Pianofortefabrik F.W. Werner
Im 19. Jahrhundert sowie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte der Klavierbau eine außerordentlich dynamische Entwicklung. Ausgangspunkt war eine ausschließlich handwerklich geprägte Fertigung, die mit der fortschreitenden Industrialisierung zunehmend durch maschinelle Produktionsverfahren ergänzt wurde. Dennoch blieb handwerkliche Präzision stets das Fundament der Klavierherstellung. Die technische Entwicklung des Instruments hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen weitgehend ausgereiften Stand erreicht. Der zunehmende Bau von Mietwohnungen mit begrenztem Platzangebot machte jedoch die Entwicklung kompakterer Instrumente erforderlich, die trotz geringerer Abmessungen vielfältige klangliche Möglichkeiten boten. Gleichzeitig sollten Klaviere und Flügel optisch zur Wohnungseinrichtung passen und als hochwertiges Möbelstück wirken.
In dieser Phase entstanden zahlreiche renommierte Klaviermanufakturen, darunter Flurich (1851), Bechstein (1853), Steinway & Sons (1853), Förster (1859), Grotian-Steinweg (1859), Blüthner (1883) und Schimmel (1885). In vielen Haushalten galt das Klavierspiel als Zeichen guter Bildung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Das Klavier entwickelte sich zum bevorzugten Instrument der Zeit, und die Nachfrage, insbesondere nach erschwinglichen Modellen, war entsprechend hoch. Kinder und Jugendliche wurden früh an das Musizieren herangeführt, was nicht nur der Pflege der Hausmusik diente, sondern auch geistige Fähigkeiten und schöpferisches Denken förderte. Durch seine Eignung für das Solospiel ebenso wie für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten war das Klavier ideal für das häusliche Musizieren.
Neben Großbritannien und den Vereinigten Staaten nahm Deutschland eine führende Stellung im internationalen Klavierbau ein. Im Jahr 1889 produzierten rund 380 Pianofortefabriken etwa 70.000 Instrumente. Bis 1913 stieg diese Zahl auf rund 170.000. Im gleichen Zeitraum lag die Produktion in den USA bei etwa 350.000 Klavieren, während in England rund 75.000 Stück gefertigt wurden.
Auch in Döbeln entstand eine Pianoforte-Fabrik. Ihr Gründer Friedrich Wilhelm Werner wurde am 18. Februar 1819 in Heyda bei Döbeln in bescheidenen Verhältnissen geboren. Schon als Schüler begeisterte er sich für Musik und hegte den Wunsch, das Klavierspielen zu erlernen, was ihm seine Eltern jedoch nicht ermöglichen konnten. Nach einer in Döbeln abgeschlossenen Lehre als Tischler ging er nach Dresden und entschied sich dort bewusst für eine Tätigkeit in einer Pianoforte-Fabrik.
Im Jahr 1845 kehrte Werner nach Döbeln zurück und baute unter schwierigen Bedingungen eine kleine Klavierbauwerkstatt auf. Seine solide und fleißige Arbeit fand rasch Anerkennung. Bereits 1849 berichtete die „Deutsche Gewerbezeitung und das Sächsische Gewerbe-Blatt“ lobend über ein von Werner gefertigtes Pianoforte englischer Konstruktion, das sowohl handwerklich als auch klanglich höchsten Ansprüchen genügte und mit einem kräftigen, gesangreichen Ton überzeugte.
In den 1850er Jahren entwickelte sich das Geschäft so erfolgreich, dass Werner in einem Hinterhof am Niedermarkt 19 eine kleine Pianoforte-Fabrik einrichten konnte. Im Katalog zur „IV. Gewerbe-Ausstellung zu Döbeln“ im Juli 1863 bot die Firma unter anderem einen Salonflügel, ein Piano sowie mehrere tafelförmige Pianofortes an. Zwar bestand Konkurrenz durch andere Instrumentenbauer aus Waldheim und Oschatz, doch Werners Betrieb profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung Döbelns, dessen Einwohnerzahl sich innerhalb weniger Jahrzehnte verdoppelt hatte. Am 16. Juni 1875 wurde das 1000. Instrument gefertigt. Die Klaviere fanden Absatz bis nach Chile und Madeira.
Da Werners drei Söhne früh verstarben und seine Töchter in andere Familien einheirateten, verkaufte er die Firma im Jahr 1880 an den Dresdner Kaufmann Johannes Everth. Dieser führte das Unternehmen in bewährter Weise weiter, während sich Werner zur Ruhe setzte und in die Döbelner Albertstraße zog. 1891 bezog die Pianoforte-Fabrik ein repräsentatives Geschäftshaus an der Königstraße, der heutigen Straße des Friedens. Das Gebäude war modern ausgestattet und verfügte über einen Fahrstuhl sowie eine Zentralheizung.
Klavier der Döbelner Pianoforte-Fabrik F.W. Werner. Die kunstvollen Intarsien machten die Instrumente der Firma auch zu repräsentativen Möbelstücken.*
Um 1900 fertigte die Firma jährlich etwa 100 Pianos unterschiedlicher Ausstattungsstufen, die im hauseigenen Musiksaal angeboten wurden. Neben eigenen Instrumenten vertrieb man auch Klaviere anderer Hersteller, darunter Bechstein aus Berlin. Everth setzte nicht nur auf solide Geschäftsführung, sondern auch auf technische Innovationen. So ließ er eine Spannvorrichtung für Resonanzböden patentieren, die die Schwingfähigkeit und damit den Klang der Instrumente verbesserte. Ein Streit mit seinem Stimmer und Vorarbeiter Albert Noch um die Urheberschaft dieser Idee endete zugunsten Everths.
Das Unternehmen genoss in Musikerkreisen einen ausgezeichneten Ruf. Es stellte Pianos, Flügel und Harmoniums her und wurde mehrfach mit goldenen und silbernen Staats- und Ausstellungsmedaillen ausgezeichnet. Ein Bericht zur Dresdner Ausstellung von Wohnungseinrichtungen im Jahr 1893 hob die hohe handwerkliche Qualität, die elegante Ausstattung und den vollen, sonoren Klang der Instrumente hervor. Besonders beachtet wurde die patentierte Spannvorrichtung an den Resonanzböden.
Auch optisch waren die Klaviere aus Döbeln für jedes gutbürgerliche Wohnzimmer ein Zugewinn.
Johannes Everth verkaufte seine Instrumente überwiegend direkt, bot aber auch Miete und Tausch von Flügeln an. Zudem handelte die Firma mit elektrischen Pianos und Musikwerken der Popper & Co. GmbH Leipzig. Am 1. Januar 1906 beging Everth sein 25-jähriges Jubiläum als Inhaber der Pianoforte-Fabrik. Einige Mitarbeiter hielten der Firma über Jahrzehnte die Treue, darunter der Pianofortebauer Heinrich Wilhelm, der 1907 sein 50-jähriges Arbeitsjubiläum feierte.
Nach dem Tod Johannes Everths am 3. März 1911 übernahm seine Witwe Laura Elisabeth Everth die Inhaberschaft. Trotz der krisenhaften Zeit des Ersten Weltkrieges blieb die Erfolgsbilanz des Unternehmens beeindruckend, da bis dahin rund 5.000 Instrumente gefertigt worden waren. In den Döbelner Adressbüchern war die Pianoforte-Fabrik 1925 noch verzeichnet, ab 1930 wurde sie als Musikwerke- und Pianohandlung geführt. Als Inhaber wurden Laura Elisabeth Everth und Kurt Kaufmann genannt.
Seit den 1940er Jahren wurde das Fabrikgebäude zunehmend auch zu Wohnzwecken genutzt. Die Umbauten blieben provisorisch, was sich auch in den folgenden Jahrzehnten fortsetzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Musikhandlung weiter. 1948 waren noch drei Beschäftigte tätig. Ein Antrag aus dem Jahr 1954 belegt, dass die Firma F. W. Werner, die sich mit An- und Verkauf sowie dem Verleih gebrauchter Pianos, Harmoniums, Flügel und anderer Musikinstrumente befasste, von Arno auf Bertha Everth übertragen werden sollte. Danach verliert sich die Spur des Unternehmens.
Im Jahr 1994 erwarben ein Anwalt aus Rosenheim und seine Frau das ehemalige Fabrikgebäude. Sie sanierten es grundlegend und mit großer Sorgfalt. Das denkmalgeschützte Haus bot anschließend Platz für vierzehn Wohnungen sowie eine Arztpraxis im Erdgeschoss. Die historische Fassadenbeschriftung „F. W. Werner – Pianoforte-Fabrik – Inh. Johannes Everth“ blieb gut sichtbar erhalten. Das Gebäude zählt heute zu den schönsten Häusern Döbelns und erinnert an die bedeutende Tradition des Klavierbaus in der Stadt.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 92
Zeitschrift für Instrumentenbau (1880 – 1943)
Gocht, Dieter: Friedrich Wilhelm Werner - Pianofabrik in Döbeln/Sa., 1845 – 1912. URL: https://www.dieter-gocht.de/chroniken/chroniken-w-z/werner-friedrich-wilhelm/ (07.04.2025)
Helm, Eva-Maria: Piano-Fabrik Werner. Sachsenkurier Jan. 1998, S. 3
Bildnachweis:
Filigraner Aufbau - Steinway-Flügel mit fächerförmiger Saitenanordnung, zwischen 1891 und 1892 (unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons)
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeige 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Grafische Darstellung Klavierherstellung KI-gestützt generiert
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