Weiss Co. KG pharm. Präparate
Vorgeschichte
- Am 14. September 1897 gründete Eberhard von Bodenhausen gemeinsam mit Hugo Sholto Oskar Georg von Douglas die Proton GmbH in Mülheim am Rhein.
- Das Unternehmen wurde 1898 in Tropon GmbH umbenannt und produzierte ein gleichnamiges Eiweißprodukt zur Hebung der Volksgesundheit, das vom damaligen Direktor des Hygienischen Instituts und des Hospitals der Universität Bonn, Dittmar Finkler, entwickelt worden war. Ziel war es, ein preisgünstige "Volksnahrungsmittel" auf der Grundlage von Proteinen und künstlichen Eiweißstoffen zu produzieren. Hergestellt wurde Tropon u.a. aus Fleischabfällen des nahen Schlachthofs.
- Bodenhausen beauftragte Henry van de Velde mit dem Entwurf von Plakaten und Verpackungen für die Tropon-Produkte, die heute als bedeutendste Werbegrafiken des Jugendstils gelten. Das Produkt selbst war am Markt nicht erfolgreich. Man stellte die Produktion der mittlerweile in Köln ansässigen Firma um. Nahrungsmittel wurden nun mit Tropon angereichert oder mit chemischen Substanzen kombiniert.
- Im Zweiten Weltkrieg musste die Produktion wegen der Bombardierung aus Köln ausgelagert werden. Ein Teil der Tablettenfabrikation kam nach Dresden. Als auch die sächsische Landeshauptstadt aus der Luft angegriffen wurde, erfolgte eine weitere Verlagerung nach Döbeln. In den Räumlichkeiten der Süßwarenfabrik Schönfeld in der Feldstraße wurden die wertvollen chemischen Rohstoffe untergebracht. Auch der Handelsvertreter der Troponwerke Reinhold Weiss, der für die Gebiete Sachsen und Böhmen zuständig war, ließ sich in Döbeln nieder.
- Nach dem Krieg übernimmt der umtriebige Weiss ein Produktionsgebäude der Firma Tümmler in der Muldenstraße. Eigentlich für die Belieferung der Automobilindustrie gedacht, wurden hier in den Kriegsjahren Rüstungsgüter hergestellt. Da die Firma Tümmler enteignet wurde und man fast den kompletten Maschinenpark demontierte und als Wiedergutmachung in die Sowjetunion verbrachte, war das Produktionsgebäude verfügbar. Pläne, die Rüstungsschmiede zu sprengen konnte Weiss durch geschickte Verhandlungen mit dem sowjetischen Militärkommandeur verhindern. Er erhielt die Erlaubnis, das Fabrikgebäude zur Herstellung des Knochenaufbaumittels Calcipot zu nutzen. Dieses Kalkpräparat wurde mit einer Lizenz der Kölner Troponwerke hergestellt.
Weiss Co. KG pharm. Präparate
- Von der Tümmler-Nachfolgefirma TEWA erhielt Weiss einen Mietvertrag für seine 1946 gegründete Firma "Weiss & Co. KG Fabrik pharm. Präparate". Zeitgleich mit ihm zog auch die Fleischfabrik Lindner in das Gebäude ein. Auch diese Firma, aus dem großflächig zerstörten Dresden kommend, suchte halbwegs intakte Produktionsräume. Weiss erwies sich als ideenreich. Sein kleines Pharmaunternehmen stattet er mit einer Roten-Kreuz-Fahne aus und hoffte so, Plünderer abzuschrecken. Zu diesem Zeitpunkt glaubte er noch an die Wiedervereinigung Deutschlands und die erneute Etablierung marktwirtschaftlicher Verhältnisse.
- Diese Hoffnung wurde durch die Teilung Deutschlands und die Einführung der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR zunichte gemacht. Weiss hatte sich verkalkuliert, saß nun im Osten fest, wollte aber seine Firma auch nicht aufgeben. Reinhold Weiss musste sich von der westdeutschen Mutterfirma lösen und ging nunmehr eigene geschäftliche Wege.
- Im eigenen Entwicklungslabor entstanden neue Erzeugnisse in Tabletten-, Dragee-, Pulver- und Tropfenform. Mit Erfolg erweiterte die Firma ihre Erzeugnispalette und stellte neue Präparate her, wie blutbildende Mittel, Vitamin-Aufbaumittel, solche gegen Herz-Rhythmus-Störungen, Mittel gegen Schwermetallvergiftungen für die Wismut-Bergleute und Berufsgruppen, die mit Schwermetallen umgingen. Später kam zur Gesamtproduktion die Ampullier-Abteilung mit verschiedenen Calciumlösungen gegen Allergien hinzu.
- Schon bald beschäftigte die Firma 60 bis 95 Mitarbeiter in der Produktion, vorwiegend Frauen, und Angestellte in den Bereichen Forschung, Verwaltung und Vertrieb. Die Produkte fand im In- und Ausland guten Absatz. Man exportierte nach Ägypten, in den Libanon, die Mongolei, nach Korea, Ungarn und Bulgarien.
Arbeitsalltag 1950er Jahre
- Ständige Auseinandersetzungen gab es um die gemeinschaftlich genutzte Immobilie. TEWA (später VEB DBM) beanspruchte das Produktionsgebäude für seine eigene Produktionserweiterung zurück und auch die Fleischfabrik, die später zum VEB "Pikant" wird, möchte das Gebäude allein nutzen. Entschieden wird der Streit per Parteibeschluß. "Pikant" erhält das komplette Gebäude zugesprochen. Die Firma Weiss darf zwar noch Untermieter bleiben, ihre Tage jedoch scheinen am Standort gezählt. Pläne für ein neues Betriebsgebäude existieren zu haben, werden aber nicht verwirklicht.
- Unglücklicherweise stirbt Firmengründer Reinhold Weiss 1967 plötzlich und unerwartet. Seine Frau Charlotte führt die pharmazeutische Firma weiter. Nach einem Jahr erfolgte jedoch die Halbverstaatlichung des Betriebes. Ein neuer staatlicher Leiter übernahm die Leitung.
Werbung der Firma Weiss & Co. (Quelle: Sammlung Sven Ettrich)
VEB Pharma Döbeln
- 1972, im Rahmen einer DDR-weiten Enteignungswelle, verstaatlicht man den Betrieb vollständig. Der neue Firmenname lautet VEB Pharma Döbeln, wichtiger Kooperationspartner wurden die Arzneimittelwerke Dresden. Als zusätzlicher Partner kam das Forschungsinstitut Meinsberg unter Professor Schwabe hinzu. Die Ampullierungsabteilung der Firma hatte dem Forschungsinstitut für die PH-Meßgeräte Pufferlösungen abzufüllen.
- Trotz der Neuausrichtung wird immer wieder von der Abwicklung der Firma gesprochen. Der VEB "Pikant" brauchte die Räumlichkeiten.
- Am 30. April 1977 erfolgt die fünf Tage vorher beschlossene Auflösung des VEB Pharma-Döbeln, bis auf die Ampullier-Abteilung. Die Produktion verteilte man auf verschiedene DDR-Betriebe. Da man aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht auf die Ampullier-Abteilung verzichten konnte, begann am 24. Oktober 1977 in der zweiten Etage auf noch 700 Quadratmeter Restfläche die Abfüllproduktion.
- Im Februar 1982 stellte man die Produktion endgültig ein und übergab die letzten verbliebenen Räumlichkeiten an den VEB Pikant.
Nachtrag zu den Tropon-Werken
- Von 1969 bis 1999 gehören die Tropon-Werke zur Bayer AG, feierten 1997 in Köln-Mühlheim ihr 100-jähriges Jubiläum.
- 2006 wurde Tropon in MEDA umbenannt. Eigentümer war ein schwedischer Arzneimittelkonzern.
- Danach wurde es zur Zweigstelle eines global agierenden Biotechnologie- und Biomedizin-Unternehmens aus Bergisch Gladbach.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Enzmann, Karlheinz: Materialsammlung (nicht veröffentlicht)
Friedel, Günter: Fa. Weiss & Co. führte Weg erfolgreich fort. In: Döbelner Allgemeine Zeitung, 11. Mai 1999, S. 16
Bildnachweis:
Fotos Arbeitsalltag 1950er Jahre (Quelle: Sammlung Sven Ettrich)
Werbung Calipot (untere Reihe 2.v.l.) CC BY-NC-SA @ Stadtmuseum / Kleine Galerie Döbeln URL: https://nat.museum-digital.de/object/1464129 (20.01.2024)
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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