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Seifenfabrik Hermann Otto Schmidt

Firmengründer Hermann Otto Schmidt * 1847 | † 1927
  • 1876 übernimmt Hermann Otto Schmidt (geb. 22.12.1847 in Pößneck) die Seifensiederei von Eduard Lippmann am Niedermarkt 2. Die Bedingungen sind schwierig. Es existieren nur zwei Siedekessel mit direkter Feuerung. Als Kraftquelle kommt ein Gasmotor zum Einsatz. Schmidt verkauft anfangs seine Erzeugnisse im eigenen Ladengeschäft und auf regionalen Märkten. Tatkräftig unterstützt von seiner Frau, baut das Geschäft immer mehr aus, Arbeiter werden eingestellt, ein junger Kaufmann übernimmt den Vertrieb.
  • Zur Produktpalette gehören "Döbelner weiße Schmierseife" aus Leinöl und Hanföl sowie "Eschweger Seifen" aus tierischen Fetten, Kokos- und Palmöl. Im Wissen um die Reinigungswirkung von Terpentinöl und Salmiak wird die "Döbelner Salmiak-Terpentin-Schmierseife" erfunden. Sie entwickelte sich zum Verkaufsbestseller.
Werbeanzeige aus dem Jahr 1876
Erstes Geschäftshaus am Niedermarkt 2.
  • Am 07. Oktober 1890 wird die Döbelner Seifenfabrik ins Handelsregister eingetragen.
  • Die beengten Verhältnisse am Niedermarkt behindern immer mehr das Wachstum der Firma. Irrationale Ängste vor den Dämpfen, die bei der Seifenfabrikation entstünden, und daraus abgeleitete Forderungen der Gewerbe- und Baupolizei verzögern den Bau einer Fabrik von 1890 bis 1902.
  • Zur Gewerbe- und Industrieausstellung im Jahr 1893 steuert die Firma Schmidt ein beeindruckendes Ausstellungsstück bei. Man hatte das Kriegerdenkmal vom Döbelner Schloßberg, das an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 erinnerte, in Originalgröße aus Seife hergestellt. Das riesige Seifendenkmal wird prämiert.
  • Ein schweres Hochwasser im Jahr 1897 flutet die Produktionsräume am Niedermarkt, sorgt für monatelangen Produktionsausfall und große Verluste. Der Firmengründer lässt sich nicht entmutigen und die Firma erholt sich schnell wieder.
Annonce zum 50-jährigen Firmenjubiläum 1925
  • In den Jahren 1902/03 kann man endlich eine modern ausgestattete Fabrik an der Rößchengrundstraße errichten. Man berücksichtigt hier die neuesten Erkenntnisse der Chemie und schafft die Voraussetzungen für eine industrielle Seifenproduktion. 1903 beschäftigt die Firma 25, 1910 schon 40 Mitarbeiter.
  • 1910 tritt der Sohn des Firmengründers, Fritz Schmidt, in das Unternehmen ein, deren alleiniger Inhaber er 1921 wird. Am 08. Mai 1918 wird Werner Schmidt, Vater des neuen Inhabers, geboren.
Werbeanzeige aus dem Jahr 1914
  • Der Erste Weltkrieg hat negative Folgen für die Seifenfabrik. Die männlichen Arbeiter müssen zum Militär. Mit weiblichen Hilfskräften kann ein Teil der Produktion aufrecht erhalten werden. Nach dem Krieg normalisiert sich das Geschäft, die Firma wächst wieder. 1921 baut das Unternehmen neue Fabrikgebäude (u.a. mit einem Kühlkeller, Versand- und Büroräumen, einem Laboratorium und einem Packlager) und nimmt die Herstellung von Fein- und Spezialseifen auf. Drei firmeneigene Lastwagen beliefern die Kunden, auch weit über die Grenzen Sachsen hinaus.
  • 1925 wird das 50. Firmenjubiläum gefeiert.
  • Am 26. Oktober 1927 kommt es zu einem großen Brand, der Pack-, Press- und Pilierräume der Fabrik zerstört. Mehrere Feuerwehren bekämpfen gleichzeitig das nächtliche Feuer. Personen kommen nicht zu Schaden.
  • Im Laboratorium der Fabrik werden immer neue Ideen entwickelt. So möchte man Wäsche in künstlichem Regenwasser, d.h. mit weichem Wasser und reinen Seifen, waschen. Beliebte Produkte sind in den 1920er Jahren: Döbelner weiße Terpentin-Schmierseife, Döbelner Kernseife, Döbelner Benzin- und Terpentinseife, Waschpulver, Wasserenthärtungsmittel, Toilettenseife lose und in Geschenkkartons (z.B. Edeltanneseife und Muldenblümchen-Seife). Schutzmarke der Artikel ist der Ambos.
Fabrikgelände der Döbelner Seifenfabrik an der Rößchengrundstraße (20er Jahre).
  • Am 05. Dezember 1927 stirbt Firmengründer Hermann Otto Schmidt kurz vor seinem 80. Geburtstag. Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit war er viele Jahre Stadtverordneter, Mitglied des Kirchenvorstands und Kassierer des Gustav-Adolf-Zweigvereins.

Fotos vom Arbeitsalltag in der Döbelner Seifenfabrik in den 1920er und 1930er Jahren (Quelle: http://www.döbeln.de)

Briefkopf der Seifen- und Glycerinfabrik Hermann Otto Schmidt 1935
Werbeanzeige aus dem Jahr 1938
  • 1937 stirbt Firmenchef Fritz Schmidt. Seine Frau Fanny und die Söhne Hans und Werner führen das Unternehmen weiter.
  • Am 07. April 1938 kommt es zu einer folgenschweren Explosion eines 3000 Liter-Autoklaven (gasdicht verschließbarer Druckbehälter zur thermischen Behandlung von Stoffen im Überdruckbereich) mit flüssiger Fettmasse. Das Siedehaus stürzt zusammen.
Der "Döbelner Anzeiger" vom 08.04.1938 berichtete:

"Im großen Siedehaus kam anscheinend ein etwa 3 000 Ltr. fassender, mit flüssiger Fettmasse gefüllter Behälter, der unter sechs Atmosphären Druck stand, zur Explosion. Die Folgen waren furchtbar. Ein Großteil der über dem Behälter entlanglaufenden massiven Galerie, auf der sich außerdem noch schwere Behälter befanden, stürzt auf den Boden des Siedehauses und die dort befindlichen Kessel, Behälter und Maschinen hinab. Diesem Zusammenbruch war die Kellerdecke nicht gewachsen und alles brach in den mehrere Meter tiefen Siedekeller hinab, ein einziges, unentwirrbares Chaos von verbogenen Eisenträgem, Kesseln, Röhren und Maschinenteilen bildend In den Kellerräumen befanden sich mehrere Männer und Frauen an ihren Arbeitsplätzen. Sie wurden von den herabstürzenden Massen begraben. Die Bergungsarbeiten wurden durch die auslaufende Lauge erschwert, die bald fußhoch im Kellergeschoss stand Sie zerfraß Schuhe und Stiefel und fügte den opferbereiten Helfern schmerzhafte Verätzungen zu. Großer Schaden entstand auch an den angrenzenden Gebäudeteilen. Tiefes Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Opfer und die Verletzten wurde zum Ausdruck gebracht, es war wohl das schwerste Unglück seit langen Zeiten in unserer Heimatstadt."

Fotos, die die Folgen der Explosion am 07.04.1938 zeigen. (Quelle: http://www.döbeln.de)

  • Bei dem Unfall kamen 4 Menschen ums Leben, von den sechs Schwerverletzten sterben noch zwei. Die Trauerfeier für die sechs Opfer findet in der Exerzierhalle unter großer Anteilnahme der Belegschaft und der Bevölkerung statt. Eine Gedenktafel auf dem Döbelner Niederfriedhof erinnert an sie.
Gedenktafel an die Opfer der Explosion in der Seifenfabrik am 07. April 1938 auf dem Döbelner Niederfriedhof
  • 1938 wird "Decenta Döbeln" für die Feinseifen" als geschützter Name eintragen.
  • Im Zweiten Weltkrieg werden beide Söhne eingezogen. Mutter Fanny versucht, den Betrieb aufrechtzuerhalten und erhält schlimme Nachrichten über ihren Sohn Hans. Er wird als vermisst geführt. Seine Spur verliert sich an der Ostfront.
  • Notverordnungen und Materialknappheit prägen die Produktion während des Krieges. Hergestellt werden z.B. Tonseife (17% Fettsäure statt 80%) und das Läusemittel "Suculex".
  • Nach dem Krieg wird Fanny Schmidt von den neuen Machthabern als politischer Häftling ins Zuchthaus Bautzen, später ins berüchtigte Speziallager Mühlberg/Elbe gebracht.
  • Im September 1945 kehrt Werner Schmidt aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Vom Betriebsrat wird ihm der Zutritt zu seinem Unternehmen verwehrt.
  • Am 30. Juni 1946 wird das Unternehmen durch einen Volksentscheid enteignet. Es geht in das Eigentum des Landes Sachsen über. Unerwartet erhalten die Mitinhaber Hans und Werner Schmidt im Oktober 1946 ihre Geschäftsanteile vom Land Sachsen zurück. 1948 werden diese dann jedoch durch einen Verwaltungsbescheid im Grundbuch und Handelsregister widerrechtlich gelöscht. Werner Schmidt darf trotzdem Betriebsleiter bleiben. Der Inhaber wird zum Angestellten.
  • Ab 01. Dezember 1946 darf Werner Schmidt wieder in der Abteilung Absatz arbeiten. Der Inhaber wird zum Angestellten. Fanny Schmidt wird am 15. Juli 1948 aus dem Internierungslager Mühlberg entlassen. 1949 wird sie rehabilitiert. Sie starb 1956 im Alter von 66 Jahren.

VEB Decenta Döbeln

  • Das Unternehmen nennt sich anfangs VVB Sapotex, seit 1948 VEB Decenta Döbeln. Den Namen Decenta hat sich die Firma H. O. Schmidt 1933 als Schutznamen für Feinseifen gesichert.
  • Sapotex stellt in der Nachkriegszeit neben Seifen (z.B. AntiX und DEO-Seife) auch andere chemisch-technische (Suculex-Läusemittel, Desinfektionsmittel, Arbeitsschutzsalben, Scheuerblitz, Einweichmittel, Handwaschpaste) und kosmetische Produkte (Parfüm, Kölnisch-, Rasier- Gesichts- und Haarwasser, Haut- und Rasiercreme) her.
  • Immer mehr konzentriert man sich auf die Seifenherstellung. Bereits 1950 werden 1500 Tonnen Feinseife produziert.
  • Seit 1964 modernisiert man die Produktionsanlagen. Automatische Seifenpressen und Verpackungsautomaten aus DDR-Produktion werden gekauft.
  • 1978, nach einer weiteren Modernisierung der Produktion, benötigt man für die Herstellung von 50 000 Stück Seife nur noch 5-6 Arbeitskräfte. Insgesamt arbeiten 150 Mitarbeiter im Betrieb.

Werbeplakate das VEB Decenta Döbeln aus den 1950er und 1960er Jahren.

VEB Florena Waldheim-Döbeln

  • 1981 wird der VEB Florena Waldheim und der VEB Decenta Döbeln zur VEB Florena Waldheim-Döbeln zusammengelegt und dem VEB Kosmetikkombinat Berlin - Chemisches Werk Miltitz - Betriebsteil Florena Waldheim-Döbeln unterstellt. Es entsteht der größte Kosmetikhersteller der DDR.
  • Der Sitz der Verwaltung des Betriebsteiles Florena Waldheim-Döbeln wird in der Rößchengrundstraße 2-4 angesiedelt, auch die Entwicklungsabteilung für Seifen verbleibt hier. In Döbeln werden vorrangig Fein- und Toilettenseifen sowie Rasierseifen produziert.
  • 1991 haben die Alteigentümern nach dem Einigungsvertrag das Vorkaufsrecht an ihrer alten Firma. Werner Schmidt nimmt es nicht in Anspruch, weil der Kaufpreis zu hoch und die Altlasten nicht abzuschätzen wären.

Liebevoll aufgearbeitet wurde die Geschichte der Döbelner Seifenfabrik auf der Webseite "DDR-Duftmuseum 1949-1989". Ein Besuch lohnt sich.

Florena Cosmetic GmbH

  • 1990 wird der Antrag auf Fortführung des Unternehmens unter marktwirtschaftlichen Bedingungen in der DDR als VEB Florena Waldheim/Döbeln von der Treuhand genehmigt. Im Juni 1990 wird aus dem VEB Florena Waldheim/Döbeln die Florena Cosmetic GmbH. Einer der drei Gesellschafter ist der ehemalige Kombinatsleiters Heiner Hellfrietzsch. Zum 1. Januar 1992 erfolgte die Unterzeichnung des Gesellschaftervertrag mit der Treuhand und rückwirkende Wirksamkeit ohne Beteiligung der früheren Gründerfamilie. Rund 530 Mitarbeiter verlieren Anfang der 1990er Jahre ihren Arbeitsplatz bei Florena , 170 Mitarbeiter können weiterbeschäftigt werden.
  • Am 7. Dezember 1992 wird zu Ehren von Hermann Otto Schmidt im Gewerbegebiet Döbeln Ost eine Straße nach ihm benannt.
  • Zwei der drei Döbelner Betriebsgebäude werden verkauft, die Seifensiederei eingestellt. Die benötigten Seifenspäne werden eingekauft. In Döbeln werden noch 30 Mitarbeiter beschäftigt.
  • Im April 1998 übernimmt die Firma im Gewerbegebiet Döbeln Ost das Areal des ehemaligen Verwaltungs- und Logistikzentrums der Fa. SÜGRO. Hier wird fortan das gesamte Exportgeschäft abgewickelt. Im Jahr 2000 beschäftigt Florena 224 Mitarbeiter.
  • 2002 verkaufen die drei Gesellschafter die Florena Cosmetic GmbH an die Beiersdorf AG. Der Umsatz in diesem Jahr beläuft sich auf 50,4 Millionen Euro. 2006 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 88,8 Millionen Euro und hat 350 Beschäftigte.
  • Am 17. März 2006 schließt die Firma ihr Döbelner Werk, weil die Produktion fester Seifen nicht mehr fortgesetzt werden soll. Nach 130 Jahren endet damit eine lange Tradition der kosmetischen Industrie in Döbeln.
  • Das Stammwerk Waldheim mit rund 250 Mitarbeitern wird 2022 geschlossen. Die Beiersdorf AG setzt ganz auf ein in Seehausen bei Leipzig neu gebautes Werk für Aerosole.

Die Gebäude von Florena stehen leer. Beyersdorf hat sich erst aus Döbeln, dann auch aus Waldheim zurückgezogen. Von der langen Tradition der Seifen- und Kosmetikherstellung ist in Döbeln nichts geblieben. Der Schillerspruch "Aus der Kräfte schön vereintem Streben / erhebt sich wirkend erst das wahre Leben.", den Firmengründer Hermann Otto Schmidt an der Fassade seiner Fabrik anbriegen ließ, ist auch heute noch gut zu lesen. Inmitten des Niedergangs in einem der wichtigsten Industrieviertel Döbelns wirkt er dann doch etwas zu pathetisch.

Fotos: 2023