Werkzeugmaschinenfabrik Liebert & Gürtler
- Die Chemnitzer Ingenieure Johannes Liebert und Arthur Gürtler gründeten im Jahr 1919 in Ebersbach die Firma Liebert & Gürtler. In den 1920er Jahren entwickelte das Unternehmen eine eigene Drehbank, die sich rasch als erfolgreich erwies. Bereits 1929 waren 2.000 Maschinen verkauft worden, und der Betrieb beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 80 Arbeiter.
- Im Jahr 1934 verlegte die Firma ihren Sitz in die Alexanderstraße 6 in Döbeln, Ortsteil Großbauchlitz. Fünf Jahre später, 1939, richtete das Unternehmen eine betriebseigene Lehrwerkstatt ein. 1940 war die Belegschaft auf 350 Mitarbeiter angewachsen, und die legendäre VDF-Einheitsdrehbank entwickelte sich zum Verkaufsschlager.
- In dieser Zeit produzierte das Unternehmen auch für die Rüstungsindustrie. Zwischen 1939 und 1945 mussten 20 Personen im Betrieb Zwangsarbeit leisten.
- Dies führte dazu, dass Betrieb 1945 enteignet wurde und der Demontage anheimfallen sollte. Inhaber Arthur Gürtler konnte das teilweise umgehen, indem er Produktionsmaschinen abbaute und in den Scheuen befreundeter Bauern verbarg. Trotzdem wurde ein großer Teil des Maschinenparks 1945 unter sowjetischer Aufsicht demontiert und in Nowosibirsk wieder aufgebaut. Dennoch arbeiteten bereits am 4. November 1945 wieder 40 Mitarbeiter in der Döbelner Firma. Die Nachkriegsjahre waren von Improvisation geprägt: Es wurden unter anderem Töpfe geschweißt und Handwagen repariert.
- Beim Volksentscheid 1946 in Sachsen, der die Enteignung von Kriegsverbrechern und Nazis bestätigen sollte, setzte man alle Betriebe auf drei Listen. Auf Liste A sammelte man Unternehmen, deren Inhaber als Hauptschuldige und NS-Funktionäre ausgemacht wurden, auf Liste B kamen Mitläufer und geringfügig Belastete und auf Liste C kamen die Betriebe jener, die man als Entlastete bzw. Unbelastete sah. Deren Betriebe sollten vorerst nicht enteignet werden. Liebert & Gürtler fand sich auf der Liste C wieder. Deshalb beteiligte sich Arthur Gürtler am Wiederaufbau und durfte pro forma Halbbesitzer seines eigenen Werkes bleiben. Nach seinem Tod am 23. Dezember 1949 fiel der Betrieb dann allerdings an den Staat.
- 1950 ging eine selbst entwickelte Präzisions-Mechanikerdrehbank in Serie. Bis 1957 verfügte das Unternehmen über ein eigenes Konstruktionsbüro, eine eigene Lehrwerkstatt sowie eine Lackiererei und gehörte zu den 104 Betrieben der DDR, die mit staatlicher Beteiligung arbeiteten. Seit 1965 stellte der Betrieb die Sternrevolver-Drehmaschine DRSF 40a mit pneumatischer Steuerung her.
VEB Werkzeugmaschinenfabrik / VEB Rasoma Döbeln
- Im Jahr 1972 erfolgte die Zwangsverstaatlichung zum VEB Werkzeugmaschinenfabrik Döbeln. 1980 wurde der Betrieb dem VEB Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober" Berlin zugeordnet und firmierte fortan unter dem Namen VEB RASOMA Döbeln, wobei RASOMA für Rationalisierung und Sondermaschinen stand. In dieser Zeit konzentrierte sich das Unternehmen vorwiegend auf den Bau von Sondermaschinen und Automatisierungsmitteln für unterschiedliche Branchen.
Rasoma Werkzeugmaschinen GmbH
- Anfang der 1990er Jahre suchte die Treuhandanstalt erfolglos nach einem Investor. Schließlich wurde das Unternehmen 1993 von Jürgen Kamm und Peter Kaiser übernommen. Der Tradition folgend nahm man zunächst wieder Automatisierungslösungen in Angriff.
- Im Jahr 2009 feierte die Firma ihr 90-jähriges Gründungsjubiläum. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 80 Mitarbeiter im Betrieb, der einen Jahresumsatz von 8,3 Millionen Euro erzielte. Seit 2016 gehörte Rasoma zur Firmengruppe Niles-Simmons-Hegenscheidt (NSH) mit Sitz in Chemnitz und baute Vertikaldrehmaschinen sowie sogenannte Endenbearbeitungszentren für die Massenproduktion, außerdem Automatisierungstechnik. Durch die Zugehörigkeit zu dieser Firmengruppe, die mit einem Umsatz von 410 Millionen Euro im Jahr 2019 zu den Großen der Branche zählte, erhielt auch Rasoma Zugang zu zahlreichen Märkten und produzierte unter anderem Fertigungslinien für die Eisenbahnindustrie.
- 2019 beging das Unternehmen unter Teilnahme des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sein 100-jähriges Gründungsjubiläum. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte der Betrieb 95 Mitarbeiter. Im Jahr 2022 wurde die Firma mit der Wema Werkzeugmaschinenfabrik Glauchau GmbH und der Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH in Chemnitz zur NSH Technology GmbH verschmolzen.
- 2025 informierte man die Mitarbeiter darüber, dass das Döbelner Werk im Jahr 2026 geschlossen werden soll. Als Gründe wurden die von Jahr zu Jahr steigenden Kosten in Kombination mit der zuletzt stark eingebrochenen Nachfrage nach Rasoma-Produkten genannt.
Fotos der Firma aus dem Jahr 2024
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 73ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Rasoma (Hg.): Rasoma – Mit Tradition in die Zukunft. URL: https://www.rasoma.de/historie.php (02.04.2023)
Bildnachweis:
Werbeanzeige 1996 – Stadt Döbeln (Hg.): Heimatfestjahrbuch Stadt Döbeln 1996. Kissing 1996, S. 37
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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