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Döbelner Fassfabrik

Historische Abbildung - Arbeitsalltag in einer Böttcherwerkstatt (um 1820)*

Die Döbelner Fassfabrik wurde im Jahr 1850 von Gustav Schauer in der Sörmitzer Straße gegründet, obwohl in Döbeln zu diesem Zeitpunkt bereits 14 Böttcherhandwerksmeister ansässig waren. Schauer stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe Döbelns und wuchs in armen Verhältnissen auf. Er erlernte das Böttcherhandwerk und gelangte durch Heirat in den Besitz einer kleinen Landwirtschaft, die ihn tagsüber in Anspruch nahm. Nach der Arbeit auf dem Feld widmete er sich dem Fassmacherhandwerk. Die hohe Qualität seiner Arbeit sprach sich rasch herum, sodass er immer mehr Aufträge zur Herstellung von Fässern, Kühlschiffen und Bottichen erhielt.

Der Betrieb wuchs schnell und erlangte einen ausgezeichneten Ruf. Bedeutende Großaufträge folgten: Die Berliner Aktienbrauerei bestellte Fässer im Wert von 35.000 Talern, die Aktienbrauerei in Stockholm für 28.000 Taler und die Frydenlundsche Aktienbrauerei in Christiania für 36.000 Taler. Darüber hinaus belieferte Schauer zahlreiche weitere Brauereien, darunter die Felsenkellerbrauerei im Plauenschen Grunde bei Dresden, die Aktienbrauerei zu Schlosschemnitz bei Chemnitz, die Vereinsbrauerei in Leipzig, die Aktienbrauerei in Plauen, die Sozietätsbrauerei „Zum Waldschlößchen“ bei Dresden, die Aktienbrauerei in Coburg, die Sozietätsbrauerei in Gorkau bei Breslau, die Brey’sche Aktienbrauerei in Mainz, die städtische Brauerei in Hannover, die englische Brauerei in Celle sowie die Brauerei von F. Ettler in Weißenfels. Auch international war die Döbelner Fassfabrik tätig und lieferte unter anderem an die Petersburger Brauerei von Louis Fritze & Comp. in Russland sowie an die Brauerei von Faltin in Riga.

Fassfabrik von Gustav Schauer in der Sörmitzer Straße in Döbeln (Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, 1856, Public domain, via Wikimedia Commons) Die Fabrik liegt in der Nähe der Freiberger Mulde. Zum Areal gehören das Wohnhaus Schauers mit Kontor und angebautem Stallgebäude für Pferde und Kühe, zwei Arbeitsgebäude, ein Schuppen und eine Scheune. Des Weiteren werden ein Garten und Felder bewirtschaftet. Von einem Felsvorsprung im hinteren Bereich des Grundstücks hat man eine gute Aussicht auf die Stadt Döbeln.
Medaille für verdienstvolle Gewerbetreibende

Während Schauer im Jahr 1854 noch mit 25 Gesellen arbeitete, stieg die Zahl der Beschäftigten 1856/57 auf 50 bis 60 und 1858/59 bereits auf etwa 150 Arbeiter. Aus der ursprünglichen Werkstatt entwickelte sich eine Manufaktur. Für seine Verdienste um das Gewerbe erhielt der Firmengründer 1859 eine Verdienstmedaille. Auf deren Vorderseite war der „Genius des Friedens“ mit der Inschrift „Unter dem Fittige des Friedens erblühen die Gewerbe“ dargestellt, während man auf der Rückseite von Eichenlaub umschlungen die Worte „Für den Verdienst um Gewerbe“ lesen konnte.

Die Produktionszahlen verdeutlichten die Leistungsfähigkeit des Betriebes: Im Jahr 1857 wurden Gefäße mit einem Gesamtvolumen von 210.000 Eimern gefertigt, 1858 waren es 160.000 Eimer und 1859 noch 120.000 Eimer, wobei ein Eimer 70 Litern entsprach. 1861 lieferte die Fassfabrik das größte Fass ihrer Geschichte an den Auerhammer bei Schneeberg. Es war für ein Gasometer bestimmt und fasste 4.733 Eimer, also rund 1.300 Eimer mehr als das berühmte Heidelberger Fass. Die Fertigstellung dieses außergewöhnlichen Werkes wurde mit einem Fest auf dem Obermarkt gefeiert.

Gustav Schauer verstand es, sein Unternehmen wirkungsvoll in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er führte sogenannte Böttcherumzüge ein, bei denen seine Gesellen einmal jährlich verkleidet von der Sörmitzer Straße zur Schießwiese, dem heutigen Steigerhausplatz, zogen. Dort führten sie Reifentänze auf und präsentierten ihre Erzeugnisse. Auf dem Festplatz stand ein großes Fass, in dem gespeist werden konnte, während Musikanten zum Tanz aufspielten.

Ölbild "Schäfflertanz" v. H. Taefflinger zeigt einen Reifenschwinger vor dem Haus des damaligen Bürgermeisters Schwabe auf einem 210-Liter-Faß, unten mittig handschr. signiert "H. Taeffltnger pinxit 1858", 70 x 90 cm (Stadtmuseum Döbeln)

Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es der Firma, einen eigenen Lagerschuppen am Bahnhof Bauchlitz zu errichten. Die Fabrik verfügte über fünf Nietmaschinen, die durch Menschenkraft betrieben wurden. Im Jahr 1861 beschäftigte das Unternehmen 65 Böttcher sowie 15 Zimmerleute, Stellmacher und weitere Handwerker. Die Löhne galten als gut; 1870 lagen sie zwischen acht und neun Talern pro Tag.

Emsige Betriebsamkeit auf dem Hof der Fassfabrik, 1861*

Nach dem Tod Gustav Schauers ging die Firma 1887 an Curt Adolf Voigt über und firmierte fortan als „Döbelner Fassfabrik von A. Voigt – Fabrik für Bottiche, Lager- und Transportfässer und Fassholzhandlung“. In den 1880er und 1890er Jahren spielte Bernhard Schwerdtfeger eine zentrale Rolle im Unternehmen. Als Prokurist war er zeichnungsberechtigt und maßgeblich für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich. Auf einer Geschäftsreise lernte er den Erfinder des Brauerpechs, Gustav Engelrath, kennen. Da Brauerpech notwendig war, um Eichenfässer abzudichten und Geschmacksbeeinträchtigungen des Bieres zu verhindern, erkannte Schwerdtfeger dessen Bedeutung für den Absatz. 1890 versuchte er sich mit der „Döbelner Patent-Siederei Otto & Schwerdtfeger“ selbst als Unternehmer in dieser Branche.

Anschreiben aus dem Jahr 1887 mit dem die Geschäftsübernahme durch Curt Ad. Voigt bekanntgegeben wird.

Aber es gab auch Rückschläge und Schwierigkeiten. Am 16. Dezember 1892 zerstörte ein Großfeuer in der Sörmitzer Straße rund 2.000 Fässer der Fabrik. Am 25. November 1899 begann ein mehrmonatiger Streik der Böttcher, der von der Gewerkschaft und der SPD unterstützt wurde. Die Arbeiter konnten schließlich eine Lohnerhöhung von 20 Prozent durchsetzen. Gutes Geld für gute Arbeit, war sicher das Motto der tariflichen Auseinandersetzung. Die Investition in die Mitarbeiter lohnte sich. Er Erfolg der Firma beruhte maßgeblich auch auf dem Fleiß seiner Arbeiter. Sicher auch deshalb konnte die Firma 1901 das 68.000. Lagerfass versenden.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1910 (Darstellung der Fabrik in der Döbelner Feldstraße)

In den Jahren 1902/03 übernahm der Achsenfabrikant Wilhelm Haupt das Unternehmen. Unter seiner Leitung erlebte die Fassfabrik einen Aufschwung. Neben großen Fässern und Bottichen fertigte man nun auch Kühlschiffe, Fässer für Photogenfabriken, Bassins für Gasbereitungsanstalten sowie – als erste Firma im Deutschen Reich – Laugentürme für die Zellulose- und Papierindustrie mit Höhen von 35 bis 40 Metern. Das Absatzgebiet erstreckte sich zunächst über ganz Sachsen, später über Deutschland hinaus bis in zahlreiche europäische Länder, darunter Belgien, Holland, Schweden, Russland, Polen, Österreich-Ungarn, Rumänien und die Schweiz.

Alle Gewerke, die Holz verarbeiten, haben einen großen Feind – das Feuer. Am 1. Januar 1904 wurden viele Maschinen der Fassfabrik in der Sörmitzer Straße durch einen Brand zerstört. Wilhelm Haupt verlegte den Betrieb daraufhin in einen Neubau in der Feldstraße 17 und investierte in moderne Maschinen. Dadurch wurden nur noch wenige gelernte Böttcher benötigt; stattdessen übernahmen Arbeiter und hochqualifizierte Monteure, die die Maschinen bedienen und warten konnten, die Produktion. Aus der Manufaktur wurde endgültig eine Fabrik mit industriellen Fertigungsmethoden. Ein Vorteil des neuen Standorts war die Nähe zum Hauptbahnhof, da der Transport riesiger Fässer und Bottiche durch die Stadt zuvor zwar eine Attraktion, betriebswirtschaftlich jedoch ungünstig gewesen war.

Einige Gebäude der Fassfabrik existieren heute noch in der Feldstraße und werden zu Wohnzwecken genutzt (Foto: 2023).

1905 bestellte eine Zellulosefabrik in Mannheim, die heutige BASF, sieben Bottiche mit jeweils 5.000 Hektolitern Fassungsvermögen. Jeder Bottich war sieben Meter hoch, besaß unten eine lichte Weite von 9,20 Metern und oben von zehn Metern. Die gebogenen Dauben aus slawonischer Lärche waren 100 Millimeter stark, die Böden 162 Millimeter. Zehn eiserne Reifen hielten jeden Bottich zusammen. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zählte die Döbelner Fassfabrik zu den bedeutendsten Unternehmen ihrer Branche.

1918 starb Wilhelm Haupt im Alter von 64 Jahren. Der Tod des Inhabers ging einher mit einer Krise in der Branche. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Nachfrage nach Holzfässern deutlich zurück. Bier wurde zunehmend in Fässern aus Stahl, Aluminium oder Beton gelagert. Kleinere Brauereien wurden von Großbrauereien übernommen, die meist über eigene Fasszulieferer verfügten. Die Lieferung von Fässern aus Döbeln nach Leipzig oder Dresden war wirtschaftlich nicht mehr rentabel.

In den Jahren 1928/29 wurde der Betrieb schließlich eingestellt. Nach 79 Jahren endete damit die Geschichte der Döbelner Fassfabrik, die in ihren besten Zeiten zu den größten ihrer Art in Deutschland gezählt hatte. Die Gebäude in der Feldstraße wurden von Arno Schönfeld übernommen, der mit seiner Zuckerwaren-, Marzipan- und Mandelpräparatefabrik expandieren wollte. Den alten Standort in der Sörmitzer Straße nutzte über viele Jahre der Stadtbauhof.

Nach der Schließung der Fassfabrik bestanden in Döbeln nur noch wenige Böttcherbetriebe, die meist in kleinen Werkstätten arbeiteten. In den 1930er Jahren gehörten dazu unter anderem Louis Geßner in der Dresdner Straße 48, Franz Herbst in der Marktstraße 11, Julius Ihle in der Schießhausstraße 20 sowie Robert Ueberschär am Viadukt, später Staupitzsteg 3. Der letzte Betrieb, der in Döbeln noch Fässer und Bottiche herstellte, war die Werkstatt von Max Hälßig in der Mastener Straße 32.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 92
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 92ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Friedel, Günter: Nach Böttcherumzug schmausen im großen Fass. DAZ 18.09.2001
Wolf, Matthias: 5000 Hektoliter in einem Bottich. In: DA 23.03.2005

Bildnachweis:
Fassfabrik 1861 – Stadtarchiv Döbeln
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Fassherstellung KI-generiert