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Hochwasser

Jahrhundertflut, Jahrhundertwinter und andere außergewöhnliche Ereignisse in unserer natürlichen Umwelt sind gebräuchliche Schlagworte der Sensationspresse. Frisch in der Erinnerung sind uns die Schreckensbilder von der Überschwemmungskatastrophe vor wenigen Monaten im Oderbruch. Heute werden die Ursachen für solche Geschehnisse heim unvernünftigen Umgang mit der Natur durch die Menschen von Heute gesucht, doch waren auch früher harmlose Gewässer unberechenbar. Kein Landstrich ist gegen Naturgewalten gefeit, wenn auch Dämme, Deiche und Speicherbecken die Gefahr von Überflutungen beträchtlich mindern.

An einer Steintafel am Wohnhaus der Staupitzmühle, deren Besitzer unser VF Werner Braun ist, kann man ablesen, wie sich die Freiberger Mulde, meist ein eher frommes Flüßchen, in völlig anderen Dimensionen den Bürgern der Stadt offenbart hat. Als reißender Strom und wie ein unersättliches Ungetüm überschwemmte sie einige Male Hab und Gut der Bewohner im Kernbereich der Stadt.

Steintafel
Steintafel an der Staupitzmühle

Der auf der Tafel bei weitem höchste Wasserstand wurde vor genau 100 Jahren, am 31. Juli 1897 gemessen. Der Markierungsstrich befindet sich heute 2,58 Meter über Oberkante Gehweg am Mühlenwohnhaus. Ursprünglich befand sich diese Tafel am Torwärterhäuschen, welches diesen Bereich der Ritterstraße bis 1976 in Braugasse und Fußweg am Salzgraben aufteilte. Bei den baulichen Veränderungen hat VF Braun dankenswerterweise diese Tafel geborgen und in gleicher Höhe gegenüber dem ehemaligen Platz wieder angebracht.

Durch Wolkenbrüche in den Hundstagen vor einem Jahrhundert im Raum Freiberg kam es zu einem starken Anstieg des Muldenpegels innerhalb weniger Stunden. Die Regenfluten führten Getreidegarben, Astwerk und bewegliche Habe von den Anwohnern des Flußbereiches dem Hauptstrom zu.

Überfluteter NiedermarktAls die Mulde einen sehr hohen Stand im Bereich des heutigen Grunersportparkes erreichte, zerstörte sie die dort verankerten hölzernen Bauwerke des damaligen Mulden-Flußbades. Diese Unmasse von sperrigem Treibgut strömte nun auf die Stadt zu. Wie zu erwarten, verstopften dadurch die Brückenbögen der Oberbrücke innerhalb kürzester Zeit. Da half auch keine noch so tatkräftige Gegenwehr der Döbelner Feuerwehr und der vielen freiwilligen Helfer.

Die im Jahre 1537 gebaute steinerne Brücke mit ihren drei Bögen begrenzte den natürlichen Durchlaß des Flusses erheblich. Erst die 1913 gebaute zweibögige Brücke, welche im Auftrag der Stadtverwaltung Döbeln in diesem Jahre einer grundhaften Verjüngungskur unterzogen wurde, verschaffte der Freiberger Mulde den notwendigen "Freiraum". Innerhalb kürzester Zeit stieg an der Verstopfungsstelle der Wasserspiegel auf fünf Meter und die Fluten konnten ihren zerstörenden Lauf in die Innenstadt nehmen.

Mit Kähnen mußten Menschen gerettet werden, deren Häuser durch die Wassereinwirkung zusammenbrachen. Glücklicherweise verunglückte damals nur ein Mensch tödlich. Die materiellen Schäden waren beträchtlich. Nach dem Rückgang der Fluten halfen Riesaer Pioniere des 139. Infanterie-Regimentes den Einwohnern bei den Aufräumungsarbeiten.

Hochwassser auf dem Niedermarkt
Hochwassser auf dem Niedermarkt

VF Braun berichtet, daß seine Großmutter, die damals im Erdgeschoß des Mühlenhauses wohnte, nach Rückgang des Hochwassers feststellen mußte, daß an der Zimmerdecke Brötchen klebten. Übrigens verzeichnete man schon damals eine Art "Katastrophentourismus". Schaulustige aus der Oberstadt zeichneten dafür verantwortlich. Größere Überschwemmungen, manchmal auch mit Eisgang, gab es vor allem in den Jahren 1954, 1958 und 1974, die Erschwernisse für die Bürger brachten, aber keine erreichte die Werte von 1897.

Dieter Tennert / Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 13
November 1997