Vogelwelt

Viele Vögel sind schon weg - die Vogelwelt Döbelns gestern und heute

Beim Döbelner Heimatforscher Dr. Reinhold Herrmann nachzulesen, lohnt sich immer. Vor einigen Jahren beschäftigten wir uns näher mit seinem „Baumbuch der Amtshauptmannschaft Döbeln (1937) und statteten den damals von ihm beschriebenen Baumriesen im Jahr 2020 erneut einen Besuch ab. Fünf Jahre später wollen wir uns einer kleinen Schrift Dr. Herrmanns widmen, die er 1927 unter dem Titel „Die Vogelarten des Bezirkes der Städte Döbeln, Waldheim und Roßwein“ herausgab. Gemeinsam mit Dr. med. Handmann (Döbeln), dem Revierförster Wobst (Mahlitzsch), Friedhofsinspektor Salveter (Waldheim), Oberlehrer i.R. Hiller und dem Lehrer i.R. Edlich (beide Roßwein) überreichte Dr. Herrmann als Vertreter des „Vereins für Naturfreunde mit Sektion Vogelschutz“ seine Schrift dem „Verein sächsischer Ornithologen“, der vom 09.-11. April 1927 seine 10. Tagung in Döbeln durchführte, als herzlichen Willkommensgruß.

In der Veröffentlichung nahmen sich die genannten Herren vor, eine „Liste der in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten um Döbeln, Roßwein und Waldheim beobachteten Vogelarten vorzulegen“. Dabei unterschied man zwischen regelmäßigen Bewohnern des Gebietes, häufig anzutreffende Vogelarten, selteneren Vögeln des Beobachtungsgebietes und Vogelarten, deren Anwesenheit nur vermutet werden konnte.

Die Auflistung beginnt jeweils mit dem lateinischen Namen des Vogels, ergänzt vom deutschen Namen. Bei einigen Vögeln werden noch genauere Angaben zum Beobachtungsort oder zur Auffindesituation gemacht. Des Weiteren führt man manchmal aus, welche Sammlung das präparierte Tier aufnahm.

Einige Beispiele sollen das illustrieren. Neben der Benennung der Vögel wird oft auch ausgeführt, wo man diese angetroffen hat, wie sich der Bestand entwickelt hat, welches Gefährungspotenzial es gibt und in welcher Sammlung geschossene oder tot aufgefundene Vögel als Präparate ein „zweites Leben“ erhielten. In Döbeln waren die biologische Sammlung des Staatsrealgymnasiums und die private Sammlung von Dr. Handmann erste Adressen.

Eisvogel (Boris Smokrovic borisworkshop, CC0, via Wikimedia Commons)

An der Freiberger Mulde, Zschopau, Striegis namentlich in der kalten Jahreszeit eine nicht gerade seltene Erscheinung. Brutpaare z.B. an der Zschopau bei Heiligenborn-Waldheim, im Töpelwinkel, im Zweiniger Grunde, an der Striegis bei Böhrigen. Der Bestand soll namentlich infolge der Errichtung zahlreicher Zellstoffabriken an unseren Flüssen und des dadurch veranlaßten Rückganges der Fischhäufigkeit stark vermindert worden sein.

Ein 1902 im Zweiniger Grunde erlegter F. befindet sich in der biologischen Sammlung des Staatsrealgymnasiums. Er wird alljährlich bei Meinsberg-Waldheim beobachtet (Salv.)

Im Jahre 1918/19 wurden zwei Wanderfalken (Männchen und Weibchen) von einem Bauern in Massanei-Waldheim im Mardereisen gefangen (Sammlung v. Salv.). Ein Exemplar wurde 1914 an der Limmritzer Eisenbahnbrücke tot aufgefunden (Hdn.).

Fischadler (MartinD62, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons), Wanderfalke (Carlos Delgado, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Ist früher bei Jagden in der Lommatzscher Pflege erlegt worden, wo er vielleicht einst Brutvogel war. Nächste Brutgebiete: bei Weißig zwischen Riesa und Großenhain, Dobrilugk.

Zwei W. –das eine am 19.10.23, das andere am 15.4.25– im Stadtgebiet von Döbeln tot resp. verletzt aufgefunden, in Dr. Hdn.‘s Sammlung, eine dritte W. in der biologischen Sammlung des Staatsrealgymnasiums, ferner eine W. 1918 in Roßwein erlegt.

Großtrappe (www.volganet.ru, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons), Wasserralle (Joachim Kohler Bremen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Am 10.9.1922 wurde ein im Döbelner Stadtgebiet verunglückter K. an Dr. Hdn. abgeliefert.

Kampfläufer
(Arjan Haverkamp, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Ein Schw. wurde im Mai 1900 bei dem vergeblichen Versuche, aus dichtem Unterholze in der Nähe des Schafteiches im Zweiniger Grunde aufzufliegen, von einem Jagdhunde totgebissen. Ein zweiter Schw. ist bei der Lochmühle (oberhalb Waldheims) erlegt worden (Salv. im Besitze des Balges).

Schwarzstorch (Rufus46, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Sehen wir uns nun die dreigliedrige Struktur der Vogelstudie Dr. Herrmanns etwas genauer an, der zwischen häufig anzutreffenden, eher seltenen Vögeln und solchen, deren Anwesenheit man nur vermutete, unterschied.

Als regelmäßige Bewohner des Gebiets werden folgende Vögel benannt:

Kuckuck, Wendehals, großer und kleiner Buntspecht, Grünspecht, Mauersegler, Rauchschwalbe, Uferschwalbe, Mehlschwalbe, grauer Fliegenschnäpper, rotrückiger Würger (Neuntöter), Rabenkrähe, Nebelkrähe, Saatkrähle, Eichelhäher, Pirol, Star, Haussperling, Feldsperling, Buchfink, Grünfink, Hänfling, Stieglitz, Grauammer, Goldammer, Baumpieper, weiße Bachstelze, Feldlerche, Haubenlerche, Gartenbaumläufer, Spechtmeise (Kleiber), Kohlmeise, Blaumeise, Tannenmeise, Sumpfmeise, Haubenmeise, Schwanzmeise, Wintergoldhähnchen, Zaunkönig, Heckenbraunelle, Gartengrasmücke, Dorngrasmücke, Zaungrasmücke, Mönchsgrasmücke, Waldlaubsänger, Fitislaubsänger, Weidenlaubsänger (Zilpzalp), Gartenspötter, Singdrossel, Amsel, Hausrotschwanz, Gartenrotschwanz und Rotkehlchen

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Als seltenere Vögel des Beobachtungsgebietes nennen die Hobbyornithologen:

Nordseetaucher, Zwergsteißfuß, Lachmöwe, Tafelente, Schellente, Stockente, Krickente, Graugans, Ringelgans, Singschwan, Goldregenpfeifer, Flußregenpfeifer, Kiebitz, Triel, Alpenstrandläufer, Flußuferläufer, Kampfläufer, Dunkler Wasserläufer, Heller Wasserläufer, Sumpfschnepfe, Waldschnepfe, Großtrappe, Wasserralle, Wiesenralle, Tüpfelsumpfhühnchen, Bläßhuhn, Grünfüßiges Teichhuhn, Weißstorch, Schwarzstorch, Große Rohrdommel, Zwergrohrdommel, Grauer Fischreiher, Jagdfasan, Rebhuhn, Wachtel, Birkhuhn, Ringeltaube, Hohltaube, Turteltaube, Hühnerhabicht, Sperber, Mäusebussard, Raufußbussard, Wespenbussard, Roter Milan, Fischadler, Wanderfalke, Baumfalke, Turmfalke, Waldohreule, Sumpfohreule, Waldkauz, Steinkauz, Schleiereule, Schwarzspecht, Mittlerer Buntspecht, Grauspecht, Eisvogel, Blaurake, Wiedehopf, Nachtschwalbe, Seidenschwanz, Trauerfliegenschnäpper, Raubwürger, Deutsche Dohle, Elster, Dünnschnäbliger Tannheher, Kernbeißer, Bergfink, Birkenzeisig, Erlenzeisig, Girlitz, Dompfaff (Gimpel), Fichtenkreuzschnabel, Gartenammer, Wiesenpieper, Gebirgsstelze, Schafstelze, Sperbergrasmücke, Teichrohrsänger, Sumpfrohrsänger, Schilfrohrsänger, Heuschreckenrohrsänger, Wasserstar, Weindrossel, Misteldrossel, Wacholderdrossel, Ringamsel, Steinschmätzer, braunkehliger Wiesenschmätzer, schwarzkehliger Wiesenschmätzer, weißsterniges Blaukehlchen, Nachtigall

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Als Vogelarten, deren Anwesenheit vermutet wird, nennt man:

Waldbaumläufer, Sommergoldhähnchen und Weidenmeise

3

Dr. Herrmann lud regelmäßig zu heimatkundlichen Wanderungen ein.

Dr. Herrmann gibt die Gesamtzahl der im Beobachtungsgebiet festgestellten Arten mit 150 an. Er setzt diese Zahl ins Verhältnis zu den 269 Vogelarten, die Richard Schlegel in seinem Standardwerk „Die Vogelwelt des nordwestlichen Sachsenlandes“ nachweisen konnte und sieht die Gründe für die geringere Artenzahl in Döbeln und Umgebung in der „relativen Kleinheit des Gebietes“ und der „landschaftliche[n] Gleichförmigkeit“. Unserer Heimat würden große stehende Gewässer, Ströme und Sümpfe fehlen, wodurch z.B. die artenreiche Schwimm- und Stelzenvogelwelt vielfach nicht existent wäre. Auch schien schon damals der Zusammenhang zwischen intensiv betriebener Landwirtschaft und zurückgehender Biodiversität bekannt. Ackerbau und Waldwirtschaft, immer weniger Brachland hätten eine „Kultursteppe“ hervorgebracht. „Der Mensch hat hier dem Pflanzenleben seinen Willen aufgezwungen und das Gleiche gilt vom Tierreiche. Es ist das Vogelleben der Landschaften mit intensiver Bodenkultur, welches die Liste uns vor Augen stellt.“ Der folgende, fast schon etwas verzweifelt klingende Satz ist ein schwacher Trost: „Aber ist es auch arm an Arten, so ist es trotzdem nicht arm an Schönheit, an frischem Leben […].“

Gleich am Beginn seiner Schrift gibt Dr. Herrmann seiner Hoffnung Ausdruck, dass der vorgelegte Überblick Grundlage für weitere Beobachtungsarbeit sein soll. Diesen Gedanken haben wir aufgegriffen und die Schülerinnen und Schüler unserer 9. Klassen im Schuljahr 2024/25 im Rahmen des Biologieunterrichts mit einem Vogelbeobachtungsprojekt beauftragt. Wir wollten wissen, wie sich die Vogelwelt in der Zeit von 1927 bis 2025 verändert hat. Knapp 100 Jahre später untersuchten also über 100 Neuntklässler die Vogelwelt der Döbelner Region. Sie nutzten hierfür modernes Equipment. Waren die Herren Herrmann, Handmann und Co. noch ausschließlich auf ihr Fernglas angewiesen, konnten unsere Schüler ihr Smartphone und die App „BirdNET“ nutzen. Die App erkennt Vogelstimmen mithilfe künstlicher Intelligenz und wurde von der Cornell University und der Technischen Universität Chemnitz entwickelt. Sie analysiert Audioaufnahmen von Gesang und Rufen, um Vogelarten zu identifizieren und liefert Ergebnisse basierend auf der Sicherheit des Algorithmus. Auf diese Weise kann man Vögel sicher bestimmen, auch wenn man sie gerade nicht sieht, sondern nur hört.

Einblicke in das Projekt "Regionale Vogelwelt"

Ausgewählte Lageskizzen der Beobachtungsbiete

Ausgewählte Beobachtungsprotokolle

Ausgewählte Balkendiagramme zur Veranschaulichung der Vogelbeobachtungen

Bei dem Projekt „Regionale Vogelwelt erfassen und ökologisch bewerten“ ging es den verantwortlichen Biologielehrerinnen Judith Möbius und Petra Rentsch allerdings nicht nur um eine statistische Erfassung der Vögel. Die Schüler waren aufgefordert, sich für einen speziellen Lebensraum der Vögel zu entscheiden. Zur Wahl standen Wald, Wiese, Garten, Hecke und Feldrand. Zum Beobachtungsgebiet fertigten die Schüler eine Skizze an, dokumentierten Besonderheiten und machten Fotos. Über einen Zeitraum von vier Wochen suchten sie an mind. drei Tagen pro Woche für mind. 20 Minuten ihr Beobachtungsgebiet auf und erstellten eine Liste, welche Vögel sie wie oft sahen oder hörten. Zur Veranschaulichung wurde ein Balkendiagramm erstellt. Die Lebensräume wurden hinsichtlich ihrer Vogeltauglichkeit bewertet. Abschließend unterbreiteten die Schülerinnen und Schüler jeweils drei Vorschläge zum Schutz und zur Förderung der regionalen Vogelwelt.

Elf Schülerinnen und Schüler der aktuellen Jahrgangsstufe 10 referierten am 26. November 2025 in der Aula des Gymnasiums die Ergebnisse des ornithologischen Projekts, das sie im vergangenen Schuljahr durchgeführt hatten.

Das alles könnte man jetzt im Detail vorstellen und zum Gegenstand machen, was sicher auch interessant wäre. Wir wollen uns allerdings auf ein Frage beschränken, die für mich bei der Auswertung der Daten die spannendste war: Wie viele von den 150 Vogelarten, die Dr. Herrmann und seine Helfer beobachten, gibt es noch heute? Sind die 1927 regelmäßig vorkommenden Vogelarten immer noch häufig anzutreffen? Gibt es die damals eher seltenen Vogelarten heute überhaupt noch? Fragen über Fragen. Hier die Antworten:

Häufig von unseren Schülern bestimmt wurden:

Buchfink, Grünfink, Wintergoldhähnchen, Kohlmeise, Blaumeise, Stieglitz, Amsel, Girlitz, Hausrotschwanz, Goldammer, Haussperling, Nebelkrähe, Rabenkrähe, Feldsperling, Sommergoldhähnchen, Türkentaube, Elster, Bluthänfling, großer und kleiner Buntspecht, Türkentaube, Heckenbraunelle, Zilpzalp (Weidenlaubsänger), Gartenrotschwanz, Rotkehlchen

21 (1927: 53)

Selten von unseren Schülern bestimmt wurden:

Star, Weißstorch, Kleiber (Spechtmeise), Ringeltaube, Turmfalke, Gartenbaumläufer, Wacholderdrossel, Mäusebussard, Mönchsgrasmücke, Feldlerche, Zaunkönig, Bachstelze, Blässhuhn, Gimpel (Dompfaff) , Roter Milan, Grünspecht, Klappergrasmücke, Nilgans, Rauchschwalbe, Teichrohrsänger, Kernbeißer, Waldbaumläufer, Gebirgsstelze, Kanadagans, Eichelhäher, Graureiher (Fischreiher), Stockente, Schwan (Höckerschwan), Eisvogel, Mauersegler, Schwarzspecht, Schwanzmeise, Fitis (Fitislaubsänger), Sumpfmeise, Singdrossel, Haubentaucher, Kolkrabe, Rahmbauchdrossel, Hohltaube, Misteldrossel, Bergfink, Rohrammer, Waldkauz, Wasserralle, Dohle, Erlenzeisig, Saatkrähe, Schwarzmilan, Weidenmeise, Gelbspötter (Gartenspötter), Nachtschwalbe, Weidensperling, Fichtenkreuzschnabel, Pirol, Waldwasserläufer, Rotdrossel, Mehlschwalbe, Spornammer, Rotkappen-Waldsänger, Trauerfliegenschnäpper, Kuckuck, Gartengrasmücke, Kiebitz, Schafstelze, Haubenmeise, Reiherente, Blaukehlchen, Tannenmeise, Grauschnäpper, Waldohreule, Schwarzkehlchen (schwarzkehliger Wiesenschmätzer), Schwanzmeise, Silberreiher, Wiesenpieper, Grauammer, Wiedehopf, Rohrweihe, Habicht, Heidelerche, Braunkehlchen (braunkehliger Wiesenschmätzer), Krickente, Neuntöter, Flussuferläufer, Teichhuhn (Teichralle), Wintergoldhähnchen, Sommergoldhähnchen

86 (1927: 94)

Bevor wir die vergleichenden Betrachtungen etwas genauer auswerten, gehört sich ein Blick auf die Unschärfen, die man bei der Bewertung unserer Untersuchungen bedenken muss. Natürlich ist der Vergleich nicht wirklich repräsentativ und auch nicht abschließend empirisch abgesichert. Man muss auf alle Fälle bedenken, dass Dr. Herrmann und seine fünf Mitstreiter 1927 mit Roßwein, Waldheim und Döbeln auf eine größere Region blickten als unsere Neuntklässler 2025, die in Döbeln, teilweise auch in Roßwein, aber eher selten in Waldheim ihre Vogelbeobachtungen unternahmen.

Auf alle Fälle ist auch die Expertise der Akteure unterschiedlich. Dr. Handmann, Revierförster Wobst, Friedhofsinspektor Salveter und die Lehrer Hiller, Edlich und Dr. Herrmann waren teilweise studierte Biologen und Hobbyornithologen mit langjähriger Erfahrung. Das kann man von unseren Neuntklässlern nicht sagen. Die hatten allerdings nun wieder einen entscheidenden Vorteil. Während die sechs Herren 1927 auf ihr Gehör und auf ein Fernglas angewiesen waren, nutzten die Gymnasiasten Vogelbestimmungsapps, bei denen es ausreicht, die Vogelstimme aufzunehmen. Auch wenn man den Vogel im Dickicht gar nicht sieht, bestimmt die App mittels künstlicher Intelligenz relativ sicher die Vogelart. Dr. Herrmann und Co. wären von diesem technischen Hilfsmittel sicher begeistert gewesen.

Einschränkend muss zu unseren vergleichenden Betrachtungen weiterhin gesagt werden, dass die Häufigkeit des Vorkommens in der Zusammenschau aller Beobachtungen der über 100 Schülerinnen und Schüler nur geschätzt wurde. Eine exakte Zählung wäre spannend, aber eben auch ein statistisches Großprojekt für das sich hoffentlich demnächst ein Schüler der Oberstufe im Rahmen einer „Besonderen Lernleistung“ erwärmt. Nach einer solchen exakten Auswertung könnte man noch genauere Aussagen zum Vogelbestand der Region Döbeln im Jahr 2025 machen.

Trotz dieser Unwägbarkeiten kann man -mit etwas Mut- auf der Basis unserer Untersuchungen einschätzen, dass die Zahl der Vogelarten in der Region Döbeln in den vergangenen 100 Jahren um ca. 1/3 abnahm. Die Zahl der häufig vorkommenden Vogelarten ging besonders stark zurück, halbierte sich fast. Besonders deutlich ist der Rückgang bei Hühner-, Wasser- und Raubvögeln. Diese Ergebnisse decken sich mit Untersuchungen von Wissenschaftlern, die besonders für die letzten dreißig Jahre valide Daten liefern können.

  1927 2025
nachgewiesene Vogelarten 150 107
häufig anzutreffende Vogelarten 53 21
selten anzutreffende Vogelarten 94 86

Lars Lachmann veröffentlichte unter dem Titel „Das große Vogelsterben: Faktum oder Fake?“ 2017 eine Zusammenschau des Forschungsstands.

Wie keine andere Gruppe von Lebewesen wurde in den letzten Jahren die heimische Vogelwelt untersucht. Die Bundesregierung muss alle sechs Jahre der EU-Kommission über die Lage aller Vogelarten in Deutschland Bericht erstatten, damit diese einschätzen kann, wie nachhaltig die Vogelschutzrichtlinie der EU in Deutschland umgesetzt wird. Der Bericht von 2013 enthält für jede Vogelart eine Bestandsschätzung für das Jahr 2009 sowie Daten zur Entwicklung des Bestands in den letzten 12 und in den letzten 25 Jahren. Die Datenlage ist durch mit staatlicher Unterstützung durchgeführter Monitoring-Programme des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) hervorragend. Tausende ehrenamtliche Vogelkundler haben diese Daten gesammelt, die 2015 auch im „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ veröffentlicht wurden.

Die Ergebnisse zeigen teilweise Erstaunliches. So nahmen im Zeitraum von 1998 bis 2009 27% der Vogelarten im Bestand zu, 26% ab und bei 46% war kein klarer Trend zu erkennen. Kann man sich also beruhigt zurücklehnen? Eher nicht. Sieht man sich die Zahlen genauer an, erkennt man eine Zunahme bei den eher seltenen Vögeln und eine Abnahme bei den häufigeren. Lachmann schätzt ein: „Das heißt im Klartext: Unseren seltensten Brutvogelarten geht es ziemlich gut, schlecht sieht es aber bei den Vogelarten aus, die man eigentlich in großer Zahl flächendeckend im Land erwarten würde.“ (S. 15) Es ist natürlich schön, dass es den Kranich- und Seeadlerbeständen (Bestandswachstum von 1998 bis 2009 um 400%) durch die Ausweisung von Schutzgebieten und einen strengen Schutz der Arten wieder besser geht, nur sollte das nicht den Blick dafür trüben, dass das Vogelsterben flächendeckend bei den Vogelarten stattfindet, die unsere Landschaft eigentlich durch die Häufigkeit ihres Vorkommens prägen sollten. Allein im Zeitraum von 1998 bis 2009 hat der Bestand von Brutpaaren in Deutschland um 12,7 Mio. abgenommen. Negativer Spitzenreiter ist der Star, dessen Bestand von 6,1 Mio. Brutpaaren auf 3,5 Mio. eingebrochen ist. Auch Feldlerche (Rückgang des Bestands von 1998 bis 2009 um 34%), Grünfink, Goldammer, Kiebitz (Rückgang des Bestands von 1998 bis 2009 um 75%) und Rebhuhn (Rückgang des Bestands von 1998 bis 2009 um 94%) gehören zu den Verlierern.

Star (Marek Szczepanek, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons), Feldlerche (Marek Szczepanek, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons), Goldammer (Martin Mecnarowski, http://www.photomecan.eu/, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons), Grünfink (Martin Kunz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons), Kiebitz (Luiz Lapa from Oeiras, Portugal, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons), Rebhuhn (Marek Szczepanek, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Betrachten wir den Indikator „Artenvielfalt“ der Nationalen Nachhaltigkeits-Strategie etwas genauer. Für diesen werden für ganz Deutschland differenziert nach Hauptlebensräumen die Bestandstrends ausgewählter Vogelarten zusammengestellt und mit einem Zielwert für das Jahr 2030 verglichen. 2013 lag der Gesamtindikator bei nur 68% des Zielwerts, bei der Feldflur sogar bei nur 59%. Lachmann fasst zusammen: „Es gibt derzeit ein drastisches Vogelsterben, dass sich aber nur durch das Ausdünnen der Bestände häufiger Vogelarten manifestiert, nicht aber in der Gegenüberstellung zu- und abnehmender Vogelarten. Besonders schlechte Aussichten hat eine Vogelart insbesondere dann, wenn es sich um einen weitverbreiteten, häufigen Singvogel handelt, der in der Agrarlandschaft brütet und sich überwiegend von Insekten ernährt […]. (S. 20)

Woran liegt das? Schnell werden Katzen, Rabenvögel, Windräder, Glasscheiben, Klimawandel und Krankheiten genannt, die für den Vogelrückgang verantwortlich wären. Alle diese Mortalitätsursachen erklären jedoch keinesfalls das Verschwinden weitverbreiteter und häufiger Vögel des Offenlands. Die wahren Ursachen für das aktuelle Vogelsterben liegen darin, dass nicht genügend Jungvögel aufgezogen werden können. Dafür brauchen die Vögel einen geeigneten Lebensraum, der alle ihre Ansprüche erfüllt, also z.B. passende Nahrung für die Jung- und die Altvögel, ausreichender Schutz vor Fressfeinden oder anderen Störungen.

Der Verlauf der Freiberger Mulde zwischen Kleinbauchlitz und Keuern vor 1930 (gelb). Den Bogen sah man als Ursache für die schweren Hochwasserschäden in der Stadt an. Deshalb wurde der Fluß an dieser Stelle verkürzt. So entstand der heutige Verlauf (blau). Verloren gingen wichtige Feuchtgebiete, die die Heimat für zahlreiche Wasservögel waren. Heute wird die trockengelegte Fläche landwirtschaftlich genutzt.

Die meisten Singvögel füttern ihre Jungen mit proteinreichen Insekten, auch wenn sie selbst -wie der Sperling- vegetarische Nahrung bevorzugen. In einer Langzeitstudie (Hallmann et al. 2017; S. 71) stellte man für 63 meist in Nordwest-Deutschland gelegene Naturschutzgebiete einen Rückgang von Fluginsekten von 76% innerhalb von nur 27 Jahren zwischen 1989 und 2016 fest. Die Forscher vermuten für den Rückgang Einflüsse der Landwirtschaft. Zwar stieg seit 1993 die ausgebrachte Menge an Pestiziden nicht an, allerdings deren Giftigkeit. Die seit Mitte der 1990er Jahre zugesetzten Neonicotine sind schon in kleinsten Mengen extrem wirksam und stehen im Verdacht die Bestände blütenbesuchender Insekten massiv zu schädigen. Aus diesem Grund wurden die drei meistgenutzten Insektizide dieser Gruppe auch im April 2018 von der EU verboten.

Genauso dramatisch sind die Auswirkungen der sog. landwirtschaftlichen Intensivierung, womit neben dem Einsatz von Pestiziden auch der Rückgang von Wiesen und Weiden gegenüber Ackerflächen, eine erhöhte Mahdfrequenz, die zunehmende Stallhaltung von Vieh, die Entwässerung von Feuchtwiesen, erhöhte Düngergaben und eine Verringerung der Vielzahl bei den angebauten Ackerfrüchten (Dominanz von Winterweizen, Mais und Raps) gemeint ist.

Die Kohlmeise hat normalerweise Gelege mit 6 bis 12 Eiern, wobei auch Gelege mit bis zu 15 Eiern vorkommen können. Sie brütet in der Regel ein- bis zweimal im Jahr. Im Video sieht man, wie junge Kohlmeisen ihren Nistkasten in einem Garten in Döbeln Sörmitz verlassen. Nur zwei Jungtiere konnten großgezogen werden. Ursache für den Rückgang ist der Mangel an Nahrung. Die Kohlmeisen finden nicht genügend Insekten.

Mais, der vielen heimischen Vögeln keinen geeigneten Lebensraum bietet, wird in Deutschland auf ca. 2,5 Mio. Hektar angebaut (Stand 2025). Das entspricht ca. 21 % der gesamten deutschen Ackerfläche (Foto: Axel Hindemith, via Wikimedia Commons).

Extrem negativ für die Feldvögel ist der Rückgang von vorübergehend unbewirtschafteten Brachflächen (Anfang der 1990er Jahre Westdeutschland ca. 10%, Ostdeutschland ca. 20%), die bis 2008 auf nur noch 2,6% der landwirtschaftlichen Flächen zusammenschrumpften. Bis 2007 gab es von der EU die Vorschrift, dass mind. 7% jedes landwirtschaftlichen Betriebs ungenutzt bleiben sollte, um Überkapazitäten abzubauen. Danach entfiel die Regelung, weil man den Anbau von Feldfrüchten als nachwachsende Rohstoffe fördern wollte. Die Brachflächen bildeten wertvolle Rückzugsräume für Vögel. Nunmehr dominieren Maisfelder die Landschaft, die Vögeln keine geeigneten Brut- oder Nahrungsmöglichkeiten bieten.

In der Würdigung der genannten Veränderungen muss man davon ausgehen, dass die Intensivierung der Landwirtschaft als Hauptursache für das Vogelsterben anzusprechen ist. Lachmann mahnt: „Um einen weiteren Rückgang unserer Vögel zu verhindern, ist eine naturverträgliche Neugestaltung der Agrarförderung in der EU und in Deutschland von höchster Priorität. Naturverträgliches Wirtschaften muss sich für Landwirte wieder lohnen, indem es entsprechend durch die Agrarförderung honoriert wird.“

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
26.11.2025

Quellen:
Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Vogelschutzbericht 2019. URL: https://www.bfn.de/vogelschutzbericht-2019 (22.11.2025)
Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.): Vögel in Deutschland 2019 – Übersicht zur Bestandssituation. URL: https://www.dda-web.de/downloads/publications/statusreports/statusreport_uebersichten_bestandssituation.pdf (22.11.2025)
Herrmann, Reinhold: Die Vogelarten des Bezirkes der Städte Döbeln, Waldheim und Roßwein. Döbeln 1927
Lachmann, Lars: Das große Vogelsterben: Faktum oder Fake? In: Müller, Monika C.M. (Hrsg.): Viele Vögel sind schon weg. Vogelsterben und Biodiversität – Ursachen und Gegenmaßnahmen. Loccumer Protokolle 63/2017. Rehburg-Loccum 2018. S. 13-38
NABU (Hrsg.): Das große Vogelsterben - Interview mit Lars Lachmann. URL: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/gefaehrdungen/24661.html (22.11.2025)



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