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Fleisch- und Wurstwarenfabrik Alfred Lindner GmbH

Die Firma Lindner Fleischverarbeitung war 1945 in Dresden durch Bombenangriffe schwer beschädigt worden und verlegte ihren Betrieb daher 1946 nach Döbeln. Hier bezog sie ein Fabrikgebäude der ehemaligen Tümmler-Werke in der Muldenstraße 1. Über den mühevollen Neubeginn berichteten 1948 der Betriebsrat Schuster und der Meister Seidel: „Zunächst bestand die wichtigste Aufgabe darin, die aus den Trümmern geborgenen Maschinen wieder instand zu setzen, was bei etwa zwei Dritteln der Anlagen gelang. Anschließend wurden die ehemaligen Tümmler-Werkhallen durch den Einzug von Zwischenwänden umgebaut, Rauchkammern und eine Kühlanlage installiert und eine neue Dampfkesselanlage errichtet, da das Kochen und Konservieren der Erzeugnisse unter Dampf erfolgte. Ende des Jahres 1946 war der Betrieb soweit hergestellt, dass erste Aufträge übernommen werden konnten.“ (Quelle Wolf, Matthias: Dresdner in Döbeln: Fleischfabrik Alfred Lindner. Döbelner Anzeiger, 5./6. September 1998)

In kurzer Zeit produzierte das Unternehmen 600 bis 700 Zentner Fleischsalat, etwa 1.000 Zentner Gemüsesalat sowie große Mengen Brotaufstrich und Fischpaste. Hinzu kam der Auftrag, eine Großküche für 1.000 Menschen einzurichten. Perspektivisch sollte der Betrieb auch zur Eindosung von Freibankfleisch herangezogen werden, da er der einzige im Kreis war, der diese Leistung erbringen konnte. Bereits im Oktober 1946 eröffnete die Firma einen Großküchenbetrieb für die Wintermonate. Es wurden Fleischwaren und Brotaufstriche hergestellt, Gemüse in eigenen Abteilungen getrocknet und Fisch in Baracken auf dem Gelände der Zuckerfabrik verarbeitet. Im Jahr 1955 verließen täglich rund 5.000 Kilogramm Fleisch- und Wurstwaren, Salate und Konserven die Fleischwaren- und Feinkostfabrik.

VEB Pikant Fleischkombinat Döbeln

Am 16. August 1958 übernahm der Rat des Kreises das Unternehmen. Bis zum 30. Juni 1959 firmierte es als VEB (K) Feinkost-Fleischfabrik Döbeln, wobei Alfred Lindner als Betriebsleiter eingesetzt wurde. Der Betrieb gliederte sich in zahlreiche Abteilungen und Standorte: in der Muldenstraße befanden sich unter anderem Koch-, Brüh- und Rohwurstproduktion, Pökelwarenherstellung, Feinkost, Zerlegung, Darmbearbeitung, Verwaltung, Zentralversand und Fuhrpark. Weitere Betriebsteile waren die Fischverarbeitung in der Zuckerfabrikstraße, die Geflügelschlachtung in Waldheim (ab 1959), die Pferdeschlachtung in der Oschatzer Straße, die Sauerkrautherstellung in der Waldheimer Straße sowie die Gemüsesalatherstellung am Karl-Marx-Platz beziehungsweise in der Friedrichstraße.

Für das Turn- und Sportfest 1959 lieferte der Betrieb sechs Tonnen Knacker zur Versorgung der Teilnehmer. Im selben Jahr übernahm man den Großviehschlachthof Waldheim und richtete ihn als Geflügelschlachtstelle für mehrere umliegende Kreise ein. 1961 kam der VuD-Schlachthof Döbeln hinzu. Zwischen dem 1. Juli 1959 und dem 31. Dezember 1967 trug das Unternehmen den Namen VEB Pikant Fleischkombinat Döbeln.

Schweineschlachtung

1961 wird der städtische Dienstleitungschlachthof in Volkseigentum überführt und dem Fleischkombinat Döbeln unterstellt. Täglich können hier 345 Schweine und 15 Rinder geschlachtet werden. 1970 erfolgte eine Spezialisierung. Der Döbelner Schlachthof geht zu ganztägigen Schweineschlachtung über.

1961 übernahm der Betrieb zudem die Gebäude der ehemaligen Molkerei Dittrich in der Uferstraße und richtete dort eine Feinkostabteilung ein. Aufgrund von Engpässen in der Fleischversorgung wurde die Wurstproduktion reduziert. Täglich wurden in der Abteilung Feinkost mit angeschlossener Salatküche zwei Tonnen an Pasteten, natürliche Salaten, Fleischsalate, Ungarischen Salate, Eier- und Käsesalate, Gemüsesalate, Bouletten und Aspikwaren hergestellt. Im Januar 1962 erfolgte die Angliederung an den Leitbetrieb „Delicata“.

In den folgenden Jahren stellte man schrittweise verschiedene Produktionszweige ein: 1963 die Sauerkraut- und Fischproduktion, 1964 die Geflügelproduktion, die nach Mutzschen verlagert wurde, und 1965 die Pferdeschlachtungen. Der Betrieb konzentrierte sich fortan stärker auf sein Kerngeschäft, auch um Devisen durch Exporte zu erwirtschaften. 1965 lieferte Pikant Schweinehälften im Wert von 1.099.000 Valutamark in den Westen. Im selben Jahr wurde der Betriebsteil Waldheim modernisiert, was insbesondere der Salamiproduktion zugutekam.

Reiferaum Betriebsteil Waldheim

1965 wird in einem spezialisierten Betriebsteil in Waldheim mit der Produktion von Roh- und Dauerwurst begonnen.

1967 übergab man für die Beschäftigten ein neues Sozialgebäude mit Wasch- und Duschräumen. Ein Jahr später eröffnete die erste Pikant-Verkaufsstätte auf dem damaligen Thälmannplatz (heute wieder Niedermarkt). Der Betrieb wurde dem VEB Fleischkombinat Leipzig angegliedert und firmierte bis zum 31. Juli 1990 als VEB Fleischkombinat, Pikant Döbeln.

„Pikant“ ist für Döbeln nicht irgendein Betrieb. Immerhin wurde hier etwas produziert, das die Muldestadt republikweit bekannt machte. Zwischen 1969 und 1973 brachte „Pikant“ mehrere Dauerwurstsorten auf den Markt, darunter die „Döbelner Salami nach ungarischer Art“, die auf Lebensmittelmessen wie der „Grünen Woche“ in Berlin ausgezeichnet wurden. Der Betrieb hatte dafür ein Patent erhalten, das die „Döbelner Salami“ sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik schützte. Die „weiße Wurst“ aus Döbeln war in der DDR „eine eigene Währung“. Wenn man im Arbeiter- und Bauernstaat Bauholz oder Fliesen brauchte, die oft im Sortiment der staatlichen Geschäfte nicht verfügbar waren, half mitunter eine „Döbelner Salami“ weiter. Die war so gefragt, dass sie oft als Gegenwert für andere Raritäten akzeptiert wurde. Im Rückblick wirkt die Tauschwirtschaft der DDR kurios und putzig. Für die DDR-Bürger, die der real existierende Sozialismus regelmäßig mit der Mangelwirtschaft konfrontierte, waren sie ein Ärgernis.

Verwaltung Muldenstraße

1974 wird eine Verwaltungsbaracke errichtet. Die Büros sind mit moderner Schreib- und Rechentechnik ausgerüstet.

Auch im Export bewährte sich die „Döbelner Salami“. Man konnte mit ihr Westgeld verdienen. Schnell kam man auf den Geschmack und begann ab 1975 mit dem Lebendexport von jährlich rund 2.000 Tonnen Rindern, Schweinen und Schafen nach Westberlin und in die Bundesrepublik. Als Umschlagplatz diente das gepachtete Gut des Bauern Hälsig in Großbauchlitz. Die volkseigenen Schlachthöfe in Oschatz und Altenburg schlachteten nunmehr auch Rinder und Schweine für „Pikant“

Zerlegehalle für Rind- und Schweinefleisch

1979 wird eine neue Zerlegehalle mit Kühl- und Gefrierräumen in Betrieb genommen.

Speiseraum Muldenstraße

Mit der neuen Zerlegehalle wird 1980 auch ein neuer Speise- und Kulturraum an die Belegschaft übergeben. Auch an Behandlungszimmer für Arzt und Kosmetik wird gedacht.

Koch- und Brühwurstabteilung

1981 wird die neue Koch- und Brühwurstabteilung übergeben. Die Maschinen, Anlagen und Ausrüstungen sind mit einem hohen Technisierungsgrad ausgestattet.

Zentralversand Muldenstraße

1982 wird ein neuer Versandraum in der Muldenstraße in Betrieb genommen, der auch zusätzliche Kühlkapazitäten bereitstellt.

Briefkopf aus dem Jahr 1986
Jubiläumskrug 30 Jahre Pikant*

Besonders für diese erfolgreichen Aktivitäten im Exportgeschäft schätzte man den Betrieb. 1977 erhielt Pikant den Orden „Banner der Arbeit“ Stufe I. In diesem Jahr wurden täglich etwa 560 Schweine geschlachtet. Zur Steigerung der Produktivität nahm man 1979/80 in der Muldenstraße eine neue Zerlegehalle mit Flachschienenbahn in Betrieb und errichtete einen neuen Speise- und Kulturraum für die Belegschaft. 1988 feierte man 30 Jahre VEB Pikant und 1989 das 100-jährige Bestehen des Döbelner Schlachthofes. Täglich wurden nun 660 Schweine verarbeitet, und das Sortiment umfasste 178 Fleisch- und Wurstwaren, Pasteten und Salate für Abnehmer aus 14 Kreisen. Der Betrieb beschäftigte 365 Vollzeitkräfte sowie rund 100 Teilzeitbeschäftigte.

Kassenschlager aus dem Hause Pikant

Die berühmte naturschimmelgereifte harte Wurst war unter verschiedenen Namen bekannt, darunter "Döbelner Salami", "Döbelner Weiße" oder schlicht "Weiße Wurst". Die Rezeptur entwickelte der Produktionsleiter Helmut Petzold. Hauptbestandteile waren Sauenfleisch, mageres Rindfleisch und gefrosteter Speck. Die Salami hing vier bis sechs Wochen ab und reifte ohne Zusatzstoffe oder Starterkulturen. Neben der langen Reifezeit bei konstanten Temperaturen und kontrollierter Luftfeuchtigkeit war es vor allem die spezielle Tauchmasse, die der Wurst ihren unverwechselbaren Geschmack verlieh. Diese Masse hatte der Döbelner Fleischermeister Walter Oelsner bereits vor dem Krieg entwickelt. Pikant bezog sie wöchentlich von ihm und tauchte die Salami darin.
Mit dem Konkurs von Pikant endete auch die Produktion der Döbelner Salami. Der ehemalige Pikant-Mitarbeiter Frank Ferchland versuchte später, die "Döbelner Weiße" in seiner eigenen Fleischerei wiederzubeleben. Zwischen 2002 und 2013 war die Wurst nochmals erhältlich, danach blieb sie nur noch in der Erinnerung älterer Döbelner erhalten.

Döbelner Pikant Fleisch- und Wurstwaren GmbH

Im Zuge der von der Volkskammer der DDR verabschiedeten Gesetze wurde das Unternehmen 1990 in die Schlacht- und Verarbeitungs-GmbH „Pikant“ Döbeln umgewandelt. 1993 erwarb Johannes Claus von der Treuhandgesellschaft den Betrieb, der fortan als Döbelner Pikant Fleisch, Wurst und Feinkost GmbH firmierte. Am 5. Februar 1991 belieferte das Unternehmen noch 500 Verkaufsstellen in 15 Kreisen, die Beschäftigtenzahl sank jedoch von 450 auf 350. Bereits 1990 war gemeinsam mit der Viehhandelsgesellschaft Moksel GmbH die Mittelsächsische Fleischzentrum GmbH gegründet worden. Das Sortiment wurde von 150 auf 100 Erzeugnisse reduziert, und aufgrund der gesunkenen Nachfrage stellte man auch die Produktion der „Döbelner Salami“ ein.

Werbeanzeige 1996

Am 7. Juni 1995 zog der Betrieb mit der gesamten Produktion in das Gewerbegebiet 1b in Döbeln-Ost um. Auf einem Gewerbegrundstück von 50 000 Quadratmetern Größe produzierte man in einer modernen Fabrik wieder 150 Erzeugnisse.1999 wurde dann das ehemalige Pikant-Produktionsgebäude in der Muldenstraße abgerissen. Schon vorher, im Dezember 1995 schloss der Döbelner Schlachthof, da er den strengen EU-Hygienevorschriften nicht mehr entsprach. Neunzehn Mitarbeiter erhielten ihre Kündigung, und im Jahr 2000 wurden auch diese Gebäude abgerissen, um Platz für ein neues Post-Verteilerzentrum zu schaffen.

Am ehemaligen Standort des VEB Pikant in der Muldenstraße befindet sich heute u.a. ein Medizinisches Versorgungzentrum des Klinikums Döbeln.*

Immer noch garantierte ein erfahrener Mitarbeiterstamm im neuen Domizil des Unternehmens die gewohnte Qualität der Produkte. 1998 erhielt der Betrieb eine Jahresurkunde und eine Medaille zum CMA-Gütezeichen „Markenqualität aus deutschen Landen“. Trotz aller Bemühungen musste die Erzgebirgische und Döbelner Pikant Fleisch- und Wurstwaren GmbH am 1. November 2000 Konkurs anmelden, und auch die drei Döbelner Verkaufsfilialen schlossen.

Friki-Geflügel GmbH

Die Marke Friki gehört mittlerweile zur niederländischen Plukon Food Group.



Neuer Eigentümer des Traditionsunternehmens „Pikant“ wurde die türkische Kasli GmbH, die zur Kombassan-Gruppe gehörte. Bereits 2001 meldete jedoch auch dieses Unternehmen Insolvenz an, sodass 117 Mitarbeiter erneut vor einer ungewissen Zukunft standen. Am 22. November 2001 übernahm schließlich die auf Geflügelprodukte spezialisierte Delko Falkenberger Fleischwaren GmbH, ein Schwesterunternehmen der Frikifrisch GmbH Hürth, den Betrieb. Unter der Marke „Friki“ konzentrierte man sich auf die Verarbeitung von Hühnerfleisch, wobei lediglich 24 Beschäftigte übernommen wurden. 2003 eröffnete man einen Werksverkauf.

Friki gehört heute zur niederländischen Plukon Food Group, einem der größten Geflügelfleischverarbeiter Europas, die in Deutschland rund 1.400 Mitarbeiter an fünf Standorten beschäftigte. Big Business statt regionalem Fleischereihandwerk.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
VEB Pikant (Hg.): 25 Jahre VEB Pikant Döbeln – bebilderte Auszeichnungsmappe zum Betriebsjubiläum. Döbeln 1983
Wolf, Matthias: Dresdner in Döbeln: Fleischfabrik Alfred Lindner. Döbelner Anzeiger, 5./6. September 1998
Sommer, Karl-Heinz: Statt Döbelner Pikant nun Kasli GmbH. Döbelner Allgemeine Zeitung, 6. April 2000, S. 13
Enzmann Karlheinz: Industriegeschichte im Landkreis Döbeln – Firma Pikant Fleischwarenkombinat Döbeln. 1999 In: Sammelband Der neue Döbelner Erzähler. 2004, S. 156-158
Friedel, Günter: DAZ-Serie zur Geschichte des VEB Pikant. Ausgebombter Betrieb zieht an die Mulde (Teil 1), Döbelner Allgemeine Zeitung, 3. Januar 2007, S. 16 / Export ins westliche Ausland (Teil 2), Döbelner Allgemeine Zeitung, 10. Januar 2007, S. 21 / Konkurs nach kräftigen Investitionen (Teil 3), Döbelner Allgemeine Zeitung, 17. Januar 2007, S. 20
Engelmann-Bunk, Manuela: Eine wie Keine: Kehrt die Döbelner Salami zurück? Döbelner Allgemeine Zeitung, 14./15.Januar 2023, S. 20

Bildnachweis:
Fotos aus dem Betriebsalltag - VEB Pikant (Hg.): 25 Jahre VEB Pikant Döbeln – bebilderte Auszeichnungsmappe zum Betriebsjubiläum. Döbeln 1983
Werbeanzeige 1996 – Stadt Döbeln (Hg.): Heimatfestjahrbuch Stadt Döbeln 1996. Kissing 1996, S. 37
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert