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Körnerplatzschule

Das erste Haus am Platz

Bürgerschule, Volksschule, polytechnische Oberschule, Gymnasium - die Körnerplatzschule blickt auf eine 125jährige Geschichte zurück.

In den Annalen der Stadtgeschichte taucht die Idee erstmals im Januar 1890 auf. Es werden auch gleich „Nägel mit Köpfen“ gemacht. Neun Scheunen sollen auf dem Niederscheunenplan wegen eines geplanten Schulneubaus abgerissen werden. Ein reichliches Jahr später verliert der dann auch noch seinen Namen. Zum 100. Geburtstag des patriotischen Dichters Theodor Körner erfolgt eine Umbenennung in Körnerplatz.

Der Schulneubau und auch der neue Name sind typisch für die Zeit. Die Bevölkerung des neu gegründeten Deutschen Reiches wächst. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges verdoppelt sich die Bevölkerung fast. Allerorten werden Schulen gebaut – auch in Döbeln. Der Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, die Reichsgründung und der wirtschaftliche Aufschwung in den Gründerjahren führen zu einer Welle des Patriotismus – man ist stolz darauf, Deutscher zu sein. Jene, denen man das neue Deutschland zu verdanken glaubt, Bismarck natürlich zuerst, werden verehrt. Theodor Körner, der Dichter aus Dresden, der 1813 in den antinapoleonischen Befreiungskriegen im Lützowschen Freikorps gefallen war, ist eine solche nationale Identifikationsfigur.

Noch heute kann man am Hauptportal der Schule unterhalb der Uhr in römischen Zahlen lesen, wann die Schule erbaut wurde (MDCCCLXXXX = 1890).

Den Schulneubau verantworten der Architekt Martin aus Freiberg und der Döbelner Stadtbaumeister Carl Heinrich Baßler. Er kostet 365 000 Mark. Das Gebäude ist mit Zentralheizung ausgestattet, hat 30 Zimmer und eine gleichzeitig als Aula dienende Turnhalle. Hinter der Schule entstehen ein Schulhof mit Spielplatz und ein Schulgarten.

Im „Anzeiger und Wochenblatt für Döbeln, Lommatzsch, Roßwein und Umgebung“ wird von der Eröffnung der Schule am 05. Oktober 1891 berichtet: „Am heutigen ersten Schultage des Winterhalbjahres erfolgte die Weihe unseres neuen Schulgebäudes auf dem ehemaligen Niederscheunenplatz, dem jetzigen ‚Körnerplatz‘, in einfacher Weise. Die in der Schule aufzunehmenden Kinder, Mädchen der 1. Und 2. Bürgerschule, sowie die Knaben der 1. Bürgerschule, stellen sich zum Einzug in die neue Unterrichtsstätte am Schloßbergschulgebäude auf. ¾ 9 Uhr setzte sich der lange Zug der Kinder nebst dem Lehrerkollegium unter Vorantritt des Stadtmusikchors in Bewegung. Beim Läuten der Kirchenglocken und dem von der Musik geblasenen Choral ‚Lobe den Herren‘ wurde die Kirchgasse, der Obermarkt, die Bäckerstraße, Niedermarkt und Johannisstraße, überall an zahlreichen Zuschauern vorüber und von wehenden Flaggen begrüßt, durchzogen. Vor dem Portale der Schule erwarteten Mitglieder der Bezirksschul-Inspektion, der städtischen Kollegien, des Schulausschusses, die hiesigen Herren Geistlichen, Mitglieder des hiesigen Offizierskorps und sonstige geladene Gäste den Festzug, die Teilnehmer des Letzteren zogen an den genannten Korporationen vorüber in die Schule und hierauf begann in der Turnhalle der Weiheaktus.“ Wegen Platzmangel sind nur geladene Gäste und die Kinder der vier ersten Klassen zugegen.

Bürgerschule am Körnerplatz um 1900 (www.döbeln.de)

Döbeln braucht die neue Schule dringend. 1889 lernen in der einfachen Volksschule und den Bürgerschulen erster sowie zweiter Ordnung der Muldestadt 2070 Schüler in 51 Schulklassen. Das ergibt durchschnittlich über 40 Schüler pro Klasse.

Im Königlich Sächsischen Volksschulgesetzes von 1873 werden nähere Erläuterungen zu den Bürgerschulen gemacht. Die zweite Bürgerschule vermittelt in acht Jahren Unterrichtsgegenstände in Religions- und Sittenlehre, deutscher Sprache mit Lesen und Schreiben, Rechnen, Formenlehre, Geschichte, Erdkunde, Naturlehre, Gesang, Zeichnen, Turnen sowie speziell für Mädchen Nadelarbeit auf einfacher Niveaustufe. Etwa 4/5 der Schulabgänger machen diesen Abschluss, der für die Erfordernisse eines Arbeiterlebens allemal reicht. Die erste Bürgerschule behandelt Unterrichtsgegenstände mit höheren Zielen, damit die Schüler in gewerblichen oder geschäftlichen Berufen tätig werden können. Der Fächerkanon wird zu diesem Zweck erweitert, u.a. ist eine moderne Fremdsprache vorgeschrieben. Der Schulbesuch umfasst insgesamt zehn Jahre, auch die Wochenstundenzahl ist höher als in der zweiten Bürgerschule.

Die beiden Varianten der Bürgerschulen sind heute mit den Haupt- und Realschulgängen der Oberschule vergleichbar. Wie heute auch, wurden damals diese beiden Ausbildungsgänge unter dem Dach einer Schule zusammengeführt.

Unter den vielen Schülern war von 1895 bis 1904 auch Bernhard Kretzschmar. Als Maler, Zeichner und Grafiker wird er später zu einem wichtigen Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Nicht weit entfernt von der Schule, in der Hainichener Straße 9 geboren, wächst er als Sohn eines armen Schneiderehepaares in bescheidenen Verhältnissen auf. Einige seiner Lehrer, erst Max Köhler, dann Kurt Schieferdecker, erkennen das künstlerische Potential Kretzschmars und fördern ihn. Viele Zeichnungen und Bilder des Künstlers zeigen Stadtansichten Döbelns, geben Einblicke in das Leben seiner Bürger. Die Muldestadt ehrt ihren berühmten Sohn 2014 mit einer Ausstellung im Rathaus.

Der ehemalige Niederscheunenplan prägt als Körnerplatz mit dem repräsentativen Schulgebäude und der liebevoll gestalteten Grünanlage das Döbelner Stadtbild. (Postkarte um 1908, Stadtmuseum Döbeln)

Der Bau der neuen Körnerplatzschule ist wichtiger Teil des städtischen Bemühens um eine Aufwertung des Stadtviertels südlich der Niederbrücke. Das repräsentative Schulgebäude soll mit einer gestalteten Grünanlage den alten Niederscheunenplan attraktiv machen und zum Bummeln und Verweilen einladen. Ein Springbrunnen mit Fontäne bildet den Mittelpunkt der Anlage.

Bei der neu gebauten Schule hat man „nicht gekleckert, sondern geklotzt“. Das große Schulgebäude und vor allem die Turnhalle bieten der Stadt Möglichkeiten, die Bürgerschaft zu unterstützen. So darf ab 1895 ein Turnverein die Halle nutzen. Das neue Domizil der Turner in der heutigen Bärentalstraße wird erst 1899 fertig. Mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung ziehen auch immer mehr katholische Christen nach Döbeln. Gottesdienste finden anfangs gegen Miete in der Schulturnhalle der Körnerplatzschule statt. Erst 1913 wird der Grundstein zu einer katholischen Kirche oberhalb des heutigen Stadtbades von Döbeln gelegt. Drei Jahre später kann die Johanniskirche geweiht und der Gemeinde übergeben werden.

Da die Schule am Körnerplatz voll unterkellert ist und das Untergeschoß am Nordgiebel aus der Erde herausragt, entscheidet der Döbelner Rat das städtische Archiv hier unterzubringen. Für 3000 Mark wird ein separater Zugang zum Gebäude geschaffen. Oberregierungsrat Dr. Ermisch aus Dresden besichtigt 1906 das neue Döbelner Ratsarchiv in den Kellerräumen der Körnerplatzschule im Auftrag des Kgl. Sächs. Hauptstaatsarchivs und bezeichnet es als ein gut geordnetes Stadtarchiv. Es ist damals eines der vollständigsten Sachsens. Die ältesten Stadtrechnungen, die man hier aufbewahrt, stammen aus dem Jahr 1562. Heute werden diese Räumlichkeiten des Gebäudes vom „Cityclub“ genutzt, einem offenen Kinder- und Jugendtreff, der von der Kindervereinigung Leipzig e.V. betreut wird.

Der separate Eingang zum Gebäude am Nordgiebel wurde früher für das Döbelner Ratsarchiv einrichtet. Heute führt die Tür in den Cityclub, einen gut besuchten Jugendtreff, der von der Kindervereinigung Leipzig e.V. betreut wird.

Schulgeschichte im Kleinen spiegelt immer auch die allgemeine politische Entwicklung wider. Der Erste Weltkrieg erschüttert auch die Kleinstadt Döbeln. Kinder und Frauen hungern, Männer sterben an der Front. Bei Ausbruch des Krieges ist das Deutsche Reich der größte Lebensmittelimporteur weltweit. Durch die kriegsbedingte Seeblockade der britischen Royal Navy wird die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung immer schwieriger. Der Winter 1916/17 geht als Kohlrübenwinter in die Geschichte ein – Deutschland hungert. Im Mai 1917 eröffnet in der Körnerplatzschule die vierte städtische Kriegsküche. Anerkannte Lehrer, die sich über ihre berufliche Tätigkeit hinaus für die Stadt engagieren, sterben auf den Schlachtfeldern. Am 05.07.1917 trifft die Nachricht vom Tode des Bürgerschullehrers und Organisten Albert Marci ein. Er fiel als Leutnant. Geboren wurde er als Sohn eines Prokuristen in Freiberg, besuchte das Nossener Lehrerseminar und war seit 1901 Lehrer in Döbeln. Er gründet den „Freiwilligen Kirchenchor St. Jakobi“ und ruft den Döbelner Musikverein ins Leben. Eine Gedächtnisfeier ihm zu Ehren findet am 14.07.1917 in der Körnerplatzschule statt.

Ostern 1919 wird die Schlossbergschule zur Knaben- und die Körnerplatzschule zur Mädchenschule. Wahrscheinlich sind schulorganisatorische Gründe Anlass dafür. Auch nach Beendigung des Krieges dauert es noch eine Weile, ehe wieder Normalität einzieht. Noch im Winter 1919/20 fällt an der Körnerplatzschule der Unterricht aus. Grund: Kohlemangel.

In der Weimarer Republik wird ein demokratisches Staatswesen aufgebaut, das auch Auswirkungen auf die Schullandschaft hat. Eine allgemeine Volkschule soll sicherstellen, dass die Schullaufbahn des Kindes fortan durch seine Anlagen und Neigungen, und nicht mehr durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern bestimmt wird. In Döbeln führt man die Volkschule für die unteren fünf Jahrgänge Ostern 1920 ein.

Teilhabe an Bildung und Aufklärung sind wichtige Ziele der ersten parlamentarischen Republik auf deutschem Boden. Sichtbar wird das auch an kleineren Aktivitäten. So macht man 1920 in der Turnhalle der Körnerplatzschule eine Ausstellung zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten des National-Hygiene-Museums Dresden der Öffentlichkeit zugänglich.

Aber auch die wirtschaftliche Not in den Anfangsjahren der Weimarer Republik spiegelt sich in der Geschichte der Stadt und der Körnerplatzschule wider. Innenpolitische Instabilität, insbesondere die Inflation, führen zu großen sozialen Verwerfungen und gesellschaftlichen Unruhen. In einer Wärmstube für Erwerbslose in den Kellerräumen der Körnerplatzschule finden die Ärmsten der Armen Schutz vor der Kälte des Winters und Trost.

Mit Blick auf Schule und Unterricht sind die Jahre der Weimarer Republik von Stetigkeit geprägt. Die Volksschule etabliert sich und die Stadt Döbeln modernisiert das Gebäude. Im Jahr 1933 beschließt der Döbelner Rat, die sanitären Einrichtungen der Körnerplatzschule zu erneuern. Die Toiletten werden mit Wasserspülung ausgestattet.

Körnerplatzschule in den 30er Jahren (www.döbeln.de)

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten beginnt ein Prozess der langsamen Gleichschaltung. Zunehmend nimmt die nationalistische und rassistische Ideologie der neuen Machthaber Einfluss auf die Schulen. Die aggressive Außenpolitik lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen. 1939 beginnt Deutschland unter Hitler den zweiten mörderischen Krieg. Die Welt „gerät aus den Fugen“. Die Folgen für die Körnerplatzschule in der sächsischen Provinz bleiben vorerst überschaubar.

Für die Fallschirmspringer der Wehrmacht wird Fallschirmseide, ein Rohstoff, der in Deutschland kaum zu bekommen ist, gebraucht. Die für die arbeitsintensive Zucht der Seidenraupe benötigten Arbeitskräfte sind nicht vorhanden - Schulkinder dagegen genug. Für jeden Fallschirm, rechnet man den Schülern vor, müssen etwa 15 000 Kokons erzeugt, abgewickelt und verarbeitet werden. Im Mai 1939 beginnt die Körnerplatzschule mit der Seidenraupenzucht. Im September wird die Schule ausgezeichnet. Geliefert werden Kokons mit einem Frischgewicht von 3 kg (Trockengewicht 0,750 kg). Unabhängigkeit von Importen ist in Kriegszeiten wichtig.

Da die Männer eingezogen werden, an der Front kämpfen müssen, wird die Arbeitskraft ihrer Frauen, vor allem in den Rüstungsbetrieben, unverzichtbar. Um eine Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen zu erreichen, verbessert man die Kinderbereuung. Im November 1939 gibt die Stadt bekannt, dass sie in der Körnerplatzschule einen Tageskindergarten einrichtet.

1941 besteht die Körnerplatzschule 50 Jahre. „Der Ernst der Zeit“, führt man in der Zeitung aus, „verbietet eine festliche Erinnerungsfeier“. Der gesamte Alltag, auch in der sächsischen Provinz, liegt im Schatten des Krieges. Der Schulkeller dient als Luftschutzraum. In der Schule treffen sich am 30.01.1942 Gasteltern, die Kinder aus Hamburg aufnehmen. Im Rahmen der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ bringt man seit Oktober 1940 Schulkinder aus den vom Luftkrieg bedrohten deutschen Städten längerfristig in weniger gefährdeten Gebieten unter. Die Sorge um die Sicherheit dieser Kinder ist berechtigt. Unter dem militärischen Codename „Operation Gomorrha“ fliegen Briten und Amerikaner vom 24. Juli bis 3. August 1943 Luftangriffe auf Hamburg. Es sind die bis dahin schwersten in der Geschichte des Luftkrieges – 34 000 Menschen sterben, die Elbestadt liegt in Trümmern. Zur Einsicht führen diese nicht. Der Fanatismus der Nationalsozialisten scheint zu wachsen. Immer wieder tritt man auch in Döbeln an die Schulkinder heran und fordert sie auf, das Vaterland im Krieg zu unterstützen. So werden von der „Hitlerjugend“ gebastelte Spielsachen in einer Ausstellung in der Turnhalle der Körnerplatzschule gezeigt. Zum Verkauf kommen sie am 18./19.12.1943 beim Weihnachtsmarkt auf dem Hindenburgplatz (heute Obermarkt). Endzeitstimmung - ideologische Verblendung mischt sich mit Hilflosigkeit.

In der Nacht zum 9. Mai 1945 unterschreibt Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht, im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die Kapitulationsurkunde. Nach mehr als fünf Jahren Krieg schweigen in Europa endlich die Waffen. Die staatliche Existenz Deutschlands wird vorerst beendet, das Land in Besatzungszonen aufgeteilt.

In der Körnerplatzschule sind von Juni bis September 1945 russische Soldaten untergebracht. Gertraute Wagner, ehemalige Schülerin, erinnert sich an diese Zeit: „Alle Bänke –damals waren die Klappsitze noch an den Tischen der Hinterbank befestigt- wurden aus den Klassenzimmern herausgebracht und auf dem Schulhof übereinandergeschichtet. Was in den Zimmern dann passierte, konnten wir nicht sehen, wohl aber, was auf dem Hof vor sich ging. Jeden Tag war Appell; Fahnen wurden gehisst, dabei kräftig gesungen. Auf der Hofseite, die dem Eisenbahnviadukt zugewandt war, direkt neben der Turnhalle, wurde eine Kochstelle gebaut. In riesigen Pfannen wurden dort Speck- und Fleischwürfel gebraten. Der Duft zog uns Kindern in die Nasen. Das war besonders schlimm, weil ja alle Lebensmittel rationiert waren und alle Leute ständig Hunger hatten. Außerdem steckte uns die Angst noch in den Gliedern, obwohl alle Insassen niederer militärischer Ränge Ausgangssperre hatten.“ (Festzeitung 111 Jahre Körnerplatzschule, S. 13)

Im Oktober beginnt wieder der Unterricht. Die Zahl der Schüler wächst schnell. Grund dafür sind auch die viele Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien und den Sudetengebieten, die in Sachsen, auch in Döbeln, eine neue Heimat finden. 1952 entstehen in den ehemaligen Luftschutzräumen im Keller der Schule zwei Speiseräume und eine Schulküche.

Barbara Stolz startete in einer damals noch gesamtdeutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio (Foto vom 25.06.1964, Bundesarchiv, Bild 183-C0625-0001-003)

Unter den Schülern ist damals auch Barbara Stolz-Dix. Sie wurde 1941 in Döbeln geboren und besuchte die Karl-Marx-Schule von 1947 bis 1955. 1964 nimmt sie als Turnerin an den Olympischen Spielen in Tokio teil und erreicht hier einen 4. Platz.

Aus der Körnerplatzschule wird 1949 die Karl-Marx-Schule und aus dem Körnerplatz der Karl-Marx-Platz. Schnell macht man auch durch solche Umbenennungen deutlich, in welche Richtung die gesellschaftliche Umgestaltung in der neu gegründeten DDR gehen soll. 1954 wird auf dem Karl-Marx-Platz ein Gedenkstein für den Namensgeber eingeweiht Die Metallform für die Relieftafel auf dem Stein schuf Gerhard Janke aus dem Werkzeugbau des VEB TEWA Döbeln. In der Folge wird der Karl-Marx-Platz weiter gestaltet, man baut einen neuen Springbrunnen und legt gepflegte Blumenrabatten an.

In den fünfziger Jahren ist in der Karl-Marx-Schule auch die Volksmusikschule untergebracht. 1960 muss diese Struktur überdacht werden. Im Zuge der Erweiterung der Karl-Marx-Schule zur zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule werden nunmehr alle Räume für den Unterricht benötigt. Die Volksmusikschule, die zur Volkskunstschule weiterentwickelt werden soll, zieht in die Lessing-Schule um.

In der Polytechnischen Oberschule „Karl Marx“ bemühen sich die Lehrer nach Kräften, ihren Schülern Wissen und Werte beizubringen. Das lange gemeinsame Lernen und der polytechnische Ansatz bieten zahlreiche Möglichkeiten für guten Unterricht. Natürlich ist die Schule auch ein Ort, an dem man versucht, die Jugend im Geiste des Sozialismus zu erziehen. Pionierorganisation und „Freie Deutsche Jugend“ sind untrennbar mit dem Schulalltag verbunden und sollen eine Bindung der Jugend an die DDR und ihr System sicherstellen. Klassen werden mit dem Titel „Sputnikgruppe“ ausgezeichnet, das Manöverspiel „Schneeflocke“ wird durchgeführt, man lädt zum Subbotnik ein, immer mal wieder schaut eine Abordnung der Patenbrigade vorbei und die Schüler sammeln Eicheln und Kastanien, um bei der Specki-Aktion gut abzuschneiden.

Wie man auf seine Schulzeit an der Karl-Marx-Schule zurückblickt, liegt im Auge des Betrachters. Viele Ehemalige erinnern sich gern an diesen Lebensabschnitt, loben den Gemeinsinn und die Kameradschaft untereinander. Sie erzählen, wieviel Freude es ihnen machte, im renommierten Schulchor zu singen oder wie vergnüglich die Diskos im Jugendclub der Schule waren, der 1975 in Eigenregie im Keller eingerichtet wurde. Für andere blieb die ideologische Indoktrination, die wesentlicher Bestandteil des Bildungsauftrags der DDR-Schulen war, ein unüberwindliches Hindernis, um beschwingt an die Schulzeit zurückdenken zu können.

Einschulung der neuen Erstklässler vor dem Hauptportal der damaligen Karl-Marx-Schule (DDR, 80er Jahre)

In diesem Spannungsfeld vergeht Jahr um Jahr, die politische Erstarrung der DDR wird immer deutlicher.

Dennoch reifen in der Karl-Marx-Oberschule Talente, die noch auf sich aufmerksam machen werden. Alexander Zieme, später Schlagzeuger der Band „Die Prinzen“, lernt von 1977 bis 1987 hier. In einem Interview mit der Schülerzeitung „Körnchen-Times“ blickt er zurück: „klar, schule ist wichtig … nicht nur in den stunden … auch sozial, wie kommt man mit den leuten aus? Was finde ich interessant? Was möchte ich wirklich wissen?“ (Festzeitung 111 Jahre Körnerplatzschule, S. 29)

Die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten 1990 haben natürlich auch Auswirkungen auf die Karl-Marx-Schule. Sie heißt fortan wieder Körnerplatzschule und wird als Mittelschule ausgewiesen. Ein Jahr darauf begeht man das 100jährige Bestehen mit einem Schulfest und einem Festumzug. Anlässlich des Jubiläums werden auf dem Schulhof sechs große Linden gepflanzt.

Die Stadt schmiedet derweil Pläne: Die Schule ist über 100 Jahre alt und sanierungsbedürftig. 1995 wird beschlossen, die Körnerplatzschule baulich instand zu setzen.

Der Sanitärtrakt wurde im Rahmen der Schulsanierung abgerissen. Die Toiletten wurden während des 1. Bauabschnittes 19989/99 ins Schulhaus integriert.


In verschiedenen Abschnitten renoviert man die Schule grundhaft und gestaltet auch die Außenanlagen neu. Ziel ist es, die Sanierung bis zur 111-Jahr-Feier im Jahr 2002 abzuschließen. Das klappt. Insgesamt werden 5,9 Millionen DM in die Körnerplatzschule investiert. Es kann nun durchaus als tragische Fügung bezeichnet werden, dass unmittelbar nach abgeschlossener Sanierung das Augusthochwasser des Jahres 2002 die Schule in Mitleidenschaft zieht. Der Kellergang der Schule steht unter Wasser, die neue Heizungsanlage, die Werkstatt des Hausmeisters, der Cityclub versinken in braunen Muldefluten. Die lange geplante 111-Jahr-Feier muss verschoben werden. 2003 starten die Mittelschüler der Körnerplatzschule dann eine zweitägige Geburtstagsfeier unter dem Motto „Hundertelf plus eins“.

Hochwasser am Körnerplatz im Jahr 2002 (Sammlung Stadtarchiv Döbeln) Wegen des Hochwassers 2002 um ein Jahr verschoben - die Feier zum 111. Geburtstag der Körnerplatzschule.

Die Schule entwickelt sich gut. 2004 wird die „Haltestelle“, ein sozialpädagogisches Beratungszentrum mit angegliederter Schulbibliothek gegründet, 2005 erringt die Körnerplatzschule beim Schülerzeitungswettbewerb Sachsens einen ersten Platz, sie pflegt Partnerschaften mit Schulen in Vyškov (Tschech. Rep.) sowie in Ede (Niederlande) und 2006 verleiht das Sächsische Kultusministerium der Schule für ihre vielen kreativen Arbeitsgemeinschaften der Titel „Schule mit Idee“. Unter den Schülern der Körnerplatzschule ist in diesen Jahren auch Martin Schulz. 2016 wird er der erste Paralympische Goldmedaillengewinner im Triathlon.

Dennoch ziehen über der Mittelschule „dunkle Wolken“ auf. Das hat mit der Qualität der Einrichtung nichts zu tun, sondern mit sinkenden Schülerzahlen. 2006 stimmt der Stadtrat für den Bau eines Schulzentrums in Döbeln-Nord. Die dreizügige Mittelschule, die hier entstehen soll, reicht für Döbeln. Die Körnerplatzschule soll als Mittelschule auslaufen. Am Tag nach dem Stadtratsbeschluss hängt über dem Eingang der Schule eine schwarze Fahne. 2010 feiern die Mittelschüler gemeinsam mit ihren Lehrern ihr letztes Schulhoffest am Körnerplatz. Ingeborg Rovó, immerhin 20 Jahre Schulleiterin, geht in den Ruhestand, die ehemaligen Schüler der Körnerplatzschule lernen in der Mittelschule „Am Holländer“ weiter.

Jedes Jahr findet für die Gymnasiasten der 5. und 6. Klassen ein Schulhoffest am Körnerplatz statt.

Doch auf den Gängen der Körnerplatzschule bleibt es lebendig. Der Lessing-Schule reicht dank wachsender Schülerzahlen der Hauptstandort in der Straße des Friedens nicht mehr aus. Am Körnerplatz lernen seit dem Schuljahr 2010/11 die 5. und 6. Klassen des Gymnasiums. Hier haben die über 200 Schülerinnen und Schüler, nicht weit entfernt von der „Zentrale“, ein „kleines Reich“ für sich.

Die Körnerplatzschule gehört fest zum Bestand der Döbelner Schulen, fällt mit ihrem repräsentativen Gebäude sofort ins Auge, wenn man die Innenstadt über die Niederbrücke verlässt. Tausende Schüler erhielten hier in all den Jahren ihr Rüstzeug für das weitere Leben und hunderte Lehrer versuchten hier Tag für Tag ihren Schülern Wissen und Werte zu vermitteln.

In diesem Jahr wird die Körnerplatzschule 125 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch.

Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 51
Dezember 2016