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Poliklinik

Die Geschichte der Kreispoliklinik Döbeln

Die Kreispoliklinik Döbeln war von 1949 bis zur Wendezeit 1990/91 das ambulante medizinische Versorgungszentrum unserer Heimatstadt. Von hier aus wurde das gesamte Netzwerk der ambulanten Betreuung der Bevölkerung Döbelns und der Umgebung organisiert und geleitet. Das Ziel war die optimale fachärztliche Behandlung der Erkrankten unter einem Dach bei dezentralisierter hausärztlicher Versorgung im Stadtgebiet durch Allgemeinmediziner in staatlichen Arztpraxen und in Ambulatorien der Neubaugebiete Döbeln-Ost und Döbeln-Nord.

Ehemalige Kreispoliklinik Döbeln
Ehemalige Kreispoliklinik Döbeln in der Mastener Straße

Medizinische Spezialausrüstungen wie Röntgengeräte, EKG, Spirometrie und für Labor-Untersuchungen waren konzentriert und für alle Ärzte gemeinsam nutzbar. Ein ausreichender Fuhrpark sorgte für die Einsatzbereitschaft der Ärzte im Hausbesuchsdienst, im zentralen Nacht- und Sonntagsdienst und im Labor- und Materialhol- und -bringedienst. Die zentralisierte Verwaltung war für alle Praxen und Einrichtungen gleichermaßen zuständig.

Dem damals bestehenden Ärztemangel begegnete die Leitung der KPK mit gezielten und abgestuften Einsatzplänen der Ärzte und Schwestern. Untereinander abgestimmte Sprechstundenpläne garantierten die zeitlich lückenlose Inanspruchnahme der Haus- und Fachärzte, einschließlich der Zahnärzte. Der Prophylaxe maß man große Bedeutung zu, wie Impfungen, Reihenuntersuchungen für gefährdete Berufsgruppen, schulärztliche Untersuchungen, Kindergarten- und Krippenuntersuchungen, Früherkennungsuntersuchungen auf Diabetes, Lungen- und Krebserkrankungen.

Übersichtstafel 2008
Übersichtstafel 2008 am Haupteingang Block C

Das Gesundheitswesen wurde prinzipiell staatlich geleitet und erhielt seine Finanzierung aus dem Staatshaushalt. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Ärzte und Zahnärzte staatlich angestellt. Spezialisierung und Zentralisation waren neben der politischen Administration Voraussetzung für das wirtschaftliche Funktionieren des Gesundheitswesens bei ständig knappen Ressourcen. Der staatlich vorgegebene Plan war das Regulativ. Die Bevölkerung nahm das konzentrierte medizinische Betreuungsangebot in der Poliklinik gern an. Es bestanden kurze Wege vom Hausarzt zum Spezialarzt und innerhalb der Fachabteilungen. Alle Untersuchungen waren kurzfristig möglich. Die Poliklinik-Apotheke sicherte die Versorgung mit Medikamenten. Grundsätzlich waren die medizinischen Leistungen kostenlos. Dazu gehörten ärztliche und zahnärztliche Behandlung, Vorsorge-Untersuchungen, alle Medikamente und medizinischen Hilfsmittel, alle Fahrten mit dem DRK, alle apparativen Untersuchungen und selbstverständlich alle Krankenhausaufenthalte.

Garnison-Lazarett
Garnison-Lazarett Aufnahme um 1917, zur Verfügung gestellt von Herrn Sven Ettrich (www.döbeln.de)

Die Poliklinik war im ehemaligen Garnisonslazarett in der heutigen Mastener Straße 15 untergebracht. Der Neubau eines Garnisonslazaretts wurde nötig als Döbeln seit dem 01.04.1887 wieder Garnisonsstadt geworden war. Die Mannschaften logierten zunächst in Massenquartieren und bezogen im Oktober 1888 als erstes und zweites Bataillon die neu errichteten Kasernengebäude in der Friedrichstraße. Durch Erweiterungsbauten entstand der heutige Kasernenkomplex als Standort des 139. Infanterie-Regimentes. Nachfolgeeinrichtungen waren das Lazarett, bis dahin diente das Krankenhaus als solches, das Waschhaus, das Arresthaus und die sog. Pulverhäuser.

Die ersten Gebäude des Garnisonslazarettes errichtete der Militärfiskus in den Jahren 1888 bis 1890 in der Stockhausener Straße 1 bis 3 auf Kleinbauchlitzer Flur (Kleinbauchlitz wurde erst 1922 nach Döbeln eingemeindet). Schon 1901 waren im erweiterten Garnisonslazarett Verwaltungs- und Wohngebäude entstanden. Ab 1914 hatte das Garnisonslazarett den heutigen Bebauungsstatus. Es bestand aus vier Gebäuden im geschlossenen Karree mit kleiner Parkanlage, damals am Rande der Stadt gelegen. Das kleinere Gebäude - Block A - diente damals wie heute als Verwaltungsgebäude. Von 1949 bis 1990 war es der Sitz der Abteilung Gesundheitswesen des Rates des Kreises Döbeln, seit 1991 Gesundheitsamt des Landratsamtes. Im sog. Pavillon-Bau des Haupthauses, Block C, befanden sich zu Militärzeiten der Operationssaal, Behandlungsräume sowie Patientenzimmer. Desgleichen im Block B. Verbunden waren beide Häuser mit einem überdachten Gang. Der in der Mastener Straße gelegene Flachbau, Block D, war ursprünglich Waschhaus und große Sanitäranlage.

Block A
Block A Blick von der Mastener Straße

In alten Döbelner Adressbüchern sind folgende Personaleinträge zu finden: Von 1898 bis 1911 wird Otto Max Riegert als Lazarett-Inspektor genannt, von 1912 bis 1915 der Verwaltungsinspektor Grimm. Folgende Ärzte werden aufgeführt: 1898/1899 Oberstabsarzt Dr. Machate, Stabsärzte Dr. Schmidt und Dr. Prestling, Assistenzarzt Dr. Ebeling; 1900/01 Oberstabsarzt Dr. Zimmer, die Stabsärzte Dr. Prestling und Dr. Boeder, Assistenzarzt Dr. Richter; 1904/05 Oberarzt Tottmann, 1908/09 Stabsarzt Dr. Tschötschel; 1914/15 Chefarzt Oberstabsarzt Dr. Näther. Die Geschäftszeiten des Garnisonslazarettes waren vormittags von 8 bis 12 und nachmittags 14 bis 18 Uhr. Krankenbesuche waren donnerstags sowie sonn- und feiertags von 14 bis 16 Uhr möglich. 1907 lagen 65 Kranke im Lazarett. Das Garnisonslazarett, das seit Kriegsbeginn 1914 als Reservelazarett diente, wurde nach Kriegsende am 14.02.1920 geschlossen. Das war die Folge des Versailler Vertrages vom 28.06.1919 in dem u.a. die Reduzierung des Heeres auf 100.000 Mann festgelegt wurde. Somit verblieb in der Kaserne nur noch ein Ausbildungsbataillon. Die anderen militärisch ungenutzten Gebäude der Kaserne und des Lazarettes baute die Stadt 1923 zu Wohnungen um.

Reservelazarett
Reservelazarett Die Aufnahme vom 8. April 1916 wurde von Herrn Sven Ettrich (www.döbeln.de) zur Verfügung gestellt.

Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1936 evakuierte man die dort wohnenden zwanzig Familien genauso wie im Kasernenkomplex und nutzte beide Objekte für rein militärische Zwecke. Im August 1938 bezogen Teile des Ergänzungsbatallions des Infanterie-Regimentes 101 das ehemalige Garnisonslazarett und etablierten darin die Heeresstandortverwaltung. Für o.g. Bataillon wurden wegen Platzmangels zusätzlich Baracken vor der Schokoladenfabrik Clemen auf der Reichensteinstraße errichtet, die z. T. noch bis nach 1990 genutzt wurden.

Während des Zweiten Weltkrieges waren die Gebäude des ehemaligen Garnisonslazarettes wieder Reservelazarett. Nach dem Ende des Krieges in Döbeln am 06.05.1945 versorgte dort bis Juni 1945 die Rote Armee ihre Verwundeten und Kranken. Von Juli 1945 bis Sommer 1948 diente das Lazarett als Flüchtlingslager für bis zu 350 Personen. Um den Gebäudekomplex dann für das Gesundheitswesen als Poliklinik und für die Tbc-Fürsorge nutzen zu können, baute man für die umzusiedelnden Familien in der Max-Planck-Straße eine Barackensiedlung. Zahlreiche Um- und Ausbauten waren nun bis Mitte 1948 nötig, um zunächst 14 Räume als Behandlungs-, Funktions- und Wartezimmer herzurichten. Der Plan, gleichzeitig im Gebäude eine Krankenhausabteilung zu errichten, wurde nicht realisiert.

Polikliniken in der Sowjetischen Besatzungszone wurden auf der Grundlage des Befehls 172 vom 11.12.1947 vom Obersten Chef der sowjetischen Militäradministration eingerichtet mit dem Ziel: 1. Polikliniken stellen den Grundpfeiler einer fortschrittlichen Entwicklung des neuen demokratischen Gesundheitswesens Deutschlands dar. Sie werden zur Verbesserung der medizinischen Versorgung der Werktätigen entscheidend beitragen. 2. Die Polikliniken und Ambulanzen sind demokratische Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge, die der Durchführung von diagnostischen, therapeutischen und prophylaktischen Maßnahmen dienen. Hierbei sollen alle neuzeitlichen Errungenschaften der medizinischen Wissenschaft und der Technik auf dem Gebiet der Diagnostik, der Prophylaxe und der Therapie auf breitester Basis Anwendung finden.

Damit schuf man die Grundlage für das staatliche Gesundheitswesen in der DDR. Entscheidend war das Einbeziehen der Prophylaxe, d.h. vorbeugende Gesundheitsuntersuchungen und Fürsorge für bestimmte Personengruppen wie Schwangeren-, Jugend- und Kinderschutz, Impfungen und Reihenuntersuchungen. Bis zur Gründung der Poliklinik in Döbeln oblag die medizinische ambulante Grundversorgung den alten, z. T. aus dem Krieg zurückgekehrten oder umgesiedelten Hausärzten. In Döbeln sind erinnerlich: Frau Dr. Schwarze, die Herren Dr. Bossomeier, Dr. Pinhardt, Dr. Fankhänel, Dr. Otto, Hermann Müller, die Internistin Dr. Ilse Fischer und der Kinderarzt Dr. Streitz.

Block C
Block C Ansicht vom Stockhausener Weg

Mit der Gründung der Poliklinik entstand das staatliche ambulante Gesundheitswesen. Es war zukünftig die ausschließliche, politisch motivierte und kontrollierte Form der ärztlichen Berufsausübung. Die alten Hausärzte in eigener Niederlassung gingen allmählich in den Ruhestand oder wechselten in die staatliche poliklinische Anstellung, z. B. der Augenarzt Dr. Handmann und Frau Dr. Fischer. Selbstständige ärztliche Niederlassungen in eigener Praxis wurden erschwert oder verhindert durch deutlich schlechtere Vergütung.

Die Eröffnung der Poliklinik in Döbeln erfolgte am 31.01.1949. Sie wurde als Kreispoliklinik deklariert, da sie neben der Grundversorgung als Leiteinrichtung für künftige Polikliniken und Ambulanzen im Kreis galt. Der erste Ärztliche Direktor und Leiter der Inneren Abteilung war Dr. Walter Torchalla. Seine Mitarbeiter waren der Döbelner Frauenarzt Dr. Gottfried Rößler und der Chirurg Dr. Christian Beßler. Beide waren in Nebenbeschäftigung in der Poliklinik tätig und betrieben ihre Praxis bzw. Klinik privat weiter.

Vor der Gründung der Poliklinik waren bereits zwei dringend nötige staatliche Behandlungsstellen eingerichtet worden. Seit Frühjahr 1946 wurden die kriegsfolgebedingt gehäuft auftretenden Erkrankungen an Geschlechtskrankheiten im „Kreisambulatorium für venerologische Erkrankungen“ gezielt beraten, behandelt und erfasst. Die Dienststelle befand sich im damaligen Gesundheitsamt auf dem Thälmannplatz, dem späteren DRK-Gebäude. Venerologische Ambulanzen gründete man einige Zeit später in Hainichen, Leisnig, Waldheim und Roßwein. Bis 1948 leitete Dr. Sonntag die Einrichtung, danach Dr. Birke. Am 1.07.1950 fand die Vereinigung des venerologischen Kreisambulatoriums mit der KPK statt. Nur durch konsequente Erfassung und Behandlung der Geschlechtskrankheiten in diesen venerologischen Ambulanzen konnte innerhalb weniger Jahre die Erkrankungshäufigkeit an Geschlechtskrankheiten auf den Vorkriegsstand gesenkt werden.

Block D
Block D Hofansicht

Die zweite vorpoliklinische Einrichtung war die Tuberkulose-Abteilung. Sie wurde im späteren Block D bereits 1946 mit Röntgen- und Laboruntersuchung geschaffen. Die Tuberkulose war die große Nachkriegsseuche. 1949 verzeichnete der Kreis Döbeln die höchste Zahl an Tuberkulose-Erkrankungen mit 1200 Neuerkrankungen und 260 Sterbefällen. 1952 wurde Dr. Gatzemeier als Kreistuberkulosearzt in Döbeln berufen. Im gleichen Jahr organisierte er die erste Volksröntgen-Reihenuntersuchung im Kreis.

In den ersten Jahren war es schwierig alle erkrankten Personen in Heilstätten einzuweisen, so dass im Kreisgebiet einige provisorische Kurheime und die Rehabilitationsheilstätte Paudritzsch entstanden. Die Aufenthaltsdauer in den Kliniken war lang. Liegekuren, Pneumothorax-Füllungen, später Lungenoperationen und Verbesserung der Ernährung waren die Maßnahmen der Bekämpfung bis endlich durch die Entwicklung wirkungsvoller Medikamente, in erster Linie des INH, die Tuberkulose reduziert wurde. Besonderes Augenmerk galt damals der Behandlung der Kindertuberkulose. Bereits 1950 stand der erste BCG-Impfstoff zur Verfügung. Nach und nach widmete sich die poliklinische Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose immer mehr der Behandlung der Patienten mit unspezifischen Lungenerkrankungen wie chronische Bronchitis, Asthma bronchiale und Tumoren.

Beide vorpoliklinischen Abteilungen gingen schrittweise als Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Abteilung für Lungenkrankheiten in der Kreispoliklinik auf. Die einzelnen Spezialabteilungen der Poliklinik nahmen in den Folgejahren seit 1949 ihre Arbeit auf. So die Allgemeinmedizinische Abteilung mit Dr. Stephan als erstem staatlich angestellten praktischen Arzt.

Viele der folgenden - nur unvollständig genannten Hausärzte - sind heute noch bekannt und sind nach der Schließung der Poliklinik in eigenen Praxen tätig geworden. Z.B. Anna Abraham (1968 bis 2005), Dr. Günter Ebersbach (1969 bis 2005), Dr. Thea Marx (1970 bis 2001), Käthe Magyar (1959 bis 1989), Dr. Christian Wolf (1969 bis 2003). Zahlreiche Ärzte wurden an der KPK nach ihrem Staatsexamen zu Fachärzten weitergebildet; u.a. Dr. Lotalla, Dr. Geiszkopf, Dr. Helga Richter, Dr. Korinth, Dr. Dittrich, Dr. Goepel, Dr. Zschockelt, Frau Patton, Frau Georgi, Frau Münnich, Frau Schwarze.

Block A
Block A Hofansicht

Allgemeinärztliche Außenstellen waren im ganzen Stadtgebiet etabliert. In den zahlreichen dörflichen Gemeindeschwesternstationen hielten Allgemeinmediziner regelmäßig Sprechstunden ab. Um die medizinische Grundversorgung in den großen, sich rasch entwickelnden Neubaugebieten zu sichern, planten und bauten die damaligen Stadtväter sog. medizinische Nachfolgeeinrichtungen als Stadtambulatorien - jeweils besetzt mit Ärzten der Fachrichtung Allgemeinmedizin, Kinderarzt und Zahnarzt - in Döbeln-Ost (1977) und Döbeln-Nord (1980). Im Haupthaus der Poliklinik war die allgemeinärztliche Abteilung ständig mit zwei Ärzten besetzt. Um der Bevölkerung kurze Wege im Wohngebiet zum Hausarzt zu sichern, waren diese über das Stadtgebiet verstreut in Einzelpraxen, z. T. in umfunktionierten Wohnungen untergebracht. Sie wurden vom Chefarzt der Allgemeinmedizinischen Abteilung geleitet. In der Inneren Abteilung, die bis zu seiner Tätigkeitsaufgabe 1970 von Dr. Torchalla geleitet wurde, arbeiteten u. a. die Internisten Dr. Karl Vetter (1959 bis 1976), Dr. Wolfgang Wießner (1968 bis 1991), Dr. Edith Teller
und Dr. Christine Gröger.

In der Frauen-Abteilung beendete Dr. Rößler 1975 seine Tätigkeit. Bis zur hauptamtlichen Anstellung des Frauenarztes Werner Abraham 1973, war in Nebentätigkeit Dr. Schröter tätig. Der Frauenarzt Gert Kaminski versorgte seit 1975 die Kreis-Geschwulst-Betreuungsstelle. Der Chirurg Dr. Volker Schliebe übernahm 1969 in Nebentätigkeit die Chirurgische Abteilung. Mit wechselnder ärztlicher Besetzung wurde die Chirurgische Abteilung bis 1991 weitergeführt. Die Kinderärztliche Abteilung entstand 1957 mit der Besetzung durch Frau Dr. Stephan. Sie war - neben der kinderärztlichen Ambulanz in Hochweitzschen - die einzigste und viel belastete Kinderärztin mit der umfangreichen Aufgabe, neben der Sprechstunde noch die Mütterberatungen in Döbeln und Umgebung abzusichern. Später bekam sie Hilfe durch die Kinderärzte Dr. Sabine Brendel ab 1969 und Dr. Brigitte Weber, die ab 1976 die kinderärztliche Außenstelle in der Straße des Friedens übernahm. Unter Dr. Brendels Anleitung wurden an der Poliklinik die Kinderärzte Frau Pleschke, Frau Schiddel, Frau Dohndorf, Herr Morgenstern und Frau Dr. Haase zu Fachärzten ausgebildet.

Der HNO-Facharzt Dr. Dieter Teller nahm 1960 seine ärztliche Tätigkeit an der Poliklinik auf. Seine umfangreiche Verantwortung erstreckte sich auch auf die operative und stationäre Betreuung der Patienten in der HNO-Abteilung des Krankenhauses, untergebracht in der Beßler-Klinik. Seit 1977 entlastete ihn Frau Dr. Ute Liebscher. Die Augen-Abteilung mit Dr. Handmann in der von ihm bewohnten Villa mit Praxis in der Berthold-Straße, gehörte seit 1969 zur Poliklinik. Bis ins hohe Alter von über 80 Jahren versorgte der angesehene Mediziner seine Patienten. In eigener Praxis arbeiteten Dr. Kretzschmar und nach der Wende Frau Dr. Bach. 1974 gründete Herr Perina die neurologisch-psychiatrische Abteilung. Diese musste aus Platzgründen oft die Räumlichkeiten mit verschiedenen Nervenärzten aus Hochweitzschen in Nebentätigkeit wechseln.

Block A1
Block A1 DRK und Rettungswache Ausbildung

Für die Döbelner war es eine Errungenschaft, als Dr. Wolfgang Thalheim seine orthopädische Praxis 1966 eröffnete. Diese übernahm 2002 Dr. Hampe. Seit 1987 war Frau Dr. Zöllner als weitere Orthopädin für die Poliklinik tätig. Als Nestor der Döbelner Ärzte ist uns allen Dr. Richard Birke bekannt. Neben seiner Hautarztpraxis in der Roßweiner Straße leitete er die Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten seit 1946. 1973 folgte ihm Frau Dr. Barbara Syhre.

Eine weitere Abteilung der KPK war die der ärztlichen Begutachtung. Sie unterstand frühzeitig Dr. Nothaaß, seit 1969 Dr. Fredo Matthes. Die zunehmende Zahl an Diabetes erkrankter Patienten erforderte die Gründung einer Abteilung unter der Leitung von Dr. Hans-Peter Johne seit 1972. Schon 1967 entstand eine Ehe- und Familienberatungsstelle und im August 1971 eine Raucherberatungsstelle.

Eine der größten Abteilungen war die zahnärztliche Abteilung. Seit 1950 stand dieser Dr. Christian Schmidt als Abteilungsleiter und gleichzeitig Kreiszahnarzt vor. 1981 wurde die Kreisjugendzahnklinik in die neu gegründete Poliklinik für Stomatologie in der Rudolf-Breitscheid-Straße unter der Leitung von Hans-Georg Müller integriert, mit den Bereichen Allgemeine Stomatologie, Kinderstomatologie, Kieferorthopädie und zahntechnisches Labor. Ende 1989 wies diese Abteilung immerhin 94 Mitarbeiter und 24 Zahnärzte auf.

Als vierte Apotheke Döbelns öffnete am 15.11.1949 die Staatliche Kreispoliklinik-Apotheke im Block B unter Leitung von Apotheker Ernst Müller. Dies war ein weiterer Fortschritt für die Patienten, die sofort nach dem Arztbesuch an Ort und Stelle ihre Medikamente kostenlos auf Rezept empfingen. Im Jahr 1955 wurde der Kreispoliklinik-Apotheke die Krankenhausapotheke Hochweitzschen angegliedert. Von 1952 bis 1966 fungierte der Apotheker Müller gleichzeitig als Kreis-Apotheker. Damit standen der Apotheke wichtige Medikamentenversorgungsaufgaben zu. 1977 übernahm Frau Apothekerin Schubert die Leitung der KPK-Apotheke. Unter Leitung von Frau Apothekerin Hehmke erfolgte 1980 ein Umbau der Apotheke. 1989 übernahm der Apotheker Frank Leutert die Apotheke. Nach der Wende wurde die Apotheke mit dem Wegzug der Ärzte aus der Poliklinik praktisch überflüssig. Sie schloss am 04.04.1992. Apotheker Leutert eröffnete am 06.04.1992 die private Rosen-Apotheke in der Bahnhofstraße 72.

Dringend notwendig erwies es sich, schon 1970 einen zentral organisierten Nacht- und Sonntagsdienst den Patienten anzubieten. Alle Ärzte, Schwestern und Kraftfahrer waren in das akribisch organisierte System eingebunden. Der Bereitschaftsdienst galt von abends 19 Uhr bis morgens 7 Uhr täglich und am Wochenende von freitags 19 Uhr bis montags 7 Uhr. Die Bereitschaftszentrale wechselte aus Platz- und Erweiterungsgründen folgende Standorte: Anfangs Praxis ehemals Dr. Bossomeier, Bahnhofstraße 54, dann in der allgemeinärztlichen Praxis Käthe Magyar, Rosa-Luxemburg-Straße, dann in ehemals Drogerie Marsch, Ecke Belojannisstraße / Bahnhofstraße und zuletzt im ehemaligen Optikergeschäft Vogler, Bahnhofstraße. Der Bereitschaftsdienst war für die Versorgung akut Erkrankter außerhalb der Sprechstundenzeiten und den Hausbesuchsdienst zuständig. Zum Rettungssystem gehörte die Dringliche Medizinische Hilfe (DMH), seit 1984 in Döbeln beim DRK und in Leisnig am Krankenhaus stationiert.

Voraussetzung für die Mobilität der Ärzte im Hausbesuchsdienst und den Hol- und Bringedienst aus und zu den Praxen, für das Labor und das Praxismaterial war ein funktionsfähiger Fuhrpark, der sich seit 1952 von einem PKW „Opel" auf letztlich neun PKW mit Sanitätskraftwagen und weiteren Wirtschaftsfahrzeugen erweiterte. Ein eigener PKW-Reparaturstützpunkt machte sich erforderlich. Eine eigene Handwerkerbrigade, bestehend aus Malern und Maurern, sicherte nötige Reparaturen an allen Gebäuden und Praxen.

Das heutige Aussehen erhielten die Gebäude der Kreispoliklinik in den Jahren 1970/71. Nach der Übernahme des Ärztlichen Direktorats durch Dr. Christian Wolf am 1.08.1969 bekam die KPK endlich sog. Baubilanzen durch Beschluss des Kreistages zugewiesen. Der ständig zu knappe Fonds für das Gesamtgesundheitswesen des Kreises konnte nun schwerpunktmäßig zum Um- und Ausbau der Kreispoliklinik konzentriert werden. Dazu gehörten der Einbau einer Zentralheizung statt der bisherigen 40 Kachelöfen. Das Dach wurde neu eingedeckt, alle Fenster erneuert, das Haupthaus Block C erhielt einen neuen Außenputz. Innen konnten durch kluge Raumaufteilung die einstigen riesigen Korridore in neue Warte- und Behandlungsräume umgebaut werden. Fast alle Räume wurden modernisiert und renoviert. Ein modernes Labor entstand im Block B neben der schon seit Gründung vorhandenen Apotheke, die unter Leitung von Apotheker Müller die Funktion einer Kreis-Apotheke hatte, dazu eine erweiterte Verwaltung und später sogar drei Personalwohnungen durch Ausbau des Dachgeschosses.

Block C
Block C Hofansicht

Die Röntgenabteilung im Block C erhielt ein neues, modernes, hochleistungsfähiges Röntgen- und EKG-Gerät. Lobenswert war das Engagement aller Mitarbeiter in der schwierigen Phase des Um- und Ausbaus. Viele kluge Ideen brachten die Mitarbeiter dazu ein. So war Ende 1971 die Kreispoliklinik Döbeln zu einer - für damalige Zeiten - modernen Gesundheitseinrichtung geworden. 1987/88 wurde im Gesamtkomplex ein weiteres neues Gebäude - Block A1 - in Verlängerung des Blockes B errichtet. Es dient bis heute dem DRK als Einsatzzentrale für die damalige DMH und SMH, heute Rettungswagen, Verwaltung und Weiterbildung des DRK, zeitweilig auch Rettungsleitzentrale. Dem Rettungswesen standen 15 Krankenwagen, zwei Rettungswagen und ein SMH-Einsatzfahrzeug (Wartburg) zur Verfügung. Hinter dem Block wurde der Bau eines neuen Heizhauses für Braunkohlefeuerung vorgenommen, der nach der Wende bei Verwendung modernerer Heiztechnologie wieder abgerissen wurde. Ein großer Garagenkomplex befindet sich hinter dem Block B.

Block B
Block B Hofansicht

Problematisch blieb bis in die achtziger Jahre die dringend nötige Ansiedlung von neuen Ärzten und Zahnärzten. Diese war ausschließlich von der Zuweisung angemessenen Wohnraums durch die staatlichen Behörden abhängig. Erst allmählich konnte auch hier eine Einsicht und spürbare Verbesserung erreicht werden. Letztlich umfasste das Personal der Kreispoliklinik ca. 250 Mitarbeiter, davon ca. 50 Ärzte und Zahnärzte. Die KPK war eine hochleistungsfähige, qualifizierte, ambulante Behandlungseinrichtung des sozialistischen Gesundheitswesens. In ihr wurde durch das hohe Engagement aller Mitarbeiter eine damals optimale Patientenbetreuung gewährleistet. Es bestand eine große Patientenzufriedenheit. Als Ärztliche Direktoren fungierten von 1949 bis 1969 Herr Dr. Walter Torchalla, von 1969 bis 1977 Herr Dr. Christian Wolf, von 1979 bis 1990 Herr Dr. Gottfried Rauthmann.

Mit der Wiedervereinigung am 3.10.1990 standen die Ärzte und Zahnärzte vor der Frage des Weiterführens der Poliklinik im Angestelltenverhältnis oder der Niederlassung in selbstständiger eigener Praxis. Durch den Einfluss der westdeutschen ärztlichen Standesvertretungen seit der Wende fiel die Entscheidung für letzteres. Im Dezember 1990 / Januar 1991 ließen sich die Ärzte und Zahnärzte innerhalb des Stadtgebietes Döbeln in ihren alten oder neuen eigenen Praxen privat nieder. Im Haupthaus der KPK behielten nur wenige Ärzte und Zahnärzte ihren Praxissitz, ebenfalls in Selbstständigkeit.

Durch das Anschaffen eigener Röntgen- und EKG-Geräte sowie die Bildung einer neuen Laborgemeinschaft am Krankenhaus Hochweitzschen wurden die Funktionsabteilungen der KPK, die Verwaltung mit dem Wirtschaftstrakt und der zentrale Fuhrpark überflüssig. So löste sich die Poliklinik 1991 praktisch selbst auf. Der neue Kreistag beschloss die endgültige Schließung am 09.03.1992. Damit endete nach 41 Jahren ein bedeutsamer Zeitabschnitt des Döbelner Gesundheitswesens. Heute sind im Gebäudekomplex das Gesundheitsamt, das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt, der sozialmedizinische Dienst, die logopädische Beratungsstelle, das Kreisarchiv und die Kreisvolkshochschule mit Seminarräumen untergebracht. Als letzter selbstständig tätiger Arzt schloss der Urologe Karl Schurig Ende 2007 seine Praxis. Im Jahre 2009 wird in der Chronik der Stadt Döbeln sicher nochmals an die Gründung der Poliklinik vor 60 Jahren gedacht werden.

Nutzung Block A im Jahr 2008
Nutzung Block A im Jahr 2008 Hinweistafel

Der Gedanke der poliklinischen Arbeit der Ärzte ist inzwischen von den Ärzten selbst, ihren Standesvertretungen und vom Bundesgesundheitsministerium neu aufgekommen. In Form von „Medizinischen Versorgungszentren" entstehen mehr und mehr neue Polikliniken in der BRD (bisher ca. 1000) unter dem ökonomischen Zwang der Konzentration von moderner neuer Technik und dem fortschreitendem Ärztemangel. Die Ärzte befreien sich damit vom immer größer werdenden Verwaltungsaufwand und dem Wirtschaftsrisiko der eigenen Praxis. Sie schließen sich zu neuen, fachübergreifenden, gemeinsamen Behandlungsformen zusammen. So hat die Poliklinik unter neuem Namen, aber gleichem Inhalt, wieder eine Perspektive in der Bundesrepublik Deutschland.

MR Dr. med. Christian Wolf und Jürgen Dettmer
in
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 35
Dezember 2008

Fotos: Matthias Müller, Lessing-Gymnasium Döbeln