zu den schönsten Plastiken des Friedhofs.
Foto 7/8: Zigarrenfabrikant Carl Friedrich Lorenz
Grab von Carl Friedrich Lorenz - Lorenz wird 1841 in Weißenfels geboren und 1914 auf dem Niederfriedhof beigesetzt. Viele Jahre ist er Stadtrat in Döbeln. Unter anderem deshalb wird ihm 1906 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Er hinterläßt in Döbeln Spuren, beauftragt zum Beispiel den Bau der prächtigen Villa, in der heute in der Straße des Friedens die Musikschule untergebracht ist.

Spurensuche: Was ist aus den Zigarrenfabriken von einst geworden?

Zigarrenfabrik steht in den Werbeanzeigen. Das klingt nach einer großen Produktionsstätte. Die Döbelner Zigarrenfabriken waren meist eher „Fabrikchen“ und befanden sich in normalen Stadthäusern oder als zweigeschossige Zweckbauten im Hinterhof. Viele Mitarbeiter waren in Heimarbeit beschäftigt. Unternehmen wir einen kleinen Spaziergang zu den noch erhaltenen Gebäuden von Zigarrenfabriken, die im Adressbuch der Stadt im Jahr 1914 ausgewiesen werden:

  • Richard Clouth Nachf. (Inh.: Max Franke), Schillerstr. 20

  • Julius Barthel, Dresdner Platz 19

  • Richter & Weichelt (Inh.: Emil Richter), Uferstr. 3

  • Otto Schmidt Nachf. (Inh.: Emil lllgen), Königstr. 3 (heute Straße des Friedens 3)

  • Werbekarte der Zigarrenfirma Otto Schmidt Nachf., 1914

  • Hugo Haschke (Filiale des Leipziger Hauptgeschäfts), Uferstr. 5

  • Ernst Stockmann (Inh.: Emil Stockmann), Ritterstr. 16

  • Otto Deich (Inh.: Johannes Deich), Staupitzstr. 19

  • Werbeanzeige Zigarrenfabrik Otto Deich, Staupitzstr. 19, 1910

  • Richard Bernstein, Staupitzstr. 26

  • Hermann Thieme (Inh. Hermann & Richard Thieme), An der Schießwiese 2 (heute Am Steigerhaus)

  • Hermann Schubert, Burgstr.12 (Vorderansicht)

  • Hermann Schubert, Burgstr.12 (Produktionsgebäude im Hinterhof)

  • Otto Schreiber, Burgstr. 25 (ehemals ein Produktionsgebäude der Fa. H.W. Schmidt)

  • Gustav Teichmann, Weststr. 4 (Vorderansicht)

  • Gustav Teichmann, Weststr. 4 (Produktionsgebäude im Hinterhof)

  • Ernst Oehring Nachf. (Inh.: Ernst Harrendorf), Bahnhofstr. 55

  • Ernst Oehring Nachf. (Inh.: Ernst Harrendorf), Bahnhofstr. 55 (Produktionsgebäude im Hinterhof)

  • Theodor Ehrlich, Bahnhofstr. 10

  • Hermann Reimer (Inh.: Georg Reimer), Am Viadukt 1 und 2

  • Paul Münch, Körnerplatz 6

  • Carl Friedrich Ulbricht, Kasernenstr. 2 (heute Kunzemannstraße)

  • Richard Strohmenger, Fronstr. 9

  • Louis Sturm (Inh.: Georg Sturm), Roßweiner Str. 23 (historische Postkarte)

  • Louis Sturm (Inh.: Georg Sturm), Roßweiner Str. 23 (Ansicht aus ähnlicher Perspektive 2026)

  • Werbeanzeige der Zigarrenfabrik Louis Sturm aus dem Jahr 1910. Anfangs gehörte die Fabrik zwei Unternehmern, Louis Sturm und Friedrich Robisch.

  • Die drei Gebäude (mittig die Fabrik, links und rechts die Wohnhäuser der Familien Sturm und Robisch) befinden sich an der Roßweiner Straße 23.

  • Die drei Gebäude sind noch heute erhalten...

  • ...und werden zu Wohnzwecken genutzt.

  • Hans Wilhelm Haußmann Nachf. (Inh.: Ernst Wilhelm Gehre), Alberstraße 23

Die Einführung der Tabaksteuer im Jahr 1906 sowie einer Wertsteuer von 40 % zusätzlich zu dem Tabakzoll von 85 Pfennig pro Kilogramm verteuerten die Zigarre allerdings so stark, dass die Produktion erheblich zurückging. Außerdem machte die Zigarette der Zigarre zunehmend Konkurrenz.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es immerhin noch 26 größere und kleinere Fabriken, die in Döbeln Zigarren herstellten. In ihnen arbeiteten etwa 800 Beschäftigte. 1930 waren es nur noch 14 Firmen, 1939 nur noch sechs Firmen. Zehn Jahre später gab es nur noch die Deutschen Zigarren-Werke und die Firma Stockmann.

Letztere war typisch für die Gründung und Entwicklung von Zigarrenfabriken in Döbeln. Der Gründer der Firma, Ernst Stockmann, besaß in Döbeln ein Kolonialwarengeschäft, für das er in bescheidenem Umfang selbst Zigarren herstellte. Diese wurden in Heimarbeit gefertigt. Darunter verstand man eine gewerbliche Arbeit, die nicht in den Betriebsräumen des Arbeitgebers, sondern für diesen in der eigenen Wohnung ausgeführt wurde. Oft warb man hierfür Frauen an, die einen Nebenverdienst zum Einkommen des Mannes für den Unterhalt der Familie benötigten. Mit einem solchen Verlagssystem, also einer dezentralen Arbeitsorganisation, arbeiteten anfangs die meisten Zigarrenfirmen, was die Kosten geringhielt, da keine teuren Produktionsräume angemietet werden mussten. Meist wurde jedoch schnell eine Produktionsgröße erreicht, die kleine eigene Fabrikgebäude ratsam erscheinen ließ.

Zigarrenpresse der Firma Ernst Stockmann*

Als Stockmann 1870 zum Fabrikbetrieb überging, war es bereits sehr schwierig, Arbeitskräfte zu finden, da bestehende größere Firmen ihren Mitarbeiterstamm pflegten und fest an sich gebunden hatten. Die Organisationsform der Fabrik war teuer, bot jedoch viele Vorteile: Man konnte die Mitarbeiter besser kontrollieren, durch konsequent durchgeführte Arbeitsteilung die Produktionsabläufe optimieren und dank permanenter Aufsicht eine höhere Qualität der Zigarren erreichen.

Im Rollersaal der Fa. Ernst Stockmann wurden, wie der Name schon sagt, Zigarren gerollt. Das Foto wurde am 01. Oktober 1937 aufgenommen.*

Um 1910 wurde das Problem fehlender Fachkräfte immer drängender, weshalb Stockmann zum Filialsystem übergehen musste und innerhalb der nächsten fünf Jahre fünf Zweigbetriebe in Siebenlehn (60 Beschäftigte), Mutzschen (35 Beschäftigte), Hartha (70 Beschäftigte), Geringswalde (80 Beschäftigte) und Nossen (50 Beschäftigte) gründete.

Während des Ersten Weltkriegs war Tabak kontingentiert, sodass die Filialen nach und nach geschlossen wurden und auch die Produktion im Hauptbetrieb verringert werden musste. Da während des Krieges Tabakmangel herrschte, gab es als Kriegsware einen Tabakersatz, der aus Erdbeerblättern, Lavendelblüten, Fenchelblättern und ähnlichen aromatischen Zusätzen bestand.

Die Wiedereröffnung der Niederlassungen nach dem Krieg wurde von den städtischen Behörden teilweise nicht genehmigt, da die angemieteten Räumlichkeiten inzwischen für Wohnzwecke genutzt wurden. Stockmann suchte sein Glück in Thüringen und eröffnete mit 90 Arbeitern in Treffurt an der Werra eine Niederlassung. Dort waren die Löhne deutlich niedriger als andernorts.

In Döbeln blieb die Nachfrage nach Arbeitskräften weiterhin hoch. In den Zigarrenfabriken lernte man vor allem junge Mädchen an. Sie betätigten sich zwei Jahre als Wickelmacherin und ein Jahr als Rollerin. Die Lehrzeit wurde später mehrfach verkürzt, sodass Lernende oft bereits nach zwei oder sogar nach einem Jahr als ausgelernt galten und zunächst im Elternhaus, später als junge Frau in der eigenen Wohnung weiterarbeiteten.

Sommerfest der Firma Stockmann (1930er Jahre) - Das Thema Zigarre ist auch hier präsent. Die Maskerade würde heute sicher als "kulturelle Aneignung" gegeißelt.*

Die Zigarrenfabrikanten erhielten bei der Mitarbeiterakquise zunehmend Konkurrenz durch die aufstrebende Metall- und Schokoladenindustrie. Männer als Arbeitskräfte zu gewinnen, wurde in der Zigarrenbranche immer schwieriger, da sie anderswo mehr verdienen konnten. Meist stellte man sie nur noch als Sortierer oder Meister für den letzten Verarbeitungsprozess ein.

Der Arbeitskräftemangel in Döbeln war so groß, dass der Standort auch eine gewisse Überproduktion in der Zigarrenbranche sowie die Inflation relativ gut überstand. Wurden in einer Firma Mitarbeiter entlassen, fanden sie meist rasch eine neue Beschäftigung. Für die Firma Stockmann reichten die Arbeitskräfte jedoch nicht aus, sodass das Unternehmen dazu überging, aus den ehemaligen Filialbetrieben Arbeiterinnen als Heimarbeiterinnen von Döbeln aus zu beschäftigen. Zusammen mit den Heimarbeitern in den umliegenden Orten machten diese 1925 insgesamt 50 % der im Döbelner Betrieb beschäftigten Mitarbeiter aus.

Alles in allem war die Zigarrenproduktion technologisch in Döbeln jahrzehntelang in traditionellen Strukturen verhaftet. Viele Unternehmer konnten sich nichts anderes vorstellen. Man produzierte meist in kleinen Strukturen, nannte die Fabrik, aber die Fabriken waren meist eher „Fabrikchen“. Die befanden sich in normalen Stadthäusern oder in zweigeschossige Zweckbauten im Hinterhof. Viele Mitarbeiterinnen waren in Heimarbeit beschäftigt. Zigarrenherstellung war eben Handarbeit und das würde auch immer so bleiben. Dachte man. Weit gefehlt.

Briefköpfe ausgewählter Döbelner Zigarrenfabriken

Tabak-Fabrik Richard Clouth Döbeln, 1899
Zigarrenfabrik Louis Sturm Döbeln, 1902
Zigarrenfabrik Strohmenger & Illgen Döbeln, 1903
Zigarrenfabrik Otto Schmidt Nachf. Döbeln, 1907
Zigarrenfabrik Julius Barthel Döbeln, 1914
Zigarrenfabrik Richard Bernstein Döbeln, 1914
Zigarrenfabrik Weise & Reiher Döbeln, 1916
Zigarrenfabrik Ernst Stockmann Döbeln, 1933

Auswahl der Zigarrenfabriken 1925

Krenter Zigarrenwerke GmbH

Im Jahr 1930 stieg die Arbeitslosigkeit in Sachsen infolge der Weltwirtschaftskrise rasant an. Auch Döbeln war stark betroffen. In dieser Situation erfuhren die Verantwortlichen der Stadtverwaltung, dass eine große Zigarrenfabrik mit maschineller Fertigung einen Standort in Deutschland suchte.

Der Gründer der Fabrik, Salomon Krenter, wurde 1896 in einer jüdischen Familie in Nowoseliza (Russland) geboren. Später zog er nach Wien, hielt sich dort als Eierpacker über Wasser und wurde dabei ertappt, wie er an der Steuer vorbei Zigarren und Zigaretten in Österreich-Ungarn verkaufte. Um einer Anklage wegen Verbrauchssteuerbetrugs zu entgehen, floh er nach Bulgarien und betätigte sich dort weiter im Tabakhandel. 1924 zog er nach Dresden und kaufte eine mäßig erfolgreiche Zigarettenfabrik, die er „Zigaretten-Fabrik-Bulgaria“, kurz „Bulgaria“, nannte.

Durch eine geschickte Marketingstrategie machte er die Marke erfolgreich. Krenter zog mit der Firma in ein neues, größeres Gebäude und kaufte sich selbst eine Villa in der Wiener Straße in Dresden. Rechtzeitig erkannte er, dass er gegen die großen Unternehmen der Tabakbranche mit seiner kleinen Firma keine Chance hatte, und verkaufte seine „Bulgaria“ an Reemtsma. Mit dem Erlös von vier Millionen Reichsmark wollte er ein neues Unternehmen gründen. Seine Geschäftsidee bestand darin, die Zigarrenproduktion nach dem Vorbild der Zigarettenherstellung zu automatisieren. Er wusste, dass es dafür in Amerika neue Maschinen gab.

Briefkopf Krenter Zigarren-Werke 1931*

Offen blieb nur die Frage des Standorts. Krenter nutzte die Notlage der Städte und die hohe Arbeitslosigkeit aus und stellte Forderungen: geeignete Fabrikräume, moderate Löhne, Steuervergünstigungen und preisgünstigen Wohnraum für seine Arbeiter. Mehr als hundert deutsche Städte interessierten sich für die neue Fabrik. Bürgermeister Kunzemann und sein Stellvertreter Röher legten sich ins Zeug, reisten nach Berlin und Dresden und bemühten sich um Steuererleichterungen. Zudem verhandelten sie mit der Tabakarbeitergewerkschaft, um niedrigere Stundenlöhne auszuhandeln.

Krenters Zigarren-Fabrik im Jahr 1931
Theodor Kunzemann engagierte sich als Bürgermeister für die Ansiedlung der Zigarrenfabrik Salomon Krenters.*

Die Ansiedlung der Zigarrenfabrik hatte für den Bürgermeister höchste Priorität. Krenter hatte angekündigt, dass seine Fabrik zunächst 600 Arbeiter benötige und die Belegschaft rasch auf 2000 Beschäftigte anwachsen werde. Die Stadt zeigte sich begeistert und war bereit, die Fabrik für drei Jahre von der Kommunalsteuer zu befreien, wenn bei Einstellungen Arbeitskräfte aus Döbeln bevorzugt und mindestens fünf Jahre vor Ort beschäftigt würden. Goldene Zeiten schienen anzubrechen.

Für Döbeln entschied sich Salomon Krenter, weil ihn das intensive Werben des Bürgermeisters Theodor Kunzemann überzeugte. Außerdem war Döbeln eine Zigarrenstadt mit langer Tradition. Am 1. Oktober 1930 gründete Krenter in der Franz-Richter-Straße Nr. 3 (heute Industriestraße) die Krenter Zigarrenwerke GmbH. Im November begann dort die deutschlandweit erste maschinelle Produktion von Zigarren. Der Tabak wurde maschinell entrippt, geschnitten, gereinigt, getrocknet und entstaubt. Wickelmaschinen stellten täglich rund 13 000 „Wickel“ oder „Puppen“ her, die anschließend in Überrollmaschinen mit dem Deckblatt versehen wurden. Eine Maschine produzierte 13 000 Zigarren am Tag, während ein gelernter Handarbeiter höchstens 500 Stück täglich rollen konnte.

Krenter setzte auf ein innovatives Marketingkonzept. Eine extravagante Werbekampagne sollte seiner Marke „Indianer“ Aufmerksamkeit verschaffen. Er ließ Sammelalben drucken, in die bunte Aufkleber mit verschiedenen indigenen Völkern Nordamerikas eingeklebt werden konnten. In Zeitungen, im Kino und auf Plakaten war das Krenter-Logo mit dem Slogan „Die Indianer kommen“ zu sehen.

Zigarrettenbilderalbum der Firma Krenter*

Das Motiv weckte bei vielen Kunden Kindheitserinnerungen an die Bücher von Karl May. Sogar ein Werbesong wurde komponiert.

In Döbeln zeigte man sich zunächst begeistert, wie eine Exklusivmeldung des „Döbelner Anzeigers“ vom 1. Oktober 1930 berichtete. Dort beschrieb man die modernen, hygienisch eingerichteten Arbeitsräume und die amerikanischen Maschinen als technische Wunderwerke. Die Firma hätte bereits 1000 Beschäftigten und plane bei voller Auslastung mit bis zu 3000 Arbeitern.

Doch Krenters maschinelle Herstellung und aggressive Vermarktung stießen vielerorts auf Widerstand. Sein Konzept bedrohte die traditionelle handwerkliche Zigarrenproduktion in den vielen kleinen Betrieben. Auch zahlreiche Tabakfachgeschäfte fürchteten um ihre Existenz und reagierten teilweise mit Boykott. Gegner brandmarkten Krenter propagandistisch als „kapitalistischen Juden“ und griffen damit auf das antisemitische Repertoire der Nationalsozialisten zurück. Die Zeitung „Der Freiheitskampf“ behauptete, für jeden von Krenter eingestellten Maschinenarbeiter verlören drei Handarbeiter ihren Arbeitsplatz. Auch in Döbeln regte sich Widerstand. Erhardt Tümmler, Chef des größten Metallbetriebs der Stadt, unterstützte die kleinen Produzenten und wandte sich an den Verband Sächsischer Industrieller.

Trotz aller Widerstände florierte Krenters Fabrik zunächst. Im Frühjahr 1931 beschäftigte er rund 2000 Mitarbeiter, später arbeiteten im Drei-Schicht-System sogar 3000 Arbeiter für ihn. Monatlich wurden etwa 60 000 Reichsmark an Löhnen ausgezahlt.

Musterkoffer für Zigarren der Firma Krenter (Stadtmuseum Döbeln)*

Doch bald traten Probleme auf. Kurz nach dem Kauf neuer Fabrikgebäude entließ Krenter 600 Arbeiter und legte Teile der Produktion still. Zwar war er im Marketing erfolgreich, doch die Qualität seiner Zigarren ließ zu wünschen übrig. Die von amerikanischen Maschinen produzierten Zigarren waren zu feucht für den deutschen Geschmack. Versuche, sie in Trockenräumen nachzubehandeln, führten dazu, dass sie schrumpften und kaum noch verkäuflich waren. Amerikanische Ingenieure kamen zu dem Schluss, dass der gesamte Maschinenpark ausgetauscht werden müsse.

Da Krenter die neuen Maschinen nicht allein finanzieren konnte, erwog er eine Beteiligung amerikanischer Investoren. Seine Schwiegereltern übernahmen schließlich 60 Prozent der Firma und ermöglichten die Bestellung von 150 neuen Maschinen. Die Lieferung verzögerte sich jedoch erheblich, und Krenter geriet in Zahlungsschwierigkeiten.

Im Rathaus wurde man zunehmend nervös. Bürgermeister Kunzemann wusste, dass die Stadt erhebliche finanzielle Risiken übernommen hatte, unter anderem eine Bürgschaft über 360 000 Reichsmark. Anfang 1932 verschärfte sich die finanzielle Lage dramatisch. Trotz flehentlicher Bitten an seine Gläubiger brach das Unternehmen im April 1932 zusammen und musste Konkurs anmelden.

Zum Insolvenzverwalter wurde der Stadtbankdirektor Curt Reuther bestellt. Grundstück, Fabrikgebäude und Krenters Villa in Dresden wurden beschlagnahmt. Versuche, die Insolvenzmasse inmitten der schweren Wirtschaftskrise zu verkaufen, blieben erfolglos. Die Stadt Döbeln musste für das Darlehen geradestehen.

Krenter selbst setzte sich nach Berlin und von dort ins Ausland ab.

Die von ihm hinterlassene Situation war komplex: Grundstück und Gebäude gehörten der Stadt Döbeln, die Maschinen hingegen der American International Cigar Machinery Company. Diese drängte darauf, den Betrieb fortzuführen, und plante, die Maschinen an den Amsterdamer Geschäftsmann Isay Rottenberg zu verpachten, der bereit war, die Fabrik mit zunächst 400 Arbeitskräften weiterzuführen.

Deutsche Zigarren-Werke AG

Isay Rottenberg

Am 4. Oktober 1932 gründete Isay Rottenberg die Deutsche Zigarren-Werke AG mit Sitz in Döbeln; am 25. Oktober schloss die Stadt mit ihm einen Mietvertrag ab. Nach anfänglichen Zweifeln stimmte man dem Besitzerwechsel zu, denn die Angst vor weiter wachsender Arbeitslosigkeit war groß. 1932 erreichte Sachsen mit 725 000 Arbeitslosen – rund 40 Prozent der Erwerbstätigen – einen traurigen Höchststand.

Rottenberg bekam von Beginn an Gegenwind. Die Handelskammer Chemnitz lehnte den Firmennamen Deutsche Zigarren-Werke ab, da die Zigarren nicht im gesamten Deutschen Reich vertrieben würden und der Inhaber ein zwischen Holland und Deutschland pendelnder Russe sei, der auf amerikanischen Maschinen produzieren ließ – das sei alles andere als „deutsch“.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde Theodor Kunzemann am 9. März 1933 widerrechtlich als Erster Bürgermeister Döbelns abgesetzt. Am Rathaus hisste man die Hakenkreuzfahne. Neuer Bürgermeister wurde Fritz Saupe, ein 48-jähriger Unternehmer und NSDAP-Mitglied. Auch in Döbeln kam es rasch zu antijüdischen Maßnahmen, die maßgeblich vom NSDAP-Kreisleiter Hermann Groine organisiert wurden.

(1) Arbeiterinnen an einer Etikettiermaschine (2) Arbeit an einer amerikanischen Überrollmaschine (3) Verpackungsabteilung (Fotos KI-gestützt restauriert)

Einblick in den Fabrikalltag

Rottenberg wohnte, wenn er sich in Deutschland aufhielt, in Dresden und fuhr die 50 Kilometer nach Döbeln mit dem eigenen Auto. Bereits im Frühjahr 1933 besetzte die SA die Zigarrenfabrik und suspendierte die beiden Direktoren Isay Rottenberg sowie den Tabakeinkäufer Vincent Silvan. Nach Prüfung aller Geschäftsunterlagen musste man jedoch feststellen, dass es keine Unregelmäßigkeiten gab. Rottenberg wurde wieder als Direktor eingesetzt. Er wartete in Dresden ab, wie sich die Lage entwickeln würde, fühlte sich jedoch aufgrund seines niederländischen Passes vergleichsweise sicher.

Ungemach drohte plötzlich durch ein Gesetz. Am 15. Juli 1933 erließ das Regime ein Verbot des Maschineneinsatzes in der Zigarrenindustrie, um die Handarbeit zu stärken und so mehr Arbeitsplätze zu schaffen. In Rottenbergs Fabrik ließ sich dieses Verbot jedoch kaum umsetzen: 670 Mitarbeiter produzierten dort mit amerikanischen Maschinen. Es begann ein langwieriger Konflikt. Gegner versuchten, die Fabrik mithilfe des Maschinenverbots auszuschalten. Dass der Inhaber ein jüdischer Geschäftsmann aus Amsterdam war, nutzten sie propagandistisch aus.

Rechnungskopf der Firma Ernst Stockmann aus dem Jahr 1938 - Stockmann war einer der Hauptgegner Rottenbergs und forderte immer wieder die Schließung der Fabrik. So wäre er in Döbeln seinen Hauptkonkurrenten losgeworden.

Gleichzeitig stand Deutschland weiterhin unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise. Wenn Zigarren gekauft wurden – Anfang der 1930er-Jahre noch etwa 100 Stück pro Kopf –, mussten sie billig sein. Diesen Bedarf deckten die Deutschen Zigarren-Werke. Um konkurrenzfähig zu bleiben, hätte man entweder rationalisieren oder Löhne senken müssen. Doch die Löhne waren bereits niedrig: In der Metallindustrie verdiente man in Döbeln etwa 17 Reichsmark pro Woche, in der Schokoladenfabrik 20, in der Korsettfabrik 28 Reichsmark. Handarbeiter in Zigarrenfabriken erhielten höchstens 13 Reichsmark – ein Hungerlohn. Weitere Kürzungen waren kaum möglich. Rationalisierung schied wegen des Maschinenverbots ebenfalls aus.

Rottenberg schrieb daraufhin an Ministerien in Berlin und Dresden, an die Industrie- und Handelskammer Chemnitz sowie an die NSDAP-Kreisleitung in Döbeln. Eine Stilllegung würde 670 Menschen arbeitslos machen. Seine Warnungen wurden gehört: Sowohl der neu gewählte Bürgermeister Dr. Denecke als auch der noch amtierende Bürgermeister Saupe setzten sich für den Erhalt der Fabrik ein. Eine Umstellung auf Handarbeit sei unrealistisch, eine Schließung widerspreche dem Ziel, Arbeitsplätze zu sichern.

Schließlich legte man in Dresden eine Tabakquote fest, wodurch sich die Produktion halbierte. Dennoch machte der Reichsverband Deutscher Zigarrenhersteller e. V. weiter mobil gegen die Fabrik und forderte deren Schließung. Viele Tabakläden nahmen maschinell hergestellte Zigarren aus dem Sortiment.

Unerwartet erhielt Rottenberg Unterstützung von Stadtrat, Bürgermeister, Betriebszellenorganisation und Deutscher Arbeitsfront. Er legte Einspruch gegen die Tabakquote ein und erklärte, die Fabrik müsse mindestens 70 Millionen Zigarren jährlich produzieren, um rentabel zu sein. Am 4. Januar 1934 entschied das Berliner Finanzministerium, dass 62 Millionen Zigarren hergestellt werden durften – ein Kompromiss, um die 670 Arbeitsplätze zu sichern.

Hella und Sandra Rottenberg haben die Geschichte ihres Großvaters aufgeschrieben. Unbedingt lesen!

Trotz Vermittlungsgesprächen blieb der Konflikt bestehen. Die Produktion lief, durch die Quote begrenzt, weiter.

Am 14. Januar 1935 erschienen Vertreter der Deutschen Bank bei Isay Rottenberg und drohten mit Verhaftung, falls er die Firma nicht verkaufe. Kurz darauf wurde er festgenommen und im Hotel Bristol in Dresden festgesetzt; sein Reisepass wurde eingezogen. Man warf ihm Insolvenz- und Devisenvergehen vor.

Der niederländische Konsul Steenbergen setzte sich für seinen Landsmann ein, konnte jedoch eine Verhaftung am 13. August 1935 nicht verhindern. Im Gefängnis am Münchner Platz erkrankte Rottenberg schwer. Erst als diplomatischer Druck aufgebaut wurde, kam er am 1. Februar 1936 frei und durfte nach Holland reisen, musste jedoch zur Fortsetzung des Prozesses zurückkehren. Das Verfahren wegen Devisenvergehens wurde schließlich eingestellt.

Die Deutsche Bank hatte inzwischen Rottenbergs Aktien übernommen und verkaufte sie im Januar 1937 für 400 000 Reichsmark an die August Blase AG aus Lübbecke, damals größter Zigarrenproduzent Deutschlands.

Am 5. Februar 1937 entschied ein Dresdner Gericht, dass die Anschuldigungen der Bank nicht rechtmäßig gewesen waren. Rottenberg führte weitere Zivilprozesse, doch die politischen Verhältnisse standen gegen ihn. Am 17. Mai 1938 ordnete die sächsische Regierung seine Ausweisung an. Selbst im November 1938 hielt er sich noch einmal kurzzeitig mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes in Dresden auf – offenbar ohne die tödliche Gefahr für Juden im Deutschen Reich voll zu erkennen.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1938

Die Deutschen Zigarren-Werke setzten nach der Enteignung 1935 ihre Produktion fort. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Mitte der 1930er-Jahre ließ der Druck auf kleinere Produzenten nach. 1937 setzte August Blase Emil Leschinsky als Direktor ein, der das Werk zu einem nationalsozialistischen Vorzeigebetrieb ausbaute. Ende 1938 kaufte Blase Grundstück und Gebäude für 250 000 Reichsmark von der Stadt Döbeln, die damit etwa die Hälfte ihrer alten Bürgschaftsschulden tilgen konnte.

Nach Kriegsbeginn erhielt die Fabrik vor allem Aufträge der Wehrmacht. 1943 war sie noch immer die einzige vollmaschinell arbeitende Zigarrenfabrik im Deutschen Reich. In einigen Produktionshallen wurden während des Krieges Rüstungsgüter hergestellt; die Belegschaft sank auf 360 Personen, darunter Kriegsgefangene und ukrainische Zwangsarbeiterinnen.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1947 (Quelle: Stadtarchiv Döbeln)

Nach 1945 plante die sowjetische Militärverwaltung die Enteignung gemäß „Befehl Nr. 124“. Direktor Leschinsky konnte jedoch zunächst nachweisen, dass August Blase kein aktiver Nationalsozialist gewesen war. Der Betrieb firmierte noch Anfang der 1950er-Jahre als Deutsche Zigarren-Werke AG und stellte unter anderem die bekannte Marke „Jagdkammer“ her.

Spätestens nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 war den westdeutschen Eigentümern jedoch klar, dass sie den Standort im Osten aufgeben mussten. 1952 übernahm die DDR die Firma.

VEB Leisniger Zigarrenfabriken, Werk Döbeln

Jubiläumsausgabe der Zigarrenmarke "Jagdkammer Gold" mit der Bauchbindenaufschrift "1000 Jahre Döbeln" © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl

1953 wurde der Betrieb dem VEB Leisniger Zigarrenfabriken unterstellt. In den 1950er Jahren produzierte man die Sorten „Bolento“ (zu 0,15 DM) und „Rekord“ (zu 0,20 DM). Die Sorte „Jagdkammer“ erhielt eine neue Zigarrenkiste, für deren Herstellung man afrikanisches Gabunholz verwendete.

1969 waren in beiden Betrieben 1.700 Beschäftigte angestellt. In Döbeln arbeiteten 460 im Hauptwerk in der Industriestraße (ehemals Deutsche Zigarren-Werke AG) und 140 im Werk I in der Waldheimer Straße 1 (ehemals Zigarrenfabrik Ernst Stockmann).

Zwischen 1969 und 1978 wurden 35 Mio. Mark in Döbeln und Leisnig in Baumaßnahmen und technische Ausstattung investiert. Beispielsweise schaffte man neue Wickel-, Überroll-, Feuchtpuderpress- und RSC-REX-Maschinen (holländische Wickel- und Überrollmaschinen zur Herstellung von Zigarillos) an. So konnte die Belegschaft halbiert und gleichzeitig die Produktion um 30 % gesteigert werden.

Die Produktionszahlen waren beeindruckend: Die Sorte Jagdkammer-Trumpf erreichte ca. 46 Mio. Stück pro Jahr, Jagdkammer-Rekord 6 Mio. Stück, Jagdkammer-Cabinet 3 Mio. Stück und Schnupftabak 3–6 Tonnen. Weil die Arbeiterinnen und Arbeiter in der „Zigarre“, wie der VEB im Volksmund genannt wurde, eine hervorragende Arbeit leisteten, kümmerte man sich auch um ihre sozialen Belange. Den Mitarbeitern standen betriebseigene Bungalows in Neuhof/Brandenburg zur Verfügung. In Kromlau bei Bad Muskau unterhielt man ein Ferienlager für die Kinder der Beschäftigten sowie weitere Ferienbungalows.

VEB Zigarrenfabrik Döbeln

1979 entschied das Kombinat VVB Tabakindustrie Berlin, die Betriebe in Döbeln und Leisnig zu trennen. Leisnig wurde als Werk IV des VEB Dresdener Zigarrenfabriken auf Zigarettenproduktion umgestellt. Das Döbelner Werk erhielt als VEB Zigarrenfabrik Döbeln seine juristische Selbstständigkeit zurück und wurde zum Leitbetrieb der Zigarrenindustrie der DDR. Doch die neue Struktur erwies sich als wenig belastbar, weil man immer weniger Zigarren verkaufte. Zigaretten und Zigarillos waren angesagt. Die Produktion von Zigarren lohnte sich nicht mehr. Für Döbeln eine „bittere Pille“.

1 - Arbeit an einer Überrollmaschine, 2 - Manuelle Deckblattvorbereitung (ca. 1980er Jahre ), 3 - Originelles Geschenk für Liebhaber - der Menthol- Schnupftabak des VEB Zigarrenfabrik Döbeln

1981 wurde das Areal der Döbelner Zigarrenfabrik in der Industriestraße dem VEB Süßwarenkombinat Halle zur Verfügung gestellt. Es war von 1978 bis 1982 umgebaut und auf Süßwarenproduktion umgerüstet worden. Für die Mitarbeiter ging es im neuen VEB Süßwarenfabrik Döbeln nahtlos weiter, nur mit anderen Produkten. Wo zuvor Zigarren hergestellt worden waren, produzierte man nun „Märchenriegel“ und für Weihnachten und Ostern Hohlkörper aus Schokolade. Nach 136 Jahren endete in Döbeln die Tradition der Zigarrenherstellung.

Nach der Wende 1989 meldete die Firma Dannemann aus Lübbecke Ansprüche auf alle Vermögenswerte, die Gebäude und das Grundstück der ehemaligen Deutschen Zigarren-Werke, an. Die Stadt entschied, den Ansprüchen Dannemanns zu entsprechen. Im Zusammenhang mit den Rückübertragungsansprüchen wurde die Süßwaren GmbH Döbeln liquidiert. Die Götz Gebäck GmbH Darmstadt mietete das Gebäude für eine Niederlassung an und stellte Hohlfiguren aus Schokolade her. Als Götz 1996 Konkurs anmelden musste, wurde die Niederlassung als Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH ein eigenständiger Betrieb. Bis 1998 blieb man am Standort und zog danach mit der Produktion in die Burgstraße. Danach kehrte Ruhe in die ehemals pulsierende Fabrik ein. Sie hält bis heute an.

Das leerstehende Gebäude der ehemaligen Zigarrenfabrik im Jahr 2023.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 94f.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 106ff.
Enzmann, Karlheinz: Die Zigarrenfabrikation in Döbeln. Industriegeschichte im Landkreis Döbeln. Reihe Der Neue Döbelner Erzähler. In: Stadt Döbeln (Hrsg.) STIEFEL. Das Stadt-Magazin für Döbeln. Heft 3/März 2001, S. 10ff.
Rottenberg, Hella / Rottenberg, Sandra: Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik. Dietz-Verlag 2024

Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeigen 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Fotos Deutsche Zigarren-Werke AG – Stadtarchiv Döbeln
Foto Isay Rottenberg, Foto Produktionsalltag Deutsche Zigarren-Werke AG - Hella und Sandra Rottenberg
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert