Kaserne

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Immerhin 104 Jahre, von 1887 bis 1991, war in Döbeln Militär stationiert. Wo demnächst der Sächsische Landesrechnungshof residiert, marschierten früher Soldaten im Stechschritt.

Durch gezielte Ansiedlung von Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen soll derzeit der ländliche Raum mit seinen Mittelzentren gestärkt werden. So wurde das Statistische Landesamt in Kamenz angesiedelt. Demnächst werden die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen von Dresden nach Bischofswerda und der Landesrechnungshof von Leipzig nach Döbeln ziehen. Für den Landesrechnungshof wird derzeit in Döbeln ein ehemaliges Kasernengebäude saniert und umgebaut. Das langgezogene Haus direkt an der Bahnhofstraße war das Herzstück der Döbelner Garnison.

Historische Postkarte zum Garnisonsstandort Döbeln (www.döbeln.de)

Deren Geschichte beginnt 1887. Das Königreich Sachsen rüstet militärisch auf und versucht gleichermaßen durch Truppenstationierungen aufstrebende Städte in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu unterstützen. Eine Garnison am Ort bedeutet für die jeweilige Stadt viele Vorteile. So ist der Tag des Truppeneinzugs in Döbeln ein Freudenfest. Das neu gegründete 11. Infanterieregiment 139 prägt die Stadt und ihre Geschichte.
Schon vor der Garnisonsgründung war Döbeln Standort verschiedener Truppenteile. „Im Jahre 1709 hielten Teile des in diesem Jahre errichteten Grenadierregiments von Seckendorf, das seit 1886 die Bezeichnung 3. Inf.-Reg. Nr. 102 „König Ludwig von Bayern“ führt, ihren Einzug in Döbeln. Ferner diente es als Garnison 1730-1743 dem „Kronprinz“-Inf.-Regt., 1754-1810 dem Fürstlich Lubomirsky-Inf.-Regt., 1809-1811 und 1818-1822 der Prinz-Max-Infanterie, jetzt 5. Inf.-Regiment „Kronprinz“ Nr. 104, 1822-1830 Teilen des Schützenregiments. Nach dem Kriege 1866 erhielt die 4. Schwadron vom 1. Reiterregiment „Kronprinz“ mit dem Stabe in Döbeln Quartier. Im Jahre 1867 zogen zwei Bataillone 107er in Döbelns Mauern ein, die bis zum Jahre 1869 hier weilten.“ (R. Schmieder: Döbeln als Garnisonsstadt. In: Festschrift zum Döbelner Heimatfest 1914. S. 56f.)
Soldaten gab es also in Döbeln schon in einer Zeit, in der die Stadt noch keine Kaserne hatte. Die Truppen waren in Sammelunterkünften oder Privatquartieren untergebracht und damit über die ganze Stadt verstreut. Die alte Hauptwache auf dem Obermarkt fungierte in dieser Zeit als Wachlokal der garnisonierten Truppen und als Anlaufstelle. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bewirbt sich die Stadt mehrfach in Dresden als fester Standort für ein Regiment, wohl wissend, dass das umfangreiche Investitionen nach sich ziehen würde und Soldaten und besonders Offiziere auch als zahlungskräftige Kundschaft für eine Kleinstadt interessant sind.

Historische Postkarten vom Haupteingang und dem Wachgebäude der Kaserne (www.döbeln.de)

Lichtbild König Alberts von Sachsen (1828 - 1902, König von 1873 bis 1902)

In den letzten Märztagen des Jahres 1887 ist es geschafft. Quartiermachende Offiziere und der neue Regimentskommandeur, Oberst Leusmann, treffen in Döbeln ein. Am 1. April folgen in Sonderzügen die Kompanien. Vom Bahnhof ziehen diese unter dem klingenden Spiel des Musikkorps des 7. Inf.-Regt. Nr. 106 Richtung Obermarkt. Die Stadt hat sich geschmückt, Girlanden und Fahnen säumen den Weg der „139er“. Es ist Frühling, die Sonne scheint. Auf dem Obermarkt wird das Regiment von Bürgermeister Thiele im Namen der Stadt begrüßt. Die Kompanien rücken danach in ihre Quartiere ein. Noch gibt es keine Kaserne. Die Kosten übernimmt die Stadt. Man weiß im Rathaus, dass Truppen im Ort anfangs Kosten verursachen, spekuliert aber darauf, dass später die Vorteile die Nachteile aufwiegen. Damit behält man Recht. Nicht alle Soldaten bleiben in Döbeln. Bereits am 4. April verlässt das 3. Bataillon die Stadt in Richtung Leisnig. König Albert übergibt am 22. April 1887 im Residenzschloss in Dresden einer Abordnung des Regiments dessen neue Fahnen mit den Worten: „Nicht als leere Form verleihe ich meinem jüngsten Regimente diese Feldzeichen, sondern sie sollen meine Person vertreten. Und wie ich damit gleichsam persönlich zum Regimente gehe, so sind auch meine Gedanken stets bei demselben. Möge das Regiment sich somit immer unter den Augen seines Königs fühlen, um bald den alten Regimentern gleich zu sein in Kriegsfertigkeit und Kriegstüchtigkeit. Gott sei immer mit ihm und mit seinen Fahnen!“ (Büttner/Ludwig: Die Geschichte des 11. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 139. Stuttgart 1912, S. 10) Große, salbungsvolle Worte des Monarchen, der gegenüber dem Regimentskommandeur klar macht, dass er schnell Gefechtsbereitschaft erwartet.
In Döbeln weiß man, dass in einer Garnisonsstadt eine militärische Infrastruktur aufgebaut werden muss. Nach den Herbstübungen wird das erste militärische Gebäude fertiggestellt, eine Exerzierhalle, die Schutz vor den Härten des anstehenden Winters bieten soll. Heute ist diese als Sporthalle Burgstraße die Heimat des Döbelner SV „Vorwärts“.

Historische Postkarten von einem Parademarsch des Regiments auf dem Schießplatz, heute Steigerhausplatz, am 25. Mai 1909 (www.döbeln.de)

Die Zeichnung zu militärischen Anlagen in Döbeln stammen aus der unveröffentlichten "Chronik des Standortes Döbeln" von Emil Reinhold (1941) und wurden vom Gefreiten Rietzschel aus Bayern angefertigt.

Westlich der Innenstadt beginnt ab 1888 eine rege Bautätigkeit. Auf den Klosterwiesen, wo heute Spaziergänger flanieren oder Inline-Skater ihre Runden drehen, werden zwischen Mulde und Eichberg Schießstände errichtet. Die baulichen Reste dieser Anlagen verwandelt man 2002 in ein kleines Kletterparadies. Bouldern in einem ehemaligen Schießstand – gibt es auch nicht überall. Der heutige Steigerhausplatz, früher nach dem benachbarten Schützenhaus (heute Volkshaus) Schießwiese genannt, wird befestigt und als Exerzierplatz genutzt. Für größere Gefechtsübungen und Manöver pachtet man Felder des Rittergutes Obersteinbach und Felder bei Strölla. Bis die genannten Örtlichkeiten hergerichtet sind, marschiert oder turnt man auf den Döbelner Straßen. So weit, so einfach.
Schwieriger ist anfangs die Unterbringung der Truppen. Die Soldaten der einzelnen Kompanien sind über die ganze Stadt verstreut. Da es unter diesen Umständen schwierig ist, Disziplin und Ordnung durchzusetzen, versucht man schon bald, die Kompanien in Massenquartieren zusammenzulegen. Die Stadt hilft bei der Vermittlung von Quartieren. So ist die 1. Kompanie in einer Essigfabrik untergebracht, die 2. Kompanie in verschiedenen Häusern am Niederscheunenplatz (heute Körnerplatz), die 3. Kompanie im „Sächsischen Hof“, die 4. Kompanie logiert in verschiedenen Häusern am Niedermarkt, die 5. Kompanie in der ehemaligen Stuhlfabrik in der Sörmitzer Straße, die 6. Kompanie in der Obermühle auf dem Oberwerder, die 7. Kompanie in Haupts Faß-Fabrik in der Ritterstraße und die 8. Kompanie in Becks Leder-Fabrik.
Die Unterbringung der Mannschaften ist so recht schnell gewährleistet worden. Etwas anders sah es mit Wohnungen für die Offiziere und Unteroffizier aus. Oft müssen sie ihre Familien vorerst in früheren Garnisonsstädten zurücklassen oder wohnen in Döbeln extrem beengt. Nur langsam entspannt sich der Wohnungsmarkt. Die ledigen Offiziere finden meist leichter eine Bleibe zur Untermiete, vermissen aber ein ordentliches Offizierskasino. Auch hier ist man in Döbeln erfinderisch. Der Inhaber des Hotels „Zur Sonne“ in der Ritterstraße macht aus einem Pferdestall ein ansprechendes provisorisches Offizierskasino. Erst 1894 wurde in der Kasernenstraße (heute Kunzemannstraße) ein neues Offizierskasino (heute Gaststätte „Strammer Leutnant“) eröffnet.

Historische Postkarten vom Offizierkasino des Regiments, anfangs wohnte hier auch der Regimentskommandeur (www.döbeln.de)

Zentrales Anliegen für die neue Garnisonsstadt ist natürlich der Bau einer Kaserne. Am 4. Juli 1887 wird damit an der Bahnhofstraße begonnen. Baumeister Hentschel und Walther übernehmen den Bau des 120 Meter langen Gebäudes, die Kosten werden auf 235 000 Mark veranschlagt. Der Kasernenhof zwischen den Häusern ist 74 Meter breit. Schon im Oktober 1888 können die Kasernen des ersten und zweiten Bataillons bezogen werden. In der Folge entstehen, gesäumt im Norden von der Bahnhofsstraße, im Osten von der Kasernenstraße (heute Kunzemannstraße), im Westen von der verlängerten Schlachthofstraße (heute „An der Jacobikirche“) und im Süden von der Bahnstrecke Leipzig – Dresden) mit einer Hauptwache, einem Arresthaus, einem Fahrzeugschuppen, einer Kleiderkammer und einem Waschhaus weitere Bauten, die man für einen Garnisonsstandort benötigt. Am Bahndamm werden provisorische Baracken errichtet. So können Stück für Stück die Sammelquartiere in der Stadt freigezogen und die Soldaten am Kasernenstandort konzentriert werden. Des Weiteren werden Wohnungen für die verheirateten Unteroffiziere gebaut, so dass diese nun auch ihre Familien nach Döbeln holen können.

Historische Postkarte mit verschiedenen Gebäuden der Kaserne (www.döbeln.de)

Historische Postkarten von den Kasernengebäuden westlich der Innenstadt (www.döbeln.de)

Postkarte mit den bisherigen Kommandeuren zum 25. Regimentsjubiläum

Neben der Bautätigkeit ist es den Kommandeuren des Regiments auch wichtig, die Einstellung der Truppe zu prägen, sie ideologisch auf den Kriegsdienst, den Kampf einzustellen. Überall im Deutschen Reich feiert man 1895 die 25. Wiederkehr des Sieges über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. In Döbeln spricht im Rahmen eines Feldgottesdienstes Regimentskommandeur Oberst Graf Vitzthum. Er betont die Treue zu König und Vaterland und führt fast etwas bedauernd aus: „Noch schmückt unsere jungen Fahnen kein Eichenlaub. Zu dieser feierlichen Stunde geloben wir es aber, wie jene die vor 25 Jahren mit ihrem Blute den höchsten Siegespreis errangen, unsere Feldzeichen selbst im Tode nicht zu lassen und entweder mit ihnen zu siegen oder über ihnen zu sterben.“ (Büttner/Ludwig: Die Geschichte des 11. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 139. Stuttgart 1912, S. 17)
Derlei Gedanken wirken auf uns heute befremdlich. Aber man muss sich ins Jahr 1895 zurückversetzen, in eine Zeit, die von Militarismus und von Deutschnationalismus geprägt ist. Der Sieg über Frankreich führt zu einem überbordenden Selbstbewusstsein unter deutschen Militärs. 1914 ziehen auch die 139er in den Ersten Weltkrieg und können sich nicht ansatzweise vorstellen, dass man einen Krieg auch verlieren kann. Doch bis dahin vergehen noch 19 Jahre. Die werden allerdings eifrig genutzt, um aus den Armeen der deutschen Teilstaaten eine gesamtdeutsche Truppe zu machen. Im Herbst 1896 zum Beispiel findet ein sog. Kaisermanöver statt. Nach einer großen Parade auf dem Truppenübungsplatz Zeithain organisiert man in der Nähe von Bautzen in Gemeinschaft mit der Königlich Preußischen 8. Division ein Manöver. Auch die Verbindung zum sächsischen Königshaus wird immer wieder betont. Regelmäßig besuchen der König oder die Prinzen Georg und Friedrich August die Döbelner Kaserne. Ihnen zu Ehren erhält bei einem Besuch am 12. Juli 1893 der Platz zwischen Kaserne und Exerzierhalle den Namen „Wettinplatz“.
Im Jahr 1897 wird vorerst das 3. Bataillon von Leisnig zurück nach Döbeln verlegt. Damit erfolgt die langersehnte räumliche Vereinigung des Regiments, die man bisher nicht gewährleisten konnte, weil in den Anfangsjahren in Döbeln noch die Kapazitäten fehlen, um so viele Soldaten und Offiziere unterzubringen.

Historische Postkarten, die die Verbundenheit mit dem deutschen Kaiser und dem sächsischen König zeigen und die preußisch-sächsische Waffenbrüderschaft zum Ausdruck bringen sollen (www.döbeln.de)

Natürlich ist zum Zeitpunkt der Versetzung des 3. Bataillons in Döbeln noch nicht alles perfekt. Die Soldaten müssen vorerst in Bürgerquartieren untergebracht werden. Wieder beginnt eine umfängliche Bautätigkeit. Errichtet wird ein neues Kasernengebäude an der Friedrichstraße (heute genutzt als Asylbewerberheim) und ein Unteroffizierskasino. Auch Rückschläge müssen verkraftet werden. So zerstört ein Hochwasser 1897 das unterhalb der Schießstände errichtete Militärflussbad an der Mulde. Es wird an anderer Stelle oberhalb der öffentlichen Bade- und Schwimmanstalt in der Nähe der Roßweiner Straße neu errichtet. An der Stockhausener Straße 1-3 baut man in den Jahren von 1888 bis 1890 erste Gebäude für ein Militärlazarett. 1914 besteht das Garnisonslazarett aus vier Gebäuden im geschlossenen Karree mit kleiner Parkanlage. Das kleinere Gebäude - Block A - dient als Verwaltungsgebäude. Im sog. Pavillon-Bau des Haupthauses, Block C, befinden sich der Operationssaal, Behandlungsräume sowie Patientenzimmer. Desgleichen im Block B. Verbunden sind beide Häuser mit einem überdachten Gang. Der in der Mastener Straße gelegene Flachbau, Block D, wird ursprünglich als Waschhaus und Sanitäranlage genutzt.

Historische Postkarte vom Garnisonslazarett an der Mastener Straße (www.döbeln.de)

Besondere Höhepunkte sind für das Regiment immer wieder Besuche des Königs oder von Mitgliedern der königlichen Familie. So inspiziert am 15. August 1898 König Albert die Kaserne. Er weilt anlässlich des Wettin-Bundesschießens in Döbeln. Kurz vorher schaut Prinz Friedrich August vorbei und stolz wird berichtet, dass er im Offizierkasino des Regiments den Abend verbracht hätte.
Das Jahr 1899 bringt Veränderungen im Organisationsprofil des Regiments. Das sächsische Militär wird in zwei Armeekorps aufgeteilt, jeweils mit Sitz des Generalkommandos in Dresden und Leipzig. Das Döbelner Regiment der 139er gehört fortan zum neugegründeten XIX. Armeekorps mit Sitz in Leipzig.

Unbekannter Fotograf: Gefangene Herero oder Nama, Foto vermutlich vom August 1904 (Public Domain)

Die Führung des Regiments gibt immer wieder zu Protokoll, dass man auf Situationen wartet, in denen sich die 139er bewähren können. Fast etwas missgünstig blickt man auf jene älteren, „kriegserprobten“ Regimenter, denen im Jahre 1900 silberne und goldene Fahnenbänder verliehen werden, an denen Spangen mit den eingravierten Namen derjenigen Schlachten befestigt sind, an denen sie beteiligt waren. Freude schwingt mit, als „nach beinahe dreißigjähriger Friedenszeit […] das deutsche Schwert zeigen konnte, dass seine Klinge noch scharf, der Arm, der es schwingt, noch stark ist“ (Büttner/Ludwig: Die Geschichte des 11. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 139. Stuttgart 1912, S. 21). Der Anlass dafür war der Boxeraufstand oder auch Boxerkrieg in China. Eine Freiheitsbewegung begehrt hier gewaltsam gegen die europäische, US-amerikanische und japanische Fremdherrschaft auf. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Am deutschen Expeditionschor nehmen aus Döbeln Oberleutnant Cummerow, drei Unteroffiziere und 47 Soldaten teil, die sich freiwillig für diesen Einsatz gemeldet haben. Cummerow erhält nach seiner Rückkehr das Ritterkreuz 2. Klasse des Albrechtsordens. Weniger Glück hat Unteroffizier Wilhelm Artur Fischer, der sich im September 1903 freiwillig für die Kaiserliche Schutztruppe in Kamerun meldet. Er stirbt am Tropenfieber. Auch in Deutsch-Südwestafrika kommen beim Aufstand der Hereros und der Nama 18 Soldaten aus Döbeln zum Einsatz. Von den ursprünglich 60.000 bis 80.000 Herero überleben nur etwa 16.000. Die gezielte Vernichtungspolitik der deutschen Kolonialherren wird mittlerweile übereinstimmend als Völkermord eingestuft. Die Analen des Regiments loben den Mut und die Tapferkeit der Soldaten.
Höhepunkte im Leben der Truppe waren auch im neuen Jahrhundert die herbstlichen Manöver. 1903 findet das in Glauchau statt und danach wird das Regiment noch zur Kaiserparade auf den Exerzierplatz Lindenthal bei Leipzig beordert. Erstmals seit seiner Gründung absolviert das XIX. Korps eine Parade vor den Augen des Kaisers. Wilhelm II. lässt „die Puppen tanzen“.

Historische Postkarten von der Fahnenkompanie im Hof der Kaserne am 25. Mai 1909 (www.döbeln.de)

Abzeichen des Königlich-Sächsischen Militär-Vereins Döbeln (Jäger u. Schützen, gegr. 1896)

Die Manöver und Paraden sind für die Soldaten und Offiziere eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Kasernenalltag. In Döbeln gibt es weitere Aktivitäten, um spielerisch militärische Tugenden einzuüben. Erstmals 1903 organisiert Hauptmann Mertens für das Offizierskorps Jagdausflüge. In Kooperation mit den Gutsbesitzern der Region sind alle Offiziere, die ein Pferd auftreiben können, zweimal pro Woche im Herbst zu einem Ausritt eingeladen. In wildem Galopp geht es über die abgeernteten Felder, durch Wälder, über Hecken und Wasserläufe. Die Offiziere sind begeistert, besonders über die mit reichen Preisen ausgestattete Hubertusjagd (immer am Hubertustag, dem 03.11.), die die Saison beendet. Alternativ führt man für die Soldaten zusätzlich zum militärischen Turnen sog. Turnspiele ein, bei denen es um eine Förderung der Geschicklichkeit und um schnelle Entschlussfähigkeit geht. Immer im Mai veranstaltet man Sportspiele, die bei den Soldaten gut ankommen. So können Soldaten des Regiments bei militärischen Wettspielen anlässlich der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1910 in Dresden zahlreiche Preise gewinnen. Sowohl die herbstlichen Ausritte der Offiziere als auch die Turnspiele der Soldaten werden Traditionen, die man von Jahr zu Jahr pflegt.

Technischer Fortschritt und Industrialisierung revolutionieren um die Jahrhundertwende auch die Bewaffnung des Regiments. 1905 wird in Döbeln das Gewehr 98 eingeführt. Es ist ein Mehrladegewehr, basierend auf dem Verschlusssystem des deutschen Waffenherstellers Mauser. Die Repetierwaffe mit Zylinderverschluss und dem in die Waffe integrierten Magazinkasten für fünf Patronen wird wohl mehr als 100 Millionen Mal hergestellt und ist eine der weltweit meistproduzierten Waffen. Schon bald kommen zur Ausstattung noch Maschinengewehre hinzu. Das MG 08 geht auf das 1884 von dem US-amerikanisch-britischen Erfinder Hiram S. Maxim (1840–1916) entwickelte Maxim-Maschinengewehr zurück. Das MG 08 gibt es in einigen Ausführungen. Die bekannteste Variante ist das leichte MG 08/15, auf das sich die Redewendung „nullachtfünfzehn“ zurückführen lässt. Scheinbar ist die abgespeckte Version nicht so zuverlässig wie das Original. Für die neu gegründete Maschinengewehrkompanie wird in Döbeln am 01. Oktober 1909 ein Gebäude an der Friedrichstraße fertiggestellt.

König Friedrich August bei der Einweihung des Reiterstandbildes für seinen Vater Georg auf dem Döbelner Niedermarkt am 5. September 1911

Parallel zu dieser baut man 1911 ein Wohnhaus für verheiratete Unteroffiziere. Immer stärker wächst das Band zwischen der Stadt Döbeln und „seinem“ Regiment. Ihrer Dankbarkeit für die Aufwertung der Stadt als Garnisonsstadt geben die Döbelner Ausdruck, indem sie auf dem Niedermarkt ein Reiterstandbild König Georgs errichteten. Ohne die Unterstützung des Königshauses wäre Döbeln kein Standort für ein Regiment geworden. Als das Denkmal am 5. September 1911 enthüllt wird, erschien der Sohn Georgs, König Friedrich August selbst in Döbeln. Die 9. Kompagnie stellt die Ehrenkompanie, während die anderen Kompagnien an den Straßen, welche der König durchfährt, Spalier stehen. Das gesamte Offizierskorps hat auf dem Niedermarkt Aufstellung genommen. Auch als vom 11.-13. Mai 1912 das 25-jährige Regimentsjubiläum gefeiert wird, geschieht das unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Die Stadtverwaltung und die Industriellen der Stadt alimentieren das Regiment zum Beispiel durch die Gründung von Stiftungen zur Unterstützung von bedürftigen Unteroffiziersfamilien. Döbelns Aufschwung um 1900 hängt auch mit der Ansiedlung des Regiments 139 zusammen. Die Stadt wächst schnell Richtung Westen. In der Nähe der Kaserne entstehen viele stattliche Privathäuser, weil Offiziere und Unteroffiziere Wohnraum benötigen. Die Händler der Stadt haben schnell erkannt, dass die vielen Soldaten auch eine nicht zu unterschätzende Kundschaft darstellen. Im Jahre 1907 gibt es in Döbeln 1755 aktive Soldaten, 139 Reservisten und 65 Lazarettangestellte. Döbeln wird zu einem Kneipenparadies auch wegen der vielen Soldaten, die, sobald sie Ausgang hatten, zünftig einkehren wollen.

Historische Postkarte - Kasernenalltag bei den 139ern (www.döbeln.de)
Historische Postkarte (www.döbeln.de)

Der Geist des Militarismus, der Deutschland um die Jahrhundertwende prägt, führt dazu, dass die Wehrdienstleistenden trotz aller Schikane und trotz des militärischen Schliffs, dem sie ausgesetzt sind, ihr Regiment in guter Erinnerung behalten. Zahlreiche Vereine von Reservisten, ehemaligen 139ern, entstehen in ganz Sachsen (1895 in Dresden, 1897 in Döbeln, 1906 in Chemnitz, 1907 in Leipzig, 1910 in Plauen, 1911 in Bautzen). Sie eint die Vorstellung, dass das Regiment aus „wehrhaften Söhne[n]“ Männer herangebildet hat, „die mit starkem Arme und tapferen Herzen in Stunden der Gefahr die Heimat zu schützen wissen“. Eine historische Abhandlung zur Regimentsgeschichte schließt mit folgenden Worten: „Kameraden wollen wir bleiben im gemeinsamen Wunsche für das fernere Blühen und Gedeihen unseres Regiments, Kameraden in unerschütterlicher Anhänglichkeit an unseren König, an unser schönes Vaterland, Kameraden, wenn es gilt, in ernster Stunde zusammenzustehen, Männer zu sein, die mutvoll zu streiten und die unverzagt dem Tode ins Auge zu schauen wissen, dem ehrenvollen Soldatentode im Kampfe fürs teure Vaterland. So haben wir es geschworen und so wollen wir’s halten: Wir sind ja deutsch, sind aus dem Land der Treue.“ (Büttner/Ludwig: Die Geschichte des 11. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 139. Stuttgart 1912, S. 33f.).
Schon bald sterben Millionen von Soldaten und Offizieren im Ersten Weltkrieg. Unter ihnen sind auch viele Männer des Kgl. Sächs. 11. Infanterie-Regiment Nr. 139.
1913, kurz vor Ausbruch des Krieges, wird der Standort weiter aufgewertet. An der Friedrichstraße errichtet man ein Verwaltungsgebäude. Hier finden sich fortan die Geschäftszimmer für das Regiment und für die Bataillone sowie für das Kommando der 3. Inf.-Brigade Nr. 47, die am 1. Oktober 1913 nach Döbeln verlegt wird. Noch deutet nichts darauf hin, aber der Krieg rückt näher.
Weil in Döbeln mittlerweile eine vorbildliche militärische Infrastruktur existiert, erhält das Kasernement laut Allerhöchster Verfügung am 18. Februar 1913 den Namen „König-Albert-Kaserne“. Albert, von 1873 bis 1902 König von Sachsen, hatte 1887 entschieden, Döbeln zur Garnisonsstadt zu machen. Am 30. März 1914 überfliegt ein Militär-Luftschiff, von Strölla kommend, Döbeln. Noch deutet nichts darauf hin, aber der Krieg rückt näher.

Gavrilo Princip erschießt Erzherzog Franz Ferdinand (Illustration von Achille Beltrame in der italienischen Zeitung "La Domenica del Corriere" am 12. Juli 1914), allerdings saß Franz Ferdinand hinten links, seine Gattin auf der rechten Seite. (Public Domain)

Dann geht es Schlag auf Schlag. Bei einem Attentat am 28. Juni 1914 werden der Thronfolger Österreich-Ungarns Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, ermordet. Es folgt ein Ultimatum Österreich-Ungarns an die Serben und als das abläuft, die Kriegserklärung. Europa ist in zwei Blöcke gespalten: Die Mittelmächte mit Deutschland, Österreich-Ungarn, Türkei, Bulgarien und Italien stehen auf der einen Seite, auf der anderen die "Entente" mit Frankreich, Russland, Großbritannien, Portugal und vielen weiteren Staaten.
Oberst Einert, Kommandeur des Regiments in Döbeln, kann am 6. August 1914 Marschbereitschaft melden. Einen Tag später rücken die Soldaten ab und fahren Richtung Westfront. Noch glaubt man an einen schnellen Sieg, so wie 1870. Bald wird klar, dass das eine Illusion ist. Die ersten Soldaten des Regiments fallen. Die Döbelner Bevölkerung ist um das Wohl der 139er besorgt. Als der Winter naht, schickt man warme Unterwäsche, an den Döbelner Schulen werden Strümpfe gestrickt. 10 000 Zigarren im Wert von 1200 Mark sendet man im Oktober an die Front. Kurz vor Weihnachten folgen 72 Pakete mit Tabak, Lichtern, Lichterhaltern, Buntpapier und Lesestoff.

Die Kriegsfreiwilligen des Königlichen Realgymnasiums Döbeln 1914: Zimmer, Würker, Heinrich, Kiggenhahn (Infanterie Regiment Nr. 139), Klüwer, Hahn (Königlich Sächsisches Karabiner-Regiment), Oehmichen, Wittig. Mindestens 177 namentlich bekannte ehemalige Schüler sterben im Ersten Weltkrieg. (Foto: Schularchiv Lessing-Gymnasium Döbeln)

In die Döbelner Kaserne werden Reservisten eingezogen und erhalten eine kurze militärische Ausbildung. Monat für Monat ziehen neue Truppen ins Feld. Im Jahr 1915 im Januar 571, im Februar 152, im März 1420, im April 650, im Mai 550, im Juni 250, im Juli 150, im August 100, im September 243, im Oktober 850, im November 200 und im Dezember 100. Schon bald reichen hierfür die vorhandenen Unterkünfte und Ausbildungskapazitäten nicht mehr aus. Deshalb wird die gerade fertiggestellte Landmaschinenfabrik Franz Richters an der Industriestraße (damals Bergstraße) in der Nähe des Ostbahnhofs zur "Bock-von-Wülfingen-Kaserne" umfunktioniert.
5176 Unteroffiziere und Soldaten ziehen allein im Jahr 1915 von Döbeln aus in den Krieg. Viele von ihnen kehren niemals wieder zurück.

Provisorisch eingerichtete Bock-von-Wülfingen-Kaserne in der Döbelner Industriestraße (früher Bergstraße). Bock von Wülfingen ist der Name eines niedersächsischen Uradelsgeschlechts. Georg Bock von Wülfingen (1868-1952) diente als Generalmajor in der sächsischen Armee. (www.döbeln.de)
Denkmal für Felix Gleisberg und Walter Polster auf dem Döbelner Niederfriedhof.

Einer von ihnen ist Felix Gleisberg. Der Leutnant, Sohn eines bekannten Döbelner Metallwarenfabrikanten, dient als Kompagnie-Führer in einem Ersatz-Regiment an der Ostfront. Am 06. Mai 1915 steht die Kompanie bei Roszkowa Wola, im heutigen Polen, nahe dem Fluss Pilica. Gleisberg und sein Bursche Walter Polster befinden sich auf vorgeschobenem Posten, als Leutnant Felix Gleisberg einen tödlichen Lungenschuss erleidet und stirbt. Seinen Leichnam bergend, wird auch Polster, welcher sich über Gleisberg beugt, von einem Geschoss tödlich getroffen. Felix Albert Gleisberg stirbt mit nur 24 Jahren. Walter Polster ist sogar nur 19 Jahre alt. Das vom Döbelner Bildhauer Prof. Otto Rost geschaffene Grabmal ist auch heute noch im oberen Teil des Niederfriedhofes zu sehen. Dargestellt sind zwei Soldaten mit Stahlhelm; Gleisberg und Polster. Einer der beiden liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht, während sich der andere Soldat über ihn beugt und versucht zu helfen. Die Grabinschrift lautet: „Ich hat einen Kameraden“ und auf der Rückseite steht der Satz „Sie stürmten, siegten und fielen für uns“. Es ist der verzweifelte Versuch, dem sinnlosen Tod zweier junger Männer, die ihr Leben noch vor sich hatten, nachträglich einen Sinn zu geben.

Erläuterungen zu den Fotos:

1 - In Flandern 1917. Straße in Messines nach der Beschießung vor dem Angriff auf die Éloi-Stellung (Mai)
2 - In Flandern 1916/17. Kompanieführer-Unterstand im Trichter IV bei St-Éloi
3 - In Flandern 1916/17. Trichter III vor St-Éloi
4 - Leute der 10.139 mit Schutzschild und Stielhandgranaten
5 - Flandern 1917. Deckungsgraben bei St. Éloi. II. Linie, am hinteren Rand des Trichters
6 - Gegend bei Barisis (Aug.Sept. 1918) bei der Einnahme der Siegfriedstellung im Wald von St. Gobain
7 - Höhle im Walde bei St. Gobain (1918)
8 - Minenwerfer-Abteilung 139 im Wald von St. Gobain (1918)
9 - Oktober 1918 im Auto von St. Gobain nach Bohain
10 - Zur Erinnerung an die Offensive 1918. Englischer Tank bei Haplincourt östlich Bapaume

Die Fotos stammen aus: Artur Baumgarten-Crusius: Das Königlich-Sächsische 11. Infanterie-Regiment Nr. 139: (1914-1918) - Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, 1927

Sommeschlacht 1916 Einsatz am Wytschaete-Bogen Einsatz im Kriegsjahr 1918

Die Zeichnungen zum Einsatz der 139er stammen aus der unveröffentlichten "Chronik des Standortes Döbeln" von Emil Reinhold (1941) und wurden vom Gefreiten Rietzschel aus Bayern angefertigt.

Das Infanterieregiment 139 kämpft an der Westfront, nahm 1914 an der Maasschlacht (23.08.), an der Schlacht bei Thin le Moutier (28.08.), an der Schlacht an der Aisne (31.08.) und an der Schlacht südlich der Marne (04.09.1914) teil, ehe am 09.09. der erste Rückzugsbefehl gegeben wird. Von Anfang an sind die Verluste hoch, von Kriegsbegeisterung ist schon bald nichts mehr zu spüren.
1915 liegen die 139er im Stellungskrieg in Flandern. Allein in diesem 2. Kriegsjahr verliert das Regiment in Frankreich 50% seines Bestandes. Die Soldaten sind entweder gefallen oder liegen verwundet im Lazarett. In der Garnisonsstadt Döbeln fasst man 1916 den Beschluss, ein Soldatenheim zu errichten. Im ersten Stock der Drogerie „Germania“ in der Burgstraße 2 wird es eröffnet und soll den Verwundeten das Elternhaus ersetzen. Schon nach wenigen Monaten besuchen ca. 500 Soldaten täglich das neue Heim, was zu einer räumlichen Erweiterung führt. Bald wird der Verein „Soldatenheim zu Döbeln e.V.“ gegründet, der Geld- und Sachspenden für das Domizil einwirbt.

Historische Postkarten vom Soldatenheim. Es befand sich in der Nähe der Kaserne an der Ecke Burgstraße/Bahnhofstraße. (www.döbeln.de)

Im Westen gehen die Kämpfe derweil weiter. 1916 steht das Regiment sieben Monate westlich von Lille, ist im August an der Somme eingesetzt, im September in La Bassée, im Oktober und November wieder an der Somme und am Ende des Jahres im Wytschaete-Bogen. Hier wird das Regiment auch noch in den ersten sechs Monaten des Jahres 1917 eingesetzt. Den Juli verbringt es südwestlich von Lille. Man musste den Soldaten nach so langer Zeit an der Front etwas Ruhe gönnen. Danach werden sie wieder am Wytschaete-Bogen eingesetzt, bis Februar 1918 am Vimy-Abschnitt. Nach einem Monat des Ausruhens hinter der Front geht es wieder in den Krieg, der doch schon längst verloren ist. Sie verstärken die Stellung östlich von Hébuterne bis Mitte April, werden wieder hinter die Front geführt, kämpfen in der Avreschlacht, decken den Abzug der deutschen Truppen hinter die Hermannstellung, die die deutschen Truppen bis Anfang Oktober halten können. Danach bricht der deutsche Widerstand immer mehr zusammen, die Hunderttageoffensive der Alliierten endet mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Deutschland hat den Krieg verloren.

Erläuterungen zu den Fotos

1 - Im Kampfgraben der 139er westlich Lille. II. Bataillon des Regimentes 1915
2 - Mit Gasmaske beim Grabendienst
3 - Kompanieführer Leutnant Haubold im durch eine Granate zerstörten Schützengraben
4 - Rittmeister Pöschmann und Mannschaften III.139. Grabenstück in der Stellung vor Armentieres 1915

Die Fotos stammen aus: Artur Baumgarten-Crusius: Das Königlich-Sächsische 11. Infanterie-Regiment Nr. 139: (1914-1918) - Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, 1927

Der Blutzoll des Regiments 139 ist hoch. In den Kriegsjahren von 1914 bis 1918 sind 74 Offiziere, 238 Unteroffiziere und 2190 Soldaten gefallen, werden 177 Offiziere, 692 Unteroffiziere und 6254 Soldaten verwundet, 8 Offiziere, 101 Unteroffiziere und 625 Soldaten gelten als vermisst und 26 Offiziere, 61 Unteroffiziere und 649 Soldaten werden gefangen genommen. Regimentskommandeur Demmering ordnet die Niederlage im „Döbelner Anzeiger“ ein. Das Regiment habe „in langem Kriege gegen eine erdrückende Übermacht die Feinde von den vaterländischen Grenzen ferngehalten und den deutschen Boden von den Schrecken des erbitterten Kampfes bewahrt“. So wird eine bittere Niederlage doch noch zu einem kleinen Erfolg. Der Krieg, ist man sich schnell einig, wäre nicht an der Front verloren gegangen, wohl aber „an der zersetzenden und wühlenden Arbeit der Juden und Kommunisten und an der schwachen obersten Führung“ (Emil Reinhold „Chronik des Standortes Döbeln“, unveröffentlichtes Manuskript, 1940). So einfach kann die Welt sein.
Der Krieg ist beendet, aber Ruhe zieht nicht ein. Im November 1918 überschlagen sich in Deutschland die Ereignisse. Die Abdankung des Kaisers hinterlässt ein Machtvakuum. Gravierende Zukunftsfragen stehen vor ihrer Entscheidung. Wird Deutschland eine parlamentarische Republik oder eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Am 8. November abends kommt ein revolutionärer Soldatenrat aus Leipzig nach Döbeln. Er besetzt die Kaserne, Soldaten und Offiziere werden entwaffnet. Auf dem Kasernentor weht die rote Arbeiterfahne. Die Lage ist unübersichtlich. Bürgermeister Müller macht bekannt, dass er zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ruhe den Anordnungen des Soldatenrates nachkommen werde.

Bald schon kühlt sich „die revolutionäre Glut“ etwas ab. Es gelingt nicht, eine Räterepublik zu installieren. Am 24. November kommt das Regiment 139 wieder in der Heimat an. Viele Döbelner möchten dort wieder anknüpfen, wo man 1914 aufgehört hat. Am Bahnhof errichtet man eine Ehrenpforte, das Kasernentor ist mit Tannengrün geschmückt. Mit Musik und begleitet von Glockengeläut marschieren Soldaten und Offiziere am 25. November vom Bahnhof zur Kaserne.
Aus Sicht der Reichswehr beginnt nun eine lange Durststrecke. Deutschland hat den Krieg verloren und bekommt im Versailler Vertrag Auflagen, unter denen die Armee ächzt. So wird die Truppenstärke auf 100 000 Mann reduziert. Offiziere soll es nur noch 4000 geben. Für die Marine sind max. 15 000 Mann vorgesehen. Die allgemeine Wehrpflicht wird abgeschafft, der Große Generalstab aufgelöst.
Schwere Waffen wie U-Boote oder Panzer werden genauso verboten wie eine Luftwaffe. Da durch die Truppenreduzierung viele Soldaten und Offiziere arbeitslos werden, haben sog. Freikorpsverbände Zulauf. Diese Freikorps bekämpfen im Auftrag des Rates der Volksbeauftragten und der Reichsregierung die linksradikalen Aufstände im Land und sichern die Grenzen im Osten. In Döbeln wird für das Freikorps „Görlitz“ geworben.

Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere des in Döbeln kasernierten 139. Regiments auf dem Wettinplatz

Die Truppenreduzierung beim Heer hat natürlich auch Auswirkungen auf den Garnisonsstandort Döbeln. Fortan ist hier nur noch ein Ausbildungsbataillon stationiert. Der Nordflügel der Kaserne wird umgebaut. Es entstehen Wohnungen. Viele Döbelner Familien, die schon länger auf preiswerten Wohnraum gewartet hatten, freut das. Die Reichswehr eher nicht.
Im Oktober 1919 kommt das I. Bataillon des Reichswehr-Jäger-Regiments Nr. 38. von Leipzig nach Döbeln. Aus Chemnitz wird die 47. Reichswehrbrigade mit Kraftfahrabteilung, dazu ein Drittel der Nachrichtenkompanie 38 abkommandiert. Das ist für den Standort Döbeln hilfreich, bleibt aber nur ein matter Abglanz der einstigen Größe. Wehmütig erinnert man sich an vergangene Zeiten, der verlorene Krieg wird zu einem kollektiven Trauma. 1919 und 1920 kehren die letzten Gefangenen zurück nach Döbeln. Sie werden am 13.12.1919 und am 22.04.1920 im Beisein ihrer Angehörigen begrüßt.
Das Gedenken an die Toten des Krieges entwickelt sich zum festen Ritus, eine Art Totenkult entsteht. Am 23. November 1919 wird eine Gedächtnisfeier für die Gefallenen abgehalten, 1920 ein Denkmal für die gefallenen Unteroffiziere des 139. Regiments auf dem Wettinplatz eingeweiht.

Stadtansicht Döbelns mit dem Kriegerdenkmal auf dem Geyersberg rechts im Vordergrund. (www.döbeln.de)
Vorderansicht des Kriegerdenkmals am Geyersberg

Im Februar 1921 beschließt man, ein monumentales Kriegermal für die Gefallenen auf dem Geyersberg zu errichten. Die Denkmalweihe findet am 24. September 1922 statt, einen Tag nach einer großen Wiedersehensfeier, zu der viele Ehemalige des Regiments mit der Bahn angereist sind. Oberstleutnant Demmering hält die Gedächtnis- und Weiherede über das eingemeiselte Wort „Die Toten führen uns zum Aufstieg.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät die Anlage in Vergessenheit und verwilderte. Irgendwann empfindet man im neugegründete Arbeiter- und Bauernstaat DDR das Kriegermal nur noch als Relikat aus Zeiten eines fürchterlichen Militarismus. Die Sockelaufschrift mit dem Zitat von General Erich Ludendorffs „Die Toten führen zum Aufstieg“ würde die Opfer aller Kriege verhöhnen. Ende 1970 wird es durch Soldaten der NVA abgerissen.
Auch am Beginn der 20er Jahre ist die Lage in Deutschland innenpolitisch noch nicht stabil. Immer wieder versucht man von links und auch von rechts, den neuen Staat ins Wanken zu bringen. Im März 1920 rückt das Döbelner Bataillon nach Leipzig aus, da es dort zu Kämpfen zwischen Revolutionären und dem Zeitfreiwilligen-Regiment der Leipziger Studenten kam. Ein Oberleutnant findet den Tod. Am 28. März 1923 versuchen spät abends 50 Mann in die Kaserne einzudringen, werden aber von den Posten abgewiesen. Zu großen Unruhen kommt es am 13. Februar 1924. Arbeitslose ziehen unter Führung von Kommunisten durch die Straßen und zetteln Schießereien an. Eine Person wird schwer, zwei leicht verletzt. Die Reichswehr kommt zum Einsatz und zerstreut die Aufrührer.
Anarchie und Konservatismus prägen die ersten Jahre der Weimarer Republik gleichermaßen. Jährlich finden Treffen der ehemaligen 139er statt. Man ist umtriebig. Da militärische Vereine laut Versailler Vertrag verboten sind, darf man die Fahnenweihe der Döbelner „Vereinigung ehemaliger 139er“ nicht am Ehrenmal durchführen. Man verlegt sie kurzerhand auf den Kasernenhof. Alljährlich finden auch Weihnachtsfeiern statt, bei denen man der Gefallenen gedenkt und für die Kriegsinvaliden, Witwen und Kriegswaisen sammelt.

Beflaggung des Rathauses nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933

Der verlorene Krieg und seine Folgen sind im Bewusstsein der Bevölkerung allgegenwärtig und bald auch im Stadtbild Döbelns sichtbar. Viele Kasernengebäude werden für die stark geschrumpfte Reichswehr nicht mehr benötigt. Im Nordflügel der Kaserne werden Wohnungen eingerichtet, das Kammergebäude baut man zu einer Gewerbeschule um. Insofern sind die Goldenen Zwanziger Jahre für die Reichswehr nicht so rosig. Die Militärs müssen sich mit einer gewissen Bedeutungslosigkeit arrangieren. Man feiert das 40jährige Jubiläum der 139er, hilft beim Löschen eines Großfeuers in der Seifenfabrik Schmidt, lauscht einem Vortrag des berühmten Kampffliegers Köhl und erhält 1930 Besuch von Reichswehrmister Gröner. Business as usual.
Das Jahr 1933 ist dann natürlich auch für die Garnisonsstadt Döbeln ein tiefer Einschnitt. Am Rathaus flattert die Hakenkreuzfahne, der neue Reichskanzler Hitler wird gemeinsam mit Generalfeldmarschall von Hindenburg am 12. März zum Ehrenbürger Döbelns ernannt.

1934 wird aus der König-Albert-Kaserne die Demmering-Kaserne. Oberstleutnant Demmering war 1918 der letzte Kriegskommandeur des Regiments 139.

In Erinnerung an das Regiment kommt die Standarte 139 nach Döbeln. Am 16. Juni kauft die Reichswehr die Kaserne. Die heißt fortan nicht mehr König-Albert-Kaserne, sondern nach ihrem letzten Regimentskommandeur im Ersten Weltkrieg Demmering-Kaserne.
Am 26. März 1934 wird in Döbeln ein nationalsozialistischer Frontkämpferbund gegründet. Militärische Traditionspflege der Kaiserzeit und NS-Kriegerideologie sind kompatibel. Nach dem Tod von Hindenburgs am 2. August 1934 wird die Reichswehr auf Hitler vereidigt. Das Unheil nimmt seinen Lauf.
Schon in den ersten Jahren der NS-Diktatur wird der klare Wille zur Aufrüstung deutlich. Noch scheut man sich, die Bestimmungen des Versailler Vertrages ganz öffentlich zu ignorieren. Am 01. Oktober wird zwar in Döbeln wieder ein Wehrbezirkskommando eingerichtet. Aber es erhält vorerst die Tarnbezeichnung „Meldeamt für den freiwilligen Arbeitsdient“. Erst 1935 bezeichnet man die Dienststelle ganz offen als „Wehrbezirkskommando“. Das Döbelner Amt war erst in einer Baracke im Lazarett untergebracht. Bald reicht der Platz hier nicht mehr aus und man bringt die Dienststelle im Block D der Demmering-Kaserne unter.
Nach Jahren der Abrüstung wird auch in Döbeln wieder investiert. So werden 1934 mit einem Kostenaufwand von fast 330 000 RM nicht nur eine Truppenwaffenmeisterei, ein Pferdestall und ein Hundezwinger neu errichtet, sondern auch Umbauten an den vier Mannschaftshäusern, an der Gas- und Entseuchungsanstalt und am Krankenstall vorgenommen. Auf dem Gelände des ehemaligen Burgstadels und südlich der Leisniger Straße werden von Dezember 1934 bis April 1935 vier Mannschaftsbaracken, eine Geschäftszimmerbaracke, eine Stallbaracke, eine Wirtschaftsbaracke sowie Fahrzeug- und Kohleschuppen und vier Munitionsbehälter errichtet.
Die Wehrmacht ist auch bestrebt, für ihre Angehörigen Wohnungen zur Verfügung zu stellen. So werden großzügige Baudarlehen gewährt und Häuser errichtet, in denen Offiziere eine Wohnung erhielten. Die repräsentativen Häuser am Sonneneck 1 und 2 sind hierfür Beispiele. Auch in anderen Zusammenhängen kümmert sich die Wehrmacht um ihre Soldaten und Offiziere. So stellt man der Stadt 30 000 RM zur Fortführung des Stadtbades zur Verfügung und ermöglichte so allen Wehrmachtsangehörigen zu festgelegten Tageszeiten die unentgeltliche Nutzung des Hallen- und Freibades.

In den Häusern am Sonneneck waren zahlreiche Wohnungen für die Offiziere des Standorts reserviert. (www.döbeln.de)

Solche Aussichten locken auch ausgeschiedene Berufssoldaten nach Döbeln, die in der aufstrebenden Wehrmacht eine neue Perspektive beim Militär erhalten. Zu tun gibt es genug. Am 5. Januar 1935 treffen 300 junge ungediente Männer der Jahrgänge 1901-13 zu einem achtwöchigen Lehrgang für Leibesübungen in Döbeln ein. Bald schon braucht man derlei Tarnung nicht mehr. Am 16. März 1935 verkündet Hitler die Wiederherstellung der Wehrhoheit Deutschlands, 1936 wird die zweijährige Dienstpflicht wieder eingeführt, was gegen den Versailler Vertrages verstieß.
Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht will man auch in Döbeln die militärische Infrastruktur wieder reaktivieren. Die 20 Familien, die im ehemaligen Garnisonslazarett eine Wohnung gefunden hatten, werden genauso umgesiedelt, wie die Familien, die im Nordflügel der Kaserne an der Bahnhofstraße eine Bleibe gefunden haben. Zivilisten in der Kaserne – das ist mittlerweile nicht mehr opportun.

Fotos von einer Truppenparade der Wehrmacht auf dem Schießplatz (heute Steigerhausplatz) und von der Wache am Eingang der Kaserne, an der ein Reichsadler mit Hakenkreuz angebracht wurde.

Vereidigung von Soldaten der Wehrmacht auf dem Obermarkt (damals Hindenburg-Platz, 2. Hälfte 30er Jahre)

Die politische Lage spitzt sich derweil immer mehr zu. Das Jahr 1938 markiert den Wendepunkt von einer friedlichen zur expansiven Außenpolitik Hitlers. Im März 1938 erfolgt der “Anschluss Österreichs” an das Deutsche Reich. Hitler beansprucht im September 1938 auch das Sudetenland. Eine diplomatische Lösung für die Krise wird auf der Münchner Konferenz getroffen, die die Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich gewährt. Im März 1939 marschieren deutsche Truppen in die sog. Rest-Tschechei ein. Böhmen und Mähren wird zum “Reichsprotektorat” erklärt. Am 1. September 1939 fallen deutsche Soldaten in Polen ein. Der Zweite Weltkrieg beginnt.
Mit Beginn der Mobilmachung am 25. August 1939 kommt es in Döbeln zu vielfältigen Umgruppierungen im Truppenbestand. Die Pläne dafür liegen in der Schublade. Sie werden nun zügig umgesetzt. Folgende Fronttruppenteile ziehen von Döbeln aus in den Zweiten Weltkrieg: Ausbildungs-/Infanterie-Regiment 11, I./Infanterie-Regiment 101, Ergänzungsbataillon des Infanterie-Regiments 101, Bau-Bataillon B, Landesschützen-Bataillon XXVIII/IV.
Verfolgen wir beispielhaft die Döbelner im Infanterieregiment 101. Im Jahr 1935 wird die Reichswehr nicht nur in Wehrmacht umbenannt, sondern auch massiv aufgestockt. Das Infanterieregiment 101, im Wehrkreis IV aufgestellt, hat seinen Stab in Dresden. Das 1. Bataillon des Regiments wird in Döbeln ausgehoben, das 2. Bataillon in Freiberg (seit 1938 in Oschatz), das 3. Bataillon in Dresden.
Gleichzeitig wird in Döbeln ein Ergänzungs-Bataillon für das Infanterie-Regiment 101 aufgestellt. Untergebracht ist das in einer Barackensiedlung an der Leisniger Straße.

Historische Postkarten von der Barackensiedlung an der Leisniger Straße. (www.döbeln.de) / Eine alte Holz-Baracke ist noch heute auf dem Areal erhalten (Foto 2022).

Propagandafoto vom 1. September 1939, Soldaten der Wehrmacht entfernen einen polnischen Schlagbaum bei Danzig (Public domain)

Wo die Soldaten und Offiziere aus Döbeln genau zum Einsatz kommen, lässt sich gut nachvollziehen. Nach vierwöchigem Schanzeinsatz östlich von Rosenberg (poln. Olesno) in Oberschlesien an der deutsch-polnischen Grenze überschreitet das Regiment im Verband mit der 14. Infanterie-Division am 01. September 1939, 04:45 Uhr die Grenze und beteiligt sich am Angriff auf Polen. Der Widerstand polnischer Zollbeamter ist schnell gebrochen und das Regiment überquert auf vorbereiteten Brücken und Stegen die Warthe. Die Truppen kommen schnell voran und stoßen bei Jaciska und Zetdzina erstmals auf polnische Einheiten. Beide Dörfer werden durch die Artillerie in Brand geschossen. In den folgenden Tagen nähert sich das Regiment, aufgehalten durch kleinere und größere Gefechte mit polnischen Truppen, Tschenstochau (poln. Częstochowa) an, biegt dann aber nach Norden ab, um der 46. Infanterie-Division den Übergang über die Pilica zu ermöglichen. Am Abend des 6. September 1939 wird Czarna bei Ruda Maleniecka erreicht und am darauffolgenden Tag genommen. Zunehmend behindern verstopfte Marschwege das Vorankommen. Vom 9. bis 12. September 1939 marschiert das Regiment durch große Waldgebiete Richtung Weichsel. In den Wäldern macht man erstmals eine größere Zahl an Gefangenen und erreicht über Lipsko am Abend des 12. September 1939 Solec an der Weichsel.

Karte vom 28. September 1939 mit den Unterschriften von Stalin und dem deutschen Außenminister Ribbentrop. (Public domain)

Das Regiment versucht an mehreren Stellen den Fluss zu überschreiten, scheitert aber anfangs am polnischen Abwehrfeuer. Nachdem die polnischen Stellungen durch Artilleriebeschuss ausgeschaltet wurden, gelingt es einigen Kompanien auf der östlichen Uferseite einen Brückenkopf zu errichten. Als am 16. September 1939 die Mehrzahl der Regimentsfahrzeuge im Fährbetrieb übergesetzt sind, wird der Vormarsch wieder aufgenommen. Das nächste Ziel, Lublin, erreicht man am 17. September 1939. In der Nacht gelingt es dem I. Bataillon, sich in den Besitz der westlichen Vororte zu setzen. Am Tag darauf ist die ganze Stadt unter deutscher Kontrolle. Schon am 19. September, man bekommt einen Eindruck davon, was unter „Blitzkrieg“ zu verstehen ist, marschiert das Regiment weiter Richtung Chelm. Als man die Stadt am 20. September erreicht, kommt es zu einiger Verwirrung, weil noch nicht abschließend feststeht, wo die Demarkationslinie zwischen russischem und deutschem Einflussgebiet verlaufen soll. In einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts (Hitler-Stalin-Pakt) vom 24. August 1939 hatte man „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“ Festlegungen getroffen. Der größte Teil Polens sowie Litauens sollten der deutschen Interessensphäre, Ostpolen, Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien der sowjetischen zugeschlagen werden. Nun gibt es Konfusion, wo die Grenze genau verlaufen soll. Erst am 28. September 1939 wird im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag eine engere Zusammenarbeit der beiden Staaten vereinbart und die Interessengebiete den neuen Verhältnissen angepasst. Der Vormarsch der Wehrmacht ist so schnell vonstattengegangen, dass die Diplomaten nicht hinterherkamen.

Dem Regiment wird erst der Rückzug hinter den Fluss Wieprz befohlen. Zwischenzeitlich sollte die Weichsel Demarkationslinie sein. Also marschiert das Regiment über Lublin und die Weichselbrücke bei Polawy auf Radom. Hier kommt man am 27. September 1939 an und marschiert gleich wieder zurück. Die Demarkationslinie ist nun doch weiter nach Osten an den Fluss Bug verlegt worden.
Wie auch immer die Details aussahen. Hitler hat ein erstes Kriegsziel erreicht. Polen wird innerhalb eines knappen Monats überrannt, die polnische Armee hat der hochgerüsteten Wehrmacht nur wenig entgegenzusetzen. Die Truppe hatte im Polenfeldzug 10 Tote und 45 Verwundete zu beklagen. Kein Vergleich zu den gewaltigen Opferzahlen des Ersten Weltkrieges.
Schon am 6. Oktober 1939 kann das Regiment per Eisenbahn nach Westen in den Raum von Rheinhausen südwestlich von Duisburg transportiert werden. Der Krieg sollte weitergehen.
Wir gehen davon aus, dass die Verlegung nach Westen gemeinsam mit der 14. Infanterie-Division erfolgt, der Teile des Regiments schon bald zugewiesen werden. Im Dezember 1939 verlegt man die Truppen in den Raum Mönchengladbach – Rheydt. Am 10. Mai überqueren die Soldaten bei Arsbeck die Grenze und stoßen anschließend über Erkelenz und Heinsberg auf die Maas bei Roermond vor. Nach Überschreiten der Maas und des Albert-Kanals bricht die Division durch die Dyle-Stellung bei Löwen und marschiert am 17. Mai in Brüssel ein.

Ankunft von in Dünkirchen eingeschifften britischen Truppen in Dover (Public domain)

Es folgen die Kämpfe nördlich von Courtrai und Ypern und schließlich die Schlacht um Dünkirchen. Die findet im Mai und Juni 1940 statt. Während des deutschen Westfeldzugs ist die nordfranzösische Stadt Dünkirchen der letzte Evakuierungshafen der British Expeditionary Force, die 1939/1940 in Frankreich als Teil der zunächst defensiven Strategie der Westalliierten eingesetzt ist. Es gelingt den Briten und Franzosen, den Brückenkopf so lange zu verteidigen, bis sie über 330.000 von etwa 370.000 ihrer Soldaten in der Operation Dynamo evakuiert haben. Die Einnahme der Stadt durch die deutsche Wehrmacht erfolgt am 4. Juni.
Nach Dünkirchen folgt die 14. Infanterie-Division als OKH-Reserve anderen deutschen Truppen bis nach Les Andelys. Nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes wird die Division Besatzungstruppe in Fontainebleau südlich von Paris. Im September 1940 kehrt die Division vorerst in ihre Heimatgarnisonen zurück. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, der im Untergang endet.
Am 15. Oktober 1940 motorisiert man die Division und bezeichnet sie danach als 14. Infanterie-Division. Im Zuge der Umgliederung wird das Infanterie-Regiment 101 zum Schützen-Regiment 101, scheidet aus dem Divisionsverband aus und kommt zur 18. Panzer-Division. Das I. Bataillon des Regiments, das in Döbeln eingezogen worden ist, bildet fortan das Kradschützen-Bataillon 54 und verbleibt bei der 14. Infanterie-Division (mot.). Nach den beiden erfolgreichen Blitzkriegen gegen Polen und Frankreich wähnt sich Hitler unbesiegbar und beginnt am 22. Juni 1941 den Krieg gegen die Sowjetunion. Am 18. Dezember 1940 erteilt er dem OKW die Weisung Nr. 21, um den Angriff unter dem Codewort „Unternehmen Barbarossa“ vorzubereiten. Es wird der Anfang vom Ende.
An der Ostfront ist die 14. Infanterie-Division (mot.) der Heeresgruppe Mitte unterstellt und marschiert von Brest-Litowsk bis an die strategisch bedeutsame Autobahn Smolensk-Moskau. Während des Unternehmens Taifun gelangt sie bis an den Moskwa-Wolga-Kanal kurz vor Moskau, wobei der Angriff durch den plötzlichen Wintereinbruch und einen rapiden Temperaturabfall liegenbleibt. Einen Höhepunkt bildet die Schlacht um den Frontbogen von Klin im November/Dezember 1941.

Der Tod ist allgegenwärtig. Beerdigung zweier Angehöriger der 14. Infanterie-Division. (Public domain) Einer von vielen Friedhöfen der Division. (Public domain)
Die Schlachten um Rschew, die zwischen Januar 1942 und März 1943 stattfanden, zählten zu den blutigsten Schlachten im Deutsch-Sowjetischen Krieg während des Zweiten Weltkrieges. Die Verluste der Wehrmacht belaufen sich nach deutschen Angaben auf 162.713 Tote. (Public domain)

Von 1942 bis zum Frühjahr 1943 ist die 14. Infanterie-Division (mot.) an den verlustreichen Schlachten von Rschew beteiligt. Im März 1943 gibt sie ihre Stellungen auf und bildet eine neue Abfanglinie in der Nähe von Smolensk.
Die im Winter 1942/43 geplante Umwidmung in eine 14. Panzer-Grenadier-Division wird schnell wieder gestoppt und im Sommer 1943 entmotorisiert man die Division. Fortan wird sie nur noch als 14. Infanterie-Division bezeichnet. In dieser Zeit kehrt auch das Grenadier-Regiment 101 zur Division zurück. 1942 hat man die Infanterieregimenter in Grenadierregimenter umbenannt.
Im Sommer 1943 zieht sich die Division über die Desna bis nach Roslawl zurück und kämpft bis 1944 im Suchowka-Bogen in der Nähe von Witebsk/Weißrussland. Während der sowjetischen Operation Bagration wird die Truppe als Reserve der 4. Armee zusammen mit der Heeresgruppe Mitte im Raum Borissow-Beresino-Minsk vernichtet.
Im Spätsommer 1944 muss die 14. Panzergrenadier-Division neu aufgestellt werden, zieht sich über den Njemen kämpfend nach Ostpreußen zurück. Im März 1945 steht die Division zwischen Braunsberg und Zinten und macht die Kämpfe im Heiligenbeiler Kessel mit. Bei Kriegsende gerät die Truppe bei Stutthof und auf der Frischen Nehrung in Gefangenschaft. Teile der Division werden in einem britischen Lager in Schleswig-Holstein interniert.
Hitler nimmt sich am 30. April 1945 im Berliner Führerbunker das Leben. Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnet am 7. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Der Krieg ist beendet.

Soldaten der Roten Armee in der Ruine von Hitlers Neuer Reichskanzlei in Berlin. (Public domain)
Das Döbelner Rathaus wird zur sowjetischen Stadtkommandantur (Foto vom 01. Mai 1946)

Wie überall in Deutschland sind auch die Menschen in der Garnisonsstadt Döbeln in diesen Wochen zutiefst verunsichert. Die Lage bleibt unübersichtlich. Noch am 23. April 1945, das Kriegsende ist schon in Sicht, wird Fleischermeister Albert Wünsch wegen „Fahnenflucht“ am Eichberg erschossen. Die Front rückt immer näher. Eisenbahnbrücken werden zur Sprengung vorbereitet und Straßensperren errichtet. Dann geht auch in Döbeln alles ziemlich schnell. Wie schon Kampfkommandant Hauptmann Adler, Kreisleiter Rehfeld und Oberbürgermeister Gottschalk setzt sich auch der Wehrmachtsstab ab. In der Kaserne sind noch acht Soldaten und ein Offizier verblieben. Die erhalten einen Marschbefehl Richtung Hainichen. Stunden später rücken sowjetische Truppen der 1. Ukrainischen Armee in Döbeln ein. Die Kaserne wird von Soldaten der Roten Armee besetzt, das Rathaus zur sowjetischen Stadtkommandantur umfunktioniert. Der heutige Steigerhausplatz (damals Schießplan) steht voller Geschütze und Bagagewagen der Sowjets, zahlreiche Pferde müssen versorgt werden. Die Russen sorgen schnell für Ordnung und setzen diese streng durch. Waffen müssen abgegeben werden und es wird abgerechnet. Polizeiwachtmeister Willi Baatz, der den Fahnenflüchtigen Albert Wünsch denunzierte und so seine Ergreifung und Erschießung zu verantworten hat, wird im August von einem Freiberger Schwurgericht angeklagt. Immer klarer wird, wie viele Opfer der Zweite Weltkrieg in Döbeln gekostet hat. 800 gefallene Männer aus Döbeln und Umgebung sind mittlerweile amtlich beurkundet, geschätzt werden 1200 bis 1500. Viele ehemalige Wehrmachtsoldaten sind noch in Gefangenschaft. 1947 treffen 20 Heimkehrer aus Kriegsgefangenenlagern des Donezk-Beckens und aus dem Ural in Döbeln ein.
Viele Monate dauert es, bis die unmittelbare Not der Nachkriegszeit überwunden ist. Die Verwaltungsstrukturen sind provisorisch. Verantwortlichkeiten wechseln häufig. Langsam wird klar, dass die sowjetische Besatzungszone mittelfristig in einen „Bruderstaat“ verwandelt werden soll. Die sowjetische Militärverwaltung gibt Kompetenzen ab, linientreue deutsche Kommunisten werden mit dem Aufbau einer zivilen Verwaltung beauftragt. Stück für Stück zieht sich die Rote Armee aus Döbeln zurück. Die militärische Infrastruktur Döbelns kann einer neuen Nutzung zugeführt werden.

Einheiten der kasernierten Volkspolizei 1949 in Döbeln auf dem Obermarkt (damals Roter Platz)
Der Gebäudekomplex der ehemaligen Kreispoliklinik wird heute vom Landratsamt Mittelsachsen genutzt. In der Döbelner Innenstadt gibt es mittlerweile ein Ärztehaus. So schlecht war die Idee von Polikliniken also damals nicht.

Das Grundstück der ehemaligen Heeresstandortverwaltung (ehemalig Garnisonslazarett) wird für das Gesundheitswesen beansprucht. Im Januar 1949 eröffnet hier mit drei Fachabteilungen die Kreispoliklinik. Das Kreispolizeiamt und das Polizeimeldeamt ziehen in die Räume des ehemaligen Wehrbezirkskommandos in der Bahnhofstraße (gegenüber dem damaligen Hotel „Rätze“, heute „Café Courage“ des Treibhaus e.V.).
Im September 1949 beginnt in Döbeln die Ausbildung an einer neu gegründeten Volkspolizeischule. Die DDR, die kurz darauf gegründet wird, weiß, dass die Sicherheitsfrage für den Fortbestand des jungen Arbeiter- und Bauernstaates entscheidend sein wird. 1952 werden die Volkspolizei-Bereitschaften zu Einheiten der Kasernierten Volkspolizei (KVP) mit Döbeln als Dienststelle. Die Kaserne im Döbelner Westen hat somit neue Nutzer gefunden. Noch firmieren die bewaffneten Truppen als Polizei. Aber die DDR hat, in enger Abstimmung mit Moskau, den Aufbau eigener Streitkräfte längst in Vorbereitung. Am 18. Januar 1956 wird das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee (NVA) beschlossen und schon im selben Jahr wird in Döbeln eine Offiziersschule der Landstreitkräfte eröffnet, die sich schon bald auf Nachrichtentechnik spezialisiert. Bis 1964 werden in Döbeln Offiziere ausgebildet.
Ziel der NVA ist es von Anfang an, die Bevölkerung anzusprechen und so auch Freiwillige anzuwerben. Am 09. Februar 1957 findet als Werbemaßnahme ein „Tag der offenen Tür“ statt, am 01. März, dem Tag der Nationalen Volksarmee, werden die Tore der Nachrichtenschule geöffnet. Am 01. Mai 1959 kann man im Stadion am Bürgergarten einem Armeesportfest beiwohnen. Am 10. September turnen in der NVA-Kulturhalle chinesische Spitzensportler. Armeespartakiaden, Reit- und Springturniere der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) und Garnisonsbälle im Klubhaus der Jugend sollen für gute Stimmung sorgen und die Verbundenheit der Bevölkerung mit der NVA stärken.
1962 wird aus der Freiwilligenarmee dann eine Armee der Wehrpflichtigen. Fortan gehören in Döbeln Soldaten wieder verstärkt zum Stadtbild. Wie immer, wenn man zu einer Sache zwangsverpflichtet wird, gehen die Meinungen auseinander. Einige schwärmen von ihrer Dienstzeit und glauben, dass die sie erst zum Manne gemacht hat. Andere geben zu Protokoll, Döbeln wäre das „Grab ihrer Jugend“ gewesen.
Auf alle Fälle gibt sich die NVA in Döbeln viel Mühe, um in der Garnisonstadt einen guten Eindruck zu hinterlassen. Im schneereichen Winter 1962/63 helfen Soldaten dabei, die 70 Weichen am Döbelner Hauptbahnhof schnee- und eisfrei zu halten. Auch im Winter 1967/68 werden NVA-Soldaten mit dem Kampf gegen Schneemassen beauftragt, um die Verkehrswege freizubekommen und die Kohleversorgung zu gewährleisten. Im Winter 1978/79 sprengen Pioniere des Regiments das Eis der Mulde, damit die Niederbrücke nicht beschädigt wird.

Vereidigung von Soldaten der NVA auf dem Obermarkt (damals Roter Platz)
Trümmer des 1970 abgerissenen Kriegerdenkmals wurden hinter einer Mauer am Krematorium abgelegt.

Im Bürgergarten baut man 1963 ein Gehege für Rehe, um die Attraktivität der Parkanlage zu erhöhen. Ein Jahr drauf erleben hier 1000 Zuhörer ein Militärkonzert des Zentralen Orchesters der Nationalen Volksarmee. Die NVA gehört mittlerweile zu Döbeln. Das wird auch daran deutlich, dass ab 1969 die Soldaten des Standorts auf dem Obermarkt (damals Roter Platz) vereidigt werden. Für die Militärs des neuen Arbeiter- und Bauernstaates ist es mitunter eine schwierige Gratwanderung. Einerseits sind die Parallelitäten zu früheren Zeiten offensichtlich. Auch das Königlich-Sächsische Infanterieregiment 139, auch die Reichswehr und die Wehrmacht hielten Appelle auf dem Obermarkt ab. Andererseits macht man immer wieder deutlich, dass man den Geist des preußisch-deutschen Militarismus verabscheut. Sichtbar wird das an der Auseinandersetzung um das Kriegerdenkmal auf dem Geyersberg, das an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es nicht mehr gepflegt und führt, halb zugewuchert, ein stiefmütterliches Dasein. 1969 macht Wenzel Fuchs, der Vorsitzende des Stadtausschusses Döbeln der Nationalen Front, das Denkmal in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) zum Thema. Man möge dafür sorgen, dass „vom Geyersberg endlich das Schandmal verschwindet, das die Opfer des ersten vom deutschen Imperialismus verbrochenen Krieges verhöhnt“. Ende 1970 wird das Kriegerdenkmal durch Soldaten der NVA abgerissen.

Döbelner Erinnerungskarte zum 20. Gründungsjubiläum der NVA
Gedenkstein für Paul Rockstroh auf dem Gelände der Döbelner Kaserne. (Foto: www.döbeln.de)

Dass man sich selbst in einer ganz anderen Tradition sieht, zeigt man 1971. Am 08. April wird die Döbelner Kaserne mit einem militärischen Zeremoniell in „Paul-Rockstroh-Kaserne“ umbenannt. Anwesend ist Elsa Rockstroh, die Witwe des Roßweiner Kommunisten, der im antifaschistischen Widerstand aktiv war. Am 25. Januar 1975, genau 30 Jahre nach seinem Tod im KZ Sachsenhausen, wird die Friedrichstraße in Paul-Rockstroh-Straße umbenannt. 1986, anlässlich des 30. Jahrestages der NVA, erhält das Döbelner Regiment den Namen „Georgi Dimitroff“. Die Namensschleife wird von Oberst Meinhold an die Regimentsfahne geheftet.
Auch bei der NVA ändert man regelmäßig die Organisationsstruktur der Truppe. Die Offiziersschule verlegt man 1963 von Döbeln nach Zittau und die Flakabteilung-7 von Zittau nach Döbeln. Hier wird sie 1974 zum Flak-Regiment 7 umstrukturiert und 1981 in Fla-Raketenregiment 7 umbenannt. Das bekommt 1982 einen Marschbefehl nach Zeithain.
Wie in früheren Zeiten gehören auch bei der NVA Manöver zur Ausbildung. Genutzt wird vor Ort traditionell das Ausbildungsgelände Miera. Flakgefechtsschießübungen werden hier natürlich nicht durchgeführt. Dafür fährt man zweimal jährlich zum Flak-Artillerieschießplatz Zingst. Die Manöver sind, schon ob der Entfernung, mit großem Aufwand verbunden und dauern mehrere Wochen. Die gesamte Technik wird auf die Bahn verladen und an die Ostsee transportiert. In Zingst sorgen die Luftstreitkräfte für eine realistische Zieldarstellung. Zu diesen nationalen Manövern kommen regelmäßig Übungen im Verbund mit den anderen Armeen des Warschauer Vertrages, zum Beispiel das Manöver „Waffenbrüderschaft“ im Jahr 1970. An ihm beteiligten sich sieben Länder mit insgesamt 74 000 Soldaten, darunter 44 500 aus der DDR.
1968 zeigt sich, dass man im Krisenfall auch bereit war, das Militär zur innenpolitischen Stabilisierung einzusetzen. Truppen aus der UdSSR, aus Bulgarien, Ungarn und Polen marschieren im August 1968 in der CSSR ein und beenden gewaltsam den „Prager Frühling“. Auch das Döbelner Regiment wird als Teil der 7. Panzerdivision der NVA in Alarmbereitschaft versetzt und hält sich als Reserve in der Lausitz auf. Erst im Oktober 1968 kehrt es in seine Kaserne zurück.

Sommerfeldlager an der Ostsee - eine Geschützbedienung im Einsatz

Döbeln baut man in den 70er und 80er Jahren Stück für Stück zu einem NVA-Standort für Nachrichtentruppen aus. Am 03. Mai 1970 wird die Aufstellung des Richtfunk-Kabelbau-Bataillons 3 befohlen. Es erhält am 07. Oktober 1972, dem Tag der Republik, seine Truppenfahne. 1976 stattet man es mit sowjetischer Nachrichtentechnik, 1979 mit moderner Richtfunktechnik vom Typ R-409 und später mit moderner Troposphärentechnik aus. Das Richtfunk-Kabelbau-Bataillon 3 wächst und firmiert seit 1982 als Richtfunk-Kabelbau-Regiment 3, seit 1986 als Leitungsbauregiment 3. In diesem Jahr erfolgt auch die Einführung von Funk- und Kabel-Schlüsseltechnik.
Die NVA investiert viel Geld in den Döbelner Standort und verbessert die Bedingungen für die Ausbildung der Soldaten. 1974/75 wird das Stadion der „Paul-Rockstroh-Kaserne“ (heute Stadion „Am Bürgergarten“) durch den VEB Straßen- und Tiefbau Döbeln für 270 000 DDR-Mark saniert. Der alte Rasen muss bis auf eine Tiefe von 50 cm ausgebaggert werden. Neue Muttererde und Dränage werden eingebracht, die Laufbahn mit Steinsand belegt und der Vorplatz asphaltiert. 1984 kann nach 18-monatiger Bauzeit die NVA-Sporthalle in der Belojannisstraße (heute Burgstraße) wiedereröffnet werden.
Kasernen sind oft eine kleine Welt für sich. Das Leben ist geregelt. Alles wie immer. Trotzdem merkt man auch hier in den 80er Jahren, dass die Unzufriedenheit in der DDR-Bevölkerung wächst. Dass die DDR kurz vor ihrem Untergang ist, ahnt niemand. 1989 kommt es zur „Friedlichen Revolution“ und schon 1990 zur Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik, dem Klassenfeind von einst. Der Nationalen Volksarmee war das Land abhandengekommen. Auf dem Steigerhausplatz, kürzlich noch militärisches Sperrgebiet, eröffnet eine Markthalle. Am 02. Oktober 1990 wird das NVA-Leitungsbauregiment 3 in Döbeln aufgelöst, einen Tag danach der Standort durch die Bundeswehr übernommen. Mit Major Doberschuetz sind elf Bundeswehrsoldaten aus Baden-Württemberg und Bayern nach Döbeln gekommen, die bei der „Umstrukturierung“ helfen sollten. Umstrukturierung ist wie so oft auch hier ein Euphemismus. Mit einem Auflöseappell, den der stellvertretende Befehlshaber der Bundeswehr im Wehrbereich VII, Brigadegeneral Bentschke leitet, wird am 11. Juli 1991 das Leitungsbauregiment 3 offiziell außer Dienst gestellt. Schon seit April wird die Militärtechnik des Regiments entsorgt oder verkauft. Die Immobilien gehören fortan dem Bundesvermögensamt.
Der Militärstandort ist aufgelöst. Nach 104 Jahren Garnison gehen in Döbeln die Lichter aus. Für die Stadt entfällt ein wichtiger Arbeitgeber. Das ist in dieser Zeit besonders tragisch. Die Hiobsnachrichten häufen sich. Bald schon wird auch von der Döbelner Industrie nicht mehr viel übrig sein. Für die Stadt ist das ein nicht zu verkraftender Aderlass. Tausende verlassen ihre Heimat Richtung Westen, die Zahl der Arbeitslosen wächst von Monat zu Monat. Die Geschichte von den „blühenden Landschaften“ scheint sich ins Gegenteil zu verkehren.

Wie geht es jetzt weiter? Was geschieht mit der militärischen Infrastruktur, die nun nicht mehr benötigt wird? Licht und Schatten liegen auch hier eng beieinander. Als erstes Objekt übernimmt die Stadt die Sporthalle an der Burgstraße. Im ehemaligen Offizierskasino, in dem früher auch der Regimentskommandeur wohnte, eröffnet Wirt Thomas Eiffler die Gaststätte und Pension „Strammer Leutnant“. Das Wachgebäude, gleich am Eingang, beherbergt die Firma „Video Creativ Grönke“. Das Kasernengebäude an der Friedrichstraße wird zur Unterkunft für Asylbewerber. Im Gebäude gegenüber zieht die Fernseh- und Kabel GmbH teletron ein. Hier befand sich die Schusterei und die zentrale Waffenkammer der Kaserne. Für das in Trägerschaft des Landkreises befindliche Berufsschulzentrum baute man gleich nebenan den ehemaligen Speisesaal der Soldaten und Unteroffiziere zu einer Sporthalle aus. Früher war der Speisesaal eine Reithalle und das große Gebäude beherbergte auch die zentrale Kammer für Bekleidung und Ausrüstung sowie die Schneiderei.
Das große Kasernengebäude parallel zur Bahnhofsstraße (früher Wehrkreiskommando, Regimentsstab sowie Unterkunft für die Führungsbatterie und für Grundlehrgänge) wird vom Straßenbauamt des Landkreises genutzt, auch die Kriminalpolizei erhält hier Büros. Die Stadt übernimmt das Stadion am Bürgergarten und das ehemalige Ledigenwohnheim für Berufssoldaten, in dem später die Kunzemannschule als Grundschule der Stadt Döbeln untergebracht wird. 1992 zieht auch das Vermessungsamt aus dem Rathaus in das ehemalige Kasernengelände und macht so dem Amt für Wirtschaftsförderung Platz. Im Haus 11 der ehemaligen Bundeswehrkaserne wird als Übergangslösung eine Förderschule für geistig Behinderte eröffnet. Sie wird genutzt, bis ein Schulneubau an der Nordstraße fertiggestellt ist.
Auch das Technische Hilfswerk (THW) zieht auf das Kasernengelände und erhält für seinen Ortsverband Gebäude an der Friedrichstraße, die früher als Nachrichtenlager und -werkstatt dienten. Die Stadt beschließt 1995 an der Jacobikirche ein neues Feuerwehrgerätehaus zu bauen. Die auf dem Bauplatz befindliche NVA-Kulturhalle wird abgerissen. So ergeht es 1996 auch ehemaligen Pferdeställen entlang der Bahnstrecke zwischen der Friedrichstraße und der Straße „An der Jacobikirche“, die mittlerweile als Garagen für die Gefechtstechnik fungierten.

Erläuterungen zu den Fotos:

1 - Baustelle Landesrechnunghof Südseite (früher u.a. Wehrkreiskommando Döbeln, Vermittlung, Regimentsstab, Unterkunftsgebäude für die 2. und die Führungsbatterie)
2 - Firma Video Creativ (früher Wachgebäude am Kasernentor)
3 - Kunzemannschule (Grundschule der Stadt Döbeln) und Kita Kleeblatt (früher Ledigenwohnheim, Regimentsfriseur und NVA-Verkaufsstelle)
4 - Westseite der Kunzemannschule mit dem neu angelegten Außengelände
5 - Gaststätte und Pension "Der stramme Leutnant" (früher Berufssoldatenspeisesaal, anfangs Offizierskasino mit der Wohnung des Regimentskommandeurs)
6 - Abriss eines Unterkunftsgebäudes südlich des Kasernenhofs im Jahr 2017 (Foto: H. Richter)
7/8/9 - Heimerer-Berufsschule (früher Unterkunftsgebäude und Med-Punkt)
10/11 - Gebäude des Beruflichen Schulzentrums Döbeln-Mittweida mit Turnhalle (früher Speisesaal für Soldaten und Unteroffiziere, Küche, Kammer Bekleidung/Ausrüstung und Schneiderei)
12 - Zwischennutzung durch die Telekom (früher Lager Bekleidung/Ausrüstung, Schusterei, Waffenwerkstatt)
13 - THW Ortsgruppe Döbeln (früher Nachrichtenlager, Nachrichtenwerkstatt)
14 - Asylunterkunft an der Friedrichstraße (früher Unterkunftsgebäude, Nachrichtenlehrzentrale)
15 - Garagenkomplex mit Solarkollektoren (früher Garagen für Gefechtstechnik, anfangs Pferdeställe)

1999 gelingt in einem weiteren Bereich des Kasernengeländes eine Wiederbelebung. In das parallel zum Bahndamm befindliche Mannschaftsgebäude zwischen Friedrichstraße und Kunzemannstraße zieht die „Heimerer-Schule“ ein. Hier werden Krankenpfleger, Physiotherapeuten, Altenpfleger und Heilerziehungspfleger ausgebildet. Und weil das Gebäude groß ist, entstehen auch noch 18 Wohnungen.
Nicht nur für die zahlreichen Gebäude braucht man eine neue Nutzung. Das Ausbildungsgelände bei Miera, immerhin 29,3 ha groß, wird schon 1991 rückübertragen und wieder landwirtschaftlich genutzt. 1995 beginnen umfangreiche Abrissarbeiten von alten NVA-Hallen auf dem Steigerhausplatz. Den will die Stadt zu einem Festplatz umbauen. 1993 kauft sie zudem vom Bundesvermögensamt das acht Hektar große, ehemals militärisch genutzte Gelände der Klosterwiesen. Das verwilderte Areal soll zu einem Freizeit- und Erholungspark weiterentwickelt werden. Mit Fördermitteln gelingt hier nach der verheerenden Flut 2002 eine umfassende Neugestaltung. Zahlreiche Bäume und Sträucher werden gepflanzt, Bänke aufgestellt und Wege neu angelegt. 1,5 km davon sind asphaltiert und werden besonders von Skatern gern genutzt. Im hinteren Teil, an den alten MG-Schießständen, befinden sich eine Boulderanlage und eine 330 m lange, durchaus anspruchsvolle Mountainbikestrecke. Besonders beliebt ist der Kinderspielplatz mit Seilbahn, Balancierbalken, Hängebrücke, Schaukeln, Kriechtunnel, Gummirutsche und vielem mehr. Eine größere Schotterrasenfläche kann zum Beispiel für Zirkusgastspiele genutzt werden. Oft werden die Pausenplätze und Bänke auch von Radlern angesteuert, weil der Muldenradweg den Freizeitpark direkt tangiert.

Erläuterungen zu den Fotos:

1 - Sporthalle Burgstraße (früher NVA-Halle, anfangs Exerzierhalle)
2 - Stadion "Am Bürgergarten" (früher Paul-Rockstroh-Stadion bzw. NVA-Stadion)
3/4 - Der Steigerhausplatz (früher Schießwiese) wird heute als Parkplatz oder als Festplatz genutzt. Immer noch befinden sich hier einige wenige Garagen, die die NVA früher für ihre Gefechtstechnik in Nutzung hatte.
5 - Die Freizeitanlage Klosterwiesen, früher militärischer Übungsplatz fürs Gefechtstraining und ausgestattet mit Schießständen, lädt heute zum Verweilen im Grünen ein. Für Kinder wurde ein Abenteuerspielplatz angelegt.
6 - Unter anderem aus Versatzstücken der nach dem Hochwasser 2002 von Fielmann gesponserten Schiffsbrücke in Sörmitz entstand eine Mountainbikestrecke.
7/8/9 - Aus den noch erhaltenen Schießständen der Maschinengewehrkompanie wurde eine Boulderanlage.
10 - Der Hauptweg der Freizeitanlage Klosterwiesen ist bei Inline-Skatern beliebt.

Der vorerst letzte Baustein bei der Neunutzung der ehemaligen Döbelner Kaserne ist die Neuansiedlung des Sächsischen Landesrechnungshofs. Zwar verliert Döbeln das Straßenbauamt, gewinnt dafür aber bei der Umsetzung des Sächsischen Standortegesetzes von 2012 eine oberste Landesbehörde. Das ist gut für das Image der Stadt und wertet das ehemalige Kasernengelände deutlich auf. Derzeit wird das 120 Meter lange Gebäude parallel zur Bahnhofsstraße für rund 20 Millionen Euro für den Landesrechnungshof umgebaut. Im Zusammenhang mit der Ansiedlung der Landesbehörde wurde ein marodes Mannschaftsgebäude auf dem Kasernengelänge abgerissen. Den gewonnenen Platz nutzte man, um das Schulgelände der Kunzemannschule zu vergrößern und perspektivisch sollen hier noch Parkmöglichkeiten für die Mitarbeiter des Rechnungshofes entstehen.
Wer hätte das gedacht, als 1991 die letzte Truppenfahne eingeholt wurde? Viele ehemaligen Kasernengebäude und ein großer Teil der einst streng abgeschirmten militärischen Sperrgebiete konnten einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden. Das hat über 30 Jahre gedauert, aber es ist letztlich gelungen. Chapeau! – allen, die hierbei mithalfen.

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
28.02.2022

Quellen:
Artur Baumgarten-Crusius: Das Königlich-Sächsische 11. Infanterie-Regiment Nr. 139: (1914-1918) - Erinnerungsblätter deutscher Regimenter (sächs. Anteil) 38 - 352 Seiten, Dresden, Baensch, 1927
Büttner/Ludwig: Die Geschichte des 11. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 139. Stuttgart 1912
Geschichte des Königlich Sächsischen 11. Infanterie-Regiments Nr. 139 - vom 1. April 1887; zur 10jährigen Stiftungsfeier, Giesecke & Devrient, Leipzig, 1897, 18 Seiten, Digitalisat
Andreas Altenburger (Hg.): Infanterie-Regiment 101. https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Infanterieregimenter/IR101-R.htm (Stand. 04.02.2022)
Andreas Altenburger (Hg.): 14. Infanterie-Division. https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Infanteriedivisionen/14ID-R.htm (Stand. 04.02.2022)
Emil Reinhold: Chronik des Standortes Döbeln, unveröffentlichtes Manuskript, 1940
Jürgen Dettmer: Das Militär der Garnisonsstadt Döbeln. unveröffentlichtes Manuskript, 2002



















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